#131 „Eine Geschichte“ (21)

„Die dunkle Struktur, der Masterplan, der hält die Dinge in ihrer Ordnung. Dunkel ist in diesem Fall nicht als böse gedacht, sondern als unsichtbar, als etwas, das wir nur über unser Fühlen, unser Schicksal begreifen. Wenn die dunkle Struktur nicht ausgefüllt wird, dann kollabiert die Welt.“
Vandenberg beschleunigte den Wagen, während ihre Fahrt von einem nächtlich-verschlafenen Dorf, in eine dunkle Allee wechselte, die beidseits mit riesigen, schweigenden Platanen gesäumt war.
„Aber, wer sagt, dass ich nicht gerade das Schicksal erfülle, indem ich Sie entführe?“
„Niemand, Mister Vandenberg, niemand außer meinem Gefühl. Jede Begegnung findet in einem Raum statt. Wenn sie scheitert, kollabiert der Raum, dann kollabierte auch die Zeit, so lösen sich Momente auf, das ist Vergänglichkeit. Raum und Zeit sind untrennbar verbunden, weil mit der Entfaltung des Raums die Zeit beginnt und die Zeit nicht fortschreiten kann, ohne einen Raum in dem sie sich entwickelt.“
„Ist mir zu hoch.“ Vandenberg war die Konzentration anzusehen, mit der er Jacks Ausführung folgte.
„Dann mache ich es anschaulicher: Die Frau, von der sie sagen, Sie haben sie getötet“, Jack spürte, wie viel Kraft es ihnen kostete seinen Zorn zu zähmen, um den Gedanken auszuführen, „wir waren Seelenverwandte, aber Zeit und Raum waren noch nicht entwickelt, damit wir zusammen sein konnten. Es war wie ein Fluch, jede unserer Verabredungen scheiterte. Irgendetwas kam dazwischen. Einmal brach ich mir beim Schlittschuhlaufen den Arm und der geplante Abend fiel aus.“
Vandenberg verstand nicht.
„Dann trifft man sich ein zweites Mal.“
Jack schüttelte energisch den Kopf.
„Nein, so ist es nicht, die Dinge haben ihren Moment. Wir gehen durch ein Leben, indem wir nur Bruchteile von Sekunden Zeit haben, für richtig oder falsch. Jeden Tag.“
„Klingt das nicht dramatisch?“
„Nein, Vandenberg, es ist … Wir brauchen viel Geduld, für den richtigen Augenblick, damit die Dinge blühen.“

08/19 PGF

#130 Eine Geschichte (20)

„Und, mit was beschäftigt man sich, wenn man so was als Hobby hat.“
Brück sah ihn offen an.
„Bücher lesen, die Forschung verfolgen. Varela, Grof, Huxley, Kant, du kannst Regale mit Autoren füllen, die sich mit der Frage beschäftigt haben: Was ist unser Bewusstsein? Wie entsteht es? Gibt es die Welt oder ist sie nur eine Projektion unseres Denkens? Wenn die Regale voll sind, kannst du ein zweites Zimmer füllen, mit der asiatischen Philosophie, die sich diese Fragen schon viel länger stellt. Der Schleier der Maya und solche Sachen.“
„Du scheinst dich da aber auszukennen.“
„Ich lebe auch gern allein – ohne lesbisch zu sein.“ Sie warf ihm einen spöttischen Blick zu.
„Und warum die Asiaten so früh und wir erst in der moderneren Forschung?“
„Weil uns Aristoteles und sein Logik-Fanatismus im Weg standen, weil das Christentum das Denken und Fragen und Zweifeln verbot.
Daniels, ein fragender Geist, wie er, muss über diesen Kulturkreis hinauswachsen. Deshalb hat er immer mehr gelesen, gefragt, hat sich mit Castaneda, mit Meditation, Eliade, Sheldrake beschäftigt und sich – warum auch immer – für Bolivien entschieden. Dort muss ihn offensichtlich etwas beeindruckt haben.“
„Und was wollten die Amerikaner von ihm?“ Warf Naval ein, damit sie wieder zum Punkt kamen.
„Was wollen sie immer?“
„Krieg?“
„Auch, das andere?“
„Macht.“
„Exakt. Es ist, wie im zweiten Weltkrieg, als es darum ging, wer sichert sich die Wissenselite.“
„Aber, wir haben doch keinen Weltkrieg.“
„Doch, wir sehen ihn nur nicht. Wir haben den konkreten Krieg, aus unseren Kontinenten herausgehalten und führen ihn in Syrien, Afghanistan“.
„Ja, ja, ist schon klar.“ Bremste sie Mathews. „Wo sind wir jetzt?“
„Nahe der deutsch-französischen Grenze. In Bitch. Nicht mehr weit bis zu dem Abschnitt, an dem die Straßensperre errichtet wird.“
„Noch in Frankreich?“
„Unbedingt. In Deutschland tun die Amerikaner, wie sie wollen.“

08/19 PGF

#129 „Eine Geschichte“ (19)

Jetzt war Vandenberg gestresst.
„Das ist doch übertrieben!“
Er blickte hektisch zwischen Jack und der Straße hin und her.
„Finden Sie?“ Jack fixierte ihn kühl. „Sie kennen die Chaos-Theorie?“
„Ein Schmetterlingsschlag kann die Welt verändern?“
„Genau, in dieser platten Formel zusammengefügt.“
„Ja und?“
„Es muss nichts Großes sein. Lassen Sie Einstein jung bei einem Verkehrsunfall sterben. Die ganze Weltgeschichte wird eine andere sein, weil ein Moment: als Einstein und der Fahrer aufeinandertreffen, alles verändert.“
„Aber es kam doch, wie es kommen musste.“
„Das sagte ich, wenn Entscheidungen getroffen werden, wie vorgesehen. Was, wenn der Fahrer an diesem Morgen denkt: Lass das Auto stehen! Aber er hört nicht auf sich, er schlägt das Unbehagen in den Wind und fährt los.“
Jack pausierte.
„Und: Bumms! Ist Einstein tot.“
Vandenberg überlegte.
„Weil ich Sie entführt habe, komme ich um?“
Jack genoss die Unruhe in Vandenbergs Stimme.
„Sie müssen nicht sterben, um nie mehr mit ihrer Frau frühstücken zu können. Darum geht es nicht. Ich habe an einem Ritual teilgenommen, einem Ayahuasca. Ich hatte eine Vision, dass meine Erkenntnisse, wenn ich sie nicht für mich behalte, zum Untergang der Welt führen.“
„Noch haben Sie ja nichts ausgeplaudert.“ Vandenberg schien sich, mit dem Gedanken zu beruhigen.
„Das ist nicht mehr nötig. Weil das Wissen in der Welt ist, dass ich über eine Idee verfüge. Die wird sich manifestieren, wie sich die Atombombe, aus der Idee der Kernspaltung manifestiert hat.“
„Und, weil ich tue, was nicht vorgesehen ist …“.
„… beginnt das Toben der Zeit.“ Vollendet Jack den Satz.
„Was wozu führt?“
„Dass die Dinge Ihre Ordnung verlieren. Es gibt eine unsichtbare Richtigkeit, die wir mit unserem Tun ausfüllen. Sie entscheidet über untergehen oder fortbestehen. Wir sind frei zu wählen, aber nicht frei von den Folgen.“
„Die dunkle Struktur?“

08/19 PGF

#128 „Eine Geschichte“ (18)

„Wissen wir, was die Amerikaner von ihm wollen?“
Brück blätterte durch das Dossier, welches sie, als PDF auf ihr Smartphone geschickt bekommen hatte. Sie saß auf dem Beifahrersitz, während Naval den Wagen steuerte und Mathews auf der Rückbank saß. Er streckte den Kopf zu ihrer nach vorne, während er fragte.
Sie drehte ihm leicht den ihren zu.
„Industriespionage, Terrorverdacht, etwas in der Art, vermuten unsere Leute, aber die hatten auch nicht mehr, als eine Stunde, um sich ein Bild zu machen. Jedenfalls gerät Daniels Leben plötzlich, an vielen Stellen ins Schleudern.“
Mathews kniff die Augen zusammen, als könne er dadurch besser nachdenken.
„Und was war das für ein Leben bisher?“
Brück öffnete ein anderes PDF.
„Ein Lehrerkind. Unauffällige Kindheit.“
„Und was ist mit Mötley Crüe?“
„Die sind auch älter geworden. Jedenfalls, wurden sie solide. Irgendwann machten sie einen Begabtentest, ab dem Moment eine Entwicklungsrakete: Hochschulreife ein Jahr vorgezogen, Bachelorstudiengang, Masterstudiengang, Lehrtätigkeit, Berufung nach CERN, Leitung der Forschungsgruppe „Licht“, Vorträge, Fachartikel, Zeitungsartikel mit Headlines wie „Der neue Einstein“.“
„Und privat?“
„Nichts.“
„Wie nichts? Haben wir nichts rausgefunden?“
„Nein, da war nichts. Er hat ein enges Verhältnis zu seinen Eltern gepflegt, auch, als ihn das Studium und die Berufung nach CERN räumlich getrennt haben. Ansonsten: keine Frau, keine Kinder.“
„Schwul?“ Warf Naval ein.
Brück die selbst gerne Single war, warf ihm einen bösen Blick zu.
„Der Zwang zu sexueller Identität, typisch! Vielleicht einfach ein integrer Mensch, mit sich, seinem Leben, seinen Aufgaben zufrieden.“
„Der wirds auch nicht durch Rippen schwitzen.“ Konterte Mathews und Naval lachte zustimmend.
„Jungs, ihr seit wirklich Affen! Aber: nein, auch nicht schwul.“
„Hobbies?“
„Er hat sich intensiv mit unserer Wahrnehmung beschäftigt.“
„Das ist doch kein Hobby.“
„Es ist nicht die Premier League, am Wochenende, nein. Was ist Wirklichkeit? Das war sein Hobby.“

08/19 PGF

#127 „Eine Geschichte“ (17)

„Sie meinen, das Toben hat begonnen? Die Welt wird verschlungen, wie durch die Klimakrise: falsche Entscheidungen – fatale Folgen?“
Jack sah nicht nach Vandenberg.
„Das ist der große Kollaps. Es fängt kleiner an.“
Jack wandte sich zu seinem Fahrer.
„Wissen Sie Vandenberg, als ich aufwachte schilderten Sie, wie Ihre Frau Ihnen Frühstück ans Bett bringt. Das wird nie mehr geschehen. Indem Sie mich verhaftet haben, wurden Sie zu einem Teil dieses Tobens.“
Vandenberg blickte irritiert zu Jack.
„Wie meinen Sie das? Es hieß, sie würden berechnen, wie Licht, die Wirklichkeit konstruiert.“
Jack lachte amüsiert, jetzt waren sie in seinem Terroir.
„Ich habe geforscht, welche Informationen im Sonnenlicht hinterlegt sind, weil ich glaube, dass diese gewaltige Gaskugel in der Mitte unseres Planetensystems eine Form von Bewusstsein sein könnte, die mit den sie umkreisenden Planeten kommuniziert. Da war ich aber noch nicht in Bolivien.“
Vandenberg hatte Mühe sich auf die Fahrt zu konzentrieren.
„Und was hat das verändert?“
„Ich habe eine Erfahrung gemacht, außerhalb der Zeit und außerhalb des Lichtes. Als ich zurückkam, verstand ich, dass im Licht der Stoff liegt, aber nicht die Struktur. Die Struktur liegt im Dunkel.“
Vandenberg packte das Lenkrad fest.
„Sie haben recht: ich verstehe es nicht.“
Jack war nicht bereit, ihn jetzt zu schonen.
„Wir konstruieren die Welt. Sie und ich! Wenn wir zusammenkommen, treffen zwei Wirklichkeiten aufeinander, vielleicht entsteht eine weitere. Wenn wir die Welt richtig sehen, richtig entscheiden, ist alles gut, wenn nicht tobt die Zeit.“
„Dann wäre die Welt ja ein fortdauerndes Chaos!“
„Nicht unbedingt: Menschen begegnen sich, trennen sich und der Wirbel verliert sich in der gewaltigen Strömung des Ganzen. Aber wir beide: wir rasen mitten in den Sog, deshalb wird Ihre Frau Ihnen nie mehr Frühstück ans Bett bringen. Ich bin ihr Ende!“

08/19 PGF

#126 Eine Geschichte (16)

Sie wartete noch auf die Vorspeise, als Inge Brücks Smartphone vibrierte. Da es ihr Diensttelefon war, nahm sie den Anruf entgegen.
„Brück.“ Meldete sie sich.
Sie hörte aufmerksam zu.
„Ramstein, sagen Sie?“
Sie nickte und, wie bei einem perfekten Synchronsprung bewegten sich ihr Kopf und ihr Handy vor und zurück.
„Jetzt? Aktuell? Sicher? Ist okay, ich gebe es weiter.“
Sie beendete das Telefonat.
„Und?“ Mathews Stimme war gespannt.
„Sie haben etwas. Eine Flugbewegung von vor drei Tagen, mit Landung in Ramstein.“
„Der Airbase?“
„Ja. Am gleichen Tag, Grenzübertritt eines amerikanischen Dienstfahrzeugs an der deutsch-französischen Grenze, Nordvogesen. Französische Beamte registrieren das Fahrzeug in Richtung Elsass, geringe Geschwindigkeitsüberschreitung, im Toleranzbereich. Deshalb keine Ermittlung. Ab dann verschwindet das Fahrzeug.“
„Das ist aber sehr dünn.“ Naval blätterte noch in der Speiskarte.
„Aber unser einziger Hinweis.“ Bemerkte die Deutsche.
Mathews stand auf und der Spanier starrte ihn überrascht an.
„Was hast du vor?“
„Wir fahren Richtung Ramstein.“
„Wir haben noch nicht gegessen.“
„Wir holen uns unterwegs einen Döner.“
Naval war nicht einverstanden.
„Das ist französische Küche, die wir verpassen.“
„Schnecken und Sauerkraut – brauche ich nicht.“ Mathews war die Abneigung anzusehen.
„Aber wir haben gar keinen Anhaltspunkt.“
„Doch diesen einen! Wenn die Zielperson, vor drei Tagen in Deutschland ankam, in der Nacht zum zweiten Tag nach Frankreich fuhr und dortblieb. Könnte Sie die Aktion an diesem Tag vorbereitet und am Abend durchgeführt haben. Bedeutet: Heute Nacht könnte die Fahrt zurück erfolgen. Mit Daniels im Gepäck. Von Ribeauville nach Ramstein.“
Naval ließ frustriert die Speisekarte sinken.
„Du lässt mich hier sitzen, wenn ich nicht mitkomme – oder?“
„Richtig.“
„Und was jagen wir? Einen Mörder oder einen verrückten Wissenschaftler?“
„Das wissen wir erst, wenn wir ihn haben.“

08/19 PGF

#125 Eine Geschichte (15)

Es war Nacht, als sie den Keller und das Haus verließen. In den umliegenden Feldern zirpten laut Grillen, am Himmel stand ein voller Mond. Vandenberg ging voraus. Sie liefen zu einem Wagen der in der Nähe parkte und stiegen ein.
Vandenberg klemmte seinen sportlichen Körper hinter das Lenkrad, Jack nahm auf dem Beifahrersitz Platz.
Während das Licht der Fahrkabine noch leuchtete, meinte Vandenberg: „Ich muss Sie nicht fixieren oder?“
„Nein.“
Jack schnallte sich an und sie fuhren los.
Der schmale Feldweg führte sie, wie Jack erkannte, von einem Landhaus weg, welches verlassen stand. Vandenberg lenkte den Wagen auf die Landstraße und beschleunigte.
„Wohin fahren wir?“
„Nach Ramstein.“
„In Deutschland?“
Der Amerikaner nickte. Er schaltete das Radio an. Cool-Jazz plätscherte aus den Boxen.
„Ja, unser wichtigster Standort in Europa. Ist das nicht verrückt? Dort sitzen Soldaten, die per Drohne, Terroristen in Afghanistan eliminieren, dass ist Kriegskunst – oder.“
„Oder Kriegsverbrechen. Oder kann ihre Gesichtserkennung einwandfrei identifizieren.“
Vandenberg winkte ab.
„Ah!“, machte er, „sind eh alles Mullahs. Aber etwas anderes, auch, wenn Sie glauben, ich verstehe es nicht: ich interessiere mich für ihre Arbeit. Was ist: das Toben der Zeit.“
Jack sah zum Fenster hinaus. Er entdeckte entfernte Lichter von Wohnhäusern und kurz aufblinkte Leitblanken, er wusste, um die Sterne über ihnen, aber für einen Moment war ihm, als führen sie durch eine endlose Schwärze, in denen ihre unwirklichen Stimmen, eine unheimliche Melodie bildeten.
„Stimmt: Sie verstehen es nicht.“
„Kommen Sie! Geben Sie mir eine Chance.“
Vandenberg grinste schief.
Jack schnaufte.
„Das Toben entsteht, wenn Entscheidungen nicht so getroffen werden, wie vorgesehen.“
„Sie meinen im Sinn eines umfassenden Determinismus.“
„Dem die menschliche Freiheit entgegen steht. Es ist, wie bei einem Fluss, der auf einen Felsen trifft, je nach Größe entsteht ein gefährlicher Sog.“
„Der alles verschlingen kann?“
„Der alles verschlingt.“

08/19 PGF