Die Tut-mir-leid-daran-liegt-mir-nicht-Liste

  1. Entschuldigung Sol Stein, Entschuldigung Herr Roentgen, es ist mir nicht wichtig euch auf den ersten drei Seiten zu überzeugen. Wenn ihrs schnell und fettig haben wollt, wendet euch an McDonalds. Mit Lektoren habe ich Nachsicht, die können halt nur, wie sie müssen.
  2. Entschuldigung lieber Leser, ich schreibe, wie ich es schön und gut finde und lesen würde. Wenn meine Bücher Euch nur drei flüchtige Blicke wert sind: Schade drum. Sie sind ein Teil von mir und mich würde ich auch nicht so abkanzeln lassen.
  3. Nein, ich mag kein gehäckselten Menschenfleisch, welches in einer Sarg vergraben ist zur Hauptfigur machen. Auch, wenn es, bei Rettung innerhalb von 48 Stunden zu einem vollständigen Menschen wiederhergestellt werden könnte. Wem dieser Plot gefällt, nimm ihn mit. Besucht bei Gelegenheit mal eine Kinderkrebsstation, ein Flüchtlingslager oder ein Kriegslazarett und dann unterhalten wir uns noch mal über Blut und Thriller.
  4. Kurze Sätze. Schnell lesbar. Nicht verschachteln. Der Leser darf sich nicht anstrengen. (Das geht kürzer.) Nicht anstrengen. Dann soll er halt was anderes lesen, bitte schön.
  5. Ne! Ich mag sie nicht: diese Challenges „Ich lese in 365 Tagen 365 Bücher!“. Ich mag auch keine Fresswettbewerbe
  6. „Das müssen sie verkaufen. Das verkauft sich gerade super!“ Na, dann brauch`s ja meine Hilfe nicht.
  7. „Er hat wieder so einen tollen Krimi, Mittelalterroman, etc. geschrieben.“ Wirklich? Wie hält er das nur aus? Ich könnte nicht fünf Mal das gleiche Genre bedienen. „Aber, aber, ihre Leser!“ Ich habe keine, das macht frei!
  8. „Bis zum 30. will ich noch 12000 Worte schreiben.“ „Häh?“ „Bis zum 30. will ich noch 12000 Worte schreiben.“ Dann schreib Halt ein Telefonbuch ab!
  9. Wenn ich nicht schreibe, explodiert mir der Kopf. Ich finde es aber wichtiger kranken Menschen zu helfen, die Entwicklung unserer Kinder zu fördern, Häuser zu bauen, etc., wirkliches Leben zu gestalten!
  10. „Sie müssen da schon mehr Werbung machen! Das muss fetziger klingen! Sie müssen Gas geben! Dass muss man gleich spüren, wer was drauf hat!“ Nö! Ich schreibe um jemand eine Freude zu machen, ihn zu unterhalten, ihn nachdenklich oder klüger zu machen. Ich schreibe nicht gegen andere die schreiben. Ich schreibe mit und fort und für und bin dankbar, wenn es jemand liest.

Kunst hört genau dann auf, wenn sie sich industrialisiert. Wenn Sie nur noch Erfüllungsgehilfe ist. Wenn sie keine Meinung, keine Seele, kein Herz mehr hat. Wenn sie schnell gefallen will, wenn sie willfährig ist, wenn es sie aufgeilt verkauft zu werden, statt entdeckt.

Und an alle anderen die schreiben: „Lasst Euch nicht einreden, wie man schreiben muss! Wenn ihr an Eurem Erfolg zweifelt, dann überlegt gewissenhaft, ob ihr die Zeit beim Schreiben nicht vergeudet für Wichtigeres: eure Familie, eure Freunde, eure Aufgabe. Wenn ihr aber sicher seid, dann laßt euch nichts einreden!“

35 Kommentare zu “Die Tut-mir-leid-daran-liegt-mir-nicht-Liste

  1. Die Tut-mir-leid-daran-liegt-mir-nicht-Liste | Ulla Keienburg s Blog

    • Vielen Dank!
      War eine allergische Reaktion auf einen Beitrag einer Autorin, dass wir Autoren uns „gefälligst Leserwünschen zu beugen haben“ und nicht rumjammern sollen, wenn man uns nicht liest.
      Müssen wir nicht oder 😉

  2. Lieber Herr Georgas-Frey, endlich habe ich mir die Zeit genommen und einen Gegenbesuch erstattet und lese mich angetan durch Ihre Wortwelt. Jetzt auch noch diese Famosallergieliste entdeckt…bonfortionös! Mir bleibt ja nichts übrig, außer gernst Ihre Fährte aufzunehmen. Herzlichst, Käthe Knobloch.

    • Liebe K&K, da bedanke ich mich doch aufs allerergiebigste für die wohlpreisenden und wohltueenden und Buchstabe für Buchstabe genossenen Begrüßungsworte.
      Dann sage ich herzlichst: „Hallo!“ und „Jeder Zeit Willkommen!“
      Gegenbesuche sind keinesfalls, mit regelmäßiger Begeisterung, auszuschließen.
      Ein schönes Wochenende, kreativhochschöpferisches Weiterhinundallezeitgelingen
      pgeofrey

  3. Bei dieser Liste kann auch ich nur zustimmend nicken. Zusammengestellt auf einer Seite finde ich die Einsprüche, wenn ich das so formulieren darf, sehr beeindrucken und zugleich inspirierend!

  4. Sehr schön! Bin ganz deiner Meinung…. schreiben sollte man weil es Spaß macht und nicht weil man den Markt bedienen will 😉 … und weil es Spaß macht. Aber das sagte ich ja bereits *g*

  5. Meine Worte, werter Herr Frey 😉 – wider dem Mainstream … es ist in diesem ganzen Neuerscheinungswahnsinn so schwer ein supergutes Buch zu finden, in dass man als Leser hineinfallen kann und eine andere Welt zu entdecken, zu träumen, sich an den Worten zu erfreuen … Aber so lange es so wundervolle Menschen und Autoren wie Sie gibt, gebe ich die Hoffnung nicht auf 😉 … Ich danke Ihnen von Herzen, dass Sie so sind, wie Sie sind und sich nicht verbiegen lassen, nur um ein Buch publizieren zu können ;-). Zauberhafte Grüße, Tina

    • Liebe Tina, vielen Dank für die Rückmeldung.

      Als Autor wünscht man sich oft eine solche Rückmeldung und, wenn sie dann kommt ist man sprachlos.

      Deshalb ein dickes, dickes: Danke!!!!!!!

    • Sorry, also, tut mir leid, aber das seh ich anders. Natürlich sollte jeder schreiben können dürfen, was er bzw. sie meint schreiben zu müssen. Das hilft schon. Oke, ob das dann auch jemand interessiert, ist eine andere Frage. ^^

      Ich hatte da auch mal so ein ähnliches Zitat von Marx, aber find ich es noch? Nee.

      • Da gilt für mich das gleiche, wie beim Fernseher:
        Schlechtes Programm: Schalter auf AUS = Schlechtes Buch: Deckel zu.

        Wenn das Zitat von Marx fehlt, ich hätte eines von Nietzsche:
        „Daß jedermann lesen lernen darf, verdirbt auf die Dauer nicht allein das Schreiben, sondern auch das Denken.“

        Die Liste entstand, als allergische Reaktion auf das Statement einer Autorin, Autoren sollten sich den Forderungen von Verlagen und Lesern unterordnen, sonst seien sie nicht stark genug für den Markt. da musste ich mir kurz Luft machen.

        Ansonsten gilt: Leben – und leben lassen 😉

      • Sehr schön! Kommt an die Wand. Direkt neben:
        Viele Rezensenten können schreiben, aber nicht lesen.
        L. Marcuse

        Vielen Dank!

  6. Den meisten Punkten Ihrer (deiner?) Liste kann ich mich ebenfalls anschließen, Peter. Beispielsweise würde ich nie ein Thema nur deswegen bedienen, weil es gerade ‚in‘ ist. Eher im Gegenteil. Überhaupt kann ich nur über etwas schreiben, was mich selbst fesselt und berührt, sonst halte ich gar nicht durch. Schreiben muss ich zwar, weil mir sonst etwas fehlt, aber nicht auf Kosten meines restlichen Lebens – gut, ein paar Einschränkungen mache ich, aber nicht allzu viele. Müssen meine Leser eben länger warten. 🙂

    • Genre Dein und Du 😉

      Vielen Dank für Deinen Zuspruch. Manches in der Liste ist sicher überspitzt. Aber ich hatte mich damals frisch über einen Artikel geärgert, in dem Autoren die völlige Unterwerfung unter Marktmechanismen abgefordert wurde.
      Reaktiv habe ich mir Luft gemacht 🙂

  7. Eine treffende Liste.
    Was wäre der Welt verlustig gegangen, hätten Autoren immer nur das Bedienen des Marktes im mitschreibenden Hinterkopf gehabt. Doch ob hypo- oder parataktisch, für mich ist es eine Frage des Könnens. Beide Stile bergen großes Potential.
    Am Blutrünstigen habe ich mich allerdings auch nie verlustieren können. Mir persönlich scheint diese Art der Lesenachfrage dort am größten, wo die grausame Realität in weiter Ferne liegt. Vielleicht bezeichnet es auch einen natürlichen psychologischen Ausgleich.

    Nun könnte ich viel mehr ausholen und kommentieren. Als Neuling aber übe ich mich in Zurückhaltung und schließe ganz unprätentiös mit einem Dank. Ich komme gerne wieder.

    • Vielen Dank, fürs Folgen und für Deinen Kommentar.

      Die Liste ist im Rahmen einer Gallen-Entlastungs-Reaktion entstanden. Ein(e) Kolleg(e)in war der Auffassung, wer sich nicht nach dem Markt richten möchte solle nicht schreiben.
      Dies schob mich zu einem kleinen polemischen Gegenentwurf an.
      Seit dem geht es mir besser 😉

      Viel Erfolg mit Deiner Seite. Sehr ansprechend!

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