Dekadenz

Ich glaube, wir leben in zerbrechenden Zeiten und wir verdrängen es, weil wir in den letzten Tagen einer Orgie leben, die wir gar nicht fühlen, berauscht, wenn auch abklingend, satt bis zum Ekel, befriedigt, wie ein Freier.
Uns fehlen die Kraft und die Lebendigkeit es zu erkennen.

Wir hätten zu tun, wir hätten viel zu fragen, aber unterlassen es.
Diese Zeiten sind geprägt vom Verharren: Die Macht ist konsolidiert und nicht mehr wählbar, die Bedeutungslosen sind desillusioniert und es gibt keinen Geist des Ausgleichs und der Symbiose, es gibt nur noch Meinungen.

Die Kunst verkommt zur Unterhaltung und Sehnsucht zur Selbstbefriedigung.
Wir leben in zerbrechenden Zeiten und die Einsamen bauen, abseits des Lärms, ihre Arche.

10/18 PGF

Was unbeantwortet bleibt

Das Bedürfnis eine Geschichte zu erzählen, damit fängt es an. Und dann kommt die Suche nach den Mitteln, der Sprache und Schrift.
Es ist davon auszugehen, dass die Sehnsucht sehr alt ist und, bei den Ersten, die sie empfanden, zu nicht mehr gereicht hat, als zur Entdeckung eines Wortes oder einer Buchstabenfolge.
Die nächsten, die es fortsetzten, bildeten aus diesen Buchstabengefügen Sätze usw.

Somit ist, nach dem ersten Bedürfnis zu erzählen, der nächste Schritt: Wie bringe ich es zum Ausdruck?
Das ist die handwerkliche Ebene und nicht selten mündet sie in der Frage: Aber was ist der Wert? Ist das, wozu ich Sätze und Seiten und ganze Kapitel zusammenfüge, irgendetwas Wert, dass der Welt dient? Wir ihr ein Dach, ein Stück Brot, eine Kerze dient? Und, wenn: genügt nicht, die abendliche Anekdote im kleinen Kreis?
Ab hier ist es eine Frage, der Tiefe des Erlebens. Wie bedeutsam ist der Blick, der Pathos des Erlebens?

Wer hier nicht aufgibt, findet zum letzten Schritt: Er bringt seine Variation, eines Hörens, Sehens oder Denkens, seine Variation einer Sinnlichkeit oder Erlebens zum Ausdruck. Und, wenn dieser auf Zuhörer trifft, wirkt es, als sei es von Anfang an, ganz einfach gewesen, mit den Worten zu jonglieren, bis ein Text daraus entsteht.
Ob von Wert?
Wer weiß!

10/18 PGF

Warten

Ich werde manchmal gefragt, ob ich wirklich auf Knopfdruck mit einem Manuskript beginnen kann. Je nachdem, wie wahrscheinlich es ist, dass ich verstanden werde, sage ich:
Ja, und nicht mehr.
Nein, und nicht mehr.
Oder Folgendes:
Auf Knopfdruck beginnen kann ich nicht, die Beschäftigung mit oder für ein Skript beginnt schon wesentlich früher, bewusst oder unbewusst. Und ich mache mir Gedanken, über das Schreiben an sich oder das Thema, welches mir vorschwebt.
Es ist, wie die Vorbereitung auf eine Reise: man kann sich vorab Bilder ansehen und träumen, wie man die Orte in Wirklichkeit erleben wird oder akribisch Hotelbewertungen lesen, Reiserouten berechnen und kulturelle Hintergründe recherchieren. Alles bereitet auf die Reise vor, aber beginnen tut sie, mit dem immer wieder gerühmten ersten Schritt.
Und ähnlich ist auch die Vorspannung oder das Reisefieber, beim Schreiben. Es gibt diesen Moment, da muss man nicht loslegen, sondern da darf man endlich loslegen und diesen Moment muss man finden.
Und dann reist man, manchmal beschwerlich, manchmal begeistert, manchmal inspiriert und manchmal in schäbigen Hotelzimmern, bei denen man besser die Matratze nicht kontrolliert.
Deshalb ist es kein Knopfdruck, sondern eher sein Bündel packen, die frische Morgenluft tief einatmen und sich auf den Weg machen.

09/18 PGF

Sentenzen und Romane

So, wie das Gefäss, zur Menge der Flüssigkeit passen muss, die es aufnehmen soll, so ist manchmal ein Gefühl oder ein Gedanke, nicht mit wenigen Worten einzufangen, sondern benötigt Geduld und Zeit, um alle Worte, Sätze und Kapitel zusammenzuführen, die notwendig sind, um es im Fluss, erzählen zu können.

09/18 PGF

Perspektivwechsel

Normalerweise legt, denke ich, jeder Mensch Wert auf seine Meinung. Aber, als Autor, tut man das klugerweise nicht!
Denn man sucht unentwegt nach einem Sortiment an Meinungen, die man für seine Figuren benötigt und legt sich ungern fest. Perspektivwechsel sind elementar für jede Form des Erzählens.

Die Gefahr ist, dass man opportunistisch wird, weil man lernt, so viel zu verstehen, sich in so viel hinein zu fühlen. Man verliert eine Haltung.
Das ist zwischenmenschlich eine Problem und auch mit Blick auf gesellschaftliche Themen. Deshalb meiden viele Autoren politische Fragen, solange nicht die Humanität selbst gefährdet ist. Bei jedem Sachthema, sehen sie beliebig viele Seiten und keine will sie überzeugen.
„Zwei Seelen ach´ …“

Dies zu lösen, ist die große Aufgabe, für jeden Menschen und Autor: Dass er als Mensch klar und verstehbar bleibe und als Künstler darum bemüht, zum Nachdenken und zum Perspektivwechsel anzuregen.

09/18 PGF

Ich schreibe nur für mich

Das Bedürfnis zu schreiben, ist nicht identisch, mit dem Bedürfnis zu erzählen.
Das Bedürfnis zu schreiben, kann losgelöst sein, von dem Bedürfnis gehört zu werden.
Das Bedürfnis zu erzählen, ist eng verbunden mit dem Wunsch, dass jemand zuhört.
Deshalb ist der Satz: „Ich schreibe nur für mich selbst“, durchaus aufrichtig.
Er beginnt unzutreffend zu werden, wenn der Ton erzählend wird.

09/18 PGF

Warme Sachen

Vielleicht haben die Menschen früher, um diese Zeit, im Geist die Geschichten des Sommers zusammen getragen, damit, wenn die Regentage kommen, jemand etwas zu erzählen hat. Wenn alle beim Feuer sitzen und schweigen, weil sie frieren und hungern.
Es ist schön, wenn es draußen regnet und jemand eine Geschichte erzählt, wenn Worte und Tropfen im gleichen rauschenden Takt miteinander fließen.
Ein Buch ist ein guter Erzähler, den man einfach auffordern kann zu schweigen, wenn man den eigenen Gedanken nachhängen möchte; wenn es stürmt und Gewitter über das Land ziehen.
Dann ist man froh, um warme Sachen, eine gefüllte Kammer und ein Sommer volles Herz.
Wenn der Sommer sehr lang war und sehr heiß, dann mag es viel zu erzählen geben, während einer Holz im Kamin schichtet und die trockenen Kräuter am Balken hin und her schwingen.

09/18 PGF