Weil Tiere keine Seele haben

Vor etwa drei Wochen hatte unser Kater eine höchst unerfreuliche Begegnung mit (vermutlich) einer Straßenrand-Mähmaschine. An beiden Hinterläufen schwer lädiert, lag er in seinem Außenversteck, wohin er sich meist zur Revier-Beobachtung zurückzieht. Ich entdeckte ihn nach der Arbeit, da ich beim Vorbeigehen immer nachsehe, ob er wartet, um mit nach oben zu gehen. Als Freigänger steht (stand) die Wohnung nicht besonders hoch im Kurs.
Er war drei Tage verschwunden. Nicht ungewöhnlich für ihn. Aber ich merkte sofort, dass es ihm nicht gut ging. Beim Hochheben sah ich, den Zustand seiner Beine und entschied ihn erstmal mit hoch zu nehmen. Was er sich grimmig brummend, aber irgendwie dankbar gefallen ließ.
Die erste Inspektion der Wunden, eine war sehr tief, ließ mich nichts Gutes ahnen. Ich entschied trotzdem gegen einen Tierarztbesuch, da ich der Meinung bin, dass Tiere in den meisten Fällen genügend Selbstheilungskräfte besitzen. Der ständige Gang zum Arzt, zur Rückversicherung der Gesundheit, ist eine menschliche Zivilisationsschwäche.

Laufen konnte er kaum. Er humpelte, immer dicht die Möbel entlang, zu seinen Lieblingsplätzen. Die meisten sind mit Springen verbunden, aber ich musste ihn hochheben.
Den Tag und die folgende Nacht verbrachte ich damit bei ihm zu wachen und ihn zu füttern. Appetit hatte er immerhin.
Am nächsten Tag, er verkroch sich nun unterm Bett, zeigte sich, dass es so nicht gehen würde. Dr. Google, auch bei Katzen beliebt, klärte mich auf, dass Katzen Weltmeister im Unterdrücken von Schmerzen seien.
Also tat ich, was ich tun musste und brachte ihn, auf alles gefasst, zum Tierarzt.
Die Fahrt dahin und die folgenden beinah zehn Tage seines Aufenthaltes, überspringe ich, auch, wenn sie ebenfalls einiges beleuchten würden.

Jedenfalls konnten er, nach Ablauf der Zeit abgeholt werden. Ein Hinterlauf noch in einem Laufgips, der andere frei aber noch gezeichnet von der Wundpflege.
Klasse Tierärztin, die ihn toll versorgt hatte, in dieser Zeit.
Jetzt begann die Pflege eines Rekonvaleszenten. Da ich diesen Prozess, in vielen Fällen auch bei Menschen begleiten durfte, hatte ich einen guten Vergleich, wie das ein Tier so macht.
Das erste Auffällig war der stete Wille auf die Beine zu kommen. Der Drang wieder nach draußen zu können, war größer, als alles andere, aber für den Moment verboten. Selbst bei den milden Temperaturen zitterte er am ganzen Leib, wenn er an der Luft war und nach wenigen Schritten war es vorbei, mit dem Bewegungsdrang.
Also tat der Kater, was er tun konnte: ausruhen und trainieren. Drei Tage lang.

Nachdem nächsten Tierarztbesuch und drei schlaflosen Nächten, gab es endlich grünes Licht, dass er wieder nach draußen durfte. An der Leine!
Jeder der Katzen kennt, ahnt, was für ein Vergnügen es ist, mit einem angeleinten Kater spazieren zu gehen.
Aber siehe da: nicht nur, dass er sich das Zaumzeug anlegen ließ, nachdem er verstand, dass es ihn nach draußen brachte: Er lief sogar mit! Solange es in seine Richtung ging.
Und die war eindeutig: das Revier ablaufen.
Das kleine Stück in den Wald, runter zum Weiher und nach Osten, wo es zwischen den Apfel-Spalieren mehrere Plätze gab, die kontrolliert sein wollten. Es war ein wunderschönes Erlebnis dem Kater auf seiner Route zu folgen und diese stillen Momente mit ihm zu genießen, wenn er sich irgendwo hinlegte und die Welt genoss.
Und er genoss sie, und er genoss die Genesung. Sehr bewusst, sehr aufmerksam, sah er nach sich, und der Welt, und nach seinem neuen, noch eingeschränkten Verhältnis zu ihr.

Nach drei oder vier weiteren Tagen war er auch die Leine los und kehrte zurück zu seinem Katzenleben.
Wie bei vielen Menschen, nach schwerer Krankheit, erlebte ich auch bei ihm eine Veränderung. Ein Achtsamersein, ein Dankbarersein, ein Zufriedensein, einfach nur liegen und die Beine wieder strecken zu können. Er war bislang nie ein Kater der zwanzig Stunden schläft, drei Stunden isst und sich eine bewegt. Ganz im Gegenteil!

Mittlerweile nehmen die Zeiten zu, die er draußen verbringt. Aber, wenn er Heim kommt ist er zärtlicher und zutraulicher, als zuvor. Bei manchen Sprüngen merkt man ihm die Unsicherheit an und es ist beeindruckend, wie er den Sprung wagt, wenn man ihm zuspricht es zu versuchen. Nicht anders, wie bei einem Menschen.
Wenn Tiere keine Seele hätten, könnten wir uns nicht in ihnen und sie sich nicht in uns spiegeln. Es ist eine ziemlich armselige Philosophie, die uns Menschen über alles erhebt, weil Tiere und Pflanzen und Steine keine Seele hätten.
Wer das glaubt, hat noch nie der Welt in die Augen geblickt.

PGF 05/18

12 Kommentare zu “Weil Tiere keine Seele haben

  1. Als Hundemutter – und das seit Jahrzehnten – kann ich jeden deiner Sätze so gut nachvollziehen.
    Diese neue Erfahrung zwischen dir und deinem Kater hatte sicher für beide Seiten eine ganz besondere Tiefe.
    ich wünsche dem Herrn Kater weiterhin beste Genesung und hoffe, dass ihm so ein Unfall nicht wieder passiert.

    LG Anna-Lena

  2. Eine traurig-schöne Geschichte.
    Zum Glück mit Happy End.
    Von meinen Katerchen könnte ich auch so manche Seelen-Geschichte erzählen…und ja, Tiere haben eine Seele, davon bin ich überzeugt.
    Alles Gute euch beiden. 🙂

  3. Ach so wahr, so schön und doch irgendwie traurig…

    PS: Also du weißt schon, dass ich gerade eine Packung Tempos während des Lesens verbraucht habe?

  4. Gute Besserung an die Samtpfote Undercover was die „armselige Philosophie„ betrifft: Wer sich als Mensch über Fauna, Flora und Mutter Erde stellt, hat die Botschaft nicht verstanden, denn da geht es darum, dass der Mensch in Gottes Auftrag sich um die Schöpfung kümmern soll. Das selbst ich als bekennender Atheist verstanden. Liebe Grüße, Kerstin

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