Farbe bekennen

Die Zeit scheint es zu fordern, dass man Farbe bekennt, in dieser aufgewühlten und durchaus aufgehetzten Zeit.
Und so will ich das, mit Blick auf Chemnitz tun, wenn auch besorgt, weil mir die Dinge nie so ganz einfach liegen und ich dadurch zu meist zwischen die Stühle gerate, auf denen die sitzen, die immer ganz sicher wissen, was richtig und was falsch ist.
Ich finde es sinnvoll, weniger in richtig und falsch, gut und böse zu unterscheiden, sondern nach Verantwortung zu werten.

Verantwortung für die zivile Ordnung, für die Wahrung des Grundgesetzes trägt die Regierung und die wird von eine(m)r Kanzler(in) geführt und die äußert sich, wie sie es immer tut, gar nicht.
Angela Merkel war auf Stippvisite in Afrika. Sie hat den dunklen Kontinent für sich entdeckt. Das ist gut so, aber viel zu spät, weil die Gründe der Fluchtursachen lange bekannt sind. Wer das nicht glaubt, auch, wie lange schon die Mahnung an die jeweilige Regierung ging, möge sich das leicht angestaubte „Nun lasst uns denn ein Apfelbäumchen pflanzen“ von Hoimer v. Ditfurth zu Gute führen. Alles was aktuell geschieht, bezogen auf Konflikte und Umweltprobleme, ist dort, schon vor mehr als 3 Jahrzehnten, nüchtern und klar skizziert.

Aber es geht ja um Chemnitz.

Dass die Bundeskanzlerin in Afrika unterwegs ist, ist auch nicht verwunderlich, denn mit (Nord-)Amerika ist die Stimmung nicht besonders und Südamerika lässt man besser in Ruhe, wenn die Stimmung mit dem Norden nicht stimmt. Mit Russland hat man es sich verdorben, ebenso, wie mit den meisten ehemaligen Ostblock-Ländern. Für China und Indien ist man zunehmend uninteressant.
Also geht es nach Afrika. Das ist praktisch, denn von dort kommt ja auch ein Teil der Flüchtlinge und Frau Merkel hat sich, schweigsam, wie immer doch entschieden, das Problem an der Wurzel zu packen. Glaubt sie.

Dass die Kanzlerin sich nicht äußert, ist taktisch klug, die großen Medien kommentieren in ihrem Sinn, aus ihrer Perspektive und gewohnt unsouverän und unbeholfen.
Chemnitz – was ist nur in Chemnitz los? Der Mob? Der Wutbürger? Der Alt-Nazi?

Man könnte viele Fragen stellen. Zum Beispiel:
Weshalb gibt es Unruhen in einer Region, die vor bald 30 Jahren, auf der Flucht vor dem eigenen Regime, in Scharen an der Grenze zu West-Deutschland stand und um Unterstützung bat?
Warum war damals: Wir sind das Volk! gut und heute ist der gleiche Satz böse?
Warum wird, wenn jemand ermordet wird, nicht ein normaler Mechanismus aktiviert: „Wir bedauern den Verlust – wir verhaften die Straftäter – sie werden, unseren Gesetzen entsprechend verurteilt.“?

Vielleicht, weil man dazu eine Richtung vorgeben muss. So was kann zum Machtverlust führen, das ist das Risiko von Macht: sie verlieren können. Aber es stiftet in einem Land Identität und Orientierung. „Dafür stehen wir!“ So lautet der Pathos.
Die jetzt durch die Straßen ziehen und Menschen anderer Herkunft bedrohen, die primitive Parolen grölen, an denen ist Kants Kritik der reinen Urteilskraft ganz knapp vorbei geschrammt. Diese Menschen benötigen eine Regierung, die ihnen sagt wo sie hin müssen. Nicht in Form einer medialen Aufbereitung, sondern mit einem Gesicht, welches das verkörpert. Und einem Menschen der Verantwortung übernimmt.
Wer andere Persönlichkeiten will – und ich will – muss allen Wohlstand den wir haben – in unsere Bildung und in Familien investieren, denn gebildete Menschen – und ich rede hier von mit Herz gebildete Menschen, die in ihren Qualitäten gefördert werden, die marschieren nicht Fahnen schwenkend durch die Straßen. Die entwickeln Verantwortung und Lust an Aufgaben, mit denen sie unser Leben fortentwickeln können.

Wer verkündet: „Wir schaffen das!“ Muss heute hinzufügen: „Und das lasse ich von niemand verhindern, denn wir sind als Land, in der historischen Schuld, Verfolgten zu helfen und, wenn wir dabei auch Straftäter retten. Dann retten wir sie und, wenn sie Straftaten begehen, werden sie nach Recht und Gesetz verurteilt. Unser Land steht für Friedenspolitik und eine gerechte Weltwirtschaftspoltik und damit werden wir die Ursachen der Flucht beseitigen.“

So etwa würde der Pathos der Macht klingen. Und dann würden sich dem Menschen verschließen oder sie würden ihm folgen.
Dafür bräuchten wir eine Regierung mit einer Vision und mit der Kraft das Land zu führen und es nicht zu verwalten, wie ein Börsenunternehmen, welches gut dotiert nach straffer Effizienz und guten Quartalszahlen strebt, ganz egal, wie es den Hilfsarbeitern an der Basis geht.

„A working class hero is something to be“ …

Jetzt wird der Staat nichts anderes tun können, als die öffentliche Ordnung aufrecht zu erhalten und dem Demonstrationsrecht so viel Freiheit zu zugestehen, wie nun eben notwendig ist.
Aber daneben wird sich eine andere politische Kultur entwickeln müssen, die nicht auf Machterhalt fixiert ist, sondern auf einem Verantwortungsgefühl beruht, welches den Rücktritt, als Konsequenz politischen Versagens nicht ausschließt.
Wir werden eine andere Sozialpolitik und Gesellschaftspolitik entwickeln müssen, in der die Mündigkeit des Einzelnen nicht vorausgesetzt wird, sondern zum Ziel erklärt. Denn im Moment protestieren die Unmündigen gegen eine Welt die sie nicht mehr verstehen, die ihnen Angst macht, die ihr knappes Bewusstsein, welches nur in Parolen denkt, überfordert.
Schön ist es nicht, dass wir das so hinnehmen müssen.
Wir ernten hier die Früchte von drei Jahrzehnten Neo-Liberalismus.
Wenn man so will benötigen wir einen gewaltigen, beinah utopischen Neo-Humanismus.
Dann haben Demagogen keine Argumente mehr.

09/18 PGF

2 Kommentare zu “Farbe bekennen

  1. Ich hoffe mal im vor Wege, dass sich jetzt nicht alles doppelt. Aber ich wollte noch mal eine
    differenziertere Meinung abgeben, als in meinem Beitrag (das war die Kurzfassung ;))

    Das ironische an der ganzen Sache ist ja, dass es mit Daniel H. angefangen hat. Soweit ich mich erinnern kann hatte dieser Mann kubanische Wurzeln, wäre also für die Neonazis im normalen Straßenverkehr definitiv ein Ziel gewesen (dunkle Haut, dunkle Augen etc.). Jetzt regen sich eben diese Rassisten/Neonazis auf, dass ein Mensch mit kubanischen Wurzeln von einem Syrer und Iraker erstochen wurde (angeblich…) Ich bin jetzt arg zynisch, aber die Haltung ist doch völlig inkonsequent. Wenn du weißt, was sich meine.

    Noch was. Meines Wissens hat Sachsen 4,2% Ausländeranteil, der Bundesdurchschnitt liegt bei 11,2% und in Hessen so um die 14-15%. Wo finden nun die Unruhen statt? Da merkt man erst wie verloren die Einwohner sind. Das Synonym „besorgte Bürger“ was gerne verächtlich benutzt wird, trifft zu. Ich meine die schießen wahllos auf alles was sich anbietet und einigermaßen in ihr enges, vorgefertigtes Weltbild (von den Medien gebasteltes Feindbild) passt. Weshalb hassen Menschen? Richtig aus Wut, Angst und Verzweiflung. Weshalb haben die Menschen (Zukunfts-) Angst?

    Wie du schon geschrieben hast „ihr“ Staat lässt sie alleine, ihre Ideologie wird verschmäht, die finanzielle Schere wird immer größer (auch zwischen Ost und West), mit der fortschreitenden Digitalisierung haben immer mehr Menschen Angst um ihre Jobs, die Bevölkerung überaltert, Altersarmut droht, genauso wie der Klimawandel. Wer würde da keine Panik bekommen, zumal man als Elternteil dann auch noch Angst um seine Kinder hat.

    Ich denke dem zu Grunde liegt die Welt der Medien. Was früher Tage oder Wochen gedauert hat oder schlichtweg gar nicht angekommen ist, wird heute beinahe ungefiltert um den Globus geschickt und zwar mit Lichtgeschwindigkeit. Mit Lichtgeschwindigkeit wird auch immer der ein oder andere Stereotyp bedient, denn es geht allen Menschen besser, wenn sie jemandem konkreten die Schuld in die Schuhe schieben können. Hauptsache weg von Merkel und der eigenen Regierung. Der bullige Typ, mit der dunklen Haut und dunklen Haaren eignet sich doch prima dafür. Wie oben bereits erwähnt, die Kreierung eines Feindbildes wiederholt sich. Früher war es „der Jude“ heute der „böse Ausländer“. Dabei ist der Ausländer eben nie der nette Ali von der Dönerbude oder die nette Elim, die Frau Müller hilft ihre Einkäufe in den 4 Stock zu tragen, sondern immer irgendein Schwerverbrecher.

    Durch viele Nachrichten wird man mit dem Leid oder den Konsequenzen von Ereignissen 24/7 konfrontiert das hält doch kein Mensch aus. Wie du schon meintest, Menschen sind überfordert suchen nach einer klaren Linie der sie folgen können um alles richtig zu mache und die haben sie nicht mehr. Weil der Staat, die Regierung und der Rest der Welt sie „alleine“ lässt.
    Den strengen Faden hatten sie in der DDR und nun nicht mehr… Zumal der Westen den Osten nur scheinbar angegliedert hat. Der Unterschied ist zumindest bei den älteren Menschen noch stark spürbar. Die wiederum beeinflussen die jüngeren und so weiter…

    Das beste was eine Partei ihrem Antagonisten/ Gegenspieler antun kann, ist die Spaltung seiner Partei. Das Volk wird von der Regierung gespalten, damit das Volk mit sich beschäftigt ist. Während die Regierung in Ruhe weiter ihre Macht ausüben kann. Merkel, Trump oder Putin lachen sich doch ins Fäustchen. So lange ihnen keiner in ihre geopolitischen Pläne pfuscht ist ihre Welt bunt und wunderbar. Ich will als Lösung ja immer gleich mehr Transparenz schreien.

    • Nietzsche schrieb mal (sinngemäß): „Was einer ohne Grunde glauben lernte, wie will man ihm das mit Gründen umwerfen.“
      Ich denke das erklärt, weshalb jede Form von Fanatismus so schwer aufzulösen ist.

      Der Politik scheint mir die Spaltung der Gesellschaft zur Zeit eher willkommen, denn das verhindert, dass sich die Bevölkerung kritisch mit der Regierungsarbeit auseinandersetzt.

      Da hoffe ich manchmal es gäbe Chronos 😉

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