#1 Vermutung

Du kannst es nicht erzählen, wenn du es nicht fühlst. Aber du kannst es ausdrücken, ohne es zu erleben.

Das ist, knapp beschrieben, die Verfassung die nötig ist, um Geschichten zu schreiben.
Egal, welche Kunstgriffe man anwendet, der Leser spürt, durch Tinte und Papier hindurch, ob der Schreibende fähig war zu fühlen, was er schreibt.

Dabei ist unerheblich, ob dies Fühlen auf Empathie beruht oder, ob der Autor reale, eigene Erfahrung gesammelt hat. Ob er augenblicklich fühlt und erlebt und aus Erlebtem schöpft oder von Beobachtungen berichtet. Das sind nicht mehr, als Variablen.

Das Mitfühlen, des Autors mit dem Leser, des Lesers mit dem Autor, von Glück und Enttäuschung, Liebe und Verlust verbindet sie.
Das ist unfassbar tröstlich.

01/19 PGF

In der Dämmerung

Draußen dämmert es und es wäre längst Zeit gewesen den Bericht abzugeben.
Aber er brachte die Zahlen nicht zusammen und seine Argumente wollten sich nicht zusammenfügen, als würde er trockenen Kleber verwenden.
Aber die Zeit drängte, wie sie immer drängt, wenn wir sie lassen, indem wir etwas ernstnehmen.
Er schob die Tastatur von sich, als wäre sie schuld und sah zum Fenster hinaus, wo die Zweige kaum mehr zu erkennen waren. Die Stämme hoben sich schwarz gegen die graue Dämmerung ab, aber zwischen den Zweigen und der Welt bestand kein Unterschied mehr.
Der Bericht würde auch nicht helfen, so viel war klar. Er würde Fakten zusammentragen, aber dem Projekt dienten keine Fakten, ihm dienten Leidenschaft, Spontanität, Verspieltheit, aber die ließen sich nicht in Tabellen quetschen und jede SmartArt besaß weder genug Farbe noch Form, um sie auszudrücken.
Er würde sich, ohne den Bericht, rechtfertigen müssen! Seine Arbeit musste auch ohne den Bericht überleben.
So, wie man sich durch die Dämmerung tastet, verunsichert, nur ahnend, nicht sehend, so war es mit Ideen. Wie ein Glühwürmchen, wie einer dieser leuchtenden Tiefseefische, musste man sich selbst sein Licht sein und erst am Ende, nicht dazwischen, konnte man zeigen oder erklären, was man entdeckt oder erfunden hatte.
Er steuerte den Mauszeiger zum Startmenü, wählte „Herunterfahren“ und schaltete den Bildschirm aus.
Nein, einen Bericht zu verfassen, war nicht möglich.

12/18 PGF

Beim Fenster

Wie befreit, wie erlöst, stürzen die Tropfen vom Himmel und ich lausche ihnen und sehe Tropfen an der Scheibe zerplatzen, sich in Pfützen sammeln, den Boden dunkel färben.
Wie viele Tage habe ich das nicht mehr gesehen? Oder Monate …
Für nichts war Zeit – für keine Besinnung war Zeit. Immer handeln, suchen, lieben, zweifeln, entscheiden. In der Welt sein, aber ohne Bindung an sie.
Hier am Fenster entsteht Verbindung. Verbindung mit dem Ganzen. Sehe ich nicht mehr nur meine Füße, wie sie eilen und stolpern oder springen.
Ich sehe den Himmel und die Wolken, die über die Welt ziehen, schweigsam und geheimnisvoll, wie zu allen Zeiten. Sehe wie der Regen fällt, wie er niedergeht auf all das was durch ihn geworden ist und durch ihn fortbesteht.
Ich halte meine Hände an einer Tasse warm und mein Herz mit Gedanken an dich.
Wohin eilen und rennen wir? Unseren Spielen nach, wie Kinder, ich weiß. Aber ohne Unschuld.
Eine Weile werde ich noch nach dem Regen sehen.
Ob er aufhört, ehe ich das Sein verliere?

PGF 12/18

Dekadenz

Ich glaube, wir leben in zerbrechenden Zeiten und wir verdrängen es, weil wir in den letzten Tagen einer Orgie leben, die wir gar nicht fühlen, berauscht, wenn auch abklingend, satt bis zum Ekel, befriedigt, wie ein Freier.
Uns fehlen die Kraft und die Lebendigkeit es zu erkennen.

Wir hätten zu tun, wir hätten viel zu fragen, aber unterlassen es.
Diese Zeiten sind geprägt vom Verharren: Die Macht ist konsolidiert und nicht mehr wählbar, die Bedeutungslosen sind desillusioniert und es gibt keinen Geist des Ausgleichs und der Symbiose, es gibt nur noch Meinungen.

Die Kunst verkommt zur Unterhaltung und Sehnsucht zur Selbstbefriedigung.
Wir leben in zerbrechenden Zeiten und die Einsamen bauen, abseits des Lärms, ihre Arche.

10/18 PGF

Was unbeantwortet bleibt

Das Bedürfnis eine Geschichte zu erzählen, damit fängt es an. Und dann kommt die Suche nach den Mitteln, der Sprache und Schrift.
Es ist davon auszugehen, dass die Sehnsucht sehr alt ist und, bei den Ersten, die sie empfanden, zu nicht mehr gereicht hat, als zur Entdeckung eines Wortes oder einer Buchstabenfolge.
Die nächsten, die es fortsetzten, bildeten aus diesen Buchstabengefügen Sätze usw.

Somit ist, nach dem ersten Bedürfnis zu erzählen, der nächste Schritt: Wie bringe ich es zum Ausdruck?
Das ist die handwerkliche Ebene und nicht selten mündet sie in der Frage: Aber was ist der Wert? Ist das, wozu ich Sätze und Seiten und ganze Kapitel zusammenfüge, irgendetwas Wert, dass der Welt dient? Wir ihr ein Dach, ein Stück Brot, eine Kerze dient? Und, wenn: genügt nicht, die abendliche Anekdote im kleinen Kreis?
Ab hier ist es eine Frage, der Tiefe des Erlebens. Wie bedeutsam ist der Blick, der Pathos des Erlebens?

Wer hier nicht aufgibt, findet zum letzten Schritt: Er bringt seine Variation, eines Hörens, Sehens oder Denkens, seine Variation einer Sinnlichkeit oder Erlebens zum Ausdruck. Und, wenn dieser auf Zuhörer trifft, wirkt es, als sei es von Anfang an, ganz einfach gewesen, mit den Worten zu jonglieren, bis ein Text daraus entsteht.
Ob von Wert?
Wer weiß!

10/18 PGF

Warten

Ich werde manchmal gefragt, ob ich wirklich auf Knopfdruck mit einem Manuskript beginnen kann. Je nachdem, wie wahrscheinlich es ist, dass ich verstanden werde, sage ich:
Ja, und nicht mehr.
Nein, und nicht mehr.
Oder Folgendes:
Auf Knopfdruck beginnen kann ich nicht, die Beschäftigung mit oder für ein Skript beginnt schon wesentlich früher, bewusst oder unbewusst. Und ich mache mir Gedanken, über das Schreiben an sich oder das Thema, welches mir vorschwebt.
Es ist, wie die Vorbereitung auf eine Reise: man kann sich vorab Bilder ansehen und träumen, wie man die Orte in Wirklichkeit erleben wird oder akribisch Hotelbewertungen lesen, Reiserouten berechnen und kulturelle Hintergründe recherchieren. Alles bereitet auf die Reise vor, aber beginnen tut sie, mit dem immer wieder gerühmten ersten Schritt.
Und ähnlich ist auch die Vorspannung oder das Reisefieber, beim Schreiben. Es gibt diesen Moment, da muss man nicht loslegen, sondern da darf man endlich loslegen und diesen Moment muss man finden.
Und dann reist man, manchmal beschwerlich, manchmal begeistert, manchmal inspiriert und manchmal in schäbigen Hotelzimmern, bei denen man besser die Matratze nicht kontrolliert.
Deshalb ist es kein Knopfdruck, sondern eher sein Bündel packen, die frische Morgenluft tief einatmen und sich auf den Weg machen.

09/18 PGF

Sentenzen und Romane

So, wie das Gefäss, zur Menge der Flüssigkeit passen muss, die es aufnehmen soll, so ist manchmal ein Gefühl oder ein Gedanke, nicht mit wenigen Worten einzufangen, sondern benötigt Geduld und Zeit, um alle Worte, Sätze und Kapitel zusammenzuführen, die notwendig sind, um es im Fluss, erzählen zu können.

09/18 PGF