Gestra (50)

50.

Jez hatte mir, als wir uns kennenlernten, erzählt, wäre ich in die andere Richtung gelaufen, wäre ich statt bei ihr vorbei zu kommen, auf Billys Tankstelle gestoßen und der hätte mich vermutlich nach Sanford gebracht, damit ich dort, eine Möglichkeit zum Weiterfahren finde.
Deshalb lief ich nun, wie betäubt, weg vom Starfield Observatory, in Richtung des Straßengrabens, indem ich mein Auto zurückgelassen hatte und versuchte zu verstehen, was ich in den letzten Stunden erlebt hatte.
Gestras Zerfall hatte sich immer stärker beschleunigt, wie bei einem Menschen, der vom Krebs zerfressen ist und den man in wenigen Tagen zerfallen sieht, nur war Gestra in kaum einer Stunde zerfallen, während sich unser Dialog bizarrer Weise immer weiter fortgesetzt hatte. Erst ganz am Schluss, als nur noch ein dunkler Fleck auf dem Waldboden zurückblieb, der mich an nasse Asche erinnerte, war unser Austausch verstummt.
Eines der letzten Dinge, die ich gehört hatte war: »Nimm etwas von dem was von mir bleibt und gib es Jez. Sie muss es in sich aufnehmen.«
Ich verstand das erst, als Gestras Stimme, in meinem Kopf verstummte. Jetzt wusste ich, dass ich von der schwarzen Asche nehmen sollte, die zurückgeblieben war.
Ich nahm von einer Buche in der Nähe ein größeres Blatt und wickelte etwas, von der Asche, darin ein.
Dann kümmerte ich mich um Rykens Leiche.
Mit kaum erträglichem Ekel zerrte ich Samuel von dem Findling, auf dem Gestra ihn untersucht hatte und zog ihn in ein Waldstück abseits der Lichtung. Dort vergrub ich ihn, mit bloßen Händen, ohne Stein und ohne Kreuz und, wenn man ihn fand und mir die Schuld geben würde, dann würde ich damit leben.
Als sein Körper, besser das was davon übrig war, mit einer Schicht Erde und vielen Blätter bedeckt war, machte ich mich auf den Weg Richtung Straße.
Während ich lief, versuchte ich mir klar zu werden, was ich als nächstes tun wollte. Ich hoffte, dass Jez noch lebte. Meine Hoffnung war nicht unbegründet, denn warum sonst hätte Gestra mir für sie ein Gegenmittel geben sollen. Als letzte Bosheit?
Nein, Gestra war nicht böse gewesen, es war Leben in Entwicklung. Im Werden lag immer Verfehlen, und Sein erfüllte sich erst mit der Vollendung. Gestra hatte, zum Ende hin, nichts Zerstörerisches mehr im Sinn: aus dem Dämon war ein Engel geworden, aus der Bestie ein Geschöpf.
Ich erreichte Sanford weit nach Mittag und da ich, als ich Jez ins Hospital brachte, selbst gefahren war, fand ich die kleine Klinik, ohne Probleme.
Die Schwester, die uns aufgenommen hatte, sah mich etwas irritiert an, wie ich mit Waldboden an den Händen, verschwitzt und in einem abgetragenen blauen Overall den Eingangsbereich betrat.
Aber etwas anderes schien sie mehr zu beschäftigen.
»Wir hätten Sie früher erwartet.« Bemerkte sie spitz.
Und ich erwiderte trocken: »Musste noch ein Monster im Wald vergraben.«
Was mir ein schnippisches Lächeln einbrachte.
»Kann ich sie sehen?«
»Ja, wenn Sie die Hände gewaschen haben. Aber es geht ihr nicht gut. Seien Sie vorbereitet. Der Doc sagt, wenn es morgen nicht besser ist, muss er sie nach Portland verlegen.«
Sie streckte den Arm aus.
»Da hinten ist ein Badezimmer.«
Ich wusch mir, wie gefordert, die Hände und Unterarme und ging zurück zum Empfang. Die Schwester brachte mich, in eines der drei Krankenzimmer, über welche die kleine Klinik in Sanford verfügte.
Jez lag, wie schlafend, gut zu gedeckt in einem Krankenbett und an ihrer Nase sprudelte ein kleiner Plastikschlauch Sauerstoff in ihre Nasenflügel. Sie war nicht beatmet, aber sie war nicht weit davon entfernt. Der Monitor, an den sie angeschlossen war, zeigte mir bunte Zahlen und Kurven die ich nicht verstand, aber da es immer wieder piepste und die Schwester mit einem nachdenklichen Blick den Alarm wegdrückte, ging ich davon aus, dass sie nicht besonders gut waren. Wie Lottozahlen, von denen keine einzige zum Gewinn gehört.
»Könnte ich?« Fragte ich, mit sanftem Blick.
»Einen Moment.« Erlaubte mir die Schwester und ließ uns allein.
Ich ging zu Jez und strich ihr übers Haar und sie schnaufte einmal etwas lauter. Ich betrachtete sie und wusste, ich würde ihr das alles nicht erklären können, was geschehen war. Für sie würde Gestra eine seltsame Giftpflanze bleiben und Ryken ein Agent, der seine Mission erfüllt hatte. Von mir würde sie vermutlich denken, dass ich ein unzuverlässiger Säufer war, der sich doch für das Glas, statt für die Freundschaft entschieden hatte. Aber es war nicht mein Schicksal hier zu bleiben und alt zu werden und zuvor alles erklären zu müssen.
Ich nahm das Blatt, aus der Tasche des Overalls, indem ich etwas von Gestras Resten gesammelt hatte. Nahm etwas davon auf den Finger und rieb es vorsichtig, auf die Innenseite von Jez Wange. Sie reagierte. Sie schmatzte und schluckte die schwarze Paste, mit einem Schluck Speichel hinunter.
Es schmeckte wohl bitter. Sie schlug die Augen kurz auf und sah mich an. Ich fasste ihre Hand und drückte sie.
Sie betrachtete mich, als wäre ich ein seltsames Element, in dem seltsamen Traum, den sie träumte.
»Werde wieder gesund.« Bat ich, küsste sie sanft auf die Stirn.
Sie schloss die Augen und wirkte, als würde sie friedlich schlafen. Ich ging.
Ich verließ Kennebunk am gleichen Tag und vermutlich kehre ich nie mehr zurück. Aber jeden Abend sehe ich kurz zum Himmel und hoffe zufällig Zeuge zu werden, wie im Sternbild Schwan aus KIC 982227 plötzlich 2 Sterne werden. Es passiert ja, so unglaublich vieles da oben, von dem wir keinen blassen Schimmer haben.

Ende

02/21 PGF

50.

Jez had told me when we met that if I had gone the other way, instead of passing her, I would have come across Billy’s gas station and he would probably have taken me to Sanford to find a way to continue.
So now, in a daze, I walked away from Starfield Observatory, toward the ditch where I had left my car, trying to make sense of what I had experienced in the last few hours.
Gestra’s decay had accelerated more and more, like a person eaten away by cancer that you see decaying in a few days, only Gestra had decayed in barely an hour, while our dialogue had bizarrely gone on and on. It wasn’t until the very end, when only a dark stain remained on the forest floor that reminded me of wet ashes, that our exchange had fallen silent.
One of the last things I had heard was, „Take some of what’s left of me and give it to Jez, she needs to take it in.“
I didn’t understand that until Gestra’s voice, in my head went silent. Now I knew I should take from the black ash that was left behind.
I took a bigger leaf from a beech nearby and wrapped some, of the ash, in it.
Then I took care of Ryken’s body.
With barely tolerable disgust, I dragged Samuel from the boulder where Gestra had examined him and pulled him into a patch of woods away from the clearing. There I buried him, barehanded, without stone or cross and, if he was found and blamed on me, I would live with it.
When his body, or better what was left of it, was covered with a layer of earth and many leaves, I set off in the direction of the road.
As I walked, I tried to figure out what I wanted to do next. I hoped Jez was still alive. My hope was not unfounded, because why else would Gestra have given me an antidote for her. As a final malice?
No, Gestra had not been evil, it was life in development. In becoming there was always missing and being fulfilled only with the completion. Gestra had, towards the end, nothing destructive in mind: the demon had become an angel, the beast a creature.
I reached Sanford well after noon, and since when I took Jez to the hospital I had driven myself, I found the little clinic, without any problems.
The nurse who had admitted us looked at me with some irritation as I entered the entrance area with forest floor on my hands, sweaty and wearing a worn blue jumpsuit.
But something else seemed to concern her more.
„We would have expected you earlier.“ She remarked pointedly.
And I replied dryly, „Had to bury another monster in the woods.“
Which earned me a snarky smile.
„Can I see her?“
„Yes, if you’ve washed your hands. But she’s not doing well. Be prepared. Doc says if she’s not better tomorrow, he’ll have to move her to Portland.“
She held out her arm.
„There’s a bathroom back there.“
I washed my hands and forearms, as requested, and went back to the front desk. The nurse took me, to one of the three hospital rooms the small Sanford clinic had.
Jez was lying, asleep, well covered in a hospital bed with a small plastic tube bubbling oxygen into her nostrils. She wasn’t ventilated, but she wasn’t far from it. The monitor she was hooked up to showed me colorful numbers and curves I didn’t understand, but since it kept beeping and the nurse kept pushing the alarm away with a thoughtful look, I assumed they weren’t very good. Like lottery numbers, none of which are part of winning.
„Could I?“ I asked, with a gentle look.
„One moment.“ Allowed me the nurse and left us alone.
I walked over to Jez and stroked her hair and she gasped a little louder once. I looked at her and knew I would not be able to explain to her all that had happened. To her, Gestra would remain a strange poisonous plant and Ryken an agent who had accomplished his mission. Of me, she would probably think that I was an unreliable drunk who had chosen the glass over friendship after all. But it was not my destiny to stay here and grow old and have to explain everything beforehand.
I took the leaf, from the pocket of the overall, by collecting some of Gestra’s leftovers. I took some of it on my finger and rubbed it gently on the inside of Jez’s cheek. She reacted. She smacked and swallowed the black paste, with a gulp of saliva.
It tasted bitter, I guess. She opened her eyes briefly and looked at me. I grabbed her hand and squeezed it.
She looked at me as if I were a strange element, in the strange dream she was dreaming.
„Get well.“ I asked, kissing her gently on the forehead.
She closed her eyes and looked like she was sleeping peacefully. I left.
I left Kennebunk the same day, and I’ll probably never go back. But every evening I look briefly at the sky and hope by chance to witness how in the constellation Swan KIC 982227 suddenly becomes 2 stars. It happens yes, so unbelievably much there above, of which we have no clue.

End

02/21 PGF

3 Kommentare zu „Gestra (50)

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