#100 Zuhause

Seit zwei Tagen bin ich Zuhause.
Nicht, dass ich hier noch wohne, aber hier wurde ich geboren.
Sitze in der Küche der Ferienwohnung und trinke Dosenbier.
Ja, in manchen Stunden gehört Dosenbier zur Kultur.
Wenn man unterwegs ist, lockern sich die Regeln, das erleichtert die Heimatlosigkeit, im Sinn eines „nichts ist fest“, nicht mal Regeln.
Wenn man von dort weggeht, wo man herkommt, kommt man nie mehr an.
Ich weiß nicht, wie es Menschen geht, die sehr früh, sehr viele Veränderungen mitmachen, aber, wenn man lange geglaubt hat, an dem Ort zu bleiben, an dem man geboren wurde, dann enden mit dem Weggehen, alte, frühe Verbindungen, ohne sich woanders fortzusetzen.
Die Freundschaften und Beziehungen der Kindheit haben eine eigene, unwiederbringliche Qualität.

Als ich wegging ging ich freiwillig und abenteuerlustig. Ich schrieb, aber hatte noch kein Buch veröffentlicht, ich liebte, aber hatte keine Familie gegründet, ich arbeitete, war aber in keinem Beruf angekommen.
Wenn man mich fragen würde, warum ich wegging, wäre die ehrliche Antwort: „eine unbestimmte Sehnsucht“.
Manchmal, wenn ich darüber nachdenke, was ich antworten soll, wenn mich jemand fragt, was ich schreibe, kommt mir als Antwort:
„Ich schreibe von der Sehnsucht, von der wehmütigen Sehnsucht, die ganze Welt zu umfassen, ins Herz aufzunehmen, weil die Welt schön und das Leben kostbar ist, auch, wenn der Mensch es schwer macht, das zu sehen. Ich schreibe, um sehnsüchtig zu machen.“
Aber das stimmt wahrscheinlich nicht.

Mittlerweile bin ich solange von „Zuhause“ weg, wie ich im neuen „Zuhause“ bin.
Dieser Besuch macht mir bewusst, dass ich das alte „Ich“ nicht zurückholen mag. Das habe ich bislang dadurch getan, dass ich in meinen alten Dialekt zurückgekehrt bin.
Er ist mir fremd geworden, vielleicht, weil ich ihn fast zwei ganze Jahre nicht mehr gesprochen habe. Es ist, als würde ich Englisch sprechen. Dass ich ihn nicht mehr spreche, macht mich fremder und zugleich fester – ich bin verändert.

Dass ich Bücher schreibe hat sich herumgesprochen. Manche finden es cool, bei anderen wirkt es, als hätte ich ein seltsames Coming-Out gehabt.
Wie ich arbeite und lebe, irritiert den ein oder anderen, der mich eher mit Dosenbier, als mit Beruf und Familie assoziiert.
Dabei widerspricht sich das nicht. Nur, alle Seiten, lassen sich nicht zusammenhalten. Das ist gut, sehr gut. Das ermöglicht die Metamorphose.

Zuletzt geht es nicht darum, sich irgendwann überall fremd zu fühlen, sondern überall Zuhause zu sein. Die Rollen anzunehmen und frei zu interpretieren. Sich zu keiner überreden zu lassen, weil sie alle, zu Zeiten kommen und wieder gehen.
Weil zwischen Säugling und Greis, so wenig fest und sicher an uns ist, höchstens – und auch das nicht, ein Temperament, in meinem Fall „eine unbestimmte Sehnsucht“ …

07/19 PGF

8 Kommentare zu “#100 Zuhause

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