Gestra (25)

25.

Sheriff Donavan saß in seinem Drehstuhl hinter dem Schreibtisch und streckte uns seinen Bauch entgegen, wie eine Hochschwangere, deren Blick sagt: »Das drückt sich jetzt bald aus mir heraus.«
Wie, zumindest von mir vermutet, war er nicht allein. Ryken war mit im Büro. Aber er stand abseits und sah zum Fenster hinaus, als hätte er mit unserer Unterredung wenig zu tun, sei aber so hochgestellt, dass in seiner Gegenwart, alles besprochen werden konnte.
Der Sheriff nahm uns ins Visier und ich spürte, wie er nachzuahmen versuchte, was er sich beim letzten Mal von Ryken abgeguckt hatte.
»So!« Machte er zum Einstieg. Und sah einen nach dem anderen an. »Dir geht es nicht gut, sagtest du am Telefon. Geht es besser?«
Jez hob den Arm, da der Verband nicht zu übersehen war.
»Hab´ mich verbrüht, aber geht schon wieder.«
»So.« Gab der Sheriff zu Protokoll und mir war klar, dass Ryken am Fenster aufmerksamer, die Information zur Kenntnis nahm, als Donavan. Aber der machte sich.
»Und du hast es selbst versorgt? Oder hat Joe dir geholfen?«
»Nein, weder noch. Wir waren im York drüben, in Sanford.«
»So! Und warum den weiten Weg? Warum nicht gleich hier in Kennebunk? Ich gehe immer zum Southern Maine.«
Jez ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.
»Ich hörte für Verbrennungen sei das York gut.«
»So!« Donavan rieb sich den Bauch. »Du hattest noch Zeit, das Branchenregister durchzusehen?«
»Ich stand ja nicht in Flammen.«
Respekt, dachte ich. Jez wollte wirklich nichts verraten.
»So! Dann ist ja gut. Mal sehen, ob ich das überprüfen werde.«
Jez sah, in Donavan keine Gefahr.
»Mal sehen, ob ich den Doktor von seiner Schweigepflicht entbinde. Aber sollte ich deshalb herkommen?«
Donavan wurde etwas rot, wie ein Kastrat in mitten nackter Frauen.
»Nein, du solltest herkommen, weil man euch in der Nähe des Waldes noch mal gesehen hat. Und da wollten wir fragen, also ich und Agent Ryken. Was ihr so entdeckt habt? Im Wald.«
»Dass es für die Pilzsaison zu früh ist.« Erwiderte Jez trocken und jetzt war mir klar, wie aufgewühlt sie sein musste, um nicht, wie drei Tage zuvor, von der Autorität der Behörde eingeschüchtert zu sein. Ihre heile Welt war gerade in Unordnung.
»So!«
Es wurde still.
Donavan hatte sein Pulver verschossen. Es war wie beim Schach, als hätte er nur noch den König übrig und flüchte mutlos über das Feld.
»Aber ihr wart im Wald. Das gebt ihr zu? Und du würdest, unter Eid, aussagen, dass deine Verletzung nichts mit dem Besuch im Wald zu tun hat?«
Der Sheriff wollte ein Remis.
»Warum muss ich das unter Eid?«
Ryken wandte sich um und seine Stimme war scharf: »Sheriff schenken wir uns das. Sie beide, ich lade sie zu einer medizinischen Untersuchung vor. Unser Team wird in drei Tagen hier ein Camp aufschlagen und dann werden wir uns die Sache noch mal etwas näher ansehen. Da sie nochmals im Wald waren, sind Sie beide, für uns, die interessanteren Fälle.«
»Und, warum, wenn ich fragen darf?« Ereiferte sich Jez.
Ich wusste, sie würde nicht weit kommen.
»Nein, dürfen Sie nicht. Sie halten sich zur Verfügung. Sie gehen nicht mehr in den Wald. Sie ziehen sich keine neuen Wunden zu. Sie«.
»Ryken!« Mein Ton, war wie ein kleiner Peitschenhieb und schon hatte ich die Aufmerksamkeit. »Ich müsste sie unter vier Augen sprechen.«
Ich war nicht ganz sicher, wessen Blick entrüsteter war, der von Jez oder der des Sheriffs.
Rykens Blick war prüfend.
»In Ordnung. Sheriff, wenn ich Sie bitten dürfte. Auch, wenn es Ihr Büro ist.«
Donavans Kopf glühte, als würde er sich im nächsten Moment in eine Supernova verwandeln. Aber er wusste, dass er keine Wahl hatte.
Er erhob sich schwerfällig aus seinem Drehstuhl.
»Jezebel, komm! Wir gehen einen Kaffee trinken.«
Sie bewegte sich nicht vom Platz.
»Ich will hören, was hier gesprochen wird.«
»Miss, machen Sie keine Szene, wie ein Teenager. Ich höre mir an, was mir Ihr Freund zu berichten hat. Dann sehen wir weiter.«
Jez bedachte mich noch mit einem zornigen Blick und folgte dann dem Sheriff.
Und ich begann, was ich von Anfang an geplant hatte: dem Sheriff nichts und Ryken alles zu sagen. Auch, wenn es mir leidtat, dass damit, die Mühe die sich Jez gemacht hatte, dem Sheriff nichts zu sagen, umsonst war.

02/21 PGF

25.

Sheriff Donavan sat in his swivel chair behind the desk, sticking his belly out at us like a very pregnant woman whose look says, „This is going to squeeze out of me soon.“
As, at least I suspected, he was not alone. Ryken was in the office with him. But he stood apart, looking out the window, as if he had little to do with our conversation, but was so highly placed that in his presence, everything could be discussed.
The sheriff took aim at us, and I felt him trying to imitate what he had picked up from Ryken last time.
„Well!“ He made to start. And looked at one by one. „You’re not well, you said on the phone. Feeling better?“
Jez raised her arm, as the bandage was impossible to miss.
„Scalded myself, but I’m all right.“
„Well.“ Stated the sheriff, and it was clear to me that Ryken at the window was more attentive, taking note of the information, than Donavan. But the made himself.
„And you took care of it yourself? Or did Joe help you?“
„No, neither. We were over at the York, in Sanford.“
„Well! And why all the way? Why not right here in Kennebunk? I always go to Southern Maine.“
Jez didn’t let himself get flustered.
„I heard for burns the York was good.“
„So!“ Donavan rubbed his belly. „You still had time to look through the industry register?“
„It’s not like I was on fire.“
Respect, I thought. Jez really didn’t want to give anything away.
„Well, that’s good then. Let’s see if I’ll check it out.“
Jez saw, in Donavan, no danger.
„Let’s see if I’ll release the doctor from his confidentiality. But should I come here for that?“
Donavan blushed a little, like a castrato in the midst of naked women.
„No, you should come here because you were seen again near the forest. And that’s where we wanted to ask, so me and Agent Ryken. What you guys discovered? In the forest.“
„That it’s too early for mushroom season.“ Replied Jez dryly, and now I realized how agitated she must be to not be intimidated by the authority of the agency, as she had been three days earlier. Her perfect world was in disarray right now.
„Well!“
Silence fell.
Donavan had shot his powder. It was like playing chess, as if he had only the king left and was fleeing despondently across the field.
„But you were in the forest. You admit that? And you would testify, under oath, that your injury had nothing to do with the visit to the woods?“
The sheriff wanted a draw.
„Why do I have to do that under oath?“
Ryken turned and his voice was sharp, „Sheriff let’s dispense with that. Both of you, I’m subpoenaing you for a medical exam. Our team will set up camp here in three days and then we’ll take another look. Since you were in the woods again, you two, to us, are the more interesting cases.“
„And, why, may I ask?“ Erected Jez.
I knew she wouldn’t get far.
„No, you may not. You keep yourself available. You don’t go into the woods anymore. You don’t inflict new wounds. You.“
„Ryken!“ My tone, was like a little whip lash and I had their attention. „I’d have to talk to you in private.“
I wasn’t quite sure whose look was more indignant, Jez’s or the sheriff’s.
Ryken’s look was scrutinizing.
„All right. Sheriff, if you don’t mind. Also, if it’s your office.“
Donavan’s head glowed as if it would go supernova the next moment. But he knew he had no choice.
He rose heavily from his swivel chair.
„Jezebel, come on! We’re going for coffee.“
She did not move from her seat.
„I want to hear what’s being said here.“
„Miss, don’t make a scene like a teenager. I’ll listen to what your friend has to tell me. Then we’ll go from there.“
Jez gave me another angry look and then followed the sheriff.
And I began what I had planned from the beginning: to tell the sheriff nothing and Ryken everything. Even though I was sorry that the effort Jez had made to tell the sheriff nothing was in vain.

02/21 PGF

5 Kommentare zu “Gestra (25)

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