#91 Von hier aus – wohin?

Manchmal läuft so ein Leben ja, wie ein stabiler Motor und man hat sein Thema, sein Spiel, sein Glück, dem man nachläuft, als hinge von nichts anderem das Schicksal der Welt ab.
Man ist verliebt, erfolgreich im Job, hat Kinder, ein neues Auto, zu viel Geld, zu wenig Zeit, Spaß am Entdecken, Glück beim Versuchen, seine Mission, sein Werk, einen brauchbaren Feind und strömt durch die Tage, wie ein kräftiger Gebirgsfluss durch sein felsiges Bett.
Aber, da von alldem das Schicksal der Welt eben nicht abhängt, sondern nur die eigene fragliche Existenz, rauscht dieser Fluss, wie es in der Natur nie vorkommt, unerwartet und nicht selten mitten in dürres Land, versickert, vertrocknet und hat sein wässriges Glück an den Staub der Zeit verloren.
Wir sind, so ist es unsere Natur, bei guter geistiger Gesundheit, so geschaffen, dass wir diesen Zustand nicht lange aushalten und uns das nächste Spiel suchen: eine neue Frau, ein neuer Mann, mit dem das Leben viel besser wird, ein schnelleres Auto, ein anderer Job mit höherem Gehalt, eine neue Wahrheit, eine neue Idee, die wir der Welt unbedingt ausgestalten und mitteilen müssen.
Dazwischen aber, stehen wir da und fragen uns: „Von hier aus – wohin?“
Was will ich? Was macht mich eigentlich glücklich? Was ist mein Schicksal?
Es bleibt still.
Wir müssen lange schweigen, um zu ahnen, was wir niemals wissen, nämlich, ob wir noch auf dem Weg sind, ob wir noch erfüllen, was nicht das Schicksal der Welt ist, aber unser Schicksal, damit die Dinge im Großen, von diesem Flügelschlag eines Schmetterlings mitbestimmt, sich zum Guten wenden.
Von hier aus – wohin?

07/19 PGF

#89 Blüten

Und dann kommt der nächste Tag
und ich wende mich ab,
wie von einer Fäulnis,
die man noch zu lindern versuchte,
ehe man einsah,
dass sie zu fortgeschritten ist –

wende mich ab,
von dieser Gier nach Macht,
der jeder Adel fehlt –
und deinem Lächeln zu
oder den Händen
die mit mir anpacken,
den Gedanken,
die wie ein gemeinsames Sehnen sind.

Damit das Gift
und der Ekel an der Zeit
nicht wirksam werden können,
damit die Keime lebendig bleiben
die wachsen müssen:
die der Liebe und der Wahrheit!
Die mit Blütenköpfen
durch Mauerritzen brechen.
Mit ihnen überlebe ich.

07/19 PGF

#87 Die Sprache der Liebe

Blicke und Träume, das ist die Sprache der Verliebten.
Am Tag suchen sich Augen, in den Nächten suchen sich die Gedanken.
Sonne und Mond sehen sinnend dem zu, weil niemand, wie sie, um gemeisames Schicksal und einsame Bahn weiß.
Und nur der Kuss, kann alle Worte ersetzen.

07/19 PGF

#85 Wie jedes Werk

Am Anfang jeder Geschichte stehen wir bewusst oder unbewusst vor einem gewaltigen Berg aus Einzelteilen, welche wir zusammenfügen müssen, damit eine Geschichte entsteht.

Ohne, dass wir es vielleicht wissen, sind bereits alle Ideen da. Manche sind uns vollkommen klar, andere aber, sind vorhanden, ohne, dass wir es begreifen. Es erfordert einiges Vertrauen in die eigene Fantasie, um sich auf den Prozess einzulassen und zu merken, dann, wenn sie gebraucht werden, kommen die fehlenden Teile.

Und so verringert sich der Berg, er sortiert sich gleichsam. Alles, das ganze Buch, alle Figuren, Handlungsfäden, Szenen, Schauplätze, das alles war bereits vorhanden und musste sich nur entfalten, so wie sich alle Schöpfung aus einer unbekannten Singularität entfaltet. Bis an ihrem Ende …

… eine Ordnung entsteht, von der man zu Anfang niemals annahm, dass sie möglich sei. Es war eine Frage der Kraft, der Ausdauer, der Erfahrung, wohin welches Stück muss, damit eine stabile Ordnung entsteht, von der der Betrachter annimmt, sie sei dem Werk immanent.
Und es sei ihr vorherbestimmt, irgendwann an einem kühlen Herbsttag Ende Oktober, für Wärme zu sorgen, während man auf dem Sofa sitzt und eine Tasse Tee genießt.

07/19 PGF

#84 Kohle

Als Autor weißt du irgendwann, vom Schreiben leben lässt sich nur mit Feuerwerk, Küssen und Achterbahn, die großes Publikum unterhalten.
Die einsamen Nachdenklichen, die ihre Träume nicht vom Papier ablesen, sondern in Texte, wie in einen Spiegel sehen, die den Nuancen des Grau nachsinnen, die sich für das karge Licht, im letzten Lebenswinkel interessieren, die die endlose Sternenwelt, hinter dem sicheren Blau fasziniert, die den einen Grund neben den unendlichen Zweifeln suchen, die kaufen nicht Bücher, die leben mit Büchern, die lesen nicht Zeilen, die reden mit Zeilen, die sind selten.
Man kann für sie schreiben, von ihnen leben kann man nicht.
Nein, das ist falsch.
Man schreibt, egal was man schreibt, für sie.

07/19 PGF

#83 Wie das mit der Liebe ist

Weißt du, Lieben hat gar nichts mit Kämpfen zu tun.

Mit Kämpfen geht Liebe gar nicht. Es kann keine Gewinner geben, man muss nicht auf der Hut sein, die Kontrolle bewahren, die Macht haben. Wenn man das muss, muss man keine Angst mehr um die Liebe haben, die ist dann längst weitergezogen.
Es geht vielleicht um Rache, ums Verletzen, darum nicht zu verlieren, als wäre es ein Match, das man mit dem letzten Punkt gewinnt.

In der Liebe öffnen sich Türen, lösen sich Missverständnisse, vertreibt Reden Lügen, wird Vertrauen sicher und die Angst wird still. In der Liebe wächst man, als wäre sie Licht. Man leidet nicht, nur manchmal lernt man eine schmerzhafte Lektion, aber Liebe vergibt Lernen.

Kämpfen gibt es in der Liebe nur selten, als miteinander, umeinander … mit gegeneinander, hat sie nichts zu tun.
Das macht sie schön.

07/19 PGF

#81 Abseits der Zeilen

Würde ich erzählen, so würde es ein langer, schmerzlicher Monolog, den am Ende niemand verstünde und dem vom Start weg, Wenige folgen würden.
Deshalb kürze ich ab. Setze den Punkte, hinter kurze Ausschweifungen, beende Verse im Flattersatz und lasse manchmal ein Bild oder ein Lied sprechen, weil alles zusammengefasst zu erzählen, zu viel Zeit, zu viel Geduld erfordern würde.
In jedem Text ruht Verlorenes, Unerreichtes, Berührungen die nicht stattfanden, Fügungen die sich nur in der Fantasie ergaben, aber das Leben entschied sich dagegen.
Erzählen, wirklich erzählen was war und ist, was alles dazu gehört, zu einem Schicksal, ganz weit hinten beginnend bei Geburt und erstem Atemzug und bis an die Grenze ahnend errechnen, was mit dem letzten Atemzug erkannt sein will, das kann nicht fröhlich und nicht einfach sein.
Da können viele Themen nicht ausbleiben, die essentiell sind, aber die Unterhaltung stören …
Wie selten unterhalten sich Menschen über das was essentiell ist?
Wie selten erzählen sie einander?
Das ist die erste Lehre, wenn man schreibt: unterhalte, erinnere, vermittle, aber erzähle nicht, von dem was wirklich ist.
Stell dich nicht nackt auf den Markt.

07/19 PGF