Gestra (21)

21.

Ich war immer noch zurückhaltend, mich dem seltsamen Baum zu nähern und dachte an den Hitzeschild, aber davon war nichts mehr spürbar.
Jez zückte ihr Handy und begann den Platz von allen Seiten und aus allen Perspektiven zu fotografieren, wie eine Forensikerin, die einen Tatort dokumentiert.
Da ich ungeduldig war, fragte ich: »Meinst du das ist nötig, sollen wir nicht erst mal sehen, ob das Blechding nicht schon uralt ist.«
Sie hielt inne.
»Den größten Schaden haben Grabräuber, für die Forschung, nicht mit dem Beutediebstahl begangen, sondern dadurch, dass sie gierig und achtlos, Spuren und Schichten vernichtet haben, die für das geübte Auge wichtige Hinweise bilden, wann, wie und mit welchen Mitteln etwas vergraben oder verschüttet wurde. Dinge die wir gar nicht sehen – in welche Richtung ein Grashalm abgeknickt ist, sind für die, die das hier später untersuchen, extrem wichtig. Du solltest das wissen. Wenn ich dir, einen ersten Eindruck, über deinen Fund, vermitteln soll, gehört das dazu.«
»Okay, okay«, beschwichtigte ich und ließ sie, nach einer längeren Serie Fotos auch noch einen Film drehen.
Nach gut einer Viertelstunde legte sie ihr Handy beiseite. Sie öffnete ihren Rucksack und holte, Plastiktüten, Werkzeuge und eine Pinzette heraus.
»Sagtest du nicht, du bist keine Expertin?«
»Habe mich eingelesen«, verkündete sie stolz.
Nun begann sie, mit einer gröberen Zange und einer feinen Pinzette, sich dem Metallkorpus zu nähern, auf dem Betula Gestra thronte. Sie ging extrem langsam vor, wie ich es, mit meinem Naturell nie getan hätte.
Jez legte einzelne Blätter, die als Herbstlaub die letzte Nacht gefallen waren, vorsichtig beiseite und wischte mit einem kleinen Pinsel Erde von den Metallstücken.
Ich sah ihr dabei, über die Schulter, zu und versuchte, dass zu sehen, worauf sie sich nicht konzentrieren konnte, weil sie die Details, zu sehr im Blick hatte: Das Ganze samt Betula Dingensdangens.
Sie war wirklich geschickt, aber beim Versuch, einen kleinen Ast, der sich verklemmt hatte, wegzuziehen, zerrte sie etwas zu heftig und mit einem knirschenden, kreischenden Geräusch rutschten Teile des Satelliten auseinander.
Jez schreckte zurück und stieß gegen mich.
»Hoppla!« Meinte ich.
Sie lehnte sich wieder vor.
»Mehr Licht!« Forderte sie, wie Goethe mit seinen letzten Worten.
Ich wollte mein Smartphone einschalten.
»Nein! Im Rucksack ist eine Taschenlampe.«
Der Rucksack war so ordentlich, dass ich nicht suchen musste.
Ich nahm die Stabtaschenlampe heraus und hielt sie dorthin, wo die Metallplatten auseinander gerutscht waren und den Blick freigaben, ins Innere der Überreste, des Lacrosse-Satelliten. Wir sahen auf den Wurzelballen von Gestra.
Einen Moment war es still – waldstill, mit knackenden Ästen und zwitschernden Vögeln.
Ich hielt den Lichtstrahl der Taschenlampe auf eine schwarze Substanz, in der das Licht einfach zu verschwinden schien. Das Licht glänzte nicht geheimnisvoll auf der Oberfläche wie bei Onyx, sondern schien hineinzufallen, wie ein Schatten in die Nacht.
»Ist das ein Meteorit?« Fragte ich.
Und Jez die deutlich näher war, schüttelte vor mir den Kopf. »Nein, dafür ist es zu schwabbelig. Es ist irgend so ein Glibberschleim.«
»Ursuppe?«
Jez schob sich etwas zurück und ich musste ihr Platz machen.
»Auch eine Idee, aber mir scheint es eher, wie eine Plazenta, aus der sich Gestra nährt.«
Sie betrachtete unsere Neuentdeckung plötzlich mit deutlich weniger Begeisterung, als eine halbe Stunde zuvor.
»Das ist komisch.« Meinte sie.
»Was?«
»Na! Das alles hier.«
»Immer noch der Meinung, wir sollten Donavan informieren?«
Ich wusste, dass sie am liebsten sofort: Ja, gesagt hätte, aber es ging ihr wie mir: Hatten wir dann noch unter Kontrolle, was sich hier ereignete? Also, falls wir das überhaupt hatten …
Sie lehnte sich nochmal nach vorne, als könnte sie, mit einem letzten Blick auf den schwarzen Schleim, diese Entscheidung, den Sheriff zu informieren, besser treffen.
Ich schaltete die Taschenlampe aus und wollte, sie gerade wegstecken, als sich plötzlich einer der schlaffen Äste, an dem weißen Stamm, in Bewegung setzte und im nächsten Moment, nach Jez Arm fasste, wie eine Schlange die zubeißt.

02/21 PGF

21.

I was still reluctant to approach the strange tree, thinking of the heat shield, but there was no sign of it.
Jez pulled out her cell phone and began photographing the square from all sides and perspectives, like a forensic scientist documenting a crime scene.
Being impatient, I asked, „Do you think that’s necessary, shouldn’t we see if the tin thing isn’t ancient first?“
She paused.
„The greatest damage grave robbers have done, for research, is not with the theft of loot, but by greedily and carelessly, destroying traces and layers that form important clues to the trained eye as to when, how, and by what means something was buried or buried. Things we don’t even see – which way a blade of grass bent are extremely important to those who investigate this later. You should know that. If I’m going to give you, a first impression, about your find, that’s part of it.“
„Okay, okay,“ I placated, and after a long series of photos, I had her take a movie as well.
After a good quarter of an hour, she put her phone aside. She opened her backpack and took out, plastic bags, tools and tweezers.
„Didn’t you say you weren’t an expert?“
„Been reading up,“ she proudly announced.
Now, using coarser forceps and fine tweezers, she began to approach the metal body on which Betula Gestra was perched. She proceeded extremely slowly, as I, with my disposition would never have done.
Jez carefully put aside individual leaves that had fallen as autumn leaves the previous night and wiped soil from the metal pieces with a small brush.
I watched her, over my shoulder, trying to see what she couldn’t concentrate on because she was too focused on the details: the whole thing, including Betula Dingensdangens.
She was really dexterous, but in trying to pull away a small branch that had gotten stuck, she tugged a little too hard and with a crunching, screeching sound, parts of the satellite slid apart.
Jez recoiled and bumped into me.
„Oops!“ I opined.
She leaned forward again.
„More light!“ She demanded, like Goethe with his last words.
I wanted to turn on my smartphone.
„No! There’s a flashlight in the backpack.“
The backpack was so neat that I didn’t have to search.
I took out the stick flashlight and held it to where the metal plates had slipped apart and revealed the view, inside the remains, of the lacrosse satellite. We looked at the root ball of Gestra.
For a moment it was quiet – forest quiet, with branches cracking and birds chirping.
I held the flashlight beam on a black substance where the light seemed to just disappear. The light didn’t shine mysteriously on the surface like onyx, but seemed to fall in, like a shadow in the night.
„Is that a meteorite?“ I asked.
And Jez who was clearly closer, shook her head in front of me. „No, it’s too squishy for that. It’s some kind of goo.“
„Primordial soup?“
Jez pushed back a little and I had to make room for her.
„Also an idea, but it seems to me more like a placenta from which Gestra feeds.“
She suddenly regarded our new discovery with considerably less enthusiasm than she had half an hour earlier.
„That’s weird.“ She opined.
„What?“
„Well, all this.“
„Still think we should inform Donavan?“
I knew that she would have preferred to say: yes, right away, but she felt the same way I did: were we then still in control of what was happening here? Well, if we had at all …
She leaned forward again, as if, with one last look at the black slime, she could better make that decision to inform the sheriff.
I turned off the flashlight and was about to put it away when suddenly one of the limp branches on the white trunk started to move and in the next moment grabbed Jez’s arm like a snake biting.

02/21 PGF

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