#88 Risse im System

Manchmal gehen die Dinge ganz leise zu Bruch.

Manchmal vermag nur der erfahrene diagnostische Blick, aus der Vielschicht der Symptomlage, die Krankheit zu erkennen.

Der Laie sieht was er sieht, erinnert, was er mal gehört hat und faselt bei einer zittrigen Kanzlerin von Tremor und Parkinson, weil man das kennt, ohne sich näher damit beschäftigen zu müssen. Der Kundige aber Vorsichtige bemerkt eine Standataxie, überfliegt eine Fülle von Diagnosen, das Kleinhirn betreffend und denkt nicht weiter, weil sich Ferndiagnosen verbieten. Und jeder Mensch seine Würde behalten sollte.
Das nur als Beispiel zur Fachkompetenz, derer die uns überliefern, was Nachricht ist.

Zu Bruch ging heute, die europäische Demokratie. Man stelle sich eine Bundestagswahl vor und Kanzler/in würde jemand der gar nicht zur Wahl stand. Ein Schelmenstück. In Europa möglich, weil niemand weiß, was Europa ist, außer einem Wirtschaftsraum. Mehr ist es nicht. Kein Raum für Flüchtlinge, kein Raum für soziale Visionen, nicht mehr der Hort des Humanismus und der Menschenrechte. Europa ist heruntergewirtschaftet und so passt eine Kanidatin, die sich zutraut alles zu können. Und was war sie nicht schon alles. Sie blieb nur nie lange genug, um für den Schaden verantwortlich gemacht zu werden, den sie bei der jeweiligen Station angerichtet hat. So grinst sie nun, von neuem Sockel in die Kamera.

Zu Bruch ging gestern, das deutsche Gesundheitssystem, als es plötzlich salonfähig wurde zu fordern, dass die Hälfte der deutschen Krankenhäuser geschlossen werden müsste. Dabei haben wir gar nicht zu wenige Kranke, wir haben zu wenig Personal. Das ist, als solle man Restaurants schließen, weil es keine Kellner gibt, was stören da, die Hungernden auf der Straße. Der Mann der jetzt im Kosovo Pflegekräfte rekrutiert, rekrutiert vielleicht morgen für die Bundeswehr, im Kabinett der Beliebigkeit. Bei dem es nur noch, um den Machterhalt geht. Aber warum?

Weil seit vier Jahrzehnten unser Sozialsystem zu Bruch geht, weil die weltweite Ungleichheit in einem gewaltigen Maß zunimmt, dass man die Zahlen nicht mehr fassen kann (vergl. „Das Kapital im 21. Jahrhundert“, Thomas Piketty). Wer die Regeln erkennt, weiß wer die Figuren schiebt, die über das Schachfeld ziehen und dafür sorgen, dass Mieten unbezahlbar bleiben, weil das Kapital in Immobilien steckt, die dafür sorgen, dass der Sozialstaat rückgebaut wird, um die Leistungsbereitschaft zu erhöhen, wer ein Interesse hat, die Strukturen des Gesundheitssystems zu straffen damit der Benefit steigt, aber nicht die Gesundheit der Kranken, wer in Aktien, sein Geld vor der Inflation schützt, statt es naiv auf einem Sparbuch anzulegen.

Wie ein von Rissen durchzogenes Glas steht die Demokratie da, bereit von Populisten und Radikalen den letzten Schlag zu bekommen.
„Der Krug geht …“ –
Ach, wie alt ist diese Geschichte schon!

07/19 PGF

10 Kommentare zu “#88 Risse im System

  1. Offenbar reicht es, mal Medizin studiert zu haben, um dann, wenn das Privatfernsehen kommt, semi-seriöse Ferndiagnosen zu stellen und dabei außer Acht zu lassen, dass uns das alles eigentlich gar nichts angeht.

    Offenbar reicht es, wenn das Privatfernsehen einem solchen Mediziner ein paar Scheine in die Hand drückt, was nicht für die Bezahlung unserer Mediziner spricht …

    Offenbar reicht es, sein politisches Ressort in einen Untersuchungsausschuss manövriert zu haben, um wegbefördert zu werden.

    Offenbar reicht es, mit der Wahl der Wegbeförderten alle anderen Nachrichten so zu überschatten, dass der Vorschlag, die Krankenhausversorgung weiter auszudünnen, gar nicht groß wahrgenommen wurde.

    Offenbar reicht es, einen Ministerposten von Anfang an auszuschließen, um letztlich für die Verteidigung des Landes zuständig zu sein.

    😦

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