#101 Alles-oder-Nichts-Regel

Die Zeiten wenden sich, der Markt ist längst preisgegeben. Argumente zählen nicht mehr, der Kompromiss ist nichts mehr wert, weil er viel zu lange mit faulen Seilschaften verwechselt wurde. Das Leben läuft von jetzt an, ins Leere, denn wir haben den Punkt ohne Wiederkehr erreicht.
Das ist die keineswegs pessimistische Betrachtung, sondern die nüchterne Feststellung, dass die Dekadenz längst begonnen hat. Man muss nur die Akteure betrachten, welche sich die Völker zu Fürsprechern machen. Man muss nur die Hetze in den sozialen Medien, aus allen Richtungen verfolgen. Die Urteile sind gefällt, die Gegner ausgemacht, mögen die Kämpfe beginnen.
Es geht nicht mehr ums Verstehen, um Aussöhnung, um Brücken bilden, die Menschen sind zu fett, überhitzt, zu denkfaul, um mehr als Meinungen zu haben, um über ihre Gräben hinweg miteinander reden zu wollen. Links, rechts, gendern, reich, arm, alt, jung – Pluralität bedeutet nichts mehr. Konformität ist das Gebot der Stunde.

Heute sind, so heißt es, berechnet nach Modellen, die auf Annahmen beruhen, die Ressourcen der Erde erschöpft.
Welchen Sinn hat diese Nachricht? Schuld, schlechtes Gewissen, Resignation. Diese Nachricht muss am Anfang eines Jahres stehen. Es muss ein Ziel formuliert werden, was zu tun ist, um sie zu verhindern. Dem Schuldner nutzt die Rechnung nichts, am Ende des Monats, er muss sie am Anfang erhalten.
Aber bei einer Politik ohne Werte, einem Volk ohne Werte, dass sich in der Pose moralischer Empörung gefällt und dann weiter konsumiert, muss man nicht von Ernsthaftigkeit ausgehen.

Heute war ich wieder versucht, diesem netten, kleinen Blog, ein kurzes digitales Ende zu bereiten, weil es mich frustriert zu sehen, was zu finden wäre und was auf youtube-Kanälen Millionen User finden und konsumieren.
Aber das ist der falsche Impuls. Das geht mich nichts an! Ich muss, dass meine tun und, wenn es nur wenige gibt, die sich in die gleiche Richtung bewegen, gibt es eben nur wenige. Der Rest fährt mit Greta im Segelboot über den Atlantik und rätselt ob Cathy wirklich 200000 Likes gekauft hat und von welchem Geld …
Das sind solche Zeiten, die es am Ende aller Kulturen gab. Müßig sie aufzuzählen.

Und, nein ich bin nicht frustriert. Ganz im Gegenteil, ich bin erholt und habe gerade Zeit alles in Ruhe zu durchdenken und mich nicht von Arbeit und Stress so scheuchen zu lassen, dass ich gar nicht mehr dazu komme: in Frage zu stellen.
Und, wenn hier das Licht ausgeht, dann schreibe ich meine Gedanken in kleine Vokabelhefte, wie früher, als es all das nicht gab. Als jeder seine Gedanken erstmal allein betrachten musste, ehe er die Welt damit beglücken konnte.

Die Dinge laufen ihrem Nullpunkt entgegen und erst, wenn der erreicht ist, werden sie sich wieder erheben. Man muss nur wissen, wie man seine Arche baut …

07/19 PGF

#91 Von hier aus – wohin?

Manchmal läuft so ein Leben ja, wie ein stabiler Motor und man hat sein Thema, sein Spiel, sein Glück, dem man nachläuft, als hinge von nichts anderem das Schicksal der Welt ab.
Man ist verliebt, erfolgreich im Job, hat Kinder, ein neues Auto, zu viel Geld, zu wenig Zeit, Spaß am Entdecken, Glück beim Versuchen, seine Mission, sein Werk, einen brauchbaren Feind und strömt durch die Tage, wie ein kräftiger Gebirgsfluss durch sein felsiges Bett.
Aber, da von alldem das Schicksal der Welt eben nicht abhängt, sondern nur die eigene fragliche Existenz, rauscht dieser Fluss, wie es in der Natur nie vorkommt, unerwartet und nicht selten mitten in dürres Land, versickert, vertrocknet und hat sein wässriges Glück an den Staub der Zeit verloren.
Wir sind, so ist es unsere Natur, bei guter geistiger Gesundheit, so geschaffen, dass wir diesen Zustand nicht lange aushalten und uns das nächste Spiel suchen: eine neue Frau, ein neuer Mann, mit dem das Leben viel besser wird, ein schnelleres Auto, ein anderer Job mit höherem Gehalt, eine neue Wahrheit, eine neue Idee, die wir der Welt unbedingt ausgestalten und mitteilen müssen.
Dazwischen aber, stehen wir da und fragen uns: „Von hier aus – wohin?“
Was will ich? Was macht mich eigentlich glücklich? Was ist mein Schicksal?
Es bleibt still.
Wir müssen lange schweigen, um zu ahnen, was wir niemals wissen, nämlich, ob wir noch auf dem Weg sind, ob wir noch erfüllen, was nicht das Schicksal der Welt ist, aber unser Schicksal, damit die Dinge im Großen, von diesem Flügelschlag eines Schmetterlings mitbestimmt, sich zum Guten wenden.
Von hier aus – wohin?

07/19 PGF

#88 Risse im System

Manchmal gehen die Dinge ganz leise zu Bruch.

Manchmal vermag nur der erfahrene diagnostische Blick, aus der Vielschicht der Symptomlage, die Krankheit zu erkennen.

Der Laie sieht was er sieht, erinnert, was er mal gehört hat und faselt bei einer zittrigen Kanzlerin von Tremor und Parkinson, weil man das kennt, ohne sich näher damit beschäftigen zu müssen. Der Kundige aber Vorsichtige bemerkt eine Standataxie, überfliegt eine Fülle von Diagnosen, das Kleinhirn betreffend und denkt nicht weiter, weil sich Ferndiagnosen verbieten. Und jeder Mensch seine Würde behalten sollte.
Das nur als Beispiel zur Fachkompetenz, derer die uns überliefern, was Nachricht ist.

Zu Bruch ging heute, die europäische Demokratie. Man stelle sich eine Bundestagswahl vor und Kanzler/in würde jemand der gar nicht zur Wahl stand. Ein Schelmenstück. In Europa möglich, weil niemand weiß, was Europa ist, außer einem Wirtschaftsraum. Mehr ist es nicht. Kein Raum für Flüchtlinge, kein Raum für soziale Visionen, nicht mehr der Hort des Humanismus und der Menschenrechte. Europa ist heruntergewirtschaftet und so passt eine Kanidatin, die sich zutraut alles zu können. Und was war sie nicht schon alles. Sie blieb nur nie lange genug, um für den Schaden verantwortlich gemacht zu werden, den sie bei der jeweiligen Station angerichtet hat. So grinst sie nun, von neuem Sockel in die Kamera.

Zu Bruch ging gestern, das deutsche Gesundheitssystem, als es plötzlich salonfähig wurde zu fordern, dass die Hälfte der deutschen Krankenhäuser geschlossen werden müsste. Dabei haben wir gar nicht zu wenige Kranke, wir haben zu wenig Personal. Das ist, als solle man Restaurants schließen, weil es keine Kellner gibt, was stören da, die Hungernden auf der Straße. Der Mann der jetzt im Kosovo Pflegekräfte rekrutiert, rekrutiert vielleicht morgen für die Bundeswehr, im Kabinett der Beliebigkeit. Bei dem es nur noch, um den Machterhalt geht. Aber warum?

Weil seit vier Jahrzehnten unser Sozialsystem zu Bruch geht, weil die weltweite Ungleichheit in einem gewaltigen Maß zunimmt, dass man die Zahlen nicht mehr fassen kann (vergl. „Das Kapital im 21. Jahrhundert“, Thomas Piketty). Wer die Regeln erkennt, weiß wer die Figuren schiebt, die über das Schachfeld ziehen und dafür sorgen, dass Mieten unbezahlbar bleiben, weil das Kapital in Immobilien steckt, die dafür sorgen, dass der Sozialstaat rückgebaut wird, um die Leistungsbereitschaft zu erhöhen, wer ein Interesse hat, die Strukturen des Gesundheitssystems zu straffen damit der Benefit steigt, aber nicht die Gesundheit der Kranken, wer in Aktien, sein Geld vor der Inflation schützt, statt es naiv auf einem Sparbuch anzulegen.

Wie ein von Rissen durchzogenes Glas steht die Demokratie da, bereit von Populisten und Radikalen den letzten Schlag zu bekommen.
„Der Krug geht …“ –
Ach, wie alt ist diese Geschichte schon!

07/19 PGF

#77 Pufpaff

Gestern, in einer kürzlich ausgestrahlen Folge, gehört und immer noch gänsehautig …

„Und habe Fernweh ohne Ende
Fernweh für das Fremde
Weil ich mir selber fremd geworden bin.“
AnnenMayKantereit

#68 Die stille Reserve

Ich wundere mich immer ein wenig, dass sich manche wundern, dass der Staat eher unwillig gegen rechte Gesinnung vorgeht (ohne, dass ich es gutheiße!).

Eine rechte, nationale Gesinnung ist, was die meisten Regierungen im Krisenfall suchen und benötigen, denn bei Angriffen von außen, aber auch bei Verwerfungen von Innen baut sich die Verteidigung auf jenen Menschen auf, die “ … für Volk und Vaterland …!“ usw. stehen.

Mit dieser stillen Reserve für den Ernstfall will man es sich nicht verderben. In Deutschland fällt es den Regierenden, aus historischen Gründen schwer, dies offen zu zugeben. Weshalb man, bei Verwerfungen in der Polizei, der Armee, dem Geheimdienst zaudernd Missfallen bekundet. Aber insgeheim pflegt man die Tendenz, weil die Gesellschaft in weiten Teilen gar nicht bereit ist kosmopolitisch zu denken und, wenn sie es anstrebt, stösst sie auf eine Welt, in welcher die meisten Völker und Länder nicht annähernd bereit sind, für die Welt zu denken.

Das schauerliche Drama, welches sich um Europa abspielt, welches ein Wertesystem sein müsste, um zu funktionieren, aber eine Währungsunion ist, weil man damit Geld verdienen kann, zeigt, wie wenig humanistische Bildung gewollt und gefördert wird, um Generationen zu entwickeln, für die das WWW nicht nur eine digitale Autobahn ist, sondern eine ethische Grundlage ihres Handelns.

Die Klimakrise zeigt uns, wo die Grenzen des nationalen Denkens liegen, in den Köpfen und im Handeln.
Die Bündnisse, welche Politik schließt, mit Begeisterung und Handlungsfreude, bestehen aus militärischen Bündnissen und wirtschaftlichen Bündnissen, im Sinn eines erweiterten nationalen Denkens, aber nicht einer kosmopolitischen Haltung.
Die Lehre der Klimakrise wird sein: Denkt weltweit oder sterbt aus!

Wie soll eine Politik dies leisten, die nicht einmal bereit ist, ihre „stille Reserve“ infrage zu stellen und offensiv für ein friedliches, weltoffenes Handeln einzutreten. Nicht, wenn für vier Wochen „die Welt zu Gast bei Freunden ist“, sondern wenn es darum geht durch, Umweltpolitik, Friedenspolitik und Bildung die nächsten vier Generationen auf ein Umdenken vorzubereiten.

Bäume, Felder und Flüsse wählen nicht, deshalb haben sie keine Lobby! Aber das wäre die stille Reserve, um die wir uns wirklich kümmern müssten.

06/19 PGF

#63 Zeit der Besorgnis

Es hat gute, alte Tradition in Deutschland, den Bürger per Nachrichten zu ermuntern, beim Bewährten zu bleiben, wenn die Kritik an der etablierten Regierungsarbeit zu groß wird.
Dann ergeben sich, mahnende Zahlen über eine zurückgehende Exportbilanz und die Warnung vor dem Verlust von Arbeitsplätzen. Dann wird der Himmel schon mal duster, weil ein geistig Bescheidener in Washington regiert. Dann kann man auch mal 48 Stunden, über zwei brennende Frachter Dauersendungen liefern, während im Hintergrund, eine Küste erscheint, in deren Inland sich eine furchtbare humanitäre Kastastrophe ereignet, von der wir nichts hören.
Welche Küste da ist? Ich würde meinen Blick auf die richten, die am Golf von Aden liegt.

Jedenfalls es geht um Besorgnis, um Arbeitsplätze, Produktivitätsverlust, Stagnation der Gewinne.
In den Jahrzehnten, in denen ich das überblicken kann, hat das zu meinem Erschrecken regelmäßig funktioniert: Michel hat gewählt, was Michel kannte, damit es nicht ganz so schlimm wird. Aber es wurde nicht besser. Der Sozialstaat nahm ab und die Leistungsverdichtung nahm zu. Die Arbeitslosenstatistik war gut, geschönt durch Millionen prekärer Beschäftigungsverhältnisse.

Mir scheint, diesmal wirkt es nicht. Dafür ist die Lebenswirklichkeit der meisten zu dicht, mit zwei Jobs oder drei, mit Familien die nur noch funktionieren, wenn der Hort die Kinder abnimmt, damit zwei arbeiten können, mit einem Gesundheitssystem vor dem Kollaps und einem Bildungssystem fernab der wirtschaftlichen Möglichkeiten.

Schlechte Nachrichten stabilisieren die Volksparteien, sie verringern die Bereitschaft einer Bevölkerung die Gesellschaft zu verändern. Zum ersten Mal bin ich guter Hoffnung, dass dies misslingt, weil der Alltag in einer gewinnmaximierten Leistungsgesellschaft schlimmer ist, als schlechte Nachrichten.

06/19 PGF

#57 Rezo, AKK, SPD und all das andere

Ich glaube, die großen deutschen Parteien scheitern an der Realität. Man hat zu lange die Willfährigen in die erste Reihe genommen, die mit wenig Profil vermittelt haben, was das System verlangt.
Lange waren die Eliten klug genug, die Ausbeutung des Systems nicht zu maximieren. Mit dem Wegfall der Systemkonkurrenz, also nach der Wende, war dies nicht mehr notwendig. Das Credo der Gewinnmaximierung wurde ausgegeben.
Im Schatten dieses Triumphgefühls wuchsen jedoch weit größere Probleme: die Klimaveränderung, der Hunger in der Welt und die Fluchtbewegung, die Waffenexporte und die daraus resultierenden Kriege auf der Welt, die rasante Veränderung der Arbeitswelt, durch Automatisierung und neue Konsumformen.
Je mehr das Volk mahnte und murrte, je mehr spürte es, dass es keine Volksvertreter hat – Und, um dies deutlich zu machen: Volksvertreter vertreten auch die Interessen von Flüchtlingen, Minderheiten und haben kein völkisches Interesse, sondern ein weltoffenes, weil nur dadurch der Wohlstand und Friede gewährt werden kann – je mehr musste es eine Ohnmacht seiner Regierung zur Kenntnis nehmen.
Die Vertreter die es hat, es zeigte sich immer mehr, waren Lobbyvertreter eines Geldadels, der die Welt nach seinem Gusto gestalten will. Auf dem Banner trug er den Schriftzug: Globalisierung. Aber es stand nicht: der Menschenwürde, dabei und das war das Fatale.
Je mehr die Bürger sich empörten, je mehr zeigte sich, dass die Regierenden zu schwach waren, sie zu vertreten und zu satt und alt, um dies zu gestehen und um den Platz frei zu machen, für die tatsächlichen Themen.
Die Politik der faulen Kompromisse, die sich Politik des Ausgleichs nannte, windet sich nun in schlechten Prozentwerten, wie in schlechten Träumen. Deshalb empören sich die Volksparteien über Rezo und ein kleines schwedisches Mädchen, die nichts Neues sagen. Vor 30 Jahren und länger schrieben aufmerksame Beobachter, wie Hoimer v. Ditfurth, nicht wenige Bücher zu den eingetretenen Problemen.
Die eigentlichen Gefahren der nächsten Monate sind deshalb:
Welcher Wege bedient sich die verbrauchte Politik-Elite, um ihre Ablösung zu verhindern?
Versucht sie es nur mit neuen Gesichtern oder mit grundlegend neuem Denken?
Wird sie die Medien instrumentalisieren oder nicht?
Wird sie die Wahrheit zu lassen oder dämonisieren?
Wird sie einschüchtern oder einsehen?
Wird sie die Zukunft mit Würde übergeben oder habgierig die Vergangenheit verteidigen?

06/19 PGF