Der Mond und ich

Die Nacht liegt still
und wartet auf ein lichtes Wort,
doch meine Seele liegt in Schweigen …

Die Welt sie dreht sich,
ruhig um einen Sinn,
und keiner meiner Sinne, wird ihn mir beschreiben.

Der Mond und ich,
wir wandern stumm, ein jeder seine Bahn
und teilen Fülle und Leere

und wissen, dass es schöner wär,
wenn alles ruhig und sanfter wäre.

PGF 06/17

1908

Es ist Nacht

Es ist Nacht,
und mein Herz kommt zu dir,
hält’s nicht aus,
hält’s nicht aus mehr bei mir.

Legt sich dir auf die Brust,
wie ein Stein,
sinkt hinein,
zu dem deinen hinein.

Dort erst,
dort erst kommt es zur Ruh,
liegt am Grund
seines ewigen Du.

Christian Morgenstern, 1908

Quelle: https://www.staff.uni-mainz.de/pommeren/Gedichte/esistnacht.html

Sisyphos

Sisyphos

Es gibt Tage, da rollt sich der Stein leicht.
Da macht mir der Schweiß nichts
und die Fliegen
und das Gespött der Wegelagerer,
da bin ich mutig auf dem Weg nach oben.
Und, wenn mein Stein nach unten rollt,
dann bin ich stolz,
ihn diesen ganzen Weg hinauf geschoben zu haben.

Aber dann – dann gibt es auch die anderen Tage,
da die Seele weit und das Herz einsam werden.
Da würde ich, wenn ich an sie glauben würde,
die Götter bitten, mir das zu erlassen
und ihnen erklären, dass ich ungeeignet bin …
dass ich besser
beim Wolkenbeobachten aufgehoben bin
oder beim Bestaunen eines Sonnenuntergangs
oder beim Hören des Wellenspiels.

Aber es ist still,
weil es die Götter nicht gibt,
nur den Stein –
und die Seele bleibt weit und das Herz einsam.

PGF 06/17

Himmel

Du spannst dich, wie ein Himmel
über meine Gedanken.
Denn wo ich gehe, was immer ich denke und fühle und sehe:
du bist der blaue, helle Hintergrund.
Wolken ziehen vorbei und Vögel ziehen weite Bogen …
es wird Nacht …
die Sterne leuchten mir …
die Nacht geht und du bist da.
Ich blinzle …
du bist da, noch vor der Sonne,
hell und klar …
ich stehe auf und freue mich,
denn, wie ein Himmel,
spannst du dich über meine Gedanken.

06/17 PGF