Gestra (11)

11.
Wir kamen ohne Ambulanz aus. Die kleineren Blessuren die zu versorgen waren, ließen sich mit dem Inhalt des 1-Hilfe-Kastens aus Jez Wagen gut in Ordnung bringen. Der Schock würde seine Zeit und eine Weile Gespräch und dörfliche Legendenbildung erfordern, um vergessen zu werden.
Etwa eine Stunde nachdem – wir rätselten noch, wie wir es nennen sollten – schepperten der Wagen des Sheriffs über den Feldweg zum Observatorium.
Er ließ den Wagen stehen, bei laufendem Motor und blendenden Frontscheinwerfern und stieg aus.
»Was ist hier denn geschehen?« Rief er. »Alle in Ordnung?«
Thomas ging ihm entgegen.
»Sheriff Donavan! Ja, wir sind okay. Wir haben keine Ahnung was geschehen ist.«
»So.« Machte der Sheriff, klemmte seine Daumen hinter seinen Gürtel, um seinen Wanst etwas zu erleichtern.
Er sah sich um.
»Sie machen mir doch hier draußen keine Experimente? Ich habe Anrufe erhalten: Feuerball, Ufo, der Himmel brennt, Engel landen. Dieser ganze Blödsinn. Alles hat auf dieses Wäldchen hingedeutet oder das Observatorium. Sie wissen schon.«
Er sah sich noch mal um und entdeckte mich.
»Und, wer ist das?«
»Das ist Joe, ein Bekannter – ein Freund von Jezebel.«
Ich hob freundlich meine Hand. Bounty Hunter und Sheriffs erkannten sich instinktiv und verabscheuten sich instinktiv.
»Und was will der hier?«
Jezebel trat vor.
»Er war hier Gast, wie alle anderen. Wir sind doch normalerweise nett zu den Touristen.«
Donavan brummte.
Er ließ seinen Gürtel los und sein Wanst wabbelte über die Gürtelschnalle.
»Also ihr habt nichts zu melden?«
»Nein. Also nichts, was wir erklären könnten.« Versicherte Thomas. »Es gab ein Zischen, einen Knall und dann lagen wir alle am Boden. Wir sind ebenso erschrocken, wie vermutlich der Rest der Stadt. Und unschlüssig wie sie, was das war.«
»So.« Wiederholte sich Donavan gelangweilt.
Thomas versuchte ihn höflich loszuwerden.
»Wir räumen hier noch auf und dann gehen wir. Die Millers waren noch dabei, mit den Kindern, aber die haben wir schon heimgeschickt. Ansonsten ist noch einiges zu tun: Unser Meade ist beschädigt, der Grill war umgefallen, fiel zum Glück in die Kiesgrube, mein Beamer, meine Leinwand alles hinüber.«
Donavan machte jetzt ein paar Schritte über das Gelände, als wäre er heute zum ersten Mal im Dienst und müsse, zum ersten Mal in seinem Leben, einen Tatort inspizieren und bewerten. Ich war sicher, die schwersten Verbrechen, die er in dreißig Dienstjahren aufgeklärt hatte, war das überfahrene Huhn von Bauer Faulkner und die verschwundene Unterwäsche von Miss XY.
Um nicht so unfähig zu wirken, wie er war, nahm er einen Dienstblock heraus und begann sich die Szenerie zu notieren.
Dann merkte er, dass er in der falschen Reihenfolge begonnen hat.
»Thomas, sagen Sie mir doch mal die Namen derer, die hier waren.«
Der gab alle säuberlich zu Papier.
Donavan klappte mit einer großen Geste, seinen Notizblock zu und nickte vor sich hin, als sei nun alles klar: Anfang und Ende des Universums, der Sinn dazwischen und die Frage, warum es Bourbon gab, wenn man ihn nicht trinken sollte.
»So.«
Thomas trat an seine Seite.
»Wie erwähnt Sheriff, wir wissen nicht was das war.«
Donavan schob den Hut aus der Stirn.
»Das glaube ich Ihnen, für den Moment mal. Aber dass Sie mir hier keinen Unfug machen. Und Sie«, er zeigte auf mich. »Wie lange bleiben Sie hier?«
»Bis wir Antimaterie entwickelt haben.«
Jez neben mir kicherte.
»Was?«
»Eine Woche noch.«
»So.«
Das schien ihm zu genügen. Mit einem letzten Gruß in die Runde verschwand er wieder.
»Schräger Typ«, meinte ich zu Jez, als er weg war.
»Ja, etwas gemütlich. Aber ganz verträglich.«
Wir nahmen unsere Arbeit wieder auf und als alles in der Hütte, für den Moment, verstaut war, schoben wir Dach und Sockel wieder zusammen, schlossen ab und dann fuhr jeder nach Hause.

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11.
We managed without an ambulance. The minor bruises that needed to be attended to were easily fixed with the contents of the 1-aid kit from Jez’s car. The shock would take its time and a while of conversation and village legend-making to be forgotten.
About an hour after – we were still puzzling over what to call it – the sheriff’s car clattered down the dirt road to the observatory.
He abandoned the car, with the engine running and the front headlights blaring, and got out.
„What happened here?“ He shouted. „Everybody all right?“
Thomas walked toward him.
„Sheriff Donavan! Yeah, we’re okay. We have no idea what happened.“
„So.“ Made the sheriff, jamming his thumbs behind his belt to lighten his paunch a bit.
He looked around.
„You’re not going to experiment anything out here, are you? I’ve been getting calls: Fireball, UFO, sky on fire, angels landing. All that nonsense. Everything has pointed to this grove or the observatory. You know.“
He looked around again and spotted me.
„So, who’s this?“
„This is Joe, an acquaintance – a friend of Jezebel’s.“
I raised my hand in a friendly manner. Bounty hunters and sheriffs instinctively recognized and detested each other.
„And what does he want here?“
Jezebel stepped forward.
„He was a guest here, like everyone else. We’re usually nice to the tourists, aren’t we?“
Donavan growled.
He let go of his belt and his paunch wobbled over the belt buckle.
„So you guys have nothing to report?“
„No. So nothing we can explain.“ Assured Thomas. „There was a hiss, a bang, and then we were all on the ground. We’re just as startled as the rest of the town probably is. And as undecided as they were as to what it was.“
„So.“ Donavan repeated himself, bored.
Thomas politely tried to get rid of him.
„We’ll clean up here a bit, and then we’ll go. The Millers were still there, with the kids, but we’ve already sent them home. Other than that, there’s still a lot to do: our Meade is damaged, the grill had fallen over, luckily fell into the gravel pit, my projector, my screen all gone.“
Donavan now took a few steps across the grounds as if today was his first time on duty and he had to, for the first time in his life, inspect and evaluate a crime scene. I was sure the most serious crimes he had solved in thirty years of service were Farmer Faulkner’s roadkill chicken and Miss XY’s missing underwear.
Not wanting to appear as incompetent as he was, he took out a duty pad and began taking notes of the scene.
Then he realized he had started in the wrong order.
„Thomas, why don’t you tell me the names of the people who were here?“
The neatly put them all down on paper.
Donavan, with a grand gesture, folded his notepad shut and nodded to himself as if everything was now clear: the beginning and end of the universe, the meaning in between, and the question of why there was bourbon if you weren’t supposed to drink it.
„So.“
Thomas stepped to his side.
„As mentioned Sheriff, we don’t know what that was.“
Donavan pushed his hat out of his forehead.
„I’ll take your word for that, for the moment. But that you don’t get me into mischief here. And you,“ he pointed. „How long are you staying here?“
„Until we develop antimatter.“
Jez next to me chuckled.
„What?“
„One more week.“
„So.“
That seemed to be enough for him. With a final greeting to the group, he disappeared again.
„Weird guy,“ I commented to Jez when he was gone.
„Yeah, a little homely. But quite tolerable.“
We resumed our work and when everything was tucked away in the cabin, for the moment, we pushed the roof and base back together, locked up and then everyone went home.

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Gestra (10)

10.
Das erste was ich hörte war Stöhnen. Das dumpfe Stöhnen eines Mannes und dann begannen die Kinder zu weinen, ob aus Schmerz oder aus Angst war nicht zu unterscheiden. Es klang jedenfalls kläglich. Ich rappelte mich hoch und sah mich um: es lagen alle am Boden, auf dem Rücken, auf dem Bauch, auf der Seite, der Grill war umgefallen und die Glut flackerte, in der Kiesgrube vor dem grauen Häuschen, der Lichtstrahl des Beamers ragte in den Himmel und die Leinwand, lag, wie ein gebrochenes Bein, in der Wiese. Auch das Meade war umgefallen und ich nahm an, dass es den wuchtigen Sturz nicht schadlos überstanden hatte. Wenn das, das Ergebnis einer Sternenexplosion war, wollte ich so was nicht mehr mitmachen.
Ich war der erste der zum Stehen kam und soweit ich das Beurteilen konnte, war ich unverletzt, außer, dass mir vom Sturz der Rücken und der Ellbogen wehtaten und es mir noch immer in den Ohren pfiff.
Ich sah mich um und versuchte zu verstehen was geschehen war. Jez fiel mir ein. Scheiße der Schock! Sie hatte doch neben mir gestanden. Sie war – ich entdeckte sie in der Wiese. Sie lag auf der Seite, ihr Brustkorb bewegte sich – was gut war, aber sie schien nicht bei Bewusstsein.
Ich kniete mich zu ihr. Mit der Entscheidung unzufrieden! Eigentlich musste ich nachsehen, ob noch Gefahr bestand, eigentlich musste ich nach den anderen, musste ich nach den Kindern sehen – eines nach dem anderen!
Ich fasste sie an der Schulter.
»Jez. Jez!«
Sie stöhnte leise.
»Was -?«
Sie setzte sich ruckartig auf.
»Was ist denn geschehen?«
»Das wollte ich dich fragen. Könnte die Sternenexplosion?«
»Blödsinn. Die Sternenexplosion hätten wir mit Glück sehen können, aber niemals spüren. Hier ist etwas abgestürzt.«
Sie hielt mir die Hand hin.
»Hilf mir hoch.«
Das tat ich.
Langsam kamen auch die anderen wieder zum Stehen, das junge Paar kümmerte sich um seine Kinder, mein Vermieter, um seine Enkelin, Mike sah nach Pamela und Helen und Thomas, machte sich ein Bild von dem Schaden der entstanden war.
»Seid ihr denn alle in Ordnung?« Rief er in die Runde, als könnte er mit einer Handbewegung, falls das nötig war, Wunden schließen, Brüche heilen.
»Geht schon.« »Ich hör kaum was.« »Ich habe eine blutende Stelle.« Kam als Rückmeldung.
»Kann mal jemand den Scheinwerfer anschalten, dass wir uns einen Überblick verschaffen.« Bat Thomas.
Aber damit war Jezebel nicht einverstanden.
»Nein, warte noch, vielleicht sehen wir im Dunkeln besser, was geschehen ist.«
»An was denkst du?« Fragte ich.
»Etwas ist abgestürzt, ob ein Meteorit oder ein Stückchen Weltraumschrott, weiß ich nicht. Aber es war groß genug nicht in der Erdatmosphäre zu verglühen und immer noch groß genug, über unsere Köpfe hinweg zu rauschen. Es sollte irgendeine Spur hinterlassen haben.«
Sie sah sich um. Es dauerte nicht lange. Dann zeigte sie in Richtung des kleinen Waldes, der sich ans »Starfield« anschloss.
»Da! Schau! Siehst du das?«
Ich folgte ihrem Finger und sah eine dünne, graue Rauchsäule, die in den Himmel stieg, wie ein heimliches Lagerfeuer, dass zu groß geriet. Aber gerade, als ich es sah, zerstieb der Rauch und es war nicht mehr genau zu erkennen wo er, in die Höhe gestiegen war.

01/21 PGF

10.
The first thing I heard was moaning. The muffled groan of a man and then the children began to cry, whether out of pain or fear was indistinguishable. In any case, it sounded pitiful. I pulled myself up and looked around: everyone was lying on the ground, on their backs, on their stomachs, on their sides, the grill had fallen over and the embers were flickering, in the gravel pit in front of the gray cottage, the beam of the beamer was sticking up into the sky and the screen, like a broken leg, was lying in the meadow. The Meade had also fallen over and I assumed that it had not survived the massive fall without damage. If that was the result of a star explosion, I didn’t want to go through that again.
I was the first to stand, and as far as I could tell, I was unharmed, except that my back and elbow hurt from the fall and my ears were still ringing.
I looked around trying to understand what had happened. Jez came to my mind. Shit the shock! She had been standing next to me after all. She was – I discovered her in the meadow. She was lying on her side, her chest was moving – which was good, but she didn’t seem conscious.
I knelt down to her. Unhappy with the decision! Actually I had to check if there was still danger, actually I had to check on the others, I had to check on the children – one by one!
I grabbed her by the shoulder.
„Jez. Jez!“
She moaned softly.
„What -?“
She sat up with a jerk.
„What happened?“
„That’s what I was going to ask you. Could the starburst?“
„Bullshit. We could have seen the star explosion if we were lucky, but never felt it. Something crashed here.“
She held out her hand to me.
„Help me up.“
I did.
Slowly the others came to a halt, the young couple tending to their children, my landlord, to his granddaughter, Mike checking on Pamela and Helen and Thomas, getting a picture of the damage that had been done.
„Are you all okay?“ He called out to the crowd, as if he could close wounds, heal fractures, with a wave of his hand, if that was what it took.
„I’m fine.“ „I can barely hear anything.“ „I have a bleeding spot.“ Came the response.
„Can someone turn on the spotlight, let’s get an overview.“ Asked Thomas.
But Jezebel didn’t agree with that.
„No, wait a minute, maybe we can see better in the dark what happened.“
„What are you thinking about?“ I asked.
„Something crashed, whether a meteorite or a piece of space junk, I don’t know. But it was big enough not to burn up in the Earth’s atmosphere and still big enough to whiz over our heads. It should have left some kind of trail.“
She looked around. It didn’t take long. Then she pointed in the direction of the small forest that adjoined the „Starfield.“
„There, look! See that?“
I followed her finger and saw a thin column of gray smoke rising into the sky, like a secret campfire that was getting too big. But just as I saw it, the smoke dissipated and it was no longer possible to see exactly where it had risen.

01/21 PGF

Gestra (9)

9.
Zu der Veranstaltung im »Spacefield« waren 12 Gäste eingeladen. Neben mir kamen: 2 Kolleginnen von Jez: Pamela und Helen, Thomas der Herausgeber des Kennebunk »Tourist&Town«, Mike vom Café, Billy von der Tankstelle, an der ich mein Auto losgeworden war und mein Vermieter aus dem »Bufflehead«, der seine zwölfjährige Enkelin mitbrachte und ein junges Ehepaar, die ich nicht kannte, mit ihren beiden Kindern.
Mike hatte bereits den Grill in Gang gebracht und briet etwas, dass nach Fleisch aussah, aber keines war; das junge Ehepaar unterhielt sich mit Thomas, während Helen sich mit den Kindern beschäftigte. Die anderen waren dabei Stühle bereitzustellen damit wir später, auf einer Leinwand, die von einem Beamer angeleuchtet wurde, das himmlische Spektakel verfolgen konnten, dass sich heute Abend abspielen sollte. Nur einem würde es vergönnt sein, das Schauspiel, durch das Okular zu sehen. Wer das war, sollte durch ein Los entschieden werden.
»Könnt ihr denn so genau wissen, wann das passiert, von dem keiner reden will?«
Jez nickte mir anerkennend zu.
»Du machst dich. Nein, exakt ist es nicht möglich, wie bei vielen Himmelsphänomen, aber es könnte vorab Hinweise geben.«
»Auf was denn?«
Sie lächelte zufrieden mit meiner Neugierde.
»Das sage ich dir, wenn das Los entschieden hat, wer durch das Okular sieht.«
Nachdem ich mich, durch etwas hindurchgebissen hatte, was einen Burger darstellen sollte, aber aus Weizenproteinen bestand und mich, statt einem doppelten Bourbon, eine Cola zufrieden gestellt hatte, ging es ans Losen.
Die Kinder waren raus. Weil der Vorgang am Okular zu viel Geduld erforderte und so gingen die Lose, durch die Hände der Erwachsenen, von denen nur eines ein blaues Kreuz enthielt – welches den Schwan darstellen sollte – und den Sieger kürte.
Ich gewinne nie bei Gewinnspielen, deshalb wurde Poker nie meine zweite Leidenschaft neben dem Whiskey und ich verlor nie Unmengen Geld, an einarmige Banditen. Aber gerade an diesem Abend, da ich es am wenigsten brauchen konnte, sah ich, als ich mein kleines Zettelchen auspackte, das blaue Kreuz darauf, dass mich zum Gewinner machte.
Es ging noch eifrig die Frage durch die Runde: »Und, und – wer hat es?«
Als ich meinen Zettel hochhielt und etwas beschämt erklärte: »Ich habe gewonnen.«
Die anderen zeigten sich tapfer und, als gute Verlierer, auch, wenn vollkommen offensichtlich war, dass der dicke Prolet nicht die Schönheit des Abschlussballs verdient hatte.
»Will nicht lieber jemand anders?« Bot ich deshalb an.
Aber man war konservativ genug sich an die Regeln zu halten. Diese Regeln stellte ich dadurch noch mehr in Zweifel, dass ich als nächstes fragte: »Was gibt es eigentlich zu sehen?«
Thomas, der Herausgeber stand auf und zeigte zum Himmel.
»Heute Nacht wird KIC 982227 aus einem Stern zu zwei Sternen werden. Wenn wir Glück haben wird in Kürze die Sternenexplosion im Sternbild Schwan für uns sichtbar, selbst mit bloßem Auge können wir die feuerrote Nova erblicken, aber du Joe, wirst die große Ehre haben, den Vorgang – wenn man so will – aus unmittelbarer Nähe zu sehen.«
Ich schnalzte mit der Zunge.
»Wow! Und ihr seid euch wirklich sicher.«
»Das Los hat entschieden.« Beendete Jez die Diskussion.
Etwa eine weitere Stunde verbrachten wir damit, uns um den Nachtisch zu kümmern und uns zu unterhalten. Dann schlug Mike vor, dass wir uns doch mal den Sternen widmen sollten.
»Nicht, dass wir es am Ende verpassen.«
Das Teleskop stand etwas abseits von der Beamer-Präsentation, um nicht vom Bodenlicht beeinträchtigt zu sein. Die anderen saßen, in 2 5er-Stuhlreihen gegenüber der Leinwand, und ich stand mit Jez beim Teleskop.
»Willst nicht doch lieber du?«
»Mach schon, Joe. Ich kann das auch mit bloßem Auge genießen.«
Ich starrte eine Weile durch das Okular und merkte schon, wie mein Nacken steif zu werden begann, wie am Vorabend. Ich wollte mich eben aufrichten und Jez vorschlagen zu übernehmen, als urplötzlich ein Zischen, als köchele Wasser in Fett, über uns laut wurde. Ich nahm ruckartig den Kopf vom Okular und sah, dass alle gebannt in den Himmel starrten, dass Zischen wurde immer lauter, als würde jeden Moment ein großer roter Feuerdrache in der Nähe landen, dann folgte ein greller Blitz – ich rief: »Kann das die Sternexplosion sein?« Aber niemand kam mehr zu einer Antwort. Es folgte ein gewaltiger Knall und eine Druckwelle, als sei neben uns eine Bombe implodiert und das letzte was ich sah war, wie von dieser Welle, alles zu Boden geworfen wurde.

01/21 PGF

9.
12 guests were invited to the event at the „Spacefield“. Beside me came: 2 colleagues of Jez: Pamela and Helen, Thomas the editor of the Kennebunk „Tourist&Town“, Mike from the café, Billy from the gas station where I got rid of my car and my landlord from the „Bufflehead“, who brought his twelve year old granddaughter and a young couple, whom I did not know, with their two children.
Mike had already got the grill going and was frying something that looked like meat but wasn’t; the young couple were chatting with Thomas while Helen busied herself with the kids. The others were preparing chairs so that later, on a screen lit by a projector, we could follow the heavenly spectacle that would take place tonight. Only one would be granted to see the spectacle, through the eyepiece. Who that was, should be decided by a lot.
„Can you know so exactly when this will happen that no one wants to talk about?“
Jez nodded at me appreciatively.
„You’re making yourself. No, it’s not possible exactly, as with many celestial phenomena, but there might be clues in advance.“
„On what?“
She smiled, pleased with my curiosity.
„I’ll tell you after the lottery decides who sees through the eyepiece.“
After biting through what was supposed to be a burger but was made of wheat protein and, instead of a double bourbon, satisfying myself with a Coke, it was on to the drawing of lots.
The kids were out. Because the process at the eyepiece required too much patience and so the tickets, passed through the hands of the adults, only one of which contained a blue cross – which was supposed to represent the swan – and picked the winner.
I never win at lotteries, so poker never became my second passion, next to whiskey, and I never lost vast amounts of money, to one-armed bandits. But just that night, when I needed it the least, when I unwrapped my little slip of paper, I saw the blue cross on it that made me the winner.
There was still an eager question going around, „Well, well – who got it?“
As I held up my slip of paper and somewhat abashedly declared, „I won.“
The others showed themselves to be brave and, good losers, even though it was perfectly obvious that the fat redneck didn’t deserve the beauty of the prom.
„Wouldn’t someone else rather?“ I therefore offered.
But they were conservative enough to stick to the rules. I cast even more doubt on those rules by asking next, „What is there to see, anyway?“
Thomas, the editor stood up and pointed to the sky.
„Tonight KIC 982227 will turn from one star to two stars. If we’re lucky the stellar explosion in the constellation Swan will be visible to us shortly, even with the naked eye we can glimpse the fiery red nova, but you Joe, will have the great honor of seeing the process – up close if you will.“
I clicked my tongue.
„Wow, and you guys are really sure about this.“
„The lot has been cast.“ Jez ended the discussion.
We spent another hour or so tending to dessert and talking. Then Mike suggested that we should go stargazing after all.
„Not that we’ll end up missing it.“
The telescope was slightly away from the beamer presentation so as not to be affected by the ground light. The others sat, in 2 rows of 5 chairs facing the screen, and I stood with Jez by the telescope.
„Wouldn’t you rather?“
„Go ahead, Joe. I can enjoy this with the naked eye too.“
I stared through the eyepiece for a while, already noticing how my neck was starting to get stiff, just like the night before. I was about to stand up and suggest Jez to take over, when suddenly a hissing sound, as if water was boiling in fat, was heard above us. I jerked my head off the eyepiece and saw that everyone was staring spellbound at the sky, the hissing was getting louder and louder, as if a big red fire dragon would land nearby at any moment, then a bright flash followed – I shouted, „Could that be the star explosion?“ But no one came back for an answer. There followed a tremendous bang and a shock wave, as if a bomb had imploded next to us, and the last thing I saw was how from this wave, everything was thrown to the ground.

01/21 PGF

Gestra (8)

8.
Jez ließ sich, am nächsten Tag, spät nachmittags im »Bufflehead« blicken und sie war, so mir nichts dir nichts, wieder da, dass ich mich einfach freute sie wiederzusehen.
Es war bis dahin, ein milder, sonniger Tag, als hätte sich der Herbst nun eingelebt, den Sommer erfolgreich verdrängt und sei sich seiner gewiss, dass der Winter noch eine Weile auf Abstand zu halten war.
»Hast du schon etwas vor?«
Mir schien die Frage fremd, denn, wenn ich ehrlich war, hatte ich gar nichts tun können, außer zu warten bis sie kam. Aber natürlich war sie vollkommen richtig.
»Bislang nicht. Muss im Internet mal nachsehen, was es hier an Attraktivitäten gibt. Hörte das »Starfield Observatory« soll einen Besuch wert sein.«
»Da«, sie strahlte mich an, »habe ich hervorragende Nachrichten. Du bekommst heute Abend, eine kleine Sondervorstellung, wenn du hilfst, die Veranstaltung morgen Abend vorzubereiten.«
»Das heißt?»
»Alle Getränke vorbereiten. Ich habe bislang ja nur das Wasser gebracht. Stühle und Bänke putzen, den Grill testen, das Schienensystem überprüfen – ach! Eine ganze Menge.«
»Ich bin dabei.«
»Ja, dann los.«
Wir fuhren raus zum Observatorium und Jez parkte an der gleichen Stelle, wie beim letzten Mal.
»So, im Kofferraum sind noch Säfte, Softdrinks und Milch. Vielleicht machen wir morgen Eggnog.«
»Ich nehme an alkoholfrei.«
»Du hast das Zeug zum Propheten.«
Die nächste Stunde verbrachte Jez damit, mich als Volontär auszunutzen. Aber ich würde lügen, wenn ich behauptete, es hätte mir nicht gutgetan. Es war das Beste, was ich in den letzten Monaten getan hatte: bei etwas mithelfen, was Wissen und Gemeinschaft von Menschen fördert. Das war ein tolles Gefühl.
Als wir alles so weit hatten, wie Jez wollte, sagte sie – und unterstrich es mit einer großen Bewegung ihrer Arme: »Nun ist es so weit zu sehen, ob das Schienensystem funktioniert. Wir schieben das Dach weg und, wenn alles gut klappt, erhältst du einen ersten kleinen Blick in die Weite des Alls.«
Ich weiß nicht, ob das so eine Sache aus früher Kindheit war oder eine archaische Sehnsucht, dass über uns zu begreifen, aber für einen Moment, fühlte ich eine tiefe Ehrfurcht, als dürfe ich, mit einer Zaubermacht, hinter den Schleier der Wirklichkeit sehen.
Jez löste die Arretierungen des Gebäudes und der obere Teil, ließ sich, nur mit etwas Anstrengung, vom Unterbau trennen, sodass es kurz aussah, als stünden zwei Häuser neben einander.
Die beiden Teleskope waren ordentlich groß, wobei das Meade deutlich größer war, als das von Zeiss.
Während Jez sich daran machte, einen Blick in den Kosmos vorzubereiten, sah ich mich, im ganz irdischen Umfeld um. Das war ein schöner Platz, einer, wie ihn Menschen schaffen, die lange gemeinsam am gleichen Ort leben und miteinander vertraut sind. Es war an bequeme Stühle gedacht, stabile Becher, der Kühlschrank war groß genug, damit niemand ein warmes Wasser trinken musste und es gab Karten und Würfel, für jene die gerade nicht die Sterne beobachten wollten.
»Joe.«
»Ja?«
»Bist du bereit?«
Ich war tatsächlich ein wenig aufgeregt und verdammt nüchtern.
»Ich kann es kaum abwarten.«
Sie trat einen Schritt zurück und meinte: »Man kann sich das mittlerweile auch auf dem Bildschirm ansehen, aber es ist viel authentischer mit den eigenen Augen.«
Ich lehnte mich vor und sah durch das Okular. Im ersten Moment sah ich nichts, was ich nicht in etwa so erwartet hätte, dafür sah ich, was mich auch früher schon abgeschreckt hatte: toten Raum. Das war nichts, nichts was dem Menschen eine Heimat sein konnte, leerer, kalter, toter Raum.
»Da fliegt so was großes, rundes mit grünen Köpfen drin. Das ist schon normal?« Spöttelte ich und erhielt einen Stoß mit dem Ellbogen.
»Komm schon! Was siehst du?«
»Sterne, viel näher als sonst, aber immer noch ohne Shopping Mall.«
Ich fühlte Jez, die näher kam.
»Du siehst das Sternbild Schwan. Versuche dir alle Sterne zu merken, die ihn bilden. Siehst du ihn?«
»Das was aussieht, wie ein gekrizeltes Kreuz?«
»Genau. Merke dir so viele davon wie möglich, für morgen.«
»Warum? Muss ich die morgen aufzählen?«
»Vielleicht.«
Ich lehnte mich zurück, weil mir die Haltung im Nacken wehtat und wäre beinah gegen Jez gestoßen.
Es war, als käme ich zurück auf die Erde und stünde neben einem heimlichen Sternenkind. Ihre Augen glänzten, wie es wohl für einen Menschen üblich war, der beinah täglich zwischen der Unendlichkeit des Meeres und der Sterne hin und her wechselte und das Staunen nicht verlor. Was für ein wundervoller Lebenshunger.
»Danke, Jez. Ich muss ja immer blöde Sprüche machen, aber es ist schön, in der unberührten Sternenwelt.«
Sie versorgte das Teleskop.
»Da täusche dich mal nicht. Selbst da oben, haben wir unsere Spuren hinterlassen.«
»Du meinst auf dem Mond.«
Sie boxte mich zärtlich mit dem Ellbogen.
»Du weißt nicht besonders viel.«
Nun, dachte ich, ich kenne einige Whiskey-Sorten, ich weiß, wie man einen Flüchtigen verprügelt, ohne, dass er das, bei der Kautionsverhandlung gegen einen verwenden kann und welche Kniffe den Ladys besondere Freude bereiten. Im rein wissenschaftlichen Sinn war das aber vermutlich nicht beeindruckend.
»Was sollte ich denn wissen?«
»Nun, du hast mich letztens gefragt, was Umweltschutz und Astronomie miteinander zu tun haben. Ich sage dir: immer mehr! Der Weltraummüll, der die Erde umkreist nimmt immer stärker zu. Mehr als eine halbe Million Objekte, größer, als die Fingerkuppe deines kleinen Fingers kreisen schon da oben. Die sind ein echtes Problem für die Raumfahrt.«
»Und, wie entsteht der? Werfen die Astronauten ihre Snickers-Packung aus dem Fenster?«
»Fast. Das beginnt mit missionsbedingten Objekten, wie Sprengbolzen, rührt von Zusammenstößen und von der ISS, deren Oberfläche, wie auf der Erde, durch Gebrauch Substanz verliert. Die USA haben mit dem Space Fence schon länger ein System, um die Entwicklung zu beobachten. Die Deutschen steigen gerade mit einem System namens Gestra ein, um sich ein eigenes Bild zu machen. Es ist ein eher schwaches System und trotzdem glaube ich, dass die Europäer schneller etwas aus ihren Beobachtungen ableiten, als wir. Bei uns bin ich nie sicher, ob wir den Müll da oben beobachten, weil uns der Müll Sorgen macht oder, ob irgendein paranoider CIA-Vorgesetzter Sorge hat, dass da oben jemand etwas in unserem Müll versteckt, was uns angreifen oder überwachen könnte.«
Ich war, was Sicherheitsthemen anging, berufsbedingt konservativ und meinte: »Das ist ihr Job. Ich meine, mit allem zu rechnen.«
»Das kann ja sein. Ich meine auch nicht irgendwelche Verschwörungsdinger. Mir geht es eher darum, dass sie ihre Zeit damit verschwenden Agenten zu spielen, während wir uns langsam Gedanken machen sollten, wie wir den Müll, den wir überall hinterlassen, wegräumen und die Schäden stoppen, von dem was wir schon angerichtet haben.«
»Ich glaube, du bist die erste Weltraum-Umwelt-Aktivistin die ich kennenlerne.«
»Das klingt fast, wie ein Kompliment.«
»Das ist es! Und ganz ehrlich, ich freue mich schon jetzt, auf morgen Abend.«
Sie wurde tatsächlich rot.
»Wir hätten ja auch noch heute Abend“, meinte sie und ich spürte, wie sie die Aufregung in ihrer Stimme unterdrückte.
»Den nicht zu vergessen. Auch, wenn ich ein lausiger Gesprächspartner, bei Wasser bin.«
»Dabei bleibt es.«
»Gut.«
Sie musterte mich streng.
»Hilf mir zusammenräumen.«
»Mach ich, Miss.«

01/21 PGF

8.
Jez let herself be seen, the next day, late in the afternoon at the „Bufflehead“ and she was, so nothing to me, back that I was just happy to see her again.
It was by then, a mild, sunny day, as if autumn had now settled in, successfully supplanted summer and was certain of it, that winter was still a while away.
„Do you have any plans?“
To me the question seemed strange, for, if I were honest, I had not been able to do anything at all except wait until she came. But, of course, she was absolutely right.
„So far, no. Will have to check the Internet to see what attractions are here. Heard the Starfield Observatory is worth a visit.“
„There,“ she beamed at me, „I have excellent news. You get tonight, a little special performance, if you help set up for tomorrow night’s event.“
„Meaning?“
„Getting all the drinks ready. After all, I’ve only brought the water so far. Clean the chairs and benches, test the grill, check the track system – ah! A whole lot.“
„I’m on it.“
„Yeah, let’s do it.“
We drove out to the observatory and Jez parked in the same spot as last time.
„So, there are still juices, soft drinks and milk in the trunk. Maybe we’ll make eggnog tomorrow.“
„I’m assuming non-alcoholic.“
„You’ve got the makings of a prophet.“
Jez spent the next hour trying to exploit me as a volunteer. But I’d be lying if I said it didn’t do me good. It was the best thing I had done in months: helping out with something that promoted knowledge and community among people. That was a great feeling.
When we had everything as far as Jez wanted, she said – punctuating it with a big movement of her arms, „Now it’s time to see if the rail system works. We’ll push the roof away and, if all goes well, you’ll get your first little glimpse of the vastness of space.“
I don’t know if this was one of those things from early childhood or an archaic longing to grasp that about us, but for a moment, I felt a deep sense of awe, as if I were being allowed, with some magical power, to see behind the veil of reality.
Jez loosened the locks of the building and the upper part, only with some effort, could be separated from the substructure, so that it briefly looked as if two houses were standing next to each other.
The two telescopes were of decent size, the Meade being considerably larger than the Zeiss one.
While Jez set about preparing a view of the cosmos, I looked around, at the very terrestrial environment. It was a nice place, one like people create who live together in the same place for a long time and are familiar with each other. Comfortable chairs had been thought of, sturdy mugs, the refrigerator was large enough so that no one had to drink a hot drink of water, and there were cards and dice for those who didn’t want to watch the stars right now.
„Joe.“
„Yeah?“
„You ready?“
I was actually a little excited and pretty darn sober.
„I can’t wait.“
She took a step back and said, „You can watch it on the screen by now, but it’s much more authentic with your own eyes.“
I leaned forward and looked through the eyepiece. In the first moment I saw nothing that I would not have expected to see in the same way, but I saw what had put me off before: dead space. This was nothing, nothing that could be a home to man, empty, cold, dead space.
„There’s something big, round with green heads flying in it. That’s normal already?“ I scoffed and received a nudge with my elbow.
„Come on! What do you see?“
„Stars, much closer than usual, but still without a shopping mall.“
I felt Jez coming closer.
„You’re seeing the constellation Swan. Try to remember all the stars that make it up. Do you see it?“
„The one that looks like a crinkled cross?“
„That’s right. Memorize as many of them as you can for tomorrow.“
„Why? Do I have to list them tomorrow?“
„Maybe.“
I leaned back because the posture hurt my neck and almost bumped into Jez.
It was like coming back down to earth and standing next to a secret starlet. Her eyes shone, as they probably did for a person who switched back and forth between the infinity of the sea and the stars almost every day and never lost his sense of wonder. What a wonderful hunger for life.
„Thank you, Jez. I always have to say stupid things, but it’s beautiful, in the pristine star world.“
She supplied the telescope.
„Make no mistake about it. Even up there, we’ve left our mark.“
„You mean on the moon.“
She boxed me tenderly with her elbow.
„You don’t know very much.“
Well, I thought, I know a few varieties of whiskey, I know how to beat up a fugitive without letting him use that, against you at the bail hearing, and what tricks give the ladies special pleasure. In a purely scientific sense, though, it probably wasn’t impressive.
„What should I know?“
„Well, you asked me the other day what environmentalism and astronomy had to do with each other. I’ll tell you: more and more! The space debris orbiting the Earth is increasing at an ever-increasing rate. More than half a million objects, bigger than the tip of your little finger, are already circling up there. They’re a real problem for space travel.“
„So, how does that get created? Do the astronauts throw their Snickers pack out the window?“
„Almost. It starts with mission-related objects, like explosive bolts, stems from collisions and from the ISS, whose surface, like on Earth, loses substance through use. The U.S. has had a system in place for some time, called Space Fence, to keep track. The Germans are just getting on board with a system called Gestra to get their own picture. It’s a rather weak system, and yet I think the Europeans are quicker to derive something from their observations than we are. With us, I’m never sure if we’re watching the garbage up there because we’re worried about the garbage or, if some paranoid CIA supervisor is worried that someone up there is hiding something in our garbage that could attack or monitor us.“
I was professionally conservative when it came to security issues and said, „That’s their job. I mean, to expect anything.“
„That may be so. I don’t mean any conspiracy things either. I’m more concerned that they’re wasting their time playing agent when we should be starting to think about how to clean up the trash we’re leaving everywhere and stop the damage from what we’ve already done.“
„I think you’re the first space environmental activist I’ve met.“
„That almost sounds like a compliment.“
„It is! And honestly, I’m already looking forward to tomorrow night.“
She actually blushed.
„We’d still have tonight,“ she said, and I could feel her suppressing the excitement in her voice.
„Not to mention this one. Even if I am a lousy conversationalist, by water.“
„We’ll keep it that way.“
„Good.“
She eyed me sternly.
„Help me put it together.“
„Will do, miss.“

01/21 PGF

Gestra (7)

7.
Jezebel setzte mich bei einem B&B mit dem Namen »Bufflehead Cove« ab und stellte mich kurz dem Besitzer vor.
»Klar kann er ein Zimmer haben.« Sagte der ältere grauhaarige Mann, mit einem vergnügten Lächeln.
»Kann er denn zahlen?«
»Kannst du das?«
Ich hielt meine goldene American Express hoch.
»Müsste noch was drauf sein.«
Jez Bekannter nahm die Karte, zog sie durch den Scanner und nickte zufrieden.
»Na, dann sind wir doch alle glücklich. Sie haben ein Zimmer in Erdgeschoss, mein schönstes, direkt am Fluss.«
Er händigte mir den Schlüssel aus, während er sich Jez griff und mit ihr davon spazierte.
Die rief: »Wir sehen uns dann morgen, irgendwann.« Und verschwand am Arm meines Vermieters.
Gegen ein paar Stunden für mich sein, hatte ich nichts.
Das Zimmer und der Ausblick waren wunderschön. Ich tat mir, nach Florida, immer noch schwer, zu glauben, dass das alles gerade passierte. Ich war vollkommen überstürzt aus Florida geflohen. Die ersten Stunden, ohne Halt. Dann hatte ich mich mit Whiskey eingedeckt und war weitergefahren, bis ich, nach 16 Stunden, das Gefühl hatte, ich könnte ein erstes Motel mieten, ohne nachts überrascht zu werden. So war es vier fünf, Tage gegangen. Ich erinnerte mich an die meisten Passagen der Strecke nicht. Gestern Abend hatte ich so viel getrunken, dass ich heute nicht mal den Plan, nach Kanada zu fahren und dort Schluss zu machen, als meinen eigenen empfand. Die kleine Astronomin hatte recht: Ich soff mir das Gehirn weg, wenn ich nicht aufpasste. Anscheinend war es schon so weit, dass andere auf mich aufpassen mussten.
Draußen setzte die Dämmerung ein.
Eigentlich Zeit für einen Drink. Ich stand in meinem Zimmer, wie jemand der gleich losmuss. Aber ich musste nirgends hin. Ich sah auf meine Hand. Sie Hand zitterte, als hätte ich Parkinson. Aber die Diagnose war eine andere: Langsam setzte der Entzug ein und der mochte diesmal etwas wuchtiger verlaufen, als früher, wenn ich einfach mal ausgesetzt hatte, weil mir danach war. Egal, sagte ich mir, ich werde das schaffen. Sich etwas abgewöhnen, dass man nicht will, ist im Grund einfach: man lässt es! Rauch keine, vögel keine, trink nix: Eines dieser Mantras musste man sich einpflanzen und egal, welches Gegenargumente auftauchte, sich verweigern. Mir würden an diesem Abend noch viel kleine und große Gründe einfallen, die für ein Gläschen, ein – kleines – Gläschen sprechen würden. Alles was ich tun musste war alle Gründe zu ignorieren: Entscheidend war, dass das Glas leer blieb. Das war ich Jez schuldig und ich war es Beth schuldig, egal wo sie war.
Ich zog mir die Schuhe an und meinen Mantel und setzte mich nach draußen, auf eine Bank, die am Rand der Veranda stand. Von ihr hatte ich einen schönen Blick auf den Kennebunk River, der sich an dieser Stelle verbreiterte, sodass es den Eindruck vermittelte, man säße an einem gemütlichen innerstädtischen See.
Tatsächlich war das »Bufflehead« nur eines, einer Reihe von Gasthäusern, die sich entlang des Flusses südwärts zogen, ehe der Kennebunk in den Atlantik mündete.
Ich sah, von meinem Platz aus, das gegenüberliegende Ufer, ein loses Wohngebiet inmitten grüner Natur. Die Ufer waren unbebaut und ragten, als grüne Auen, in den Fluss. Das Land sah sumpfig aus und ich konnte mir vorstellen, dass, im Sommer, die Fliegen eine Plage waren. Aber jetzt war es kühl – ich nahm an, es war nicht mehr als 10 °C – und es roch nach Salz und Meer, und nicht nach trockenem Sumpfgras.
Von Süden trug der Wind, den Lärm aus der Innenstadt heran. Das leise, monotone Dröhnen von Motoren, die jemand der Eile hat, von A nach B bringen. Für mich klang es, wie etwas fernes, um, dass ich mich nicht kümmern musste. Hier, hatte ich das Gefühl, musste ich mich um nichts kümmern.
Ich nahm einen Schluck vom Orangensaft, den ich mit nach draußen genommen hatte und bereute, auch, wenn er köstlich war, dass ich mich nicht für etwas Warmes entschieden hatte: einen Grog oder Irish Coffee – ich korrigierte mich – oder einfach nur einen warmen Tee. Einen warmen Tee mit Pfefferminz und etwas Zucker, wie ich ihn manchmal, in einer verschütteten Kindheit getrunken hatte.
Ich zog mir einen Hocker heran, legte die Füße hoch und versuchte, nichts zu wollen. Vielleicht musste ich diese Zeit, wie einen Urlaub sehen oder eine Kur. Vielleicht musste ich mir vorstellen, ein Arzt hätte mir, für ein paar Wochen, mal Ruhe verordnet und die würde ich wahrnehmen.
Zufällig in Kennebunk, Maine, weil die Luft dort gut war und der Atlantik nah und die Menschen nett und die Abende still.
Was sollte hier schon passieren, dachte ich, wie man das manchmal denkt – ahnungslos …

01/21 PGF

7.
Jezebel dropped me off at a B&B called „Bufflehead Cove“ and briefly introduced me to the owner.
„Sure he can have a room.“ Said the older gray-haired man, with an amused smile.
„Can he pay, then?“
„Can you?“
I held up my gold American Express.
„Should be something left on it.“
Jez acquaintance took the card, swiped it through the scanner, and nodded with satisfaction.
„Well, we’re all happy then. You have a first floor room, my nicest, right on the river.“
He handed me the key as he grabbed Jez and strolled off with her.
She called out, „I’ll see you tomorrow, sometime.“ And disappeared on my landlord’s arm.
I didn’t mind a few hours to myself.
The room and the view were beautiful. I still had a hard time, after Florida, believing that this was all just happening. I had fled Florida in a complete rush. The first few hours, without stopping. Then I had stocked up on whiskey and kept going until, after 16 hours, I felt I could rent a first motel without being surprised at night. So it had gone for four five, days. I didn’t remember most of the passages of the route. Last night I had drunk so much that today I didn’t even feel the plan to go to Canada and call it a day was my own. The little astronomer was right: I was drinking my brains out if I wasn’t careful. Apparently it was getting to the point where others had to watch out for me.
Outside, dusk was setting in.
Actually, time for a drink. I stood in my room like someone who had to leave right away. But I didn’t have anywhere to go. I looked at my hand. It was shaking, as if I had Parkinson’s disease. But the diagnosis was different: Slowly, withdrawal set in, and it might be a little more violent this time than in the past, when I’d just stopped because I felt like it. No matter, I said to myself, I’ll manage. To give up something that you don’t want is basically simple: you don’t do it! Don’t smoke, don’t screw, don’t drink: one of these mantras had to be implanted and no matter what counter-arguments came up, refuse. I would think of many more small and big reasons that evening to have a drink, a – small – glass. All I had to do was ignore all the reasons: What mattered was that the glass remained empty. I owed that to Jez, and I owed it to Beth, no matter where she was.
I put on my shoes and my coat and sat outside, on a bench that stood at the edge of the porch. From it, I had a nice view of the Kennebunk River, which widened at this point, making it seem like you were sitting by a cozy inner-city lake.
In fact, the „Bufflehead“ was just one, of a series of inns that stretched southward along the river before the Kennebunk emptied into the Atlantic.
I could see, from where I was sitting, the opposite bank, a loose residential area surrounded by green nature. The banks were undeveloped and jutted, as green floodplains, into the river. The land looked swampy and I could imagine that, in summer, the flies were a nuisance. But now it was cool – I assumed it was no more than 10°C – and it smelled of salt and sea, rather than dry marsh grass.
From the south, the wind carried, the noise from downtown. The quiet, monotonous roar of engines, bringing someone in a hurry from A to B. To me, it sounded like something far away that I didn’t have to worry about. Here, I felt, I didn’t have to worry about anything.
I took a sip of the orange juice I’d taken outside and regretted, even though it was delicious, that I hadn’t opted for something warm: a grog or Irish coffee – I corrected myself – or just a warm tea. A warm tea with peppermint and a little sugar, like I had drunk sometimes, in a lost childhood.
I pulled up a stool, put my feet up and tried not to want anything. Maybe I needed to see this time, like a vacation, or a cure. Maybe I had to imagine that a doctor had given me a few weeks of rest and I would take it.
By chance in Kennebunk, Maine, because the air there was good and the Atlantic close and the people nice and the evenings quiet.
What should happen here, I thought, as one sometimes thinks – clueless …

01/21 PGF