#24 Zwischen den Zeilen

Das darf man niemand verraten, das alle Zeilen Blut sind und alle Worte Tränen, dass die Sätze aus Wunden fließen und aus der Seele die trauert.
Es darf niemand ahnen, dass selbst die fröhlichsten Absätze, wenn man sie ganz zurück verfolgen würde, dem Schmerz entstammen und seiner Überwindung.
Nur die Illusion, dass der Autor irgendein lustiges Spiel betreibt, wenn er Bücher verfasst oder Kunstgriffe erlernt hat, wie Affen Kunststücke lernen, damit er seine Gedanken damit zum Besten geben kann, sorgt dafür, dass der Leser nicht wegsieht. Denn der Mensch sieht nur hin, wenn er sich Mitleid für sich selbst erhofft, sonst sieht er lieber weg, dorthin, wo ihn etwas lustiges lockt.
Das Heilsame jedes Buchstabens ist, dass er geschrieben wurde, um zu verstehen, wenn er gelesen wird, um zu begreifen.

03/19 PGF

#23 Monday without future

Es ist nicht das „Schuleschwänzen“, das die konservativen Politiker stresst. Es ist die Haltung, das Aufbegehren. Liberale Politiker sollten sich schämen, darin ein Problem zu sehen, denn was sonst ist liberal, als die Freiheit der eigenen Meinung.

Was die Politiker stört ist das Murren in der Schafsherde, das schien ausgetrieben. Es ist die Angst vor einer Generation die sich nicht mehr der Produktionskette unterwirft und der stille Zorn auf eine Elterngeneration, die das zulässt. Eine Generation von Eltern die offenkundig funktioniert und konsumiert, wie vorgesehen, ohne es zu vererben … Im Gegenteil, sie schützt ihre Kinder vor dem Mantra „Arbeit kommt vor allem, Dienstpflicht kommt vor allem“.

Die Schülerbewegung die jeden Freitag, in wachsender Zahl für die Umwelt protestiert ist unangenehm. Man kann sie nicht diffamieren oder knüppeln, wie Studenten und nicht einschüchtern, wie Stuttgart-21-Gegner oder Wutbürger. Bei Schülern geht das nicht, sie genießen Welpenschutz.

Und noch schlimmer: Sie haben in der Sache recht, auch, wenn man ihnen vorwerfen kann, dass sie ohne Smartphone, Tablet und Laptop, rasch in digitale Atemnot geraten. Nur sie sind ja noch nicht so weit! Was droht der Politik, wenn diese Generation nicht nur konsequent und verantwortlich denkt, sondern auch zu handeln beginnt?

In zwanzig Jahren blicken wir vielleicht zurück und sehen das „Fridays for Future“, die Götterdämmerung einer verfehlten Politik war. Und, dass die Generation, die jeden Montag aufgestanden ist und auf dem Weg zur Arbeit, das Gefühl hatte ihr Leben wegzuwerfen, zumindest dies an ihren Kindern gut gemacht hat.

03/19 PGF

#22 In the middle of nowhere

Der Mittelteil ist der Mittwoch des Schreibprozesses. Der Anfang, der Schwung liegen zurück, das Ende, die Vollendung sind nicht in Sicht.
Man ahnt, wie sich für den Leser, die Zahl der Seiten unangenehm streckt, kann aber den Mittelteil nicht auslassen. Geschichten sind keine Kopffüßler.
Deshalb bleibt?
Straffen und Verschönern. Der Mittelteil darf keinen Ballast tragen. Er muss Anfang und Ende sinnvoll verbinden, so wie ein gelebtes Leben, Geburt und Tod sinnvoll verbindet.
Es gilt alles zu streichen, was nicht nötig ist und alles was nötig ist, so schön zu gestalten, dass der Leser die bloße Zweckhaftigkeit nicht spürt. Vielmehr bei jeder Wendung denkt: Ach ist das spannend! Wusste ich noch nicht! Oder: Toll formuliert.
Einen tollen Anfang zu gestalten, einen hochdramatischen Schluss, gelingt durch eine glückliche Eingebung. Aber „in the middle of nowhere“ bewähren sich nur die zähen Geister.

03/19 PGF

#21 Antwort

Es ist ihre Einsamkeit, die zwei Menschen zusammenführt.
Es ist nicht das Aussehen, nicht die Ansichten, nicht das Geld, es ist ihre Einsamkeit.
Vielleicht beruht diese auf dem Aussehen, den Ansichten oder dem Geld, wobei es keine Frage des Mangels sein muss. Auch schöne oder reiche Menschen können einsam sein.
Es ist die Qualität der Einsamkeit, die zwei aneinander erkennen und miteinander überwinden wollen.
Deshalb ist es so schmerzhaft, wenn es nicht gelingt.
Die Einsamkeit wird größer.
Deshalb ist jedes Strafen in der Liebe verhängnisvoll, weil es einsamer macht.
Wenn Liebe gelingen soll, muss sie eine Antwort auf die Einsamkeit sein.

03/19 PGF

#19 Objekt

Manchmal betastet man den Tod, wie ein fremdes Objekt, von dem man nicht weiß, ob es gefährlich oder kostbar ist.
Man untersucht ihn, mit Distanz und Vorsicht, um sich nicht zu verletzen oder ungewollt daran zu vergiften.
Man hält sich bewusst, dass er kein Rätsel ist, welches man mit einem Griff entschlüsselt.
Man versteht ihn, wie die Atome, aus denen die Welt besteht, die man nicht fassen kann.
Es wird dauern, bis er kommt.
Das ist schön.
Und es ist schwer, weil man ihn weglegen kann und vergessen, aber immer und immer wieder aufnehmen muss, um ihn erneut zu betasten und vorsichtig zu ergründen.
Lösen wird man ihn nicht und nicht beseitigen.
Man wird mit ihm vertraut, wie man mit der Welt vertraut wurde: suchend und stürmend, durch Ängste, Enttäuschungen und Verluste hindurch.
Die Welt ist kein Ort ohne Angst.
Im Gegenteil: sie ist voller Ängste, Anlass aller Ängste, die wir, nur vertrauend überwinden.
Vertrauend, dass die Dunkelheit uns erschreckt aber nicht schadet, Menschen uns fremd sind, aber unser Herz erfassen können.
Mit diesen Fragen und Erkenntnissen betrachten wir ihn.
Dann legen wir ihn wieder beiseite.
Ermuntert, uns dem Leben zu zuwenden: den Farben, dem Licht, der Vielfalt an Formen und Sinneserfahrungen, neben diesem Dunkel.

03/19 PGF

#14 Fernes Land

Und manchmal ist es ein Leben,
von dem man nicht berichten kann.

Man kann erzählen,
man kann aufschreiben,
aber es endet, wie eine Aufzeichnung,
aus einem Land, welches niemand kennt.

Schon während man den Duft schildert,
spürt man, dass er nicht empfunden wird
und während man die Farben beschreibt,
sieht man: sie bleiben ungesehen.

Unser Inneres ist,
für andere ein fernes Land
und kein Bericht verändert dies.

Man müsste Fernweh spüren …

02/19 PGF