Rundgang / Round (5)

5.

Ich hatte das Gefühl, die Nacht würde niemals enden. Ich schlief nicht gut, in der Nähe dieses seltsamen Geschöpfes, welches mir seine Existenz nicht erklären wollte. Wann immer ich einnickte, sah ich in kurzen Traumfetzen, wie die bunte Schmetterlingsfrau sich in eine pechschwarze Krähe verwandelte, die sich über mich beugte, um mir die Augen auszuhacken, als würde mich die Träume zurückführen, in eine uralte Zeit, in der ich als Krieger auf einem Schlachtfeld lag und meine Leben aushauchte, während die Aasfresser sich bereits über mich hermachten.
Der Morgen dämmerte spät und als ich vor die Tür trat sah ich, dass der Schnee verschwunden war, die Welt sah aus, wie aufgeräumt und, als wäre nie Winter gewesen.
Es war mild und in den Bäumen zwitscherten tatsächlich die ersten Amseln. Die Schmetterlingsfrau trat hinter mich und ich machte unwillkürlich einen Schritt zur Seite, um ihr nicht im Weg zu stehen. Sie machte zwei, drei schnelle Schritte und hob dann ab, schwebte in die Höhe und drehte leichte Pirouetten im golden schimmernden Morgenlicht. Die Luft war ihr Element, als wäre sie ein Fisch der durch die Fluten taucht.
„Es ist mild.“ Knurrte ich, selbst überrascht von meinem missmutigen Ton, denn wider Willen, gefiel mir das unerwartete Frühlingserwachen, für das doch noch gar keine Zeit war.
Sie landete neben mir.
„Freust du dich nicht, dass das Licht zurück in der Welt ist?“
Ich zuckte mit den Achseln.
„Soll ich dir etwas sagen, über die Welt und das Licht.“
Sie lächelte erwartungsvoll.
„Es kommt und es geht, es kommt und es geht und, wenn wir in Nacht und Schatten sitzen, wenn wir hungern und frieren, dann kümmert sich das Licht einen Kehricht, ob wir leben und wie es uns geht und dafür verbrennt es uns im Sommer die Äcker und Felder und lässt uns das Vieh verdursten. Das Licht ist launisch.“
Die Schmetterlingsfrau breitete ihre Flügel aus und das Sonnenlicht funkelte in den Farben.
„Da hast du recht. Das Licht ist nur eine Chance und je nachdem, worin es sich bricht kann etwas ganz anderes entstehen. Auch mich verlangt manchmal nach der Nacht, nach ihrer Stille und Nachdenklichkeit und Einkehr und ich möchte nie, für immer im Hellen leben. Ich mag auch nicht immer fliegen, sondern bin froh, wenn ich nahe bei den Wolken war, auch wieder landen zu können. Aber jetzt in diesem Moment, da ich die Nacht, dank dir, überlebt habe und die Kälte verschwunden ist und die Wiese so wundervoll duftet und in den Bäumen, das Leben durch die Schnäbel der Amseln schwatzt, da finde ich es kostbar und schön, wie die Welt leuchtet. Und ich bin froh, dass du da bist und ich bin traurig, dass du dich nicht freuen kannst.“
Sie sah mich an, als hätte ich mein Augenlicht verloren und sie müsste einem Erblindeten erklären, wie schön die Welt ist.
Ich sah hinaus in die Welt, die sie mir so schön beschrieb und in der ich meine Kämpfe focht, gegen die Einsamkeit und die Kälte und den Hunger. Stolz focht ich sie und voller Demut.
„Du irrst dich, wenn du glaubst, ich würde mich nicht freuen. Ich habe nur gelernt, dem Frieden zu misstrauen und dem Glauben an einfache Wahrheiten und leichtes Leben. Aber genieß du die Welt. Du kommst aus dem Reich der Träume und du wirst noch lernen, deine Wahrheiten in der Welt der Wirklichkeiten zu bewahren.“
Sie faltete ihre Flügel zusammen und sah einen Moment traurig aus. Aber das verging.
„Wollen wir zusammen ins Dorf? Ich habe gesehen, deine Vorräte gehen zu Neige.“
Es störte und freute mich, dass sie darauf geachtet hatte.
„Wenn du willst. Ich bin gespannt, wie die Dörfler auf dich reagieren. Aber zuerst, brauche ich Speck und Eier in der Pfanne, damit auch mein Magen und meine Muskeln munter werden.”

12/20 PGF

5.

I had the feeling that the night would never end. I did not sleep well near this strange creature, which would not explain its existence to me. Whenever I dozed off, I saw in brief snatches of dreams how the colorful butterfly woman transformed into a pitch-black crow that bent over me to peck out my eyes, as if the dreams were taking me back, to an ancient time when I was a warrior on a battlefield, breathing my life out while the scavengers were already upon me.
The morning dawned late and when I stepped outside the door I saw that the snow had disappeared, the world looked as if it had been cleared up and, as if winter had never been.
It was mild and the first blackbirds were actually chirping in the trees. The butterfly woman stepped behind me and I involuntarily took a step to the side so as not to be in her way. She took two or three quick steps and then took off, soaring into the air and doing light pirouettes in the shimmering golden morning light. The air was her element, as if she were a fish diving through the waters.
„It’s mild.“ I growled, surprised myself by my scowling tone, because against my will, I liked the unexpected spring awakening, for which there was no time at all yet.
She landed next to me.
„Aren’t you glad the light is back in the world?“
I shrugged.
„Shall I tell you something, about the world and the light.“
She smiled expectantly.
„It comes and it goes, it comes and it goes and, when we sit in night and shadow, when we starve and freeze, the light doesn’t give a damn if we live or how we’re doing and, in return, it burns our fields in the summer and leaves our livestock to die of thirst. The light is capricious.“
The butterfly woman spread her wings and the sunlight sparkled in the colors.
„You’re right about that. The light is just a chance and depending on what it refracts into, something completely different can emerge. I too sometimes long for the night, for its stillness and thoughtfulness and contemplation, and I never, ever want to live in the light. I also don’t like to fly all the time, but I’m glad to be able to land again when I was close to the clouds. But now at this moment, when I have survived the night, thanks to you, and the cold has disappeared and the meadow smells so wonderful and in the trees, the life chattering through the beaks of the blackbirds, I find it precious and beautiful how the world shines. And I’m glad you’re here, and I’m sad you can’t rejoice.“
She looked at me as if I had lost my sight and she had to explain to a blind person how beautiful the world is.
I looked out into the world that she described to me so beautifully and in which I fought my battles, against the loneliness and the cold and the hunger. I fought them proudly and with humility.
„You are mistaken if you think I do not rejoice. I have only learned to distrust peace and belief in simple truths and easy living. But you enjoy the world. You have come from the realm of dreams and you will yet learn to keep your truths in the world of realities.“
She folded her wings and looked sad for a moment. But that passed.
„Shall we go to the village together? I saw your supplies are running low.“
It both bothered and pleased me that she had paid attention.
„If you want. I’m curious to see how the villagers react to you. But first, I need bacon and eggs in the pan so my stomach and muscles will perk up too.”

12/20 PGF

Rundgang / Round (4)

Also nach der Entscheidung literaturfrey zu reaktivieren, hier ein kurzer Hinweis für die, welche die Beiträge nicht über die Startseite aufrufen:
Hauptblog bleibt https://zeilenportal.com/ Hier finden sich damit verlinkte Beiträge. Diese Kurzgeschichte ist mehrteilig, die drei ersten Teile finden sich auf dem Zeilenportal.
Ihr müsste aber nur zum Einstieg wechseln, bis auf Weiteres werde ich, auf literaturfrey, kontinuierlich posten, damit ihr nicht hin und her wechseln müsst.
Neu sind die Übersetzungen ins Englische die ich mit DeepL erstelle.

Herzlichen Dank für eure Treue und Interesse, ich war sehr erstaunt beim Betrachten der Statistik, wie oft der Blog weiter besucht wurde!
Jetzt viel Spaß beim Lesen.

So after the decision to reactivate literaturfrey, here’s a quick note for those who don’t access the posts via the home page:
Main blog remains https://zeilenportal.com/ Here are posts linked to it. This short story is multi-part, the first three parts can be found on the line portal.
But you would only have to switch to the entry, until further notice I will post, on literaturfrey, continuously, so you don’t have to switch back and forth.
New are the translations into English which I create with DeepL.

Thank you for your loyalty and interest, I was very surprised when looking at the statistics, how often the blog was visited!
Now have fun reading.

4.

Sie trank still ihr Honigwasser, wie ein Kranker Hühnerbrühe trinkt, in kleinen Schlucken und immer wieder über die Tasse pustend.
Sie war mit den Flügeln recht geschickt beim halten und kippen des Gefäßes und ich wunderte mich, wo sie das gelernt hatte.
„Blumenkelche sind viel feiner zum halten“, erklärte sie mir.
Da ich Besuch nicht gewohnt war, wurde mir das Reden rasch zu viel. Ich ging zum Kamin und schürte Feuer.
Ein Scheit loderte noch kräftig, der andere war zu winzigen Glutwürfelchen zusammengefallen und pulsierte, wie etwas Lebendiges vor sich hin. Unvorstellbar, dass davon nur graue, kalte Asche zurückbleiben sollte.
Als das Feuer wieder ordentlich brannte, wandte ich mich meiner Besucherin zu. Ich setzte mich zu ihr an den Tisch.
Es war die Neugier, die mich fragen ließ: „Was bist du?“
Sie stellte die Tasse ab und betrachtete mich, als hätte ich etwas sehr Naives gefragt.
Ihre Stimme war voller Wärme, als sie meinte: „Das musst du mir sagen, denn ich stamme aus deinen Träumen.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Also, du meinst, ich schlafe und träume das nur.“
„Nein, du bist wach. Sehr wach. Wacher vielleicht als je zuvor, weil die Welt im Unheil ist und dies all deine Sinne schärft.“
Davon musste sie mich nicht überzeugen. Mein Rundgang, die offene Tür, ihre Spuren im Schnee, das waren alles keine Elemente aus einem Traum.
„Wenn ich wach bin, kann es dich aber nicht geben.“
„Warum nicht?“
„Weil man wach ist oder träumt, weil man die Dinge erlebt oder aus einem unbestimmten Grund erfindet.“
„Und was, wenn diese Welt der Träume real ist? Wenn sie sich noch entwickelt, so wie diese Welt sich entwickelt hat? Wenn jeder Träumer ein Baumeister ist, einer anderen, einer fantastischen Welt? Und, wenn diese Welt, in dieser unruhigen Zeit, in deine Welt hinüberschwappt und ich dabei mit herüber gerutscht bin?“
„Blödsinn.“
„Trinke ich Honigwasser aus deinem Becher?“
Mir wurde schwindelig, etwas in mir sträubte sich, wie eine Katze die man über ein Fass mit Wasser hält. Ich sollte Dinge denken, die ich nicht denken wollte, die nicht zusammenpassten.
„Ja, das tust du und deshalb frage ich mich, was du bist. Denn etwas, wie dich habe ich noch nie gesehen und gleichzeitig zweifle ich nicht, dass du da bist.“
„Vielleicht“, und ihre Stimme klang ernst, „bin ich noch gar nichts abgeschlossenes. Vielleicht bin ich nur eine Möglichkeit. Vielleicht bin ich, was du sein könntest, wenn das Leben dir nicht Glanz und Farbe nehmen würde, vielleicht bin ich eine Stufe, die dir, deiner Seele, noch bevorsteht?“
„Willst du mir sagen, du bist so eine Art Engel, der aus der Larve geschlüpft ist?“
„Sag du es mir!“
Ich bereute, ihr die Nacht Unterkunft angeboten zu haben.
„Das muss ich nicht. Ich war neugierig und du willst mir nicht die Wahrheit sagen. Bleib die Nacht und verschwinde morgen, was immer du bist.“
Ihr ganzer Leib zuckte unter meinen Worten und die Farben ihrer Flügel schienen zu flimmern.
„Ich wusste, dass du wütend wirst. Vielleicht ist noch nicht die Zeit, um zu verstehen.“
Dem stimmte ich grimmig zu: „Ja, es ist die Zeit, um zu überleben. Um mehr geht es nicht.“

PGF 12/20

4.

She drank her honey water quietly, like sick person drinks chicken broth, in small sips and blowing over the cup again and again.
She was quite adept with her wings at holding and tilting the vessel, and I wondered where she had learned that.
„Flower cups are much finer to hold,“ she explained to me.
Not being used to visitors, the talking quickly became too much for me. I went to the fireplace and stoked the fire.
One log was still blazing vigorously, the other had collapsed into tiny cubes of embers and was pulsating away like something alive. It was inconceivable that only gray, cold ash should remain.
When the fire was burning properly again, I turned to my visitor. I sat down at the table with her.
It was curiosity that made me ask, „What are you?“
She put down her cup and looked at me as if I had asked something very naive.
Her voice was full of warmth as she said, „You must tell me, because I come from your dreams.“
I shook my head.
„So, you mean I’m asleep and just dreaming this.“
„No, you’re awake. Very awake. More awake, perhaps, than ever before because the world is in calamity and this heightens all your senses.“
She didn’t have to convince me of that. My walk around, the open door, her tracks in the snow, these were all not elements from a dream.
„When I’m awake, though, you can’t exist.“
„Why not?“
„Because you are awake or dreaming, because you are experiencing things or inventing them for some undetermined reason.“
„And what if this world of dreams is real? If it is still evolving, as this world has evolved? If each dreamer is a builder, of another world, a fantastic world? And, if this world, in this troubled time, spills over into your world, and I’ve slipped over with it?“
„Bullshit.“
„Am I drinking honey water from your cup?“
I felt dizzy, something inside me bristling, like a cat being held over a barrel of water. I was supposed to be thinking things I didn’t want to think, things that didn’t add up.
„Yes, you do, and that’s why I wonder what you are. Because something like you I’ve never seen before, and at the same time I don’t doubt you’re there.“
„Maybe,“ and her voice sounded serious, „I am not yet anything complete. Maybe I’m just a possibility. Maybe I’m what you could be if life didn’t take away your luster and color, maybe I’m a stage yet to come for you, your soul?“
„Are you telling me you’re some kind of angel hatched from the larva?“
„You tell me!“
I regretted offering her the night’s lodging.
„I don’t have to. I was curious and you won’t tell me the truth. Stay the night and leave tomorrow, whatever you are.“
Her whole body twitched under my words and the colors of her wings seemed to flicker.
„I knew you would get angry. Maybe it’s not time to understand yet.“
To this I grimly agreed, „Yes, it is the time to survive. That’s all it’s about.“

PGF 12/20

#93 Kultur

Zur Kultur gehört, was der „kollektive Geist“ einer Gesellschaft erfasst. Nehmen wir eine große Sportveranstaltung, wie eine WM, dann erscheint alles, was die Menschen beschäftigt, worüber sie reden, wie sie ihre Tage planen, davon geprägt.
Oder etwas Politisches, wie die Bewegung, die in der ehemaligen DDR zur Wende geführt hat. Auch da stimmten sich die Meinungen einer großen Zahl von Individuen, auf eine gemeinsame Betrachtung ein.
In diesem Sinn umfasst der „kollektive Geist“ profane, politische, kulturelle, wissenschaftliche und natürlich religiöse Strömungen, die für allgemein verbindlich und wahr gehalten werden.

Im Zentrum des „kollektiven Geistes“ erlahmt das Denken. Wenn zwischen RTL2-Reality-Doku und der WM kein Platz mehr ist, weil der mit Essen, Arbeiten und Schlafen ausgefüllt wird beginnt das Gehirn, beginnt der menschliche Geist zu degenerieren. Leider ist er nicht geschützt, vor dem was ihn unnützerweise ausfüllt. Fatale Systeme, wie der Nationalsozialismus beweisen das.

Das wirkliche Denken findet am Rand dieses „kollektiven Geistes“ statt, dort wo sich Individuen fragen, was darüber hinaus möglich ist, ob mit den vier, fünf Themen die alle relevant halten, wirklich alles gesagt ist. Ob es denn überhaupt möglich ist, einen „kollektiven Geist“ auf Normierung aufzubauen, ob seine wirkliche Perspektive nicht eher in der Differenzierung und Vielfalt liegen würde.

Es fällt auf, dass den „kollektiven Geist“ eher die Bequemlichkeit bestimmt, als die Intelligenz. Die Mehrheit beschäftigt sich mit dem Grillfest und nicht der Klima-Katastrophe, der Automarke und nicht der Privatforschung, dem Materiellen und nicht dem Spirituellen.

Deshalb bewegen sich Menschen, am Rand des „kollektiven Geistes“, fast wie Astronauten der ISS am Rand der Erdatmosphäre, immer in Gefahr ins Unwirkliche hinausgezogen zu werden, jenen Kosmos an Möglichkeiten, die man gar nicht erkennt, wenn man sich darüber aufregt, was für ein Kleid die Nachbarin trägt oder wie der Nachbar den Rasen nicht mäht.

Man muss sich nicht lange umsehen, um zu bemerken, in welch desolatem Zustand sich die deutsche Kultur befindet und, wie albern die Sehnsucht nach dem „deutschen Geist“ irgendeinem nationalen Geist ist. Mit dieser „Füllung“ hat man vergeblich versucht, den Menschen voranzubringen.

Der Mensch hat, vielleicht die letzte Chance, seinen Geist zu transzendieren, ehe ein „kollektiver Geist der Belanglosigkeit“ die Umwelt zerstört, die seine Existenz ermöglicht.
07/19 PGF

#2 Strömen

Wenn du zwei Flüsse fragen würdest, wohin sie strömen, würde jeder sagen:
„Meinen Weg.“
Aber sie werden sich treffen, im Meer.
So unweigerlich scheinen unsere Wege, zueinander zu finden.

01/19 PGF

Bist du sicher?

Manchmal entschädigt das Schicksal einen Menschen, für den Weg, den es ihn führen musste, mit einem Werk, welches es ihn schaffen lässt.
Und so, hat sein Leiden, vielleicht einen Wert.
Aber manchmal lässt das Schicksal gar nichts mehr übrig, was noch einen Stift halten, einen Ton spielen oder eine Farbe wählen könnte.
Ist dir, die Kunst, dies wert?

10/18 PGF