#16 Hitler

Schon länger wundere ich mich, über die nicht abreißende Folge an Dokumentationen über Hitler, die es, besonders bei den Nachrichtensendern, in großer Fülle zu betrachten gibt.
Politisch korrekt mit dem Pathos versehen: Wir dürfen nicht vergessen!
Tatsächlich dürfen wir das nicht. Die Taten dürfen wir nicht vergessen, das Leid und millionenfache Elend.

Höre ich aber den Biografen und Kommentatoren zu, welche ihr Wissen zum Besten gegen, kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass sie sachlich bewertet, begeistert sind „vom Führer“. Auch, wenn sie verurteilen, spürt man die stille Bewunderung für den Personenkult den er erreicht hat.

Womit wir zum nächsten Problem kommen: Dem einzig Schuldigen. Die Biografien vermitteln: wenn wir Hitler erklären können, biografisch, können wir das 3. Reich erklären.
Aber das ist schlichtweg falsch. Wir haben es mit vielen Schuldigen, mit vielen Tätern, Helfern und Unterstützern zu tun, denn ohne die, wäre der eine Verrückte nicht möglich gewesen.
Aber es liefert uns bis heute ein Alibi, dass wir ja nichts dafür können, sind ja die Mächtigen, was soll man schon machen …

Den Opfern würden wir gerecht, wenn der Hauptverantwortliche in Vergessenheit geraten würde, aber nicht die Taten. Wenn allen ständig bewusst wäre, dass es auch eine passive Mitverantwortung gibt, an Verfolgung damals und heute, an den Kriegen damals und heute, an der Zerstörung der Welt damals und heute.

Aber darum geht es nicht, es geht um das gute Gewissen, dass man damals nicht dabei war und, um die heimliche Bewunderung, hinter der Maske moralischer Empörung.

02/19 PGF

23 Kommentare zu “#16 Hitler

  1. Ich wunder mich nicht. Es ist nötig. Siehe AfD und Konsorten. Europa gerät immer mehr in die Hände von Rechtspopulisten. Auch anderswo auf der Welt.

  2. Mir sind die Dokumentationen auch oft zu eindimensional auf ihn bezogen. Und dabei gerne reißerisch düster. Sein Umfeld wird gern auf „seine (geheimen) Helfer“ „seine Frauen“ reduziert. Umfassendere Aufarbeitung wäre sinnvoller. In meiner Heimatstadt gab es zB einen Band über die Stadt während des dritten Reichs. Darin gab es einiges zu sehen und zu lesen, was viel mehr und direkter das Leben und die Geschehnisse im unmittelbaren Lebensumfeld betraf. Meine Eltern kannten einige der Personen, die darin vorkamen, noch aus ihrer Kindheit und Jugend. Manches und mancher erschien dadurch in einem anderen Licht. Die Aufarbeitung der Geschehnisse an der Basis, im Volk, bei der Vielzahl von Entscheidungsträgern und Mitläufern, Ursachen und Wechselwirkungen wäre viel wichtiger. Die Vorstellung, dass „der dunkle Lord“ über das Volk gekommen ist und ihm seinen Willen mithilfe geheimer, schwarzer Künste aufgezwungen hat, scheint sich aber besser zu verkaufen.

  3. Ich weiß nicht ob du sie kennst, aber Georg Orwell hat zu Leueiten Hitlers „Mein Kampf“ rezensiert und die Psychologie dahinter (die Orwell aufgedröselt hat) ist mega spannend. Hitler wurde nur geliebt eben weil er „Blut, Tod und Verderben“ Angeboten hat. Menschen wollen und können auf Dauer nämlich nicht bequem Leben, erst recht nicht wenn sie immer noch so eine „Schmach“ wie den ersten Weltkrieg verarbeiten müssen

  4. Guten Morgen (in Asien),
    1. Es lässt sich nicht vergessen, was man nicht erlebt hat. Das gilt für jeden unter 80 Jahre.
    2. Gerechtigkeit für Opfer beginnt bei der erschöpfenden Aufklärung des Verbrechens. Im Falle des III. Reiches wurde dieser Respekt noch keinem der Opfer zuteil. Das wird nicht geschehen, solange man die Opfer in verschiedene Klassen teilt, und die Wahrheit hintertreibt oder manipuliert.
    3. Die Fähigkeiten eines Menschen lassen sich bewundern und seine Taten verabscheuen. Das funktioniert auch bei anderen Schlächtern der Weltgeschichte.
    4. Hitler war mitnichten „verrückt“. Und wäre er es gewesen, wäre er auch im juristischen Sinne frei von Verantwortung.

    Wir stimmen mit „Jo Wolf“: Als reale Figur der Geschichte, muss er auch als solche verarbeitet werden, wie Napoleon, Cesar, Ghengis Khan, Stalin und Mao. Diese Verarbeitung wird solange behindert – und damit auch echte Gerechtigkeit – bis eine entspannte Diskussion und Darlegung aller Fakten möglich ist (siehe Eva Hermanns Rausschmiss aus einer TV Sendung wegen „Autobahn“).

    Kennen Sie ein einziges Werk der Geschichte (nach dem Zeitalter der Aufklärung), das in politisch korrekt, gesäuberter Form, mit staatlich genehmigten Randbemerkungen angeboten wird? Weder die Schriften voll gröbsten antisemitischen Texten von z.B. Augustinus, Voltaire, Nietzsche, Bruno Bauer und Sombart. Lesen Sie das Original (nicht verboten, aber teuer), oder Curt Riess‘ Biographie von Goebbels (aber gut verpacken, sonst gibt’s böse Blicke in der U-Bahn! 🙂 )

    Nürnberger Prozesse, der Auschwitz Prozess 1963, Kniefälle, Mahnmäler, Trauerfeiern, Kanossagänge und ein für ewig geöffnetes „Buffett der Wiedergutmachung“, alles basierend auf angeblich genau und detailliert ermittelte Gräuel auf der einen Seite, aber komplettes öffentliches Ausblenden anderer Tatsachen und Faktoren, sowie der Hauptfiguren – nach dem Grade ihrer zugesprochenen Schuld – auf der anderen Seite (Hitler gleich ab ins dunkle Reich von Harry Potter, Rommel – na ja, kann man mal erwähnen, und Stauffenberg in Bronze auf den Sockel). Wie schizophren ist das denn?

    Man kann zurecht sagen, Hitler wurde unter dem Konferenztisch von Versailles geboren. Vielleicht sollte man mit dem Brechen von Tabus auch dort ansetzen. In Deutschland kann das (für absehbare Zeit) nur der Einzelne für sich selbst bewerkstelligen.
    HG

      • Danke für die Übersetzung!

        Um einen Turm zu Babel zu verhindern, bitte ich jeden, der einen Beitrag in einer Fremdsprache postet, um Übersetzung. Auch, wenn die Online-Übersetzer gute Dienste leisten, sollte zum Schutz der Sinnverfremdung, die Übersetzung vom Kommentator erfolgen.

        Es gab vor einigen Jahren einen Blogger, der als Beitrag den Lorem-Ipsum-Text veröffentlicht hat. Er erhielt über 20 Likes und war verständlicherweise nicht erfreut, wie viele Menschen ihr „Häkchen“ setzen, ohne zu wissen bzw. zu lesen was das steht.

        Da nicht jeder die Muse hat zu übersetzen, ich aber keine Sprache ausschließen mag, muss jeder der kommentiert diesen Beitrag leisten.

  5. Dieser Blog ist einer der wenigen ausserordentlich seriösen und auf hohem Niveau, sonst hätten wir hier nicht zu diesem Thema kommentiert. Dazu gehört auch das Vertrauen in literaturfreys Leserschaft.
    Grosses Interesse an diesem Teil der Geschichte ist sicher besser als Gleichgültigkeit oder Selbstzensur. Ein freier, philosophischer und moralischer Geist muss sich auch seinen Dämonen stellen.
    Immerhin bestimmt das Resultat dieser 12 Jahre das Leben der Deutschen in entscheidender Weise, für diese und alle nachfolgenden Generationen. Wichtig ist nur der I n h a l t der Kommentare.

    • Herzlichen Dank für die Ergänzung.

      Ich habe auf den ersten Kommentar nicht reagiert, da ich mit einigen Punkten nicht übereinstimme:

      Ich sehe Nietzsche nicht als Antisemiten, das ergibt sich allein durch seine Feindschaft gegen Bernhard Förster, dem Ehemann seiner Schwester, deren umfangreiche Manipulation des Nachlass ausreichend dokumentiert ist.
      Sein Fehler war, eine Sprache zu wählen, die einen Freigeist zum Propaganda-Philosophen werden ließ.

      Ich habe sehr bewusst von den Opfern in der Gesamtheit geschrieben. Meine eigene Ahnengalerie besteht aus Tätern und Opfern.

      Zur „deutschen Schuld“ hat sich Neil McGregor in seinem Buch „Deutschland – Erinnerungen einer Nation“ sehr treffend und differenziert geäußert.

      Und bei Hitlers „Verrücktheit“ gehe ich mit den Fakten die Alice Miller in ihrem Buch „Am Anfang war Erziehung“ zusammengetragen hat.

      Ich ahne, dass man über all diese Punkte lange und abendfüllend diskutieren und Kommentarzeilen aneinanderreihen könnte. Allein mir fehlt die Zeit. Deshalb ließ ich den Kommentar unbeantwortet, im Vertrauen, dass jeder ihn zu lesen und deuten weiß und wohlwissend, dass die Dinge vielschichtiger gelagert sind.

      Aber manches Thema und manche historische Figur verdient unsere Aufmerksamkeit nicht, weil es wichtigere Themen und Ideengeber gibt.

      • Vielen Dank für Ihre nette Replik,

        „…verdient unsere Aufmerksamkeit nicht, weil es wichtigere Themen und Ideengeber gibt.“
        Richtig! aber nun hatten Sie das Thema ja angeschnitten 🙂

        Wir sind Produkte unserer Zeit und unser Geist ist beeinflusst durch kulturelle Erbschaft. Was unsere Sinne aufgenommen haben, können wir zwar „umarbeiten“, aber im Grunde bildet es die Basis unseren Denkens.

        Zu Nietzsche:
        Ich hatte ihn inkludiert, weniger für seinen Antisemitismus, als für seine vielen – heute würde man sagen faschistoiden – Texte. Was jedoch sein Verhältnis zu Juden angeht, scheint ziemlich belegt:
        In einem Brief von 1866 spricht Nietzsche von „Judenfratzen“ und fühlte sich nach Beendigung der Leipziger Messe „von den vielen Juden glücklich erlöst“. Durch seine Begegnung mit seinem Ersatzvater Wagner wurde er recht konkret. So führte er etwa das Unvermögen, Wagners wahre Größe zu erkennen, auf „philosophischen Unfug und vordringliches Judentum“ zurück (Brief an Wagner vom 22. Mai 1869). Wagner selbst war es, der mit der Bitte an Nietzsche herantrat, das Judentum bei aller Übereinstimmung in ihrer Gesinnung nicht in dieser Deutlichkeit zu kritisieren.

        Diese Zeit hat für mich einen besonderen Stellenwert, da meine 95-jährige Mutter ihre Zeit als Stabshelferin gut dokumentierte und dann als Justizangestellte des Frankfurter Landgerichts am Auschwitz Prozess zentral beteiligt war.

        [PS: Alice Miller entkam als Jüdin aus dem polnischen Ghetto, und ist deswegen nicht gerade unbefangen. Gesprächsprotokolle und Berichte von Persönlichkeiten die mit ihm Umgang hatten, darunter ausländische Diplomaten, belegen eben etwas anderes, jedenfalls bis ’43.]

        Aber jetzt zurück zu der Lyrik…
        HG

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