#109 Plotten

Wahrscheinlich mache ich was falsch, aber ich hätte gar keine Lust beim Schreiben, wenn ich wüsste, wie es weitergeht.
Ich kann mich an keine Geschichte erinnern, bei der ich, wie bei einem Schulaufsatz, nach der Stichwortsammlung, eine Gliederung erstellt hätte, um diese dann, mit Text auszufüllen.
Furchtbare Vorstellung.
Wenn ich eine Idee habe, weiß ich noch gar nicht. wo die hinführt. Das macht den Spaß beim Schreiben! Vielleicht nicht den Erfolg, der mag mit Charakterschablonen und Plothilfen durchaus zu gewinnen sein, aber für diese Form, von Spaß beim Schreiben, bin ich viel zu undiszipliniert.
Ich muss dafür viel umschreiben, manches komplett verwerfen und Figuren wieder einstampfen, die mir in der ersten Version unersetzlich erschienen.
Es ist auch nicht so, dass man dadurch den „Ur-Ideen“ der Textgestaltung ausweichen könnte, am Ende strebt man immer nach Spannungsbogen, Handlungslinien und Charakterzeichnung, aber all das macht mir viel mehr Spaß, wenn es mit spontanen Ideen gefüllt ist statt mit:
X wird sich in Y verlieben. X hat folgende Hobbies: A, B und C. Durch C finden X und Y ein gemeinsames Interesse. Der eifersüchtige Z will aber X für sich allein. Deshalb verursacht er einen Unfall, während Y gerade C ausübt. Nach seinem Aufenthalt im Krankenhaus, versucht Y in sein altes Leben zurückzufinden. X ist mittlerweile in C Europameisterin und mit Z, ihrem Manager, verheiratet. Y entscheidet wieder mit C anzufangen. Bei einem großen Tunier kommen sich X und Y wieder näher. X verlässt Z und Y hat mit X zwei XX und ein XY. Ende
Wer das ausmalen mag, kann es haben, bitte schön … 😉

08/19 PGF

#106 Highlights

Immer mal wieder, trifft man auf fremd gewordene Zeilen, die ein früheres Ich geschrieben hat und die dem gewordenen Ich, gar nicht, wie etwas Eigenes erscheinen. Nicht selten schämt man sich oder schüttelt verständnislos den Kopf, über Formulierung, den Aufbau, den Mangel an Perspektive. Nicht so oft über den Inhalt, weil meist ein Moment damit verbunden ist und dieser Moment bleibt, auch, wenn man ihn mit Worten nicht festzuhalten vermochte.

Es gibt aber auch Momente, in der Regel, wenn man nicht aus eigenem Antrieb durch alte Blätter stöbert oder in Schubladen etwas sucht, sondern wenn ein fremder Leser einem aufmerksam macht, da sind diese Zeilen irgendwie treffend, schön zu lesen, sinnig. Man ist nicht mehr so verliebt in sie, wie, wenn man sie frisch geschrieben hat. Sie sind fremder, gehören mehr der Welt, als einem selbst, trotzdem freut man sich, dass man mit ihnen jemand berühren konnte. Man freut sich, etwas Schönes in die Welt gebracht zu haben. Vielleicht weiß man gar nicht mehr, wie man es hingebracht hat, aber es ist da und wirkt.

Das ist das Schöne am Bloggen oder am Verschenken von Texten, die man in einem mutigen Moment auf eine Karte geschrieben hat oder in einen Brief. Bei Büchern ist es etwas anders. Da lockt manches verkaufte Buch, ein Autorenexemplar in die Hand zu nehmen, darin zu blättern und ein wenig zu spekulieren, was den Leser wohl bewogen hat, es zu kaufen.

Erfreulicherweise mache ich, obwohl die letzte Veröffentlichung eine Weile zurückliegt, noch immer die beglückende Erfahrung, dass jemand eines meiner Bücher kauft. „Ich verkaufe Bücher“, hat ja zwei Komponenten: Die eine, bei der man nur glücklich ist, wenn man davon leben kann und die andere, die einem freut, weil sich jemand neugierig zeigt. Immer ein kleines Wunder.

Vermutlich bin ich deshalb so ungeduldig bis zur nächsten Veröffentlichung. Es ist dieser besondere Moment jemand zu unterhalten. Besser eigentlich, sich mit jemand zu unterhalten, mit dem man, unabhängig von Raum und Zeit, seine Gedanken austauscht. Wie ich mit dir, in diesem Moment.

08/19 PGF

#104 Stiller Abend

Die zurückliegenden drei, vier Jahre waren sehr intensiv, sehr arbeitsreich und (je nach Perspektive) erfolgreich.
Aber nicht ohne Preis.
Wenn man so mitten drin ist, im Lärm und im Jubel, öfter getrieben als gestaltend, getragen vom Gedanken, dass einer „die Dinge“ verantworten muss, vergisst man, wie leer Leben ist.
Wir spielen Spiele.
Das ist gut, es ist, wie Geschichten schreiben, nur das man die eigene schreibt. Man schreibt, als würde nie „Ende“ stehen. Aber die dicksten Bücher enden und die schönsten Kapitel enden nicht immer glücklich.
Die Hoffnung trägt.
Dazwischen liegen stille Abende, wie die leeren Zeilen und Seiten, zwischen Kapiteln. Hastig überblättert, doch kostbar. Träume die ihren Weg nicht aufs Papier finden. Stille, in der die Seele rein wird und unschuldig.
Vom Zeitlichen zum Ewigen sich wendet.
Schwer zu fassen, schwer zu dulden, weil im Stillen alles laut wird: all die Fragen, Sehnsüchte, das Vergängliche, du, die Einsamkeit zuletzt …
An stillen Abenden.

08/19 PGF

#103 Immer diese Diskussionen!

Was war das heute, für ein Spektakel, beim Einstieg ins Manuskript. Minutenlange Wortgefechte mit:
„Du schaffst das nicht!“
„Ich könnt´s doch versuchen?“
„Das kann nicht genügen!“
„Ist doch noch nicht fertig.“
„Lass es!“
„Aber-?“
„Lächerlich!“
„Hmm?“

Introjekte sind wirklich zäh. Sie klingen nach einem Selbst, aber, wenn sie es wären, würden sie einem kritisch beraten, fröhlich ermuntern und nicht entmutigen.
Dem öffentlichen Blick entziehen sie sich meist. Sie enden in Sätzen wie:
„Ach, ich habe gerade keine Zeit zum Schreiben.“
„Ich schreib das später fertig.“
„Ich mache gerade lieber (X,Y,Z) …“
Das Problem ihrer Argumente ist, dass sie, wie Horoskope, irgendwie zu treffen. Natürlich kann die Kraft ausgehen, das Ergebnis schlecht sein oder jemand darüber herfallen, aber, wenn Frauen so denken würden, wären wir alle nicht hier. Die können auch nicht, unter der Geburt, ihre Entscheidung revidieren.
„Ach du, lass drin. Ich trau mir das gerade nicht zu.“
„Ich mache später weiter.“
Sicher fühlen manche so, aber es hält die Entscheidung nicht auf.
Da kann man lernen von.

Man kann insgesamt lernen sich auf Diskussionen nicht einzulassen.
„Du schaffst das nicht!“
„Kann sein …“
„Das kann nicht genügen!“
„Kann sein …“
„Lass es!“
„Wieso?“
„Lächerlich!“
„Aber, ich habe Spaß dabei.“

An etwas festhalten, auch, wenn es fragwürdig ist, nicht aufgeben, auch, wenn es schwer fällt, an etwas glauben, für dass es noch keine Gründe gibt: so kommt das Leben in die Welt.
Wir können nicht mehr, als es stark machen, damit es seinen Platz findet.

Würden die Zweifler anpacken, sähe die Welt besser aus.

07/19 PGF

#98 Geheimnis von Kunstwerken

Kreativität ist schwer, weil wir beim Erschaffen spüren, wie wir die Spuren verlieren, von dem was wir festhalten wollen. In diesem Sinn gelingt dem Maler kein Bild, dem Musiker kein Lied, dem Autor kein Text. Es kommt nie zu Papier, wie gedacht, nur als Annäherung.
Deshalb ist es so wichtig, zum Ende hin, milde in der Korrektur zu werden, damit man (auch der Betrachter) den Eindruck gewinnt, es steht genauso da, wie es gewollt war.
Ist das unredlich?
Eher unvermeidlich, weil wir der Interpretation nie entgehen, weil eine brillante Versführung nicht gelesen wird und ein paar banale Liebesverse, wie Welterkenntnis betrachtet werden.
Der Eindruck, es ist so, weil es so gewollt wurde, ist wie Schminke die man aufträgt, um die Illusion der Makellosigkeit zu erfüllen.
Liebe genießt die Zierde und umfasst das Ungeschminkte, als gäbe es keinen Unterschied.

07/19 PGF

#96 Stufen

Kennt ihr, dieses Drängen im Herzen, wegzugehen?
Alles zu lassen, wie es ist, weil es vorüber ist und weiterzuziehen?
Ohne Vorwurf, ohne Wertung, einfach erschöpft, einfach der Erneuerung, der Veränderung bedürftig, jenen „Stufen“ von denen Hesse so wundervoll schrieb.
Ehrlich gesagt, man kann sich dem nicht entziehen.
Man verändert die Umstände oder sich selbst, verändert Gewohnheiten oder Orte oder Menschen oder aber gerät in einen Zustand, der früher oder später einer Krankheit gleicht oder zur Krankheit wird.
Das ist etwas sehr Altes in uns. So gelangen wir zur Sprache, so gelangen wir zum Laufen, so gelangen wir zu Freunden, Interessen, so gelangen wir zu dem, was wir lieben, immer getrieben, von diesem Drängen im Herzen.
Wie leicht würden wir dem nachgeben, diesem Wachstum, dieser Reife, wenn sie nicht jedesmal mit Verlusten einhergehen würde. Dem Verlust an Nähe, weil man ja jetzt laufen kann, dem Verlust an Aufmerksamkeit, weil man ja jetzt reden kann, dem Verlust eines Lebens, weil ein anderes Leben ausgefüllt sein will.
Ich glaube, deshalb wird das Herz so schwer „heiter Raum um Raum zu durchschreiten.“

07/19 PGF

#95 Schmuckstückchen

Den meisten Müll streiche ich ja. Was nicht heißt, dass hier nicht manchmal etwas auftaucht, was besser in der Tonne gelandet wäre.

Es gibt aber auch zwischendurch kleine Edelsteine, bei denen das Autoren-Ego sich selbstzufrieden auf die Schulter klopft, sich ein genüssliches „Gut gemacht!“ ins Ohr flüstert und mit stabilisiertem Selbstbewusstsein, das Licht am Schreibtisch löscht und in jenes Leben zurückkehrt, in welchem die Eignung so gar nicht gegeben scheint.

Bei diesen Schmuckstückchen kann es vorkommen, dass sich irgendwann Unmut regt. Unmut darüber, dass sie niemand entdeckt, dass man, einer hysterischen Auster gleich, die Schale aufreisst, um die Perle zu präsentieren … aber in der Weite des Meeres schwimmt niemand vorbei sie zu sehen.

Das ist schwer. Es ist schon manchmal sehr schwer, an das eigene Werk zu glauben, aber mitunter noch schwerer zu verstehen, dass niemand sonst daran glaubt.

Und doch muss man es hinnehmen. Weil es Dinge gibt, die entdeckt sein wollen, wie es Orte gibt, wundervolle Menschen, zauberhafte Momente, an denen wird tausendfach vorübergegangen. Das ist die Prüfung des Schönen: dass es sich nicht aufdrängen darf, mit Silikonlippen und dicken Brüsten.

Es ist, dass kann sein Schicksal sein, den Seltenen zum Entdecken vorbehalten, kleinen Prinzen auf Sternen, die sich um eine Rose kümmern, Glasperlenspielern die nach geheimen Zusammenhängen suchen, Gottlosen, deren Bücher für alle und keinen sind.

Das muss man verstehen und es sich in seinem schattigen Plätzchen, wo nur ab und an ein Sonnenstrahl hinfällt, schön machen. Man muss für die duften, die feine Nasen haben, für die leuchten, die es zu sehen wissen und die berühren, die es zulassen berührt zu werden.
Wenn man das kann, ist alles andere leicht.

07/19 PGF