Gestra / Gestra (1)

1.
Wow! Wow! Wow! Wo war ich? Die Flaschen auf dem Beifahrersitz verhießen jedenfalls nichts Gutes und auf dem Randstreifen, auf dem ich parkte, konnte man nur unbemerkt eine ganze Nacht stehen, wenn es sich um eine verdammt verlassene Landstraße im Nirgendwo handelte – also war ich im Nirgendwo!
Ich setzte mich aufrecht, bog meinen Kopf von rechts nach links, um meine Muskeln zu dehnen und schüttelte meinen rechten Arm, weil mir die Hand eingeschlafen war. Statt nach nichts fühlte sie sich Sekunden später an, als wäre ein Schwarm Bienen über sie hergefallen.
Ich lehnte mich vor bis ich meine Stirn auf dem Lenkrad ablegen konnte und nahm ein paar schwere Atemzüge.
Das Letzte woran ich mich erinnerte, war ein Autobahnschild Richtung New York, an dem ich vorübergefahren war. Ich hatte lauthals „If you can make it there, you make it everywhere“, gesungen und die Zeile fortgedichtet in „but I won´t make it there, and will it make nowhere“, und Gas gegeben Richtung Norden.
Um nach?
Um nach Portland zu kommen. Ja, das war der Plan gewesen. Ein Plan ohne Sinn, aber zumindest mit Ziel.
Ich öffnete die Fahrertür und mit der frischen Luft, wurde mir der saure Gestank nach faulem Atem bewusst, den ich im Wagen angesammelt hatte.
Ich stieg aus. Ging ein paar Schritt vom Auto weg und pinkelte an den Wegrand.
Während meine Blase sich wohltuend erleichterte, dämmerte mir ein weiterer Gedanke: Ich war mit einem Auto unterwegs. Ich war gefahren! Gott verdammte fast 1600 Meilen von Miami, bis fast nach Portland. Womit „Nirgendwo“ eine neue Definition erhielt: ich war in Maine und ich hatte eigentlich bis Portland durchfahren wollen. Aber irgendwann war der Whiskey doch zu viel geworden und, weil ich ein vorsichtiger Fahrer ohne Führerschein bin, bin ich wohl an die Seite gefahren, als ich die Spur nicht mehr halten konnte.
Gut gemacht, Joe. Sehr gut.
Durch den Nebel drängten neue Gedanken: Wenn ich weiterfahren wollte, musste ich erst einen Schluck trinken. Ohne Alkohol hatte ich gar nicht den Mumm dazu. Beth? Beth war verschwunden und ich hatte nichts dagegen tun können. Weil dieser Mistkerl einfach viel zu groß war, als dass ich ihm hätte an die Hauswand pinkeln können, um sie zu retten.
Und Crunchy – der saß vermutlich in einem Bunker und hoffte, dass der Sturm vorüberging, den wir gesät hatten.
Da meine Blase endlich leer war, zwängte ich meinen Penis durch den Reißverschluss nach innen, sorgte dafür, dass er bequem in der Unterhose verschwand, ehe ich den Reißverschluss hochzog und ihn in Gefahr brachte eingeklemmt zu werden.
Ich sah die Straße in beiden Richtungen entlang und war mir sicher, dass dies nicht der Highway nach Portland war. Es war zu zu still und ich sicher, noch ein Stück, von der Stadt entfernt.
Okay, ich musste jetzt erstmal drei Dinge klären: Weiterfahren? Weitersaufen? Warum Portland?
Der letzte Punkt war am einfachsten: Portland einfach so. Ich hatte eigentlich nach Kanada gewollt, um mich in Kanada, in einer einsamen Blockhütte zu Tode zu saufen. Ja, das war ein Detail des Plans. Aber der war dumm. Also, dass zu Tode saufen. Nicht Kanada. Kanada war okay. Viel Land, wenig Menschen, eine gute Mischung. Das Weitersaufen würde ich auch erstmal lassen. Ich trank gern und ich trank vermutlich zu viel, was ich aber gar nicht leiden konnte, waren Filmrisse. Ich war gern Herr über mein Leben und Handeln. Dass war ich wohl seit einigen Tagen nicht mehr. Die Flaschen auf dem Beifahrersitz waren alle leer. Mal sehen was im Kofferraum war.
Ich öffnete den Kofferraumdeckel und blickte auf 3 6-er-Packungen Jack-Daniels, noch ordentlich verpackt in weißem Karton mit schwarzer Beschriftung. Ich schlug den Kofferraumdeckel wieder zu und ging zur Fahrertür. Schloss auch die und sperrte ab. Ich ging nach vorne an meinen Wagen und fotografierte das Nummernschild mit dem Handy.
Dann zog ich den Reißverschluss meiner Jacke hoch. Es war Oktober und der Morgen kalt.
Ich lief los.
Manchmal war, alles stehen und liegen lassen, der einzig mögliche Weg, um neu anzufangen.

01/21 PGF

1.
Wow! Wow! Wow! Where was I? Anyway, the bottles on the passenger seat didn’t bode well, and the shoulder I was parked on could only be unnoticed for an entire night if it was a damn deserted country road in the middle of nowhere – so I was in the middle of nowhere!
I sat up straight, bent my head from right to left to stretch my muscles, and shook my right arm because my hand had fallen asleep. Instead of feeling like nothing, seconds later it felt like a swarm of bees had descended upon it.
I leaned forward until I could rest my forehead on the steering wheel and took a few heavy breaths.
The last thing I remembered was a highway sign heading for New York that I had passed. I had sung out loud, „If you can make it there, you make it everywhere,“ and continued the line into „but I won’t make it there, and will it make nowhere,“ and hit the gas heading north.
To get to?
To get to Portland. Yes, that had been the plan. A plan without meaning, but at least with a destination.
I opened the driver’s door and with the fresh air, became aware of the sour stench of foul breath I had accumulated in the car.
I got out of the car. Walked a few steps away from the car and peed on the side of the road.
While my bladder relieved itself pleasantly, another thought dawned on me: I had been driving a car. I had been driving! God damn nearly 1600 miles from Miami, almost to Portland. Which gave „nowhere“ a new definition: I was in Maine, and I had meant to drive all the way to Portland. But at some point the whiskey got to be too much and, being a cautious driver without a license, I guess I pulled over when I couldn’t keep my lane.
Good job, Joe. Very good.
New thoughts pushed through the fog: if I wanted to keep driving, I had to have a drink first. Without alcohol, I didn’t have the stomach for it. Beth? Beth had disappeared and there was nothing I could do about it. Because that son of a bitch was just way too big for me to pee on the side of his house to save her.
And Crunchy – he was probably sitting in a bunker hoping the storm we had sown would pass.
With my bladder finally empty, I squeezed my penis inside through the zipper, making sure it disappeared comfortably into my underpants before pulling up the zipper and putting it in danger of being trapped.
I looked down the road in both directions and was sure this was not the highway to Portland. It was too quiet and I sure, still a ways away, from town.
Okay, I had three things to figure out now: Keep driving? Keep drinking? Why Portland?
The last point was the easiest: Portland just because. I had actually wanted to go to Canada, to drink myself to death in Canada, in a lonely log cabin. Yes, that was a detail of the plan. But it was stupid. So, that drinking myself to death. Not Canada. Canada was okay. Lots of land, few people, a good mix. I would also leave the drinking for now. I liked to drink and I probably drank too much, but what I didn’t like at all were film tears. I liked to be the master of my life and actions. That I was probably no longer for a few days. The bottles on the passenger seat were all empty. Let’s see what was in the trunk.
I opened the trunk lid and looked at 3 6-packs of Jack-Daniels, still neatly packed in white cardboard with black lettering. I slammed the trunk lid shut again and went to the driver’s door. Slammed that too and locked it. I went to the front of my car and took a picture of the license plate with my cell phone.
Then I pulled up the zipper of my jacket. It was October and the morning was cold.
I started walking.
Sometimes, dropping everything was the only possible way to start over.

01/21 PGF

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