Entrüstung

Wir bewegen uns durch eine Zeit in der, vielleicht auch durch die sozialen Netzwerk, der Pathos moralischer Entrüstung, ausgeprägt stark ist.
Die Prüfung praktischer Anwendung fällt gering aus, das Motiv tut wenig zur Sache.

Ich habe mich in den letzten Tagen immer wieder über den Fall und Menschen Özil gewundert. Der für mich, in den letzten Jahren kein besonders guter Fußballer, in der Nationalmannschaft, war und dessen Rücktritt ich mir, aus fußballerischer Sicht schon sehr lange gewünscht habe. Seine Nationalität ist mir vollkommen egal. Ich mochte seine behäbige, ausdruckslose Spielart nie und er mag seine Verdienste in der Nationalmannschaft besessen haben: das Spiel gegen die Schweden, in dem er nicht gespielt hat, war das beste der Mannschaft.

Man hat aus seinem Fall eine große Sache gemacht, bei Khedira und seiner Bewertung hat sich da niemand empört. Es gäbe viele Beispiele, in denen Spieler massiv angegriffen wurden und als Mensch viel einstecken mussten, ganz gleich, welcher Nationalität sie angehörten. Robert Enke mag dem ein oder anderen noch im Gedächtnis sein.
Aber benutzt haben diese schlechte, sportliche Leistung, Gruppierungen unterschiedlicher Richtung zu ihrem Zweck und der heißt Empörung. Özil hat naiv, wie ich hoffe, das alles mit sich machen lassen.
Heute kommen neue Themen ins Spiel: Özil und Löw (der lange Trainer in der Türkei war) sollen den gleichen Berater haben, ein kurdischer Fussballspieler, der aus der türkischen Nationalmannschaft ausgeschlossen wurde, stellt Özil die, wie ich finde berechtigte Frage, ob seine Empörung gegen rassistische Tendenzen in seinem Fall genau so groß sein wird.

Rassismus ist eine rückständige, primitive Denkart und Özil ist ein ausgedienter Fussballer den man besser frühzeitig aussortiert hätte. Ich kann das in einem Satz schreiben, ohne das es mir wehtut.
Die moralische Entrüstung, die aber zunehmend, wie ein hysterisches Fieber an allen Orten auftritt, die macht mir ernsthaft Sorge, weil es lange nicht mehr, um die Sache oder gar um die Wahrheit geht, sondern, um eitle Selbstinszenierung die sich immer dem Thema annimmt, in dessen Licht sie hofft, sich in Szene setzen zu können.
Und da ich das, mit diesem Text, ungewollt auch getan habe, schweige ich jetzt und wende mich den Themen zu, die mich betreffen und die ich beeinflussen kann.

07/18 PGF

7 Kommentare zu “Entrüstung

  1. Schade ist, wie dieses Überhang- und in diesem Fall (da stimme ich zu) auch Alibithema Fußball den Menschen diese riesige Projektionsfläche bietet. Sei es für ihre Wut, Angst, Hass, Rassismus – zu verantworten scheinen sie sich selten zu müssen und mit Sport hat es nichts zu tun.
    Dein Beitrag scheint mir auch unter dem Thema zu leiden, mir fällt es teils schwer, dir argumentativ zu folgen (bspw das mit dem kurdischen Fußballspieler).

    Und ich möchte widersprechen, dass Rassismus eine rückständige, primitive Denkart sei. Rassismus ist hochmodern und wird eher komplexer in seinen Spielarten. Gerade weil er ein Teil des Denkens bleibt, strengstens tabuisiert (statt angemessen thematisiert) wird und Distanzierungsargumentationen einen Großteil der Diskussionen ausmachen.
    Liebe Grüße,
    Kai

    • Hallo Kai,

      danke für deinen Kommentar.
      Der Verweis auf den kurdischen Spieler Naki, war im Sinn „Splitter im Auge des anderen, aber nicht den Balken im eigenen“ gemeint.
      Wahrscheinlich habe ich zu knapp formuliert.

      Dass Rassismus rückständig und primitiv ist, auch, wenn er sich aktuell modern kleidet, dabei würde ich bleiben, weil das Denken in Stammeskriterien, einer eher früheren Phase der Menschheit entspricht und unser Gehirn das Potential zeigt, zunehmend darüber hinauszuwachsen.
      Es würde zu weit führen, dies alles zu erklären. Man findet sehr grundlegende Aussagen dazu bei Teilhard de Chardin, bei Joachim Bauer und etwas reiserisch aufbereitet bei Prof. Dr. Johannes Huber.

      Ich befürchte deshalb, dass die, die ihn thematisieren und reflektieren müssten, ihn gar nicht erfassen können.
      Es ist keine Intellektfrage, sondern ein Mangel an differenzierter Denkfähigkeit.

      Schönen Abend 🙂
      PGF

      • Hallo, danke für die Antwort und die Namen!
        Meinem forschenden Auge erschließt sich der Rassismus im Animismus (nach Freud/ Totem und Tabu) weniger. Der Rückgriff auf animistische Denkweisen (das Beseelen von Naturereignissen und Menschen und die Kontrolle über jene per Rückkopplung z.Bsp.) sehe ich bei jeder Form von Gruppen- und damit Ausschlussverfahren in Machtbeziehungen – solche seien eben dann rassistisch, antisemitisch, antiziganistisch usw.
        Mit den frühen Formen der letzten beiden habe ich mich noch nicht ausreichend befasst, doch den Rassismus kann ich grundsätzlich an ökonomischen Interessen sehen. Also beginne es mit den Kreuzzügen und der Sklaverei, später dann verstärkt in der Kolonialzeit, so ändern rassistische Dynamiken ihre Wirkweise. Deshalb finde ich, dass jeder den Rassismus reflektieren muss – im Grunde ist die Bezeichnung „die, die ihn thematisieren und reflektieren müssen“, bereits eine solche Zuschreibung.

        Ich stimme nicht zu, dass „Stammesdenken“, dieses „Wir und die Anderen“ einfach bloß Stammesdenken ist – das Individuum wünscht sich selbst in diese frühe Phase menschlicher Welterkenntnis zurück, da es sich dort in einer machtvollen Position wähnt. Dies sei heute die Macht, andere als minderwertig und generell alle als absolut (im Gegensatz zu „geworden“) zu setzen. Ich sehe darin also grundsätzlich ein emanzipatorisches Bedürfnis – das *könnte* eine Unterscheidung zwischen Rassismus heute und früher sein. Nun ist meines Erachtens nichts falsch daran, sich an Magie zu erfreuen. Das Problem ist m.E., dass die Autoritäten dahinter verkannt werden.

        Adorno benennt (existenzielle) Angst als Grundursache des Nationalsozialismus, eine Verschiebung dieser Angst auf ein Feindbild. Dies funktioniert über lange unreflektiert gebliebene Verhältnisse, wie etwa dem Männerbild (siehe Erziehung nach Auschwitz). Heute sehen wir diese Verhältnisse intakt und wie aus der antimuslimisch rassistischen Strömung eine antisemitische wird – das heißt, aus biologisch, religiös und ökonomisch begründeter Unterordnung der anderen „Rasse“ wird jetzt die Konstruktion eines Feindbildes – einer realen Bedrohung. Und dies muss einem immens Sorge bereiten, hat doch Antsemitismus als Ziel Vernichtung stehen.

        Gerade aus dieser Perspektive finde ich es wichtig, Rassismus nicht bloß als Stammesdenken abzutun – dies führt zu leicht zu einer in sich rassistischen Distanzierung von den eigentlichen, substanziellen Problemen dahinter: „Die Rassisten sind in ihrer Stammesmentälität gefangen“. Das sind wir grundsätzlich alle, aus Rassismus kann man sich selbst nicht herausdenken, man kann nur durch Reflektion bessereres Verständnis und Umgang damit üben und lernen.

        Und genau da finden wir uns wieder zusammen – Rassismus ist ein pädagogisches Problem. Kapitalismus braucht Rassismus, die Psyche wünscht sich leichte Auswege, alles im liberalen Friss-oder-Stirb-System. Dazu kommen Komplexe der Vergangenheit, ein kategorisches Taubsein gegenüber Judenhass, denn „das haben wir ja überwunden, das ist vorbei“.
        Nein, jeder muss ihn reflektieren und auch wenn ich persönlich oft daran scheitere, muss ich aus pädagogischer Perspektive hinzufügen, dass das grundsätzlich jedem Menschen möglich ist – es also niemanden gibt, der diese Probleme nicht erfassen kann.
        Ich sehe es bloß als exzellent verdrängtes Substanzproblem.

        So nun, dieser Kommentar hat mal wieder viel weiter geführt, als beabsichtigt. Ich plane schon länger, mal etwas zu dem Thema hier zu publizieren und hoffe sodann auf dein Lektorat 🙂
        Entschuldige, dass ich hier der Typ bin, der die Kommentarzeile zupestet.
        Liebe Grüße und ein schönes Wochenende, Kai!

      • Ja, das wäre doch mal einen Beitrag wert! Zum Lektorat eigne ich mich nicht, aber zum Hypothesenabgleich.
        Und, wenn ich jetzt mal alle philosophischen, neuroanatomischen, tiefenpsychologischen Aspekte verkürze:
        Ja: Kindheit ist ein entscheidender Nährboden für Rassismus!
        Einen schönen Abend!
        PGF

  2. „Alle moralischen Regeln sind an sich wertlos; dennoch liegt in jeder neuen Regel Hoffnung. Immer vorausgesetzt die Regel wird nicht geändert, weil sie zu hart ist, sondern weil sie erfüllt worden ist. Der tote Hund treibt mit dem Strom; im puritanischen Frankreich waren die bestern Frauen Huren; im bösen Eng-land waren die besten Frauen Jungfrauen … “ (Das Buch der Lügen Kapitel 16). Ich empfehle das Liber OZ zu lesen 😉

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