#47 Zwischen den Zeilen

Was zum Wort wird, ist ja nur Oberfläche.
Man muss sich, hinter den Worten, unsagbares Glück oder Traurigkeit oder Hoffnung denken, die schwingend und schattierend in Worten Halt suchen, ohne sich darin abzubilden.
Was Wort wird, ist zu Ende gelitten, zu Ende genossen.
Wenn es fragil ist, wie ein Vers oder eine Sentenz, dann mag es noch oszillieren zwischen Wort und Seele, aber ist es erst breit und episch, liegt eine umfangreiche Schicht Erkenntnis und Verstand, zwischen Abgrund oder Glück und der Formulierung.
Nicht, dass damit alles geklärt ist.
Es ist nicht das letzte Glück und nicht der letzte Abgrund.
Deshalb sind wir so dankbar für jeden Leser.
Wenn uns jemand liest und vervollständigt, wohin die Worte nicht reichten, überbrückt er die letzte Distanz zwischen Ich und Ich, als würden zwei Seelen zu einem Bewusstsein werden.

PGF 05/19

#43 Der Wind im Gras

Es gibt auch dieses leise Lieben,
das flüstert, wie Wind im Gras,

das wärmt, wie morgendliche Sonnenstrahlen

und duftet, wie der Frühling im Mai,

das im Blick liegt
und im Klang der Worte … –

weich und mächtig,
wie wandernde Wolken vor tiefem Blau.

05/19 PGF

#42 Die Frucht der Erkenntnis

Manchmal liest man etwas und hält es für gut oder klug, weil man es für den Ausgangspunkt eines Denkens hält.
Aber in Wirklichkeit verhält es sich anders.
In Wirklichkeit ist es das Ende eines Erlebens, das Ergebnis einer Erfahrung, aus der alle Dummheit, alle Fehler und Irrtümer herausgerechnet sind.
Bis am Ende nur noch die reine Erkenntnis bleibt.
Diese Weisheit des Rückblicks muss man entlarven, um niemand zu überschätzen und, um den Mut zu bekommen, sich auf den Weg zu machen …

05/19 PGF

#41 Über die Jahre

Menschen verlieben sich
Kinder werden zu Leuten,
Länder leiden in blutigem Krieg.

Blüten leuchten in der Sonne,
Reisende sehen aus Flugzeugscheiben
und Meer rauscht im Kies vor und zurück.

Freundschaften verlieren sich
Flüchtige stehen vor verschlossenen Toren,
Karrieren fressen Seele und Herz.

Ähren vertrocknen,
ein Genie wird geboren,
die Welt jubelt in blindem Glück.

Und ich schrieb ein Buch
und über all diesen Seiten,
wechselten nur Tag und Nacht.

05/19 PGF

#39 Der lange Atem

Den großen Arbeiten stehen zwei Dinge im Weg: die Zeit und der Sinn. Und es geht dabei ums Fühlen. Mit „groß“ ist in diesem Zusammenhang nicht eine Wertung gemeint, sondern ein Umfang beschrieben. Die Wertung „groß“ kann keiner treffen, auch keine Gegenwart. Ob etwas groß war, erkennt die Nachwelt – oder nicht mal sie.

Wenn also eine, vom Umfang, große Arbeit bewältigt werden soll, ist es, vielleicht zu erst, der Sinn, der sich in den Mittelpunkt quetscht und mault: „Was soll das eigentlich? Braucht das die Welt?“
Und je nach Selbstbewusstsein, lautet die Antwort: „Nein“ und das Werk ist erledigt; „Vielleicht“ und es hat eine Chance; „Unbedingt“ und seine Vollendung ist – unter diesem Gesichtspunkt sicher. Der Sinn wird sich der Antwort beugen – vorerst. Aber er wird zurückkommen und er wird, monoton und geduldig immer mal wieder fragen: „Und das braucht die Welt?“ „Und das soll von Wert sein?“ Wieder wird eine der drei Antworten entscheiden, ob er gewinnt oder nicht.

Ob er unterliegt oder nicht, entscheidet aber nicht über die Vollendung. Neben ihm gibt es die Zeit, die weniger mit lästigen Fragen bedrängt, sondern ihren Druck schweigsam ausübt. Sie lässt die Fragen von allein entstehen:
„Sollte ich sie nicht besser mit etwas anderem ausfüllen?“ „Habe ich überhaupt genug davon? Sollte ich sie nicht besser für etwas Spaß verwenden?“
Die Zeit ist ein leeres Blatt, welches, selbst, wenn es gefüllt wird, mit wunderbaren Zeichnungen oder Versen, am Ende vergilbt und in Nichts verwandelt, was vielleicht sogar sinnvoll war. Gegen die Zeit gibt es kein Argument.

Deshalb schrieb ich, es geht ums Fühlen.

Das Gefühl das Richtige zu tun und es weiter zu tun, egal, wie sehr die Zeit drückt und der Sinn fragt, das ist alles was man tun kann, um den Umfang zu bewältigen.
„Du wirst es mir zeigen.“ Sagt man der Zeit.
„Du bist der Sinn, den ich bestimmt habe.“ Sagt man dem Sinn.
Und erwartet keine Antwort, die einem den Umfang der Arbeit erleichtert. Das macht die Liebe, die man in sich fühlt oder die einem begegnet.

05/19 PGF

#37 Es geht ums Erzählen

Man liest so viel, wie man es machen soll, das Schreiben. Ich habe das Gefühl die Flut an Schreibratgebern nimmt nicht mehr ab. Im Gegenteil, mittlerweile weiß ein ganzes Genre „wie man es macht“. Und stört sich wenig daran, dass Geschmack verschiedentlich ist (Gott sei Dank), dass verunsichert, was unterstützen soll und das Rat geben, so viel bequemer ist, als machen. Ich hätte ein paar ganz fantastische Ideen, wie der Krieg und der Hunger aus der Welt zu beseitigen wären, finde meist nur nicht die Zeit, mich mal intensiver darum zu kümmern …

Was anderes sind die Bücher zur Regelkunde. Die kann man nicht einfach beiseite schieben, außer man ist verwegen genug, sich nicht um die Einhaltung aller Regeln zu kümmern. Dan Schreibt mann Setze, wie´s ei´nem grade passst UND freud Sich Wie Ein schelm. Natürlich kann man die Regeln auch gewissenhaft erlernen und dabei eine gewisse Sicherheit gewinnen, annähernd verstanden zu werden, wie es gemeint ist.

Über dem Ehrgeiz und über dem Bemühen, geht mir ebenfalls immer mal wieder verloren, um was es geht. Und ich muss mich mahnen: „Vergiss nicht: die Aufgabe ist erzählen, nicht schreiben!“ Wenn ich in diesen Tagen das Manuskript wiederaufnehme und mich durch Berge an ungeklärten Strukturfragen, Handlungsfäden und Szenegestaltungen taste, dann bin ich schnell dabei, zu überlegen wie ich schreiben soll? Blödsinn! Ich will eine Geschichte erzählen, eine spannende und unterhaltsame, mehr ist es nicht.

Den ganzen Tag über erzählen wir uns Geschichten. Wie es uns geht, was wir vorhaben, was wir erlebt haben. Manchmal hören wir einander zu und manchmal sinkt die Aufmerksamkeit rascher, als das Mitteilungsbedürfnis sich wünscht. Manchmal liegt es daran, dass wir schlecht erzählen, manchmal daran, dass die Geschichte langweilig ist und (genauso) manchmal daran, dass dem Zuhörer der Geist fehlt, um zu hören.

Mehr ist es nicht: sich einlassen auf das, was man erzählen möchte. Sich einstimmen, damit der Ton und die Geschichte zusammenpassen. Erzähle ich eine Geschichte, die traurig macht oder die belehrt oder bei der man ständig lachen muss, muss ich jeweils anders erzählen. Dass dabei zufällig Buchstaben, Sätze und Satzzeichen ins Spiel kommen, ist unvermeidlich. Solange sie nicht im Weg stehen, stören sie nicht …

04/19 PGF

#35 Der Ort des Geschehens

Es ist ein Fehler, zu glauben Schreiben hätte mit schreiben zu tun und man müsse die ganze Zeit angespannt vorm Bildschirm oder Blatt sitzen, bis Worte kommen.
Malen hat auch nichts mit malen zu tun.
Musik nichts mit Instrumenten.
Das sind alles nur Mittel der Veräußerung.
Für den Maler, sind Formen und Farbe überall in der Welt, auch, wenn er keinen Pinsel in der Hand hält.
Der Musiker hört Tempo, Harmonie und Klang überall.
So ist das Wort, ist die Sprache überall.
Die Geschichten erzählen sich ohne Papier und ohne Buchstaben, fern der Schreibtische, in einem endlosen, gedanklichen Monolog.

04/19 PGF