Gestra (49)

49.

Als ich wach wurde, nahm ich einen vertrauten Duft wahr. Es roch nach dem Parfüm von Beth. Wie hatte es geheißen? Ma vie? Aber es war nicht nur ein Duft den ich roch, es waren viele: es roch auch, wie früh im Frühling, nach jungem Gras erdig und frisch, es roch, nach dem Salz, dass man in der Brandung auf den Lippen schmeckt, es roch nach Kerzendocht auf einem Adventskranz, nach Schweiß im Liebesspiel. Mir war, als hätte man mir einen Eimer Pheromone übergeschüttet, mir war, als wäre ich frisch verliebt.
Ich schlug die Augen auf und sah blinzelnd, in das weiche Licht der frühen Morgensonne. Ich sah mich um, begriff wo ich war, prüfte, ob ich meine Arme bewegen konnte, meine Beine, meinen Kopf drehen. Ja, das ging alles. Gestra hatte mich losgelassen. Es hielt mich nicht mehr, in seinem unsichtbaren Bann, aber das war auch nicht nötig, denn ich fühlte eine mir unerklärliche, tiefe Liebe zu Gestra, wie man manchmal den falschen Menschen liebt, aber nichts dagegen tun kann, weil es das Schicksal ist, dass sich austobt. Ich fühlte eine unmittelbare Sehnsucht nach Gestra, nach dem Gefühl, welches ich gestern empfunden hatte, als ich das Bewusstsein verlor. Ich hatte eine Idee von der menschlichen Seele gefühlt, ich hatte gefühlt, dass ein Menschsein in mir ruhte, welches nicht aus Whiskey trinken bestand. Aber ich hatte auch gefühlt, dass ich noch nicht so weit war, dass ich von diesem Gefühl nur kosten durfte, dass es mich mutig und hungrig und sehnsüchtig machen sollte, irgendwann dort hin zu kommen.
Ich setzte mich und erschrak vor dem was mir gegenübersaß: eine in sich zusammen gesunkene Gestalt, die mehr nach einem Schatten, als nach einem Menschen aussah, obwohl die Farben ihres Körpers im Sonnenlicht hätten funkeln müssen. Aber die Gestalt mir gegenüber funkelte nicht. Sie welkte oder verglühte, sie verbrannte, verdorrt, verklang, verhungerte, verzweifelte körperlich.
»Gestra?« Fragte ich, weil mir nichts anderes einfiel, um das Geschöpf anzusprechen.
Gestra bewegte sich nicht. Es verharrte, als hätte es Kraft und Elan verloren. Wie ein sterbendes Geschöpf saß es da, nur noch mit dem ein und aus, des Atmens beschäftigt.
»Joe«, klang es in meinem Kopf von weit her. »Du bist noch rechtzeitig wach geworden.«
»Was geschieht mit dir?«
»Ich schwinde.« Hörte ich kraftlos die Antwort. »Ich kehre zurück, dorthin, wo alle Dinge beginnen, woraus alle Dinge sich entfalten.«
Das verstand ich nicht. Ich hatte Gestra, mit der nächsten Verwandlung auf dem Höhepunkt gedacht und nicht im Niedergang.
»Aber du bist doch erst Mensch geworden.« Widersprach ich naiv.
»Glaubst du, dass ist die höchste Stufe, des Seins?«
»Auf der Erde schon. Ich meine etwas klüger, als ein Pilz oder eine Moosflechte sind wir vermutlich.«
»Glaubst du erst mit euch beginnt das Bewusstsein?«
»Vermutlich schon. Ich habe mich jedenfalls noch mit keiner Sonnenblume unterhalten.«
»Aber, das kann ja auch an dir liegen. Vielleicht hörst du nicht gut hin. Wenn es in der Zelle kein Bewusstsein gibt, wie soll daraus ein funktionierender, komplexer Organismus entstehen? Vielleicht ist es nur kein Bewusstsein, dass in einem Ich gebunden ist.«
Der Gedanke löste etwas in mir aus. Etwas was mich an den Abend zuvor erinnerte, dieses wohlige Gefühl einer höheren Form der menschlichen Seele. Etwas was diesem Universellen näher war, als ich es in diesem Moment sein konnte.
Die Gestalt, zu der Gestra sich zusammengekrümmt hatte, gab ein knirschendes Geräusch von sich und rutschte tiefer in sich zusammen, wie ein Lagerfeuer, dass nach und nach zusammenfällt und obwohl ihm zunehmend die Form verloren ging, schien sein Bewusstsein nicht verloren.
»Ich habe dir ein Geschenk versprochen.« Erinnerte mich Gestra.
Mir fiel ein, wie heftig ich abgelehnt hatte. Diese Ablehnung war ganz verschwunden, als hätte es weder den Sheriff noch Samuel getötet.
»Das hast du.«
»Dann ist jetzt Zeit dir zu erklären, was du tun musst, um deine Freundin zu retten. Ich schenke dir ihr Leben, weil ich dir so viel nehmen musste. Lausche mir.«

02/21 PGF

49.

When I woke up, I noticed a familiar scent. It smelled like Beth’s perfume. What had it been called? Ma vie? But it wasn’t just one scent I smelled, there were many: it also smelled, like early spring, of young grass earthy and fresh, it smelled, like the salt you taste on your lips in the surf, it smelled like candle wick on an Advent wreath, like sweat in lovemaking. I felt as if a bucket of pheromones had been poured over me, I felt as if I were newly in love.
I opened my eyes and blinked, looking into the soft light of the early morning sun. I looked around, realized where I was, checked if I could move my arms, my legs, turn my head. Yes, I could do all that. Gestra had let me go. It no longer held me, in its invisible spell, but that was not necessary, because I felt an inexplicable, deep love for Gestra, like one sometimes loves the wrong person, but can do nothing about it, because it is fate acting out. I felt an immediate longing for Gestra, for the feeling I had felt yesterday when I lost consciousness. I had felt an idea of the human soul, I had felt that a humanity rested within me that did not consist of drinking whiskey. But I had also felt that I wasn’t there yet, that I was only allowed a taste of that feeling, that it should make me brave and hungry and yearning to get there someday.
I sat down and was startled by what sat across from me: a slumped figure that looked more like a shadow than a person, though the colors of its body should have sparkled in the sunlight. But the figure opposite me did not sparkle. It wilted or burned up, it burned, withered, faded, starved, despaired physically.
„Gestra?“ I asked, because I could think of nothing else to say to the creature.
Gestra did not move. It paused as if it had lost strength and vigor. Like a dying creature, it sat there, preoccupied only with the in and out, of breathing.
„Joe,“ it sounded in my head from far away. „You woke up just in time.“
„What’s happening to you?“
„I’m fading.“ I heard powerlessly the answer. „I am returning to where all things begin, from where all things unfold.“
I didn’t understand. I had thought Gestra, with the next transformation at its peak, not in decline.
„But you have only become human.“ I objected naively.
„Do you think that is the highest level, of being?“
„On earth it is. I mean something smarter, than a mushroom or a moss lichen we are probably.“
„Do you think consciousness only begins with you?“
„I suppose so. Anyway, I haven’t had a conversation with a sunflower yet.“
„But, that may be up to you. Maybe you don’t listen well. If there’s no consciousness in the cell, how is it going to make a functioning, complex organism? Maybe it’s just not consciousness bound up in an ego.“
The thought triggered something in me. Something that reminded me of the night before, that comforting feeling of a higher form of the human soul. Something that was closer to this universal than I could be at that moment.
The figure Gestra had curled up into made a crunching sound and slid deeper into itself, like a campfire gradually collapsing, and although he was increasingly losing form, his consciousness did not seem lost.
„I promised you a gift.“ Gestra reminded me.
I remembered how vehemently I had refused. That rejection had disappeared altogether, as if it hadn’t killed the sheriff or Samuel.
„You did.“
„Then now is the time to explain to you what you must do to save your friend. I’m giving you her life because I had to take so much from you. Listen to me.“

02/21 PGF

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