Verletzungen

Wenn man sich, als kleines Kind weh tut, so bricht, über dem Schmerz, beinah die ganze Welt zusammen.
Ein, zwei Jahre später rührt uns die gleiche Verletzung kaum mehr und, wenn wir uns das Knie aufschlagen, stöhnen wir kurz auf und gehen dann fluchend weiter.

Mit dem seelischen Schmerz ist es etwas komplexer, man adaptiert ihn nicht so einfach und, wenn man Jugendliche beobachtet, hat man eher das Gefühl, als würden sie den seelischen Schmerz ansammeln und immer empfindsamer werden.

Aber auch hier gibt es Stufen, gibt es Veränderung im Verarbeiten.

Wenn der Mensch an seinem seelischen Schmerz nicht zu Grunde geht wird, über die Jahre, wenn auch nicht so augenfällig, der gleiche Prozess sichtbar: Man wird verletzt, stöhnt kurz auf und geht dann weiter.

Jeder Fortschritt im Leben ist, von Beginn an, damit verbunden, dass man sich weh tut oder verletzt wird und es gibt keine Alternative dazu als, sich daran gewöhnen und daraus lernen, vielleicht zu fluchen, vielleicht zu stöhnen und weiterzugehen.

11/17 PGF

Schöner Rest des Tages

Ich war bis heute am späten Nachmittag, zum zweiten Mal für dieses Jahr in München. Es ist vielleicht ein Symptom meiner Unentschlossenheit, dass ich nicht bei der Buchmesse in Frankfurt war, sondern beim 3. Gangsymposium in Großhadern, meine Zeit verbrachte. Dieser Zwiespalt, Heilen oder Schreiben, ist schon alt, aber nicht das Thema.

Nach den gestrigen Vorträgen, die bis 19.00 dauerten, bezog ich mein Hotelzimmer. Ich logierte standesgemäß (aber nicht gehaltsgemäß) in der Business Suite, da Tagungsort nah, es nichts anders mehr zu buchen gab. Ich verräumte meine zwei Taschen, ich reise gerne mit wenig Gepäck und machte mich auf die Suche nach einem Lokal.

Der Chinese vor Ort wurde mir nicht empfohlen. Deshalb entschied ich mich, für ein nahe gelegenes gutbürgerliches Lokal. Es war voll und, wie mir schien, von der einheimischen Nachbarschaft besucht. Man bot mir einen Sitzplatz an einem Tisch, in einem Winkel der Gaststube.
Der Tisch war erhöht und ich nahm auf einer hohen Sitzbank Platz, von der man das Lokal in zwei Richtungen gut beobachten konnte. Mir gegenüber befand sich ein ähnlicher Tisch und die Männer die dort saßen, waren unschwer, als Stammtischgäste zu identifizieren.

Ich bestellte ein Weißbier, einen Salat und ein Wurstgericht, zückte mein Smartphone und freute mich ein wenig zu beobachten und ein wenig in den Apps zu schmökern.
Ich saß nicht lang, als ein älterer Mann zur Tür hereinkam und zielstrebig auf meinen Tisch zu steuerte. Er war klein, hager, trug eine schmale Brille, sein Gesicht war verhärmt, aber seine Augen wach und – wachsam.
„Ist hier noch Platz“, fragte er freundlich und ich verneinte nicht.
Die Kellnerin brachte ihm unaufgefordert ein Bier.

Wir saßen eine Weile schweigend und ich ärgerte mich, dass ich eine nur schleppende Internetverbindung hatte, nach reden war mir nicht.
Der Mann erinnerte mich an meinen Vater, mit dem ich als Kind oft, in solchen Lokalen am Sonntag zum Essen war. Dort trafen sich die Familien, damit die Frauen einmal die Woche frei vom Kochen hatten. Er erinnerte mich aber auch an ihn und seine letzten Jahre, die er, wie viele ältere Männer, vom Leben „abgestellt“ verbrachte. So, wie Herbstblätter die kraftlos und schön, noch an den Zweigen hängen.
Dass der Mann neben mir, nicht mit am Nachbartisch saß, fiel mir auf. Er gehörte offensichtlich nicht dazu, obwohl er „dazu gehörte“.

Ich habe mir in letzter Zeit häufig Gedanken, über die alte Frage nach dem Determinismus gemacht. Ich fand, dass es gar kein Entweder-oder geben muss. Dass wir vielleicht eine Weile, weil es zum großen Plan passt, Schicksal haben, aber irgendwann an Bedeutung verlieren und gewissermaßen absurd beziehungsweise schicksalslos werden.
Vielleicht ist „Survival of the fittest“ eher die Frage, ob man Teil des großen Plans ist – und in der Lage den großen Plan zu erkennen.
Gleichwohl …

Mein Essen kam. Ich aß schweigend und denkend, und der Mann neben mir trank, schweigend und denkend.
Als mein Glas und mein Teller leer waren lehnte ich mich zurück und wartete, bis die Kellnerin vorbei kam.
Ich bat um die Rechnung.
Es dauerte nicht lange. Ich bedankte mich mit einem großzügigen Trinkgeld und wünschte ihr einen schönen Abend.
Nebenbei zog ich meine Jacke an.
Dann wandte ich mich dem Mann neben mir zu und sagte höflich: „Auch ihnen einen schönen Abend.“
Und er erwiderte vielsagend: „Und ihnen einen schönen Rest des Tages.“
Als würde er sehr bewusst, die Tage herunterzählen, die ihm, vom Rest seines Lebens noch blieben.
Ich bedankte mich.

Vielleicht haben wir uns, schweigend sehr gut unterhalten.
Wer weiß.

10/17 PGF