Gestra (48)

48.

Ich kam nicht weit. Ich weiß nicht, was Gestra mit mir machte, aber ich konnte mich ihm nicht weiter nähern, als auf zwei Schritte.
Dann war Schluss und ich stand in einem Feld, aus welchem ich mich nicht vorwärts und nicht rückwärts bewegen konnte.
Ich konnte mich umsehen und ich sah, dass die Nacht sich über den Wald senkte.
Okay, dachte ich, dass wird jetzt so vergnüglich, wie es für eine Fliege vergnüglich ist, auf die Spinne zu warten, in deren Netz sie sich verfangen hatte.
Nur, dass meine Spinne sprach.
Ich hörte es ganz deutlich, wie von Gestra der Satz ausging: »Hab keine Angst. Ich weiß was ich wissen musste. Mein Hunger ist gestillt.«
»Du verdammtes Mistding, hast meinen Freund umgebracht. Was zur Hölle?«
»Ich habe ihn absorbiert, Joe. Er ist nun ein Teil von mir. Er ist zurückgekehrt, dorthin, von wo alles kommt.«
Ich wehrte mich gegen diesen Gedanken. Ich wehrte mich dagegen, wie ich mich mein Leben lang gegen einen Gott gewehrt hatte, der Krebs, Pädophile und Krieg hervorbringt.
»Du hast ihn gefressen!« Warf ich Gestra entgegen.
Es betrachtete mich und ich bemerkte, dass seine seltsame Silikonhaut, wie weiches Wachs seine Form zu verlieren begann.
»Das war nötig an diesem Punkt. Wie in jeder Entwicklung, alles nötig ist, das geschieht. Alles worum du heute glücklich bist, hat einen dunklen Grund, aus dem es herausgewachsen ist. Viele starben, damit du leben kannst, wie du es tust. Ich durchlief in dieser kurzen Spanne, die verschiedenen Formen eures Lebens und ich altere und welke, auf der Stufe die ihr einst erreichen werdet, wenn ihr eure Entwicklung vollendet habt. Aber der Weg dahin, der ist voller Krieg und Tod und Zerstörung, die ihr der Welt und euch selbst zufügt.«
Ich versuchte mich zu befreien, aber Gestra hatte mich übernommen. Ich hing in einem unsichtbaren Netz, einem dreidimensionalen Feld und konnte mich weder Gestra nähern, noch entfernen.
»Du hast sie getötet«, wiederholte ich, zornig, aber mit schwindender Überzeugung, »den Sheriff, Samuel.«
»Ja, ja so ist das Leben, in diesem Winkel des Universums. Auch ihr tötet, ihr schlachtet und fresst die besten Teile, der Tiere die euch kein Mitleid wert sind. Jeden Tag richtet ihr großes Sterben an und es kümmert euch nicht. Es kümmert euch nur, wenn es zu eurem Verlust wird.«
Ich zappelte und zuckte und versuchte mich zu befreien. Ich wollte gestikulieren, wenn ich stritt, aber mein Leib war, wie eingefroren.
»Wir töten aber nicht grundlos. Wir töten, um zu essen. Wir töten, um zu überleben.«
Gestras Gedanken näherte sich mir, sie kamen mir näher, wie ein großes, gleißendes Licht vor dem ich meine Augen schließen musste. Es war, als enthülle mir Gestra, in diesem Augenblick die Essenz seines Daseins.
»Auch ich tötete nicht grundlos, auch ich nährte mich, mit Erfahrung, mit Formen, mit Werden von Pflanzen und Tieren und Menschen und ihren Zwischenstufen und Übergängen. Ich habe viel entnommen, aus den beiden deiner Art.«
»Und warum? Wozu? Was hat das alles genutzt, wenn du jetzt schon wieder vergehst! Warum musste Samuel dann sterben? Wenn du doch soundso stirbst.«
»Warum isst du? Warum suchst du Erlebnisse? Warum bist du in den Wald gegangen, um deinen Freund zu retten? Stirbst du nicht auch?«
»Ja, aber nicht so schnell?«
Das Feld, um mich herum, fing an mich zu Umkreisen, als wäre ich in eine Decke gepackt und würde mich hineinschmiegen.
»Dich töte ich nicht.«
»Ja und!« Erwiderte ich trotzig. »Darum geht es doch nicht.«
»Hast du das nicht gesagt? Es gibt ein töten, mit Sinn, um zu überleben. Und eines ohne. Dich zu töten wäre ohne Sinn. Ich habe nun alles erfahren.«
»Dann lass mich!«
»Das werde ich, dass werde ich, wenn meine Verwandlung vorüber ist. Ich habe dann noch ein Geschenk für dich.«
»Ich will nichts von dir.«
»Das willst du.«
»Ich will nicht.« Sagte ich, stammelte ich, als würde ein Narkotikum langsam meine Vene füllen.
Dann wurde es dunkel.

02/21 PGF

48.

I didn’t get very far. I don’t know what Gestra did to me, but I couldn’t get closer than two steps.
Then it was over and I was standing in a field from which I could not move forward or backward.
I could look around and I saw that night was falling over the forest.
Okay, I thought, this will now be as pleasurable as it is for a fly to wait for the spider in whose web it had become entangled.
Except that my spider was talking.
I heard it quite clearly, as from Gestra the sentence went out: „Do not be afraid. I know what I needed to know. My hunger is satisfied.“
„You son of a bitch, you killed my friend. What the hell?“
„I absorbed him, Joe. He’s a part of me now. He’s returned, to where it all comes from.“
I fought back against that thought. I resisted it as I had resisted all my life against a God who brings forth cancer, pedophiles, and war.
„You ate him!“ I threw at Gestra.
It looked at me and I noticed that its strange silicone skin, like soft wax was beginning to lose its shape.
„That was necessary at this point. As in any development, everything necessary happens. Everything you’re happy about today has a dark reason it grew out of. Many died so you could live as you do. I went through, in this short span, the different forms of your life, and I am aging and withering, at the stage you will reach once you have completed your evolution. But the way there, it is full of war and death and destruction that you bring to the world and to yourselves.“
I tried to free myself, but Gestra had taken me over. I was suspended in an invisible net, a three-dimensional field, and could neither approach Gestra nor move away.
„You killed them,“ I repeated, angrily but with fading conviction, „the sheriff, Samuel.“
„Yes, yes such is life, in this corner of the universe. You too kill, you slaughter and eat the best parts, of animals not worthy of your pity. Every day you cause great death and you don’t care. You only care when it becomes your loss.“
I fidgeted and twitched, trying to break free. I wanted to gesture when I argued, but my body was, like, frozen.
„We don’t kill for no reason, though. We kill to eat. We kill to survive.“
Gestra’s thoughts came closer to me, they came closer to me, like a great, glistening light before which I had to close my eyes. It was as if Gestra, at that moment, was revealing to me the essence of his existence.
„I, too, did not kill for no reason, I, too, nourished myself, with experience, with forms, with becoming of plants and animals and people and their intermediate stages and transitions. I took much, from the two of your kind.“
„And why? What for? What was the use of it all, if now you are already passing away! Then why did Samuel have to die? After all, if you die so-and-so.“
„Why do you eat? Why do you seek experiences? Why did you go into the forest to save your friend? Aren’t you dying too?“
„Yes, but not so fast?“
The field, around me, began to circle me as if I were wrapped in a blanket and snuggling into it.
„I’m not killing you.“
„Yes and!“ I retorted defiantly. „That’s not the point.“
„Isn’t that what you said? There is a killing, with meaning, to survive. And one without. Killing you would be without sense. I’ve learned everything now.“
„Then let me!“
„I will, that I will, when my transformation is over. I have another gift for you then.“
„I want nothing from you.“
„That’s what you want.“
„I don’t.“ I said, stammering as if a narcotic was slowly filling my vein.
Then it went dark.

02/21 PGF

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