Gestra (7)

7.
Jezebel setzte mich bei einem B&B mit dem Namen »Bufflehead Cove« ab und stellte mich kurz dem Besitzer vor.
»Klar kann er ein Zimmer haben.« Sagte der ältere grauhaarige Mann, mit einem vergnügten Lächeln.
»Kann er denn zahlen?«
»Kannst du das?«
Ich hielt meine goldene American Express hoch.
»Müsste noch was drauf sein.«
Jez Bekannter nahm die Karte, zog sie durch den Scanner und nickte zufrieden.
»Na, dann sind wir doch alle glücklich. Sie haben ein Zimmer in Erdgeschoss, mein schönstes, direkt am Fluss.«
Er händigte mir den Schlüssel aus, während er sich Jez griff und mit ihr davon spazierte.
Die rief: »Wir sehen uns dann morgen, irgendwann.« Und verschwand am Arm meines Vermieters.
Gegen ein paar Stunden für mich sein, hatte ich nichts.
Das Zimmer und der Ausblick waren wunderschön. Ich tat mir, nach Florida, immer noch schwer, zu glauben, dass das alles gerade passierte. Ich war vollkommen überstürzt aus Florida geflohen. Die ersten Stunden, ohne Halt. Dann hatte ich mich mit Whiskey eingedeckt und war weitergefahren, bis ich, nach 16 Stunden, das Gefühl hatte, ich könnte ein erstes Motel mieten, ohne nachts überrascht zu werden. So war es vier fünf, Tage gegangen. Ich erinnerte mich an die meisten Passagen der Strecke nicht. Gestern Abend hatte ich so viel getrunken, dass ich heute nicht mal den Plan, nach Kanada zu fahren und dort Schluss zu machen, als meinen eigenen empfand. Die kleine Astronomin hatte recht: Ich soff mir das Gehirn weg, wenn ich nicht aufpasste. Anscheinend war es schon so weit, dass andere auf mich aufpassen mussten.
Draußen setzte die Dämmerung ein.
Eigentlich Zeit für einen Drink. Ich stand in meinem Zimmer, wie jemand der gleich losmuss. Aber ich musste nirgends hin. Ich sah auf meine Hand. Sie Hand zitterte, als hätte ich Parkinson. Aber die Diagnose war eine andere: Langsam setzte der Entzug ein und der mochte diesmal etwas wuchtiger verlaufen, als früher, wenn ich einfach mal ausgesetzt hatte, weil mir danach war. Egal, sagte ich mir, ich werde das schaffen. Sich etwas abgewöhnen, dass man nicht will, ist im Grund einfach: man lässt es! Rauch keine, vögel keine, trink nix: Eines dieser Mantras musste man sich einpflanzen und egal, welches Gegenargumente auftauchte, sich verweigern. Mir würden an diesem Abend noch viel kleine und große Gründe einfallen, die für ein Gläschen, ein – kleines – Gläschen sprechen würden. Alles was ich tun musste war alle Gründe zu ignorieren: Entscheidend war, dass das Glas leer blieb. Das war ich Jez schuldig und ich war es Beth schuldig, egal wo sie war.
Ich zog mir die Schuhe an und meinen Mantel und setzte mich nach draußen, auf eine Bank, die am Rand der Veranda stand. Von ihr hatte ich einen schönen Blick auf den Kennebunk River, der sich an dieser Stelle verbreiterte, sodass es den Eindruck vermittelte, man säße an einem gemütlichen innerstädtischen See.
Tatsächlich war das »Bufflehead« nur eines, einer Reihe von Gasthäusern, die sich entlang des Flusses südwärts zogen, ehe der Kennebunk in den Atlantik mündete.
Ich sah, von meinem Platz aus, das gegenüberliegende Ufer, ein loses Wohngebiet inmitten grüner Natur. Die Ufer waren unbebaut und ragten, als grüne Auen, in den Fluss. Das Land sah sumpfig aus und ich konnte mir vorstellen, dass, im Sommer, die Fliegen eine Plage waren. Aber jetzt war es kühl – ich nahm an, es war nicht mehr als 10 °C – und es roch nach Salz und Meer, und nicht nach trockenem Sumpfgras.
Von Süden trug der Wind, den Lärm aus der Innenstadt heran. Das leise, monotone Dröhnen von Motoren, die jemand der Eile hat, von A nach B bringen. Für mich klang es, wie etwas fernes, um, dass ich mich nicht kümmern musste. Hier, hatte ich das Gefühl, musste ich mich um nichts kümmern.
Ich nahm einen Schluck vom Orangensaft, den ich mit nach draußen genommen hatte und bereute, auch, wenn er köstlich war, dass ich mich nicht für etwas Warmes entschieden hatte: einen Grog oder Irish Coffee – ich korrigierte mich – oder einfach nur einen warmen Tee. Einen warmen Tee mit Pfefferminz und etwas Zucker, wie ich ihn manchmal, in einer verschütteten Kindheit getrunken hatte.
Ich zog mir einen Hocker heran, legte die Füße hoch und versuchte, nichts zu wollen. Vielleicht musste ich diese Zeit, wie einen Urlaub sehen oder eine Kur. Vielleicht musste ich mir vorstellen, ein Arzt hätte mir, für ein paar Wochen, mal Ruhe verordnet und die würde ich wahrnehmen.
Zufällig in Kennebunk, Maine, weil die Luft dort gut war und der Atlantik nah und die Menschen nett und die Abende still.
Was sollte hier schon passieren, dachte ich, wie man das manchmal denkt – ahnungslos …

01/21 PGF

7.
Jezebel dropped me off at a B&B called „Bufflehead Cove“ and briefly introduced me to the owner.
„Sure he can have a room.“ Said the older gray-haired man, with an amused smile.
„Can he pay, then?“
„Can you?“
I held up my gold American Express.
„Should be something left on it.“
Jez acquaintance took the card, swiped it through the scanner, and nodded with satisfaction.
„Well, we’re all happy then. You have a first floor room, my nicest, right on the river.“
He handed me the key as he grabbed Jez and strolled off with her.
She called out, „I’ll see you tomorrow, sometime.“ And disappeared on my landlord’s arm.
I didn’t mind a few hours to myself.
The room and the view were beautiful. I still had a hard time, after Florida, believing that this was all just happening. I had fled Florida in a complete rush. The first few hours, without stopping. Then I had stocked up on whiskey and kept going until, after 16 hours, I felt I could rent a first motel without being surprised at night. So it had gone for four five, days. I didn’t remember most of the passages of the route. Last night I had drunk so much that today I didn’t even feel the plan to go to Canada and call it a day was my own. The little astronomer was right: I was drinking my brains out if I wasn’t careful. Apparently it was getting to the point where others had to watch out for me.
Outside, dusk was setting in.
Actually, time for a drink. I stood in my room like someone who had to leave right away. But I didn’t have anywhere to go. I looked at my hand. It was shaking, as if I had Parkinson’s disease. But the diagnosis was different: Slowly, withdrawal set in, and it might be a little more violent this time than in the past, when I’d just stopped because I felt like it. No matter, I said to myself, I’ll manage. To give up something that you don’t want is basically simple: you don’t do it! Don’t smoke, don’t screw, don’t drink: one of these mantras had to be implanted and no matter what counter-arguments came up, refuse. I would think of many more small and big reasons that evening to have a drink, a – small – glass. All I had to do was ignore all the reasons: What mattered was that the glass remained empty. I owed that to Jez, and I owed it to Beth, no matter where she was.
I put on my shoes and my coat and sat outside, on a bench that stood at the edge of the porch. From it, I had a nice view of the Kennebunk River, which widened at this point, making it seem like you were sitting by a cozy inner-city lake.
In fact, the „Bufflehead“ was just one, of a series of inns that stretched southward along the river before the Kennebunk emptied into the Atlantic.
I could see, from where I was sitting, the opposite bank, a loose residential area surrounded by green nature. The banks were undeveloped and jutted, as green floodplains, into the river. The land looked swampy and I could imagine that, in summer, the flies were a nuisance. But now it was cool – I assumed it was no more than 10°C – and it smelled of salt and sea, rather than dry marsh grass.
From the south, the wind carried, the noise from downtown. The quiet, monotonous roar of engines, bringing someone in a hurry from A to B. To me, it sounded like something far away that I didn’t have to worry about. Here, I felt, I didn’t have to worry about anything.
I took a sip of the orange juice I’d taken outside and regretted, even though it was delicious, that I hadn’t opted for something warm: a grog or Irish coffee – I corrected myself – or just a warm tea. A warm tea with peppermint and a little sugar, like I had drunk sometimes, in a lost childhood.
I pulled up a stool, put my feet up and tried not to want anything. Maybe I needed to see this time, like a vacation, or a cure. Maybe I had to imagine that a doctor had given me a few weeks of rest and I would take it.
By chance in Kennebunk, Maine, because the air there was good and the Atlantic close and the people nice and the evenings quiet.
What should happen here, I thought, as one sometimes thinks – clueless …

01/21 PGF

2 Kommentare zu „Gestra (7)

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