#125 Eine Geschichte (15)

Es war Nacht, als sie den Keller und das Haus verließen. In den umliegenden Feldern zirpten laut Grillen, am Himmel stand ein voller Mond. Vandenberg ging voraus. Sie liefen zu einem Wagen der in der Nähe parkte und stiegen ein.
Vandenberg klemmte seinen sportlichen Körper hinter das Lenkrad, Jack nahm auf dem Beifahrersitz Platz.
Während das Licht der Fahrkabine noch leuchtete, meinte Vandenberg: „Ich muss Sie nicht fixieren oder?“
„Nein.“
Jack schnallte sich an und sie fuhren los.
Der schmale Feldweg führte sie, wie Jack erkannte, von einem Landhaus weg, welches verlassen stand. Vandenberg lenkte den Wagen auf die Landstraße und beschleunigte.
„Wohin fahren wir?“
„Nach Ramstein.“
„In Deutschland?“
Der Amerikaner nickte. Er schaltete das Radio an. Cool-Jazz plätscherte aus den Boxen.
„Ja, unser wichtigster Standort in Europa. Ist das nicht verrückt? Dort sitzen Soldaten, die per Drohne, Terroristen in Afghanistan eliminieren, dass ist Kriegskunst – oder.“
„Oder Kriegsverbrechen. Oder kann ihre Gesichtserkennung einwandfrei identifizieren.“
Vandenberg winkte ab.
„Ah!“, machte er, „sind eh alles Mullahs. Aber etwas anderes, auch, wenn Sie glauben, ich verstehe es nicht: ich interessiere mich für ihre Arbeit. Was ist: das Toben der Zeit.“
Jack sah zum Fenster hinaus. Er entdeckte entfernte Lichter von Wohnhäusern und kurz aufblinkte Leitblanken, er wusste, um die Sterne über ihnen, aber für einen Moment war ihm, als führen sie durch eine endlose Schwärze, in denen ihre unwirklichen Stimmen, eine unheimliche Melodie bildeten.
„Stimmt: Sie verstehen es nicht.“
„Kommen Sie! Geben Sie mir eine Chance.“
Vandenberg grinste schief.
Jack schnaufte.
„Das Toben entsteht, wenn Entscheidungen nicht so getroffen werden, wie vorgesehen.“
„Sie meinen im Sinn eines umfassenden Determinismus.“
„Dem die menschliche Freiheit entgegen steht. Es ist, wie bei einem Fluss, der auf einen Felsen trifft, je nach Größe entsteht ein gefährlicher Sog.“
„Der alles verschlingen kann?“
„Der alles verschlingt.“

08/19 PGF

#124 Eine Geschichte (14)

„Und was machen wir jetzt?“
„Wir telefonieren.“ Schlug Mathews vor.
„Mit?“ Wollte Inge wissen.
„Lyon.“
„Der Zentrale?“ Naval wirkte überrascht.
„Ja, die müssen für uns die Türen öffnen.“
„In der jetzigen Lage öffnet niemand uns nur einen Spalt die Tür, wenn es um amerikanische Geheimdienste geht. Die bekommen ja nicht mal nachgewiesene Kriegsverbrecher vor Gericht.“
„Das meinte ich nicht.“
„Was sonst?“
„Reisebewegungen, Telefonate, Handylokalisationen, alles was wir so sammeln, ohne es zu dürfen.“
„Das sind aber gewaltige Datenmengen.“
Der Spanier schob den Stuhl etwas zurück, auf dem er während der Internet-Konferenz gesessen hatte.
„Lässt sich filtern.“ Beharrte Mathews. „Wir können von einem engen Zeitfenster ausgehen. Daniels ist noch nicht lange aus Bolivien zurück. Kein Geheimdienst hält sich länger auf fremdem Terroir auf, als er unbedingt muss. Die Anreise erfolgte vermutlich über eine nahegelegene Militärbasis.“
„Oder Stuttgart.“ Warf Inge Brück ein.
Naval war irritiert.
„Man vermutet“, erklärte Mathews, „seit längerer Zeit ein inoffizielles Büro der CIA, in Stuttgart.“
„Tatsache?“
„Sagen wir denkbar: Daimler in der Nähe, MTU. Das hält die Wege kurz.“
„Klingt überzeugend. Wir können, wenn es eine Aufzeichnung gibt, Zeit und Ort ziemlich klein halten. Gut, Mathews, wer ruft an?“
„Das kann ich übernehmen.“ Erklärte Inge und stand auf. „Wollen wir anschließend etwas essen?“
Naval klatschte begeistert in die Hände.
„Gern. Ich habe riesigen Hunger.“
Mathews war nicht anzusehen, wonach ihm war. Er würde vermutlich erst wieder etwas essen, wenn sie Daniels verhört hatten.

08/19 PGF

#123 Eine Geschichte (13)

Das war das Problem: Laien glaubten, mehr zu verstehen, als sie taten. Aber, wenn die Welt und die Wirklichkeit und der Kosmos, wenn Endlichkeit und Supernova leicht zu verstehen wären, gäbe es Kinderbücher darüber, mit schönen, bunten Zeichnungen und kleinen Texten. Es müsste nicht alles mathematisch, in Zahlen und Formeln, erfasst werden, sondern stünde in einfachen Sätzen da.
Selbst Zahlen drohten zu scheitern, wenn es um die Erklärung von Makrokosmos und Mikrokosmos ging! Was lag zwischen +1 und -1? 0? Nur Null? Lag da nicht eine Unendlichkeit dazwischen, von 0,1 über 0,001 bis 0,000000000000000000000000000000000000001 und weiter und weiter und dann wieder -0,00000000000000000000000000001 über -0,001 bis -0,1 und noch viel mehr?
Und, wenn man es konkreter fasste: Was lag zwischen, einen Apfel besitzen und ihn besitzen wollen? Hunger?
Und zwischen Materie und Anti-Materie? Geist? Stufen des Geistes?
Es war viel komplizierter
Laien hörten Quantenphysik, fanden es spannend und machten Quantenheilung daraus, als wäre die kosmische Matrix ein Firlafanz, den jeder beherrscht. Für sie lag zwischen +1 und -1 tatsächlich nur Null.
Er zog sein Gesicht zurück.
„Sie stellen es sich zu einfach vor.“
Vandenberg strahlte.
„Sie schaffen das, Mister Daniels.“
„Aber ich will das gar nicht! Ich will „den Film“ nicht schaffen. Das soll Gott tun oder der Teufel oder der Zufall.“
Er dachte, an die Visionen in seinem Ayahuasca, an das Toben der Zeit, an dunkle, endlose Räume aus Quanten, die das menschliche Denken in den Wahnsinn trieben, in denen, der „Film“ zum Traum und der Traum zum Alptraum wurde, einem Alptraum, der in einer kalten Leere endete.
„Sie verstehen nicht.“ Versuchte er noch einmal.
Vandenberg erhob sich.
„Was ist los mit Ihnen? Komme Sie mit! Was haben Sie zu verlieren? Denken Sie, wir hören auf, wenn Sie uns nicht helfen?“
Jack erschrak vor dem diabolischen Grinsen, welches sich auf Vandenbergs Gesicht zeichnete und wusste: ich muss mitkommen!

08/19 PGF

#122 Eine Geschichte (12)

Der Austausch mit der IT-Abteilung von Interpol fand in Mathews provisorischem Büro statt.
Auf dem Bild waren zwei Männer der IT zu sehen, Mathews, Brück und Naval saßen auf Holzstühlen dem Bildschirm gegenüber.
„Sie sagten am Telefon, Sie hätten noch etwas für uns.“ Stellte der Spanier fest.
Einer der beiden Männer auf dem Display nickte und ergriff das Wort.
„Ja, die französischen Kollegen haben die ganze Hardware der Wohnung erfasst und uns einen Remote-Zugang ermöglicht, sodass wir auf alles Zugriff haben, was Mister Daniels an Technik verwendet hat.“
„Sie meinen seinen Laptop, das Smartphone.“
„Ja. Und auch auf seinen Smart-TV und die Sprachassistentin.“
Mathews hob fragend die Augenbrauen.
„Welche Assistentin.“
„Seine Alexa.“
„Das Ding mit dem man bei Amazon bestellen kann?“
„Ja.“
„Ja, und?“
„Dadurch ergibt sich ein Gesprächsprotokoll. Alles was die Leute sagen wird aufgezeichnet, um die Spracherkennung weiterzuentwickeln.“
„Und das können Sie abrufen?“
„Inoffiziell.“
„Ja, dann spielen Sie es mal ab.“
Der Mann auf dem Bildschirm nickte knapp.
Eine männliche Stimme war zu hören:
„Alex, nimm du Mister Daniels mit.“
Dann eine weibliche Stimme.
„Möchtest du Jack Daniels kaufen?“
Eine zweite männliche Stimme war zu hören.
„Ja, ich packe ihn in den Sack.“
Wieder die weibliche.
„In Ordnung, habe eine Flasche Jack Daniels in deinen Warenkorb gelegt.“
Mathew sah sich fragend um.
„Wer war die Frau?“
„Alexa, die Sprachassistentin“, erklärte der ITler.
„Und die Männer? Was sagt die Sprachanalyse?“
„Amerikaner.“
„Kategorie?“
„Zwei.“
„Bundesbehörde? Dann haben wir keinen Zugriff.“
„Nein, aber wir dachten es ist wichtig, dass sie die Information haben. Wie es scheint, wurde Mister Daniels entführt.“
„Von der CIA?“
„Oder etwas Ähnlichem.“

08/19 PGF

#121 Eine Geschichte (11)

Als er wach wurde, lag er wieder auf dem Bett, war aber nicht gefesselt. Er starrte ins Leere, wie er manchmal im Observatorium ins Leere gestarrt hatte, von dem Gedanken gepeinigt: „Ganz egal wie lange oder wie weit ich da hinausstarre, in den öden Raum, ich werde nichts finden, was mich tröstet, nur Staub und tote Atome.“
Jack setzte sich. Einen Moment lang wurde ihm schwindlig, aber es verging.
Er dachte an den Regen von gestern, an die Stimmung des Regens, die ihn erfasst hatte. Für so ein Gefühl war jetzt kein Raum. Man war nicht, wer man war, wenn die Welt einem packte. Man verlor die Tiefe. Man zappelte, wie ein Fisch an Land, unfähig die Umgebung in sich einzulassen.
Vandenberg zog sich einen Stuhl heran und setzte sich zu Jack.
„Wissen Sie, wie die Geschichte läuft: Sie spazieren hier raus und versuchen alles zu klären. Aber Bolivien, die Halluzinogene, Ihre Soziophobie, Ihr etwas abgefahrener Fachbereich … Man wird sich auf Sie, als Mörder festlegen. Sie werden von den Geheimdiensten der Welt gejagt, als hätten Sie Tom Cruise Geist inhaliert. Sie werden sterben, im Kugelhagel, während einer wilden Verfolgungsjagd. Oder Sie erinnern sich rechtzeitig, an den Mann mit dem fliederfarbenen Hemd und dann reden wir, wie Freunde, die sich helfen und vertrauen.“
„Was wollen Sie eigentlich von mir?“
„Die Ergebnisse Ihrer Forschung.“
„Die sind experimentell.“
Vandenberg rückte noch näher zu Jack.
„Aber faszinierend, wie haben Sie letztlich in einem Vortrag in CERN gesagt: Es ist möglich, dass das Sonnenlicht unsere Welt erschafft, wie ein Laser einen Film von einer Blue-ray abliest.“
Er nahm Jacks Gesicht in seine Hände.
„Sie! In unseren Laboren, mit unseren Werkzeugen: Sie könnten den Film erschaffen!“

08/19 PGF

#120 Eine Geschichte (10)

„Der Brief, den sie bei sich hatte? Ein langer Bittbrief, dass er sie in Ruhe lassen soll. Sie hatte Angst vor ihm.“
Brück betrachtete den Brief in ihren Händen.
„Cool! Eine Beziehungstat. Dann sind wir raus! Für so etwas brauchen die nicht Interpol.“
Mathews sah aus, wie jemand der zufrieden seinen Koffer packt, um abzureisen.
Jose kam zu Ihnen.
„Na! Hast du dich beruhigt.“
Er legte seinem Kollegen aus England, freundschaftlich seine kräftige Hand auf dessen Schulter.
„Ich bin immer ruhig“, behauptet Mathews. „Wir sind fertig hier.“
„Dachte ich auch. Die Leiche ist übersät mit forensischen Beweisen: Haut unter den Fingernägeln, Haare, alles was das Ermittlerherz begehrt.“
„Perfekt, dann übernehmen die Hiesigen.“
Der Engländer machte sich zum Gehen bereit.
Jose schmunzelte. Er liebte es Mathews zu ärgern.
„Nein, eher nicht.“
Mathews stoppte, wie erhofft war er genervt.
„Und, weshalb nicht?“
„Ich habe einen Anruf bekommen: unsere IT konnten einen Teil von Daniels Aufzeichnungen aus Bolivien finden. Einige Word-Dateien auf seinem Laptop.“
„Und?“
„Terrorverdacht.“
Mathews sah auf.
„Doch ein verrückter Einstein?“
„Ja, mit Matrixbombe, welche das Ende der Welt einleitet.“
„Was hat er gestohlen? Ein Tröpfchen Anti-Materie aus CERN? Ein schwarzes Loch, welches die Erde verschlingt?“
„Nahe dran. Daniels muss sich in Bolivien einen Drogentrip gegönnt haben. Anschließend muss er, was er in CERN erforscht, in einem ganz anderen Licht gesehen haben. Er wollte einen Artikel für „Science“ schreiben, mit dem Titel „Das Toben der Zeit“, hat ihn aber gelöscht. Unsere IT hat ihn aus dem Papierkorb wiederhergestellt.“
Inge hob den Brief hoch.
„Also hat er mit ihr nur angefangen?“
„Das“, befand Mathews, „sollten wir ihn möglichst schnell fragen.“

08/19 PGF

#119 Eine Geschichte (9)

„Sehen Sie, mir geht es um Freiwilligkeit. Gute Arbeit beruht immer auf Freiwilligkeit. Sie können gehen. Kein Problem. Wenn Sie mit uns zusammenarbeiten wollen, melden Sie sich.“
„Gut, dann binden Sie mich los.“
Vandenberg kam auf ihn zu, nahm eine Schere vom Tisch, neben dem Bett auf welches er gefesselt war und schnitt die Kabelbinder durch, mit denen seine Hände an den Rahmen des Bettes gefesselt waren. Dann löste er mit einem dafür vorgesehenen Magneten, die Metallverschlüsse, mit welcher die ärmellose Zwangsjacke ihn auf dem Bett fixierte.
Er schwang sich auf.
„Also kann ich gehen?“
„Wie Sie wollen. Nur -„. Vandenberg dehnte die Pause übertrieben. „Sie müssten nur eins wissen.“
Er wartete.
Vandenberg schwieg.
Also fragte er: „Und das wäre?“
„Sie werden gesucht.“
Irritiert verzog er das Gesicht.
„Ja, weil Sie mich entführt haben.“
Vandenberg sah ihn an, wie ein Lehrer der weiß, dass der Schüler an einer Aufgabe scheitern wird.
„Nein, das weiß doch keiner! Sie werden gesucht, wegen eines Mordes.“
„Was soll das?“ Abrupt erhob er sich. „Ich habe niemand ermordet.“
„Das weiß ich doch“, bemerkte Vandenberg ruhig. „Aber man vermutet es.“
„Was für ein Schwachsinn!“
„Mister Daniels, Sie erinnern sich gewiss an die junge Frau, mit der sie sich gelegentlich treffen?“
Er wusste sofort, wer gemeint war.
„Carlota?“
„Ich glaube, so hieß sie.“
Er erstarrte.
„Was ist geschehen?“
„Tot! Ein Drama. Im Moment sieht es nach Mord aus, mit ihren Spuren in der Nähe … aber es könnte auch ein Unfall daraus werden oder ein Selbstmord. Wir haben Möglichkeiten, mit denen wir spielen … Im Moment sind Sie, entschuldigen Sie die Ausdrucksweise: „am Arsch“.“
Jack spürte, wie ihm die Beine weich wurden.
„Sie ist nicht tot!“
Vandenberg lächelt kalt.
„Doch ganz sicher!“

08/19 PGF