Langsam Worte finden

Gerade beginnt es zu regnen.
Nicht stürmisch, nicht strömend, sondern zaghaft, sehr zaghaft. Wie ein Mensch der endlich Worte findet, um über etwas zu sprechen, was ihn seit Jahren bedrückt.
Erst vereinzelt, dann zunehmend sicherer, fallen ihm die Worte zu, sodass er erklären und sich verständlich machen kann.
Welche Erleichterung, welch heilsamer Prozess ist es, dies zu können.
Vielleicht braucht er nicht mehr, als jemand der zuhört, wie man dem Regen zuhört, wenn er langsam beginnt und zögerlich gegen die Scheiben klopft.
Wie jemand, der langsam Worte findet.

05/18 PGF

Losgelöst

Losgelöst von allen Gedanken
und allen Träumen,
losgelöst von aller Hoffnung
und dem Glück
schreibe ich dir meine Liebe,
meine Sehnsucht,
mein Verlangen,
mit Blicken ins Herz.
Losgelöst von mir
werden sie dort eine Geschichte,
bis du „Ende“
darunter schreibst.
Oder immer wieder: fortsetzen.

05/18 PGF

Mit dem Regen

Manchmal denke ich, dass sich mit dem Regen, die ganze Traurigkeit löst, die der Mensch in sich trägt.
Nicht die Traurigkeit, die aus Schwermut entsteht.
Sondern diese Traurigkeit, nachdem man glücklich war, nachdem die Sonne schien, nachdem man gelacht und Blumen bewundert hat; nachdem der Himmel blau und die Welt weit und warm war.
Und, wie das dann doch vorüber ging!
Und wieder grau und kühl und still und grau wurde.
Mit dem Regen ist es vorbei, mit dem Regen, löst sich der Schmerz, klärt sich die Erinnerung.
Man sitzt am Fenster und sieht hinaus und sieht Regentropfen die, die Scheibe hinab hasten, als müssten sie einer durstigen Pflanze Erleichterung bringen; man sieht die Blätter triefend, schwer unter den Tropfen wippen und hält inne:
nun muss man nichts tun!
Nur dem Regen lauschen und den Erinnerungen und den still keimenden Hoffnungen.
So ist das, mit dem Regen.

05/18 PGF

Kennzeichen

Und in der Nacht,
hänge ich manchmal Träume,
für dich, an die Sterne,
damit deine Seele sie,
wenn sie mit dem Mond,
um die Erde kreist,
greifen kann.
Woran du sie erkennst?
An den Farben
und am Licht –
und, dass sie voller Liebe,
zu dir, sind.

05/18 PGF

Liebe die man in sich trägt

Weißt du,
ich fühle nur;
und treibe durch die Zeit,
für Schuld bin ich zu alt,
ich fühle nur.

Und was ich denke,
was ich hoffe, was ich will,
ist nur, wie Licht
am späten Abend, das vergeht
und mit den Schatten spielt.

Ich fühle nur
und frage nicht und wage nicht;
und fühle, dich …
ein zarter Wind, der manchmal,
neben dir spazieren geht.

05/18 PGF

Die Schlaflosen

Lange Nächte

Manchmal, wenn die Nacht lang wird
und ich mit den anderen Schlaflosen,
im unsichtbaren Bund,
den Mond betrachte;
wenn wir am Küchentisch ein Wasser trinken
und zurück im Bett
unsere Köpfe tief in die Kissen vergraben;
aber der Schlaf nicht kommen will,
der so dringend wäre,
damit wir träumen könnten –
ach wie schön wäre ein Traum,
mit leuchtenden Farben
in einer solch dunklen Nacht –
manchmal, in solch langen Nächten,
frage ich:
Warum schlafen?
Warum soll der Geist schweigen,
wenn er hellwach,
nach dem Leben sieht?

05/18 PGF

Alte Bäume

Manchmal, wenn meine Gedanken schwer sind,
wie die Äste alter Bäume schwer sind
und ich nicht weiß, ob sie brechen,
wenn der Wind sie fasst,
dann halte ich jeden Gedanken,
wie ein Blatt in den Wind
und, wenn er es nimmt, lasse ich los,
wie man doch alles loslassen muss
und nichts behält, während die Zeiten über einen hinweg gehen,
mit Schnee und Sturm und Vogelgesang.
Und dann grünt doch wieder irgendwo ein Blatt
und eine Knospe bricht auf und will zu Blüte und Frucht werden,
während ich, beinah unwillig, Abschied nehme,
von der Schwere,
die ein eigenes Glück umfasst,
wie es der Schatten unter den Zweigen ist:
kühl und still.

04/18 PGF