#92 Till gegen Till

Okay! Action!
Da das hier nahezu ein Live-Event ist, bekommt ihr hautnah mit, wie ein Autor das heiße Skalpell des Verwerfens an seinen Text führt und eine relevante Figur (für O. Pocher geplant) gnadenlos verwirft, dem Leserwunsch folgend.
Damit nicht genug, man könnte fast von einer Organtransplantation sprechen, denn während das tote Gewebe des O. präzise entnommen wird, findet das lebendige, pochende Herz des T. seinen Platz in diesem frankensteinischen Korpus dem noch die Elektrifizierung eines Blitzschlags fehlt, um belebt zu werden.
Aus all diesen Organ- und Gewebeteilen erhebt sich, sonderbar schön und auch etwas gruselig: Till gegen Till und damit ich den eingeschlagenen Prosastil beibehalte, wie folgt zusammengefasst:

T. Schweiger, in der Rolle eines chinesischen Menschenrechtlers, der die Menschenrechtssituation in Tripolis beobachten will, erfährt von einem Gegenagenten (gespielt von T. Lindemann) der in einer geheimen Mission, für eine geheime Einheit des amerikanischen Geheimdienstes, von der Airbase in Rammstein aus, eine Sabotage-Aktion gegen ein Seawatch-Schiff durchführen soll. Die Operation trägt den geheimnisvollen Namen „Napoleon“.
Gut, ich denke damit kann man etwas anfangen.
Damit ihr zum Weiterspinnen neues Material erhaltet, hier das Thema einer aktuellen Recherche: Schädelmanipulationen in präkolumbianischen Kulturen.
Ich denke, ihr bekommt das unter … 😉

Genießt das WE 🙂
Pe

#91 Von hier aus – wohin?

Manchmal läuft so ein Leben ja, wie ein stabiler Motor und man hat sein Thema, sein Spiel, sein Glück, dem man nachläuft, als hinge von nichts anderem das Schicksal der Welt ab.
Man ist verliebt, erfolgreich im Job, hat Kinder, ein neues Auto, zu viel Geld, zu wenig Zeit, Spaß am Entdecken, Glück beim Versuchen, seine Mission, sein Werk, einen brauchbaren Feind und strömt durch die Tage, wie ein kräftiger Gebirgsfluss durch sein felsiges Bett.
Aber, da von alldem das Schicksal der Welt eben nicht abhängt, sondern nur die eigene fragliche Existenz, rauscht dieser Fluss, wie es in der Natur nie vorkommt, unerwartet und nicht selten mitten in dürres Land, versickert, vertrocknet und hat sein wässriges Glück an den Staub der Zeit verloren.
Wir sind, so ist es unsere Natur, bei guter geistiger Gesundheit, so geschaffen, dass wir diesen Zustand nicht lange aushalten und uns das nächste Spiel suchen: eine neue Frau, ein neuer Mann, mit dem das Leben viel besser wird, ein schnelleres Auto, ein anderer Job mit höherem Gehalt, eine neue Wahrheit, eine neue Idee, die wir der Welt unbedingt ausgestalten und mitteilen müssen.
Dazwischen aber, stehen wir da und fragen uns: „Von hier aus – wohin?“
Was will ich? Was macht mich eigentlich glücklich? Was ist mein Schicksal?
Es bleibt still.
Wir müssen lange schweigen, um zu ahnen, was wir niemals wissen, nämlich, ob wir noch auf dem Weg sind, ob wir noch erfüllen, was nicht das Schicksal der Welt ist, aber unser Schicksal, damit die Dinge im Großen, von diesem Flügelschlag eines Schmetterlings mitbestimmt, sich zum Guten wenden.
Von hier aus – wohin?

07/19 PGF

#90 Graf Zahl

Wer, wie ich, noch die Blütezeit der Fernsehunterhaltung miterleben durfte, erinnert sich gewiss an Graf Zahl. Als klappe mir im Nacken ein dreieckiger Stehkragen hoch und als wüchsen mir aus dem Oberkiefer drei spitze Dracula-Zähne, erblickte ich heute fasziniert, eine Zahl von geheimnisvoller Vieldeutigkeit: 2000768.
Die Zahl der Zeichen, aus der das Manuskript bislang besteht.

Da Quantität sehr selten etwas über Qualität aussagt, mag das für den ein oder anderen Leser, dieser Gedanken eines überarbeiteten Dichters, ein Fakt von fragwürdiger Relevanz sein.
Aber ich kann mir, zumindest die Ausdauerleistung attestieren 2 Millionen mal Tasten gedrückt zu haben. Jeder Kritiker mag dies, im Selbstversuch mal starten und beginnend ab jetzt – sagen wir den Buchstaben E – 2000000 mal drücken. Siehste!

Weil man immer einen Trost sucht, nehme ich das, für heute, als Grad der Ausdauer, mit aufs Sofa. Mich ermutigend, dass sich diese Zweimillionen Buchstaben, Leerzeichen und Satzzeichen und die, die noch kommen werden, zu einem lesenswerten Text zusammenfügen.
Wagemutig, wie ich bin, halte ich dies für möglich.

Da der Tag sonst verdrießlich war und mir Nietzsches Satz:
„Aber du Tiefer, du leidest zu tief auch an kleinen Wunden; und ehe du dich noch geheilt hast, kroch dir der gleiche Giftwurm über die Hand“, (Quelle: http://www.zeno.org/Philosophie/M/Nietzsche,+Friedrich/Also+sprach+Zarathustra/Die+Reden+Zarathustras/Von+den+Fliegen+des+Marktes ),
wie ein Mantra durch die Gedanken kreist, in einer schönen 8-Pirouette mit
„Lauf niemand hinter her, wer bei dir sein will, läuft dir entgegen“ (Quelle: Unbekannt),
ist das Werk, wie immer bewertet, das Licht im Dunkel.

Es ist Donnerstag, morgen ist wieder alles gut …

07/19 PGF

#89 Blüten

Und dann kommt der nächste Tag
und ich wende mich ab,
wie von einer Fäulnis,
die man noch zu lindern versuchte,
ehe man einsah,
dass sie zu fortgeschritten ist –

wende mich ab,
von dieser Gier nach Macht,
der jeder Adel fehlt –
und deinem Lächeln zu
oder den Händen
die mit mir anpacken,
den Gedanken,
die wie ein gemeinsames Sehnen sind.

Damit das Gift
und der Ekel an der Zeit
nicht wirksam werden können,
damit die Keime lebendig bleiben
die wachsen müssen:
die der Liebe und der Wahrheit!
Die mit Blütenköpfen
durch Mauerritzen brechen.
Mit ihnen überlebe ich.

07/19 PGF

#87 Die Sprache der Liebe

Blicke und Träume, das ist die Sprache der Verliebten.
Am Tag suchen sich Augen, in den Nächten suchen sich die Gedanken.
Sonne und Mond sehen sinnend dem zu, weil niemand, wie sie, um gemeisames Schicksal und einsame Bahn weiß.
Und nur der Kuss, kann alle Worte ersetzen.

07/19 PGF

#85 Wie jedes Werk

Am Anfang jeder Geschichte stehen wir bewusst oder unbewusst vor einem gewaltigen Berg aus Einzelteilen, welche wir zusammenfügen müssen, damit eine Geschichte entsteht.

Ohne, dass wir es vielleicht wissen, sind bereits alle Ideen da. Manche sind uns vollkommen klar, andere aber, sind vorhanden, ohne, dass wir es begreifen. Es erfordert einiges Vertrauen in die eigene Fantasie, um sich auf den Prozess einzulassen und zu merken, dann, wenn sie gebraucht werden, kommen die fehlenden Teile.

Und so verringert sich der Berg, er sortiert sich gleichsam. Alles, das ganze Buch, alle Figuren, Handlungsfäden, Szenen, Schauplätze, das alles war bereits vorhanden und musste sich nur entfalten, so wie sich alle Schöpfung aus einer unbekannten Singularität entfaltet. Bis an ihrem Ende …

… eine Ordnung entsteht, von der man zu Anfang niemals annahm, dass sie möglich sei. Es war eine Frage der Kraft, der Ausdauer, der Erfahrung, wohin welches Stück muss, damit eine stabile Ordnung entsteht, von der der Betrachter annimmt, sie sei dem Werk immanent.
Und es sei ihr vorherbestimmt, irgendwann an einem kühlen Herbsttag Ende Oktober, für Wärme zu sorgen, während man auf dem Sofa sitzt und eine Tasse Tee genießt.

07/19 PGF

#84 Kohle

Als Autor weißt du irgendwann, vom Schreiben leben lässt sich nur mit Feuerwerk, Küssen und Achterbahn, die großes Publikum unterhalten.
Die einsamen Nachdenklichen, die ihre Träume nicht vom Papier ablesen, sondern in Texte, wie in einen Spiegel sehen, die den Nuancen des Grau nachsinnen, die sich für das karge Licht, im letzten Lebenswinkel interessieren, die die endlose Sternenwelt, hinter dem sicheren Blau fasziniert, die den einen Grund neben den unendlichen Zweifeln suchen, die kaufen nicht Bücher, die leben mit Büchern, die lesen nicht Zeilen, die reden mit Zeilen, die sind selten.
Man kann für sie schreiben, von ihnen leben kann man nicht.
Nein, das ist falsch.
Man schreibt, egal was man schreibt, für sie.

07/19 PGF