Wenn man es nicht aus Liebe tut

Wenn man sich, als Demokrat empfindet und in die Politik geht, sollte man dies aus Liebe zum Menschen tun, weil man um sein Wohlergehen bemüht ist.

Dann wird man entschlossen sein, für bezahlbaren Wohnraum zu sorgen, für Entschädigung, wenn ein Händler seine Vorgaben nicht einhält, für Umweltschutz und keinen Wald alter Industrie opfern, man wird für Arbeitsplätze im sozialen Bereich sorgen, damit die Alten und die Kinder gut versorgt sind, man wird sich für eine Rente einsetzen von der man leben kann.

Man wird es nicht erst tun, wenn sich die Bevölkerung radikalisiert und der Machtverlust droht. Man wird sich, zu jedem Zeitpunkt dafür eingesetzt haben, weil sich für Wirtschaftlichkeit, die Wirtschaft unaufgefordert einsetzt und in der Politik ihr Regulativ finden muss.

So wird man es tun, wenn man, mit etwas Demut und viel Verantwortungsgefühl, Macht übernimmt.

Tut man es erst, wenn man es muss, dann war das Thema vermutlich nie Liebe zum Menschen, sondern Gier nach Macht.

09/18 PGF

Von Eisbären und Pfeilgiftfröschen

Kreativität und Erfolg stehen in keinem Verhältnis zueinander.
So wenig, wie Pfeilgiftfrösche aus dem Amazons und Eisbären.
Man kann einen Zoo bauen und die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass die zwei Arten zusammen kommen.
Man kann seine Fähigkeiten verbessern, seine Zielgruppe herausfiltern, einen Trend erkennen und dadurch seine Erfolgsquote (wahrscheinlich) erhöhen.
Aber damit endet dann alle Verbindung.

Rilke wird vermutlich keinen wirklichen Erfolg mehr haben, er ist ein Auslaufmodell.
Macht das sein Werk schlechter?
Erfolg ist beliebig und er ist eine Mode, das muss niemand stören.
Das stört nur, wenn man seine materiellen Grundlagen von seiner Kreativität abhängig macht. Dann ist aber, nicht das Publikum und sein Geschmack schuld, wenn das schief geht.

Kreative Menschen neigen dazu, sich die Welt zurecht zu biegen. Sie wollen als Idealisten leben, sind aber enttäuscht, wenn das keinen materiellen Erfolg bringt.
Es gibt nicht wenige Verrückte, die sich für Künstler halten, weil es Künstler gab, die verrückt waren.
Das ist natürlich Unsinn!
Vernunft und Gewissenhaftigkeit schließen Kreativität nicht aus.
Kreativität ist die Lust am schöpferisch Sein, nicht mehr.

09/18 PGF

Farbe bekennen

Die Zeit scheint es zu fordern, dass man Farbe bekennt, in dieser aufgewühlten und durchaus aufgehetzten Zeit.
Und so will ich das, mit Blick auf Chemnitz tun, wenn auch besorgt, weil mir die Dinge nie so ganz einfach liegen und ich dadurch zu meist zwischen die Stühle gerate, auf denen die sitzen, die immer ganz sicher wissen, was richtig und was falsch ist.
Ich finde es sinnvoll, weniger in richtig und falsch, gut und böse zu unterscheiden, sondern nach Verantwortung zu werten.

Verantwortung für die zivile Ordnung, für die Wahrung des Grundgesetzes trägt die Regierung und die wird von eine(m)r Kanzler(in) geführt und die äußert sich, wie sie es immer tut, gar nicht.
Angela Merkel war auf Stippvisite in Afrika. Sie hat den dunklen Kontinent für sich entdeckt. Das ist gut so, aber viel zu spät, weil die Gründe der Fluchtursachen lange bekannt sind. Wer das nicht glaubt, auch, wie lange schon die Mahnung an die jeweilige Regierung ging, möge sich das leicht angestaubte „Nun lasst uns denn ein Apfelbäumchen pflanzen“ von Hoimer v. Ditfurth zu Gute führen. Alles was aktuell geschieht, bezogen auf Konflikte und Umweltprobleme, ist dort, schon vor mehr als 3 Jahrzehnten, nüchtern und klar skizziert.

Aber es geht ja um Chemnitz.

Dass die Bundeskanzlerin in Afrika unterwegs ist, ist auch nicht verwunderlich, denn mit (Nord-)Amerika ist die Stimmung nicht besonders und Südamerika lässt man besser in Ruhe, wenn die Stimmung mit dem Norden nicht stimmt. Mit Russland hat man es sich verdorben, ebenso, wie mit den meisten ehemaligen Ostblock-Ländern. Für China und Indien ist man zunehmend uninteressant.
Also geht es nach Afrika. Das ist praktisch, denn von dort kommt ja auch ein Teil der Flüchtlinge und Frau Merkel hat sich, schweigsam, wie immer doch entschieden, das Problem an der Wurzel zu packen. Glaubt sie.

Dass die Kanzlerin sich nicht äußert, ist taktisch klug, die großen Medien kommentieren in ihrem Sinn, aus ihrer Perspektive und gewohnt unsouverän und unbeholfen.
Chemnitz – was ist nur in Chemnitz los? Der Mob? Der Wutbürger? Der Alt-Nazi?

Man könnte viele Fragen stellen. Zum Beispiel:
Weshalb gibt es Unruhen in einer Region, die vor bald 30 Jahren, auf der Flucht vor dem eigenen Regime, in Scharen an der Grenze zu West-Deutschland stand und um Unterstützung bat?
Warum war damals: Wir sind das Volk! gut und heute ist der gleiche Satz böse?
Warum wird, wenn jemand ermordet wird, nicht ein normaler Mechanismus aktiviert: „Wir bedauern den Verlust – wir verhaften die Straftäter – sie werden, unseren Gesetzen entsprechend verurteilt.“?

Vielleicht, weil man dazu eine Richtung vorgeben muss. So was kann zum Machtverlust führen, das ist das Risiko von Macht: sie verlieren können. Aber es stiftet in einem Land Identität und Orientierung. „Dafür stehen wir!“ So lautet der Pathos.
Die jetzt durch die Straßen ziehen und Menschen anderer Herkunft bedrohen, die primitive Parolen grölen, an denen ist Kants Kritik der reinen Urteilskraft ganz knapp vorbei geschrammt. Diese Menschen benötigen eine Regierung, die ihnen sagt wo sie hin müssen. Nicht in Form einer medialen Aufbereitung, sondern mit einem Gesicht, welches das verkörpert. Und einem Menschen der Verantwortung übernimmt.
Wer andere Persönlichkeiten will – und ich will – muss allen Wohlstand den wir haben – in unsere Bildung und in Familien investieren, denn gebildete Menschen – und ich rede hier von mit Herz gebildete Menschen, die in ihren Qualitäten gefördert werden, die marschieren nicht Fahnen schwenkend durch die Straßen. Die entwickeln Verantwortung und Lust an Aufgaben, mit denen sie unser Leben fortentwickeln können.

Wer verkündet: „Wir schaffen das!“ Muss heute hinzufügen: „Und das lasse ich von niemand verhindern, denn wir sind als Land, in der historischen Schuld, Verfolgten zu helfen und, wenn wir dabei auch Straftäter retten. Dann retten wir sie und, wenn sie Straftaten begehen, werden sie nach Recht und Gesetz verurteilt. Unser Land steht für Friedenspolitik und eine gerechte Weltwirtschaftspoltik und damit werden wir die Ursachen der Flucht beseitigen.“

So etwa würde der Pathos der Macht klingen. Und dann würden sich dem Menschen verschließen oder sie würden ihm folgen.
Dafür bräuchten wir eine Regierung mit einer Vision und mit der Kraft das Land zu führen und es nicht zu verwalten, wie ein Börsenunternehmen, welches gut dotiert nach straffer Effizienz und guten Quartalszahlen strebt, ganz egal, wie es den Hilfsarbeitern an der Basis geht.

„A working class hero is something to be“ …

Jetzt wird der Staat nichts anderes tun können, als die öffentliche Ordnung aufrecht zu erhalten und dem Demonstrationsrecht so viel Freiheit zu zugestehen, wie nun eben notwendig ist.
Aber daneben wird sich eine andere politische Kultur entwickeln müssen, die nicht auf Machterhalt fixiert ist, sondern auf einem Verantwortungsgefühl beruht, welches den Rücktritt, als Konsequenz politischen Versagens nicht ausschließt.
Wir werden eine andere Sozialpolitik und Gesellschaftspolitik entwickeln müssen, in der die Mündigkeit des Einzelnen nicht vorausgesetzt wird, sondern zum Ziel erklärt. Denn im Moment protestieren die Unmündigen gegen eine Welt die sie nicht mehr verstehen, die ihnen Angst macht, die ihr knappes Bewusstsein, welches nur in Parolen denkt, überfordert.
Schön ist es nicht, dass wir das so hinnehmen müssen.
Wir ernten hier die Früchte von drei Jahrzehnten Neo-Liberalismus.
Wenn man so will benötigen wir einen gewaltigen, beinah utopischen Neo-Humanismus.
Dann haben Demagogen keine Argumente mehr.

09/18 PGF

Liebe an der Kasse

Wenn wir ehrlich sind: Können wir wirklich, der Reihe nach, lieben?
Wir stören uns selten daran, dass wir nacheinander, einen Menschen geliebt und zum jeweiligen Zeitpunkt, tief für ihn empfunden haben.
Aber was, wenn uns zwei dieser Menschen, zum selben Zeitpunkt begegnet wären?
Bei Freundschaften kein Problem: es entsteht ein Freundeskreis.
Aber was, wenn es nicht, um Freundschaft geht?
Kollidieren dann Besitzansprüche oder Liebe?
Soll es in der Liebe zugehen, wie bei Rewe an der Kasse: einer nach dem anderen.
Ist dafür Liebe nicht zu mächtig und unsere Zeit zu kurz?
Es mag Fehlbarkeit sein, wenn man seine Liebe nicht, in eine chronologische Ordnung bringt –
oder es ist vollkommen in Ordnung so.

08/18 PGF

Entrüstung

Wir bewegen uns durch eine Zeit in der, vielleicht auch durch die sozialen Netzwerk, der Pathos moralischer Entrüstung, ausgeprägt stark ist.
Die Prüfung praktischer Anwendung fällt gering aus, das Motiv tut wenig zur Sache.

Ich habe mich in den letzten Tagen immer wieder über den Fall und Menschen Özil gewundert. Der für mich, in den letzten Jahren kein besonders guter Fußballer, in der Nationalmannschaft, war und dessen Rücktritt ich mir, aus fußballerischer Sicht schon sehr lange gewünscht habe. Seine Nationalität ist mir vollkommen egal. Ich mochte seine behäbige, ausdruckslose Spielart nie und er mag seine Verdienste in der Nationalmannschaft besessen haben: das Spiel gegen die Schweden, in dem er nicht gespielt hat, war das beste der Mannschaft.

Man hat aus seinem Fall eine große Sache gemacht, bei Khedira und seiner Bewertung hat sich da niemand empört. Es gäbe viele Beispiele, in denen Spieler massiv angegriffen wurden und als Mensch viel einstecken mussten, ganz gleich, welcher Nationalität sie angehörten. Robert Enke mag dem ein oder anderen noch im Gedächtnis sein.
Aber benutzt haben diese schlechte, sportliche Leistung, Gruppierungen unterschiedlicher Richtung zu ihrem Zweck und der heißt Empörung. Özil hat naiv, wie ich hoffe, das alles mit sich machen lassen.
Heute kommen neue Themen ins Spiel: Özil und Löw (der lange Trainer in der Türkei war) sollen den gleichen Berater haben, ein kurdischer Fussballspieler, der aus der türkischen Nationalmannschaft ausgeschlossen wurde, stellt Özil die, wie ich finde berechtigte Frage, ob seine Empörung gegen rassistische Tendenzen in seinem Fall genau so groß sein wird.

Rassismus ist eine rückständige, primitive Denkart und Özil ist ein ausgedienter Fussballer den man besser frühzeitig aussortiert hätte. Ich kann das in einem Satz schreiben, ohne das es mir wehtut.
Die moralische Entrüstung, die aber zunehmend, wie ein hysterisches Fieber an allen Orten auftritt, die macht mir ernsthaft Sorge, weil es lange nicht mehr, um die Sache oder gar um die Wahrheit geht, sondern, um eitle Selbstinszenierung die sich immer dem Thema annimmt, in dessen Licht sie hofft, sich in Szene setzen zu können.
Und da ich das, mit diesem Text, ungewollt auch getan habe, schweige ich jetzt und wende mich den Themen zu, die mich betreffen und die ich beeinflussen kann.

07/18 PGF

Garten Eden

Ich glaube, eine der wichtigsten Qualitäten, welche die letzten Generationen verlieren, ist der Bezug und die Kenntnis der Natur.
Was vielen Menschen immer mehr fehlt, ist ein persönlicher Garten Eden, indem sie der Natur begegnen und das Wunder des Werdens erfahren können.
Keine Bohne, keine Tomate, keine Gurke schmeckt so gut, wie die, die man selbst hat wachsen und gedeihen sehen. Die Erfahrung dieses Werdens, verbunden mit der Erkenntnis des Essbaren, lässt uns eine persönliche Beziehung zur Natur aufnehmen: sie beschenkt uns, wenn wir sie verstehen.
Es ist nicht selbstverständlich zwischen Blattgrün eine essbare Pflanze zu erkennen und von der essbaren Pflanze die essbaren Teile. Je tiefer man steigt, je mehr man versteht, um so beglückender ist die Erfahrung.
Ein Stück davon ist wichtig, mag das Paradies klein und die Ernte bescheiden sein: Suchen – Finden – Genießen, sind die drei Teile des Glücks …

PGF 06/18