Gestra (20)

20.

Es blieb bei dem einen Whiskey und es war eine zärtliche Nacht. Als ich wach wurde, lag Jez nicht neben mir, sondern saß schon an ihrem Rechner, während ihr Drucker ratterte.
»Morgen!« Meinte ich.
»Morgen.« Meinte sie, abwesend.
»Nach dem Frühstück können wir los.« Ergänzte sie.
»Zum Wald?«
»Ja, ich drucke uns ein bisschen was aus, an Bildern und Texten, dass uns helfen kann, einzuordnen was du gefunden hast. Ich glaube, bei dem Teil das du beschrieben hast, handelt es sich um ein Stück eines Aufklärungssatelliten, einem Lacrosse 5. Das passt zur Kennzeichnung und zum Bauteil, wenn ich das hier«, sie zeigte mir ein Bild auf dem Monitor, »richtig sehe.«
Sie hatte eine Liste mit Kennungen von Aufklärungssatelliten geöffnet und diese ergänzte die fehlenden Informationen, der Bezeichnungen, die ich fotografiert hatte .
Ich beugte mich zu ihr und gab ihr einen Kuss.
»Danke, Jez. Weißt du, ich will dich nicht«.
»Tust du nicht, wenn wir im Anschluss Donavan und Ryken informieren.«
Dem widersprach ich erstmal nicht.
Nachdem Frühstück nahmen wir Jez Wagen und fuhren zum Wald. Wir parkten in der Nähe des Observatoriums, gingen aber von der Landstraße aus in den Wald. Ich hatte an einem Ast eine Markierung hinterlassen, an der Stelle, an der ich, die Nacht zuvor, aus dem Wald herausgekommen war.
Jetzt in der Morgensonne schien mir meine Beunruhigung vom Vorabend völlig übertrieben. Wahrscheinlich eine alte, archaische Angst vor Wald und Dunkelheit, durch die meine Fantasie mit mir durchgegangen war.
Jez ging neben mir, mit einem Rucksack voller Unterlagen auf dem Rücken. Es war, wie der Start zu einer fröhlichen Pilzexkursion im Herbstwald, bei der es mehr darum ging sich zu bewegen und die Sonne zu genießen, als sich anzustrengen.
Gerade, als ich anfing unsicher zu werden, ob ich die Lichtung entdecken würde, sah ich sie.
»Dort!« Ich zeigte mit dem Finger hin.
Wir betraten die Lichtung und ich sah sofort, dass sich etwas verändert hatte. Wir näherten uns den beiden Findlingen und den Blechteilen mit dem Keimling, aber der war verschwunden. Auf den Überresten, von denen Jez ausging, dass sie zu einem Satelliten gehörten, ragte ein dünner, weißer Baum in die Höhe, etwa 5 Fuß hoch, der aus einem dünnen, festen Stamm bestand, an dem schlaffe Äste, wie Luftschlangen herabhingen. Der Stamm leuchtete milchig. Nicht, weil die Morgensonne auf ihn fiel, dafür stand die Sonne zu ungünstig, sondern er leuchtet, matt und milchig aus sich selbst.
Jez bemerkte ihn gar nicht.
»Wo ist denn der Keimling?« Wollte sie stattdessen wissen.
Ich zeigte auf den weißen Stamm.
»Sieht aus, als wäre das daraus geworden?«
Wir gingen näher hin. Sie betrachtete mich mit leuchtenden Augen und sah sich dann wieder den Baum und die Satellitenteile an.
»Du meinst, er ist so schnell gewachsen?«
»Lass uns nachsehen.«
Wir gingen noch näher hin.
Ich wollte eben Jez warnen, ein bisschen vorsichtig zu sein, als sie schon die Hand nach der seltsamen Rinde ausstreckte und ehe ich sie stoppen konnte, sie berührte.
»Warte!« Sagte ich noch und dachte an den Gestank und die Hitze. Aber ich war zu spät.
Ich rechnete mit einem Aufschrei. Aber Jez ließ ihre Hand wo sie war und meinte: »Das fühlt sich schön an. Wie warme, weiche Haut.« Sie nahm die Hand zurück und roch daran. »Und die Rinde duftet wundervoll.«
Sie ließ mich an ihrer Hand riechen. Der Gestank von gestern war vollkommen verschwunden.
»Vielleicht haben wir«, meinte sie feierlich, »in diesem Moment eine neue Spezies entdeckt. Wir sollten ihr einen Namen geben.«
Ich war verblüfft, wie das uramerikanische Entdeckerblut, dafür sorgte, dass sie sich ohne große Zweifel, zusammen mit mir, zur Erstentdeckerin kürte und, wie ganz ähnlich mir am Vorabend, sie den eigentlichen Fund, unter dem Baum zu vergessen schien.
Da ich froh war, dass sie Gefallen an der Sache fand und, das meine Chance erhöhte, dass sie nicht sofort Donavan und Ryken informierte, spielte ich mit.
»Wie hieß nochmal dieser galaktische Müllwagen den die Deutschen entwickeln? Nicht Space Fence.«
»Du meinst: Gestra.«
»Ja, genau. So lass es uns nennen. Halt auf lateinisch.«
Damit schien sie zufrieden. Sie nahm ihren Rucksack nach vorne und holte ein Buch zur Baumbestimmung hervor. Sie blätterte kurz.
»Dann schlage ich vor Betula Gestra.«
»Klingt der Entdeckung angemessen.« Lobte ich. »Warum Betula?«
»Weil die Rinde aussieht, wie die einer Birke.«
Ich meinte: »Ach so!« Und zeigte, dann auf die Blechteile unter Betula Gestra.
»Sollen wir uns jetzt, mal denen widmen?«

01/21 PGF

20.

It stayed with the one whiskey and it was a tender night. When I woke up, Jez wasn’t lying next to me, but was already sitting at her computer while her printer rattled.
„Morning!“ I opined.
„Morning.“ She said, absently.
„After breakfast, we can go.“ She added.
„To the forest?“
„Yeah, I’ll print us out some stuff, pictures and text, that can help us classify what you found. I think the part you described is a piece of a reconnaissance satellite, a Lacrosse 5. That matches the marking and the component, if I’m looking at this,“ she showed me a picture on the monitor, „correctly.“
She had opened a list of identifiers of reconnaissance satellites and this filled in the missing information, of the designations I had photographed .
I leaned over and gave her a kiss.
„Thank you, Jez. You know, I don’t want you“.
„You won’t if we inform Donavan and Ryken afterwards.“
I didn’t disagree with that for now.
After breakfast, we took Jez’s car and drove to the forest. We parked near the observatory, but walked into the forest from the highway. I had left a mark on a branch at the spot where I, the night before, had come out of the woods.
Now, in the morning sun, my apprehension of the night before seemed completely exaggerated. Probably an old, archaic fear of the woods and darkness that my imagination had run away with.
Jez walked beside me, with a backpack full of papers on her back. It was like starting out on a happy mushroom excursion in the autumn forest, which was more about moving around and enjoying the sun than making an effort.
Just as I was beginning to feel uncertain about spotting the clearing, I saw it.
„There!“ I pointed with my finger.
We entered the clearing and I immediately saw that something had changed. We approached the two boulders and the pieces of tin with the seedling, but it had disappeared. On the remains, which Jez assumed belonged to a satellite, a thin, white tree towered about 5 feet high, consisting of a thin, solid trunk with limp branches hanging down like streamers. The trunk glowed milky. Not because the morning sun fell on it, the sun was too unfavorable for that, but it shone, dull and milky from itself.
Jez did not notice him at all.
„Where’s the seedling, then?“ She wanted to know instead.
I pointed to the white stem.
„Looks like that’s what it turned into?“
We walked closer. She looked at me with bright eyes and then back at the tree and the satellite parts.
„You mean it grew that fast?“
„Let’s go see.“
We walked even closer.
I was just about to warn Jez to be a little careful when she already reached out and touched the strange bark before I could stop her.
„Wait!“ I still said, thinking about the stench and the heat. But I was too late.
I was expecting an outcry. But Jez left her hand where it was and said, „That feels nice. Like warm, soft skin.“ She took her hand back and smelled it. „And the bark smells wonderful.“
She let me smell her hand. The stench of yesterday was completely gone.
„Perhaps,“ she said solemnly, „we have discovered a new species at this moment. We should give it a name.“
I was amazed at how the primordial American explorer blood, ensured that she, without much doubt, along with me, crowned herself the first discoverer and, as quite similar to me the night before, she seemed to forget the actual find, under the tree.
Since I was glad that she took a liking to it, and, that increased my chances of her not immediately informing Donavan and Ryken, I played along.
„What was the name of that galactic garbage truck the Germans are developing? Not Space Fence.“
„You mean Gestra.“
„Yeah, right. Let’s call it that. Keep it in Latin.“
With that, she seemed satisfied. She took her backpack to the front and pulled out a book on tree identification. She leafed through it briefly.
„Then I suggest Betula Gestra.“
„Sounds appropriate to the discovery.“ I praised. „Why Betula?“
„Because the bark looks like that of a birch tree.“
I said, „Oh, I see!“ And pointed, then to the sheet metal parts under Betula Gestra.
„Shall we devote ourselves to them now?“

01/21 PGF

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