#85 Wie jedes Werk

Am Anfang jeder Geschichte stehen wir bewusst oder unbewusst vor einem gewaltigen Berg aus Einzelteilen, welche wir zusammenfügen müssen, damit eine Geschichte entsteht.

Ohne, dass wir es vielleicht wissen, sind bereits alle Ideen da. Manche sind uns vollkommen klar, andere aber, sind vorhanden, ohne, dass wir es begreifen. Es erfordert einiges Vertrauen in die eigene Fantasie, um sich auf den Prozess einzulassen und zu merken, dann, wenn sie gebraucht werden, kommen die fehlenden Teile.

Und so verringert sich der Berg, er sortiert sich gleichsam. Alles, das ganze Buch, alle Figuren, Handlungsfäden, Szenen, Schauplätze, das alles war bereits vorhanden und musste sich nur entfalten, so wie sich alle Schöpfung aus einer unbekannten Singularität entfaltet. Bis an ihrem Ende …

… eine Ordnung entsteht, von der man zu Anfang niemals annahm, dass sie möglich sei. Es war eine Frage der Kraft, der Ausdauer, der Erfahrung, wohin welches Stück muss, damit eine stabile Ordnung entsteht, von der der Betrachter annimmt, sie sei dem Werk immanent.
Und es sei ihr vorherbestimmt, irgendwann an einem kühlen Herbsttag Ende Oktober, für Wärme zu sorgen, während man auf dem Sofa sitzt und eine Tasse Tee genießt.

07/19 PGF

#84 Kohle

Als Autor weißt du irgendwann, vom Schreiben leben lässt sich nur mit Feuerwerk, Küssen und Achterbahn, die großes Publikum unterhalten.
Die einsamen Nachdenklichen, die ihre Träume nicht vom Papier ablesen, sondern in Texte, wie in einen Spiegel sehen, die den Nuancen des Grau nachsinnen, die sich für das karge Licht, im letzten Lebenswinkel interessieren, die die endlose Sternenwelt, hinter dem sicheren Blau fasziniert, die den einen Grund neben den unendlichen Zweifeln suchen, die kaufen nicht Bücher, die leben mit Büchern, die lesen nicht Zeilen, die reden mit Zeilen, die sind selten.
Man kann für sie schreiben, von ihnen leben kann man nicht.
Nein, das ist falsch.
Man schreibt, egal was man schreibt, für sie.

07/19 PGF

#83 Wie das mit der Liebe ist

Weißt du, Lieben hat gar nichts mit Kämpfen zu tun.

Mit Kämpfen geht Liebe gar nicht. Es kann keine Gewinner geben, man muss nicht auf der Hut sein, die Kontrolle bewahren, die Macht haben. Wenn man das muss, muss man keine Angst mehr um die Liebe haben, die ist dann längst weitergezogen.
Es geht vielleicht um Rache, ums Verletzen, darum nicht zu verlieren, als wäre es ein Match, das man mit dem letzten Punkt gewinnt.

In der Liebe öffnen sich Türen, lösen sich Missverständnisse, vertreibt Reden Lügen, wird Vertrauen sicher und die Angst wird still. In der Liebe wächst man, als wäre sie Licht. Man leidet nicht, nur manchmal lernt man eine schmerzhafte Lektion, aber Liebe vergibt Lernen.

Kämpfen gibt es in der Liebe nur selten, als miteinander, umeinander … mit gegeneinander, hat sie nichts zu tun.
Das macht sie schön.

07/19 PGF

#82 Sommer sein

Stumm sein,
frei sein,
weich sein,
mit dem Wind wandern,
nichts halten,
unermesslich denken,
keine Grenze sein,
lieben,
Licht sein,
wachsen,
blühen,
verschmelzend
mit den Wolken,
in Neues
weiterziehen.

07/19 PGF

#81 Abseits der Zeilen

Würde ich erzählen, so würde es ein langer, schmerzlicher Monolog, den am Ende niemand verstünde und dem vom Start weg, Wenige folgen würden.
Deshalb kürze ich ab. Setze den Punkte, hinter kurze Ausschweifungen, beende Verse im Flattersatz und lasse manchmal ein Bild oder ein Lied sprechen, weil alles zusammengefasst zu erzählen, zu viel Zeit, zu viel Geduld erfordern würde.
In jedem Text ruht Verlorenes, Unerreichtes, Berührungen die nicht stattfanden, Fügungen die sich nur in der Fantasie ergaben, aber das Leben entschied sich dagegen.
Erzählen, wirklich erzählen was war und ist, was alles dazu gehört, zu einem Schicksal, ganz weit hinten beginnend bei Geburt und erstem Atemzug und bis an die Grenze ahnend errechnen, was mit dem letzten Atemzug erkannt sein will, das kann nicht fröhlich und nicht einfach sein.
Da können viele Themen nicht ausbleiben, die essentiell sind, aber die Unterhaltung stören …
Wie selten unterhalten sich Menschen über das was essentiell ist?
Wie selten erzählen sie einander?
Das ist die erste Lehre, wenn man schreibt: unterhalte, erinnere, vermittle, aber erzähle nicht, von dem was wirklich ist.
Stell dich nicht nackt auf den Markt.

07/19 PGF

#80 Sommer

Die erste Jahreshälfte ist, in jedem Jahr gefüllt mit dem beständigen Gefühl der Erholung und Reifung: der Schnee schmilzt, die Kälte zieht sich zurück, die Bäume grünen, die Wiesen werden bunt und der Himmel wird, von Tag zu Tag, ein wenig blauer. Bis die Welt erfüllt ist, von Wärme und dem Duft des Lebens. Die Tage strecken sich hell vom frischen Morgen, den die Vögel besingen, bis zum milden Abend, den man unter den Sternen verbringt. Alles lebt auf, alles wendet sich, das Leben zu bejahen. So alt und mächtig ist dieser Zyklus, dass sich ihm nicht einmal, der bis zur Unkenntlichkeit Zivilisierte ganz entziehen kann.
Bis der Juni geht.
Dann wendet sich unbemerkt, weil die Erde so tief, in der komischen Weite verloren ist, dass der Mensch, der gar nicht mehr weiß, wie verloren er ist, es nicht versteht, die Zeit zum Sonnen fernen hin. Die Hitze ist ein Schein, die Blüte treibt es unsichbar zur Welke, die Vögel singen längst ihre Lieder, vom Flug gen Süden. Den Tagen geht das Licht aus, obwohl noch alles gestimmt scheint, auf dieses ewige Fest des Lebens, das auch ein ewiges Fest des Sterbens ist. Man ahnt es nur im Wind, wenn man die Augen schließt und lauscht.
So ist es, wenn der Juni geht.

07/19 PGF

#79 Was nötig ist

Ich glaube, die meisten Manuskripte scheitern nicht am mangelnden Können, sie scheitern nicht aufgrund von Unfähigkeit oder fehlender Fantasie, sie scheitern an Erschöpfung, an Ungeduld, daran, dass der Autor den Fokus verliert, sich wieder seinem Leben öffnen will.
Sie scheitern, weil der Schreibende den Stein nicht nochmals hinaufrollen will, daran, dass er die Lust verliert, an das Ziel nicht mehr glaubt, zu scheitern befürchtet, endlich wieder frei sein will und die Willkür des Lebendigen sich losschüttelt, von der Disziplin des Schaffens.
Es mögen aus diesem Grund viele schöne Werke nicht entstanden sein.
Es mögen Menschen, mit außergewöhnlichen sprachlichen Fähigkeiten, unfassbar Schönes nicht aufs Papier gebracht haben, einfach, weil sie es nicht aushielten, Tag für Tag damit zu ringen.
Während wieder andere nichts haben, außer dieser Hartnäckigkeit.
Ein großer Teil Kunst besteht darin, sich durch die öden Teile eines Werkes hindurch zu schreiben, nicht nur damit sie fertig werden, sondern, dass man ihnen gar nicht anmerkt, wie viel Schweiß und Tränen flossen, bis sie vollendet waren.
Das Werk muss am Ende leuchten.

07/19 PGF