#137 Eine Geschichte (27)

Am Horizont kroch zitrusgelb die Sonne in die Höhe, wie ein fettes, altes Geschöpf, wie ein Leib dem die Begrenzung fehlt, der sich nicht fassen kann und deshalb ausstrahlt willenlos, einsam, seine Strahlen überall hinrichtend, sehnsüchtig etwas zu berühren, im Außerhalb, im Unbegrenzten.
Jack sah in die Runde und dachte, sie waren, wie die ersten fünf Mikroben, die das Licht der Welt erblicken und entscheiden müssen, ob sie leben wollen und sich vermehren oder in ihrer Pfütze verkümmern.
Die Welt war nicht, solange das Licht nicht da war, ohne Licht war die Welt nur ein Schatten.
Wie schön war es, wenn sie zu leuchten begann und ihren Reichtum an Formen und Farben entfaltete.
Es war, wie mit Schrödingers Katze: sie war nicht, wenn niemand hinblickte, die Welt war nicht, wenn niemand nach ihr sah.
Am Ende seines Ayahuasca, immer wieder vom Brechreiz gepackt, mit unsicheren Sinnen und weichen Beinen, wie ein Betrunkener, aber im Geist viel klarer, unendlich viel klarer, als jemals zuvor, gereingt, entleert und befreit, von endlosen Ketten menschlicher Generationen, welche die Entfremdung von der Welt weiter und weiter gegeben hatten, war er zu diesem Moment, zu diesem Sein im Augenblick gelangt, zu diesem ehrfürchtigen, staunenden „wie wundervoll ist die Welt“!
Wie schäbig behandelten wir sie, einander, uns selbst? Wie achtlos, weil wir in diesem Übergang nicht leben wollten? Weil wir nach Endlosigkeit trachteten, die nicht im vor und zurück zu erfassen war, sondern nur in diesem allgegenwärtigen, bewussten Sein.
In den Spielen der Welt war er Genie oder Mörder, in der Wirklichkeit war er Geschöpf inmitten einer unfassbaren Schöpfung, welche die Sonne, dem zarten Leib der Erde aufs Anlitz zeichnete.
Mehr musste man nicht wissen.
Mehr musste man nicht begreifen.

Ende

09/19 PGF

5 Kommentare zu “#137 Eine Geschichte (27)

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