#12 Distanz

Langsam geht es,
ohne deine Nähe,
besser.
Also besser?
Na ja …
Besser, als ohne Nähe,
in deiner Nähe.
Das immerhin.
Obwohl in deiner Nähe,
alles schön war,
als du meine Nähe
zu verstehen schienst.
Aber ohne verstehen,
ist Nähe schwer,
dann ist, ohne Nähe, leichter …

02/19 PGF

#11 Schreiben

Und das umgekehrte Phänomen ist, gegen die Stille anzuschreiben.
Gegen das Schweigen.
Als würde man in einer Höhle sprechen und auf das Echo warten, das ausbleibt.
Nur das Schweigen wiederholt sich immerfort.
Aber, würde man verstummen, dann könnten, die Stille und die Dunkelheit, so gewaltig werden, dass es unerträglich würde.
Deshalb schreibt man, flüsternd, von vielen Pausen unterbrochen, um nach einer Antwort zu lauschen.
Bleibt sie aus, neigt man sich wieder über das Blatt und schreibt weiter, immer weiter …

02/19 PGF

#10 Schweigen

Wenn man schreibt, gibt man zu viel preis. Man wird eitel durch das Schreiben, weil man immer von sich redet, egal worüber man schreibt, egal, in welche Figur oder Geschichte man schlüpft.

Das kann unterhaltsam sein, für den der es liest und als Spiel, für den der schreibt, aber dem Geist ist es abträglich.

Der Geist gewinnt, wenn er schweigt, wenn er kein Urteil verrät, seine Gedanken verheimlicht und die Welt nicht mit Worten in unterschiedliche Erscheinungen trennt.

Aber es ist auch einsam, wie Tiere einsam sind, weil sie von der Sprache ausgeschlossen, nicht mit anderen teilen und austauschen können, was sie denken und fühlen.

Irgendwo dazwischen, zwischen animalischer Einsamkeit und menschlicher Eitelkeit, gilt es einen Platz zu finden.

02/19 PGF

#9 Wintertage

Seit Wochen lag Schnee und täglich überfror er etwas mehr und wurde zu dichten Türmen und Hügeln aus Eis
und während die Welt zufror und karstig wurde, schien ihr Herz einzufrieren – und auch dein Herz wurde zu Eis …
Hart wurden meine Schritte, auf den vereisten Wegen und klar meine Gedanken, wie die kalte Luft. Aber der Himmel war so viele Tage grau, als laste für immer Traurigkeit auf ihm, tiefe Traurigkeit.
Der Fluss wurde still, wie ein Mensch der im Reden verstummt, weil niemand zuhört. An den Ufern bildeten sich dichte Eisplatten, die sich über das Wasser zu greifen versuchten, wie Hände die daneben fassen.
Und mir spannten die Wangen im kalten Wind und meine Hände vergrub ich in den Taschen, um sie zu wärmen, in diesen Wintertagen.

01/19 PGF

#8 Bildhauer

Wir stehen immer vor dem gewaltigen „Unmöglich“, egal, ob wir die Mittel für unzureichend halten oder uns selbst. Bei allem was wir beginnen, steht am Anfang der Zweifel, ob durchführbar ist, was wir erstreben.
Und dann versuchen wir uns, wie der Bildhauer am Stein, in dem die Figur noch schläft …
und wir hämmern und wir feilen und wir schleifen,
wir spannen die Muskeln an, um grobe Stücke herauszubrechen
und finden kaum Schlaf , weil wir unablässig nach Lösungen suchen, mit welchem Werkzeug, welcher Grat aus dem Material herauszulösen ist, damit ein Auge, ein Mundwinkel lebendig werden.
Wenn dann erste, unscharfe Konturen sichtbar werden, dann erleben wir jenes unbeschreibliche Glück, das darin besteht, zu merken, dass der Plan möglich ist.

01/19 PGF

# 7 Vom Leben das hier war

… und es scheint, als spürten manchmal Orte ihre Besucher. Vor allem verlassene Orte an denen Menschen einst lachten, ihrer Arbeit nachgingen, Mauern und Dächer errichteten.

Bis eine Schicksalswendung sie trennt und die Menschen den Ort verlassen.

Wenn dann, nach Jahren, jemand diesen Ort besucht, zufällig oder forschend, wenn er die Mauerreste betrachtet, die das Moos und die Flechten sich zurückholen, die modernden Gartenzäune aus Holz, die Beete die das Unkraut überwuchert, dann ahnt er vielleicht etwas vom Leben das hier war.

Und der Ort, als würde er versuchen eine Melodie zu summen, ruft den Wind, damit der durchs Laub streift und bittet die Vögel, dass zumindest sie dem Ort Stimme verleihen und, wie einem Lachen, lauscht er, den Schritten des Besuchers im Kies.

Vielleicht nimmt der kurz Platz und als würden sie sich aneinander lehnen, verschmelzen sie einen Moment.

Dann erhebt sich der Besucher und nimmt Abschied und nimmt etwas auf, vom Geist, der an diesem Ort geherrscht haben mag. Eine Ahnung von Liebe, von redlichem Bemühen, einem Versuch des Friedens.

Und geht weiter …

01/19 PGF

#6 Der langweilige Typ

Bei allen Büchern die ich gelesen habe, gab es, wenn das Buch aus mehr, als einem Protagonisten bestand, zumindest eine Figur, die mich nicht gefesselt hat.
Das war bei „Es“ nicht anders, als bei „Herr der Ringe“ oder dem „Zauberberg“, wobei es hier eher die Dialogpartner waren.

Aus der Erfahrung mit Probelesern würde ich sagen, es gibt eigentlich kein Element, das den Geschmack aller trifft. Manchmal kommt man nah heran, sodass nur die ewigen Nörgler bleiben, für die „Josef und seine Brüder“ zu lang ist, beim „Glasperlenspieler“ Show-dont-tell fehlt und King literarischer Anspruch.
Es findet sich ja immer kein positives Ergebnis, wenn man Liter in Metern messen will.

Bei Figuren ist das ein heikles Problem. Denn, wenn ich 4 Figuren habe und jede gleich behandle, langweilt sich der Leser bei 600 Seiten auf 150. Jeder Leser in einem beliebigen Viertel, dessen Protagonist ihm nicht gefällt. Wenn es zwei sind, liest er vermutlich nicht weiter und nur der ewige Nörgler wird weiterlesen, um sich über alle vier zu beschweren.

Man hat es etwas leichter oder anders schwer, wenn man sich auf einen Protagonisten konzentriert und noch mehr, wenn man sich auf einen Schauplatz beschränkt. Dann muss man nur behagliches Füllmaterial finden, welches dem Leser zu dieser Figur und diesem Ort angenehm erscheint und so werden beide miteinander glücklich.

Aber was macht man mit dem Typ der langweilt?
Ich glaube, der Autor muss ihn mögen.
Ich glaube, der Autor muss all seine Figuren mögen oder er streicht sie besser oder lässt sie früh sterben.
Wenn selbst der Autor sich, beim gestalten langweilt, kann das nichts werden.

So kommt es im Buch, wie im wahren Leben, für den langweiligen Typen zum gleichen tragischen Ergebnis: er findet keine – Leser …

01/19 PGF