Langsam Worte finden

Gerade beginnt es zu regnen.
Nicht stürmisch, nicht strömend, sondern zaghaft, sehr zaghaft. Wie ein Mensch der endlich Worte findet, um über etwas zu sprechen, was ihn seit Jahren bedrückt.
Erst vereinzelt, dann zunehmend sicherer, fallen ihm die Worte zu, sodass er erklären und sich verständlich machen kann.
Welche Erleichterung, welch heilsamer Prozess ist es, dies zu können.
Vielleicht braucht er nicht mehr, als jemand der zuhört, wie man dem Regen zuhört, wenn er langsam beginnt und zögerlich gegen die Scheiben klopft.
Wie jemand, der langsam Worte findet.

05/18 PGF

Die eigentliche Mitte

Nichts ist ermüdender, als sich ständig wiederholen und bestätigen zu lassen, was man bereits denkt. Gleichsam ist nichts belebender und förderlicher, als sich mit anderen Meinungen zu messen, um dadurch die eigene Wahrnehmung zu verfeinern.
Wir müssen nicht für oder gegen etwas sein, wir müssen nicht für den Islam oder gegen den Islam, für Patriotismus oder gegen Patriotismus Position beziehen, sondern wir sollten uns einig sein, dass, gleich welcher Farbe, der Fanatismus ein Problem ist. Es gibt auch fanatische Veganer, Feministinnen, Chauvinisten, usw. die wir nicht weniger fürchten sollten. Die Gefahr ist, die Enge in den Köpfen!
Es lässt sich mit jedem, nicht fanatischen Menschen, trefflich diskutieren. Mir bedeutet Deutschland nichts, aber es gibt Argumente, bei denen ich verstehe, dass sich jemand mit seinem Herkunftsland identifizieren möchte. (Als Autor profitiere ich, wenn die deutsche Sprache erhalten bleibt.) Ich kann mit Religion nichts anfangen, aber ich kann verstehen, dass sich jemand zum Islam (oder einer anderen Religion) hingezogen fühlt. (Als Atheist profitiere ich von kirchlichen Sozial-Einrichtungen).
Im Sinn der Wahrheit, hilft es uns, wenn wir uns, trotz unterschiedlicher Position, miteinander unterhalten.
Dem Fanatiker geht es nicht mehr um Wahrheit, sondern um den Absolutismus seiner Meinung. Diese Gefahr besteht immer, wenn sich Gleichdenkende nur noch miteinander unterhalten.
Deshalb benötigen wir auch keine Islam-Konferenz und keine Angst vor den neuen Rechten, wir brauchen eine starke Mitte, die sich gegen Fanatismus zu wehren weiß, aber die Pluralität der Ansichten bestehen lässt.
Was wir nicht brauchen, ist die, auf Konsum getrimmte Mittelmäßigkeit, die sich medial zu einer Meinung manipulieren lässt, statt sich kritisch, mit anderen Meinungen auseinander zu setzen.
Am Ende geht es nicht, um Position, sondern um Wahrheit.
Die ist selten wo anders zu finden, als in der Mitte, in der Mittelmäßigkeit ist sie nie zu finden.

05/18 PGF

Erinnerung

Du lebtest noch.
Und wir saßen zusammen, auf einer halb verfallenen Mauer, am Waldrand und philosophierten über das Leben.
Ich stützte mich, auf den weichen, roten Stein, der bei uns an vielen Orten verbaut ist und hörte dir zu. Ich erinnere mich gut, an die grob behauenen Mauerstücke und, wie der Stein riecht, wenn er nass wird.
Es lag alles noch vor uns. Also vieles lag vor uns, an diesem Frühjahrstag, mit seinem Sonnenschein und den Vögeln, die hinter uns in den Ästen sangen.

Das Lesen und die Bücher, Hesse und Schopenhauer, das hatte ich von dir. Das Philosophieren hatte ich in mir, aber du hattest die Quellen; das Erzählen hatte ich in mir, aber du machtest mich, mit den Gefäßen vertraut.
Als wir auf der Mauer saßen, und vom Waldrand über die Wiesen schauten, und über die Felder, die sich wie träumende, flache Wellen, bis zum Horizont streckten, waren wir uns lange schon vertraut; und hatten vieles zusammen erlebt: Schönes und Schweres, und es wirkte, als käme gerade etwas Licht in unsere Leben, wie es nach dem Winter, in die Welt kommt.

Ich weiß gar nicht, wie viel Zeit dir danach blieb.
Ich bin nicht sicher, wie viele Erinnerungen, sich danach noch bilden konnten. Ich glaube, es waren noch einige.
Aber an diese, an einem Frühlingsmorgen, am Waldrand, auf der Sandsteinmauer, im Sonnenlicht, an die erinnere ich mich gern.
Sie erinnert mich und mahnt mich, nichts was ich liebe, für selbstverständlich zu halten.
So halte ich dich in Erinnerung.
Und mehr bleibt ja nicht.

05/18 PGF

Losgelöst

Losgelöst von allen Gedanken
und allen Träumen,
losgelöst von aller Hoffnung
und dem Glück
schreibe ich dir meine Liebe,
meine Sehnsucht,
mein Verlangen,
mit Blicken ins Herz.
Losgelöst von mir
werden sie dort eine Geschichte,
bis du „Ende“
darunter schreibst.
Oder immer wieder: fortsetzen.

05/18 PGF

Mit dem Regen

Manchmal denke ich, dass sich mit dem Regen, die ganze Traurigkeit löst, die der Mensch in sich trägt.
Nicht die Traurigkeit, die aus Schwermut entsteht.
Sondern diese Traurigkeit, nachdem man glücklich war, nachdem die Sonne schien, nachdem man gelacht und Blumen bewundert hat; nachdem der Himmel blau und die Welt weit und warm war.
Und, wie das dann doch vorüber ging!
Und wieder grau und kühl und still und grau wurde.
Mit dem Regen ist es vorbei, mit dem Regen, löst sich der Schmerz, klärt sich die Erinnerung.
Man sitzt am Fenster und sieht hinaus und sieht Regentropfen die, die Scheibe hinab hasten, als müssten sie einer durstigen Pflanze Erleichterung bringen; man sieht die Blätter triefend, schwer unter den Tropfen wippen und hält inne:
nun muss man nichts tun!
Nur dem Regen lauschen und den Erinnerungen und den still keimenden Hoffnungen.
So ist das, mit dem Regen.

05/18 PGF

Was geschieht

Es geschieht sehr langsam und sehr leise, wie Blätter die wachsen oder Blüten die aufgehen, wie Berge erodieren und Flüsse verebben.
Es geschieht und hat noch nie aufgehört. So wie die Fragen, die Rätsel, die Geheimnisse nie ausgehen, oder der Schmerz …
Es geschieht während wir lachen und während wir weinen, ja selbst, wenn wir auf Belangloses warten geschieht es, unablässig.
Das ist das Sonderbare am Leben: es geschieht die ganze Zeit und wir müssen es nur mit unserer Liebe ausfüllen, damit sich, sein Vergehen und Werden, mit Sinn füllt.

05/18 PGF

Liebe die man in sich trägt

Weißt du,
ich fühle nur;
und treibe durch die Zeit,
für Schuld bin ich zu alt,
ich fühle nur.

Und was ich denke,
was ich hoffe, was ich will,
ist nur, wie Licht
am späten Abend, das vergeht
und mit den Schatten spielt.

Ich fühle nur
und frage nicht und wage nicht;
und fühle, dich …
ein zarter Wind, der manchmal,
neben dir spazieren geht.

05/18 PGF