Keine Adjektive

Es heißt Hemingway hätte gesagt: „Wenn du einem Adjektiv begegnest, dann bring es um!“*. Es wäre böse, zu unterstellen, dass er sich am Ende mit einem verwechselt hat …
Wie so oft, wenn begnadete Autoren etwas anmerken, führt dies, bei einer bestimmten Gruppe von Menschen, dazu ein Dogma daraus zu schmieden. Ohne große Mühe taucht dieses, kaum Zeit verzögert, in den gängigen Schreibratgebern auf und verbreitet sich von dort, wie Grippeviren.
Das Schöne, an jeder Wahrheit, jeder Mode, jedem Geschmack ist, dass sie relativ sind. Darauf kann man sich immer berufen, wie man merkt, wenn man es probiert. In bestimmten Zusammenhängen, mit einem bestimmten Ziel sind Adjektive doof, im nächsten Kontext, bei anderer Intention ein Volltreffer.
Zum Veranschaulichen dieser These habe ich, zwei Texte gegenübergestellt, wie sie mit und ohne Adjektive klingen und wirken, und, nach subjektivem Befinden, eine kleine Plus/Minus-Tabelle folgen lassen.
Und wer es ganz anders sieht? Wunderbar! So bleibt die Welt bunt 😉

A.
Am nächsten Tag lag überall Schnee. Feiner, brüchiger Schnee, den man kaum zu berühren wagt. Den man kaum, mit kalten, klammen Fingern, die nichts spüren und sich, begierig nach Wärme suchend allem nähern, kaum berühren kann, ohne, dass er in glasige, kugelrunde Wassertropfen zerfällt, die durchsichtig wie Glas, von der Erde aufgesogen werden, wie von einem durstigen Mund. Obwohl die hart gefrorene Erde, pechschwarz und grimmig, keinen Durst zu kennen scheint, sondern, wie ein alter, schwarzer Fels der salzigen Gicht zu trotzen versucht, die weiße, dürre Linien auf ihm hinterlässt und mit hohen und flachen und donnernden und spülenden Wellen, sie wegwischt und aufzeichnet, wegwischt und aufzeichnet.
Mit müden, geschwollenen Augen betrachtete ich die hageren, kleinen Schneeperlen die noch fielen. Die sich nicht zu kräftigen, kleinen Kunstwerken, zu feinen Flocken kristallisiert hatten, sondern, als schwaches, weißes Punktwerk herabfielen, als habe der Regen vergessen sie rechtzeitig zu schmelzen. Dann sah ich vor mich, auf den mild schimmernden Bildschirm, auf dem sich fein gezeichnet, Buchstabe an Buchstabe reihte, wie sauber geformte Puzzlestücke, die sich ineinanderfügen. Ich beschloss, den trüben Tag still zu genießen und mich der sanften Indolenz und kühlen Stille zu überlassen.

B.
Am nächsten Tag lag überall Schnee. Schnee, den man kaum zu berühren wagt. Den man mit Fingern, die nichts spüren und, sich nach Wärme suchend allem nähern, kaum berühren kann, ohne, dass er in Wassertropfen zerfällt die, wie Glas, von der Erde aufgesogen werden, wie von einem Mund. Obwohl die Erde keinen Durst zu kennen scheint, sondern wie Fels der Gicht trotzt, die Linien hinterlässt und mit Wellen wegwischt und aufzeichnet, wegwischt und aufzeichnet.
Mit Augen betrachtete ich, die Schneeperlen, die noch fielen, die sich nicht zu Kunstwerken, zu Flocken kristallisiert hatten, sondern als Punktwerk herabfielen, als habe der Regen vergessen sie zu schmelzen. Dann sah ich vor mich, auf den Bildschirm, auf dem sich Buchstabe an Buchstabe reihte, wie Puzzlestücke, die sich in einanderfügen. Ich beschloss, den Tag zu genießen und mich der Indolenz und Stille zu überlassen.

Gegen Adjektive spricht:

Man kann Druckkosten sparen, da der Text kürzer wird. Kein unerhebliches Argument, speziell wer ungern E-Books veröffentlicht.
Schneller: man kommt leicht durch den Text.
Moderner: exakt zu beschreiben kostet Zeit und Zeit ist ein kostbares Gut.
Gewinnt Dynamik: Es geschieht mehr, weil es weniger „zu sehen“ gibt.

Für Adjektive spricht:

Wer auf sie verzichtet charakterisiert schlechter. Es ist ein Unterschied, ob der Charakter die Indolenz sanft oder gleichgültig empfindet, die Stille kühl oder belanglos.
Kein Lupen-Effekt: Adjektive helfen, den Leser genau das sehen zu lassen, was er sehen soll. Die Lippen sind nicht irgendwelche Lippen (Stell dir vor was du willst), sondern sie sind voll und kirschrot.
Es fehlt die Farbe: Adjektive schaffen mehr Kulisse und Kontraste.
Sie nehmen dem Leser das Lesetempo. Zackzack und durch, geht mit diesen „Überladenen Sätzen“ nicht. Man verliert den Faden, wenn man nicht konzentriert liest. Aber ist es unsere Aufgabe dem Leser beizubringen, sich beim Lesen nicht zu konzentrieren und den Text zu verschlingen, wie Burger von McY?

+/-
Ich denke, die Mischung machts, wisse nur warum du, wann, was machst …

PGF 03/18

Quelle:
* http://hemingwayswelt.de/kurze-saetze-leute-kurze-saetze/

29 Kommentare zu “Keine Adjektive

  1. Sind Adjektive nicht wie das Salz in der Suppe? Das waren beim Lesen deiner Texte sofort meine Gedanken. Wie kann ich etwas ‚bewegend‘, ‚berührend‘ beschreiben ohne Adjektive? Kurz und schnelllebig haben wir doch genug oder? Von daher für mich ein deutliches + , solange es nicht zu überladen ist, eben die Mischung. 😉
    Liebe Grüße Ariana

  2. Freiheit für den Sprachstil. Ich seh es genau wie Du… entscheidend ist, was jeweils zum Ausdruck gebracht, vermittelt werden soll. Und bei der Gelegenheit zitiere ich mich ungeniert selber, das wollte ich schon lange mal machen:
    „Ich töte keine Adjektive. Ich züchtige sie leidenschaftlich und modelliere sie mit inbrünstiger Erzählfreude zu sprachbrauchtümlichster Formverendung.“ – Jo Wolf, März 2017 =D

  3. es kommt immer drauf an … 😉
    von fall zu fall. und eine gute mischung machts.
    in der lyrik finde ich adjektive oft störend – aber eben auch nicht immer!
    alles ermessenssache. 🙂
    feiner beitrag!
    herzlich liebe grüße zu dir, d.

  4. Mir gefällt tatsächlich der Text ohne Adjektive besser, wobei ich ein großer Fan von diesen bin… Um ehrlich zu sein setzte ich mich aber auch zu wenig mit Grammatik, Literatur oder Germanistik (wie auch immer diese Richtung heißt) außeinander um jetzt irgendwelche Parallelen ziehen zu können. Außer dass ich Hemmingways Kurzgeschichten mochte… Die waren wirklich schnell zu lesen

    • Nachdem ich viele Jahre, nur schreibend ausgekommen bin, kam ich einige Jahre mit Ludwig Reiners „Stilfibel“ aus, um mich dann wieder nicht zu kümmern, warum was wie geschrieben wird.
      Bis ich, bei der Arbeit an der „Heimkehr“, auch durch den Kontakt mit Lektoren, zu der Einsicht kam, lies doch mal etwas übers Schreiben.
      Seitdem sind einige Ratgeber unter meinen Augen hindurch gehuscht und neben einigen aufdringlichen habe ich auch einige hilfreiche Exemplare gelesen. Die sich nicht aufgedrängt haben, waren zu meist die Besten.
      Ich glaube, in Phasen der Unsicherheit hilft es, sich auf die handwerklichen Aspekte zu stützen.
      Mit etwas Mutwillen, könnte man Hemingway einen billigen Journalistenstil unterjubeln und Thomas Mann wäre eine langweilende Plaudertasche. Man kann aber auch den prägnanten Stil des Einen und die Wortgewalt des anderen genießen.
      Ich glaube, beiden zu eigen war, dass sie formal genau wussten, was sie taten. Das Inhaltliche kommt von Herzen und ist deshalb irgendwie schutzlos.
      Finde ich.
      Habe ich erwähnt, dass ich mal in Florida im „Sloppy Joes“, an Hemingways Thekenplatz gesessen habe? Und ich wusste damals nicht mal, wer das ist … 😉

  5. Was ich schreiben will, lässt sich, das zeigt sich während des Vorgangs, auf genau eine Art schreiben, eine andere kann ich dann nicht. Der nächste Text ist anders und will anders erzählt werden. Erst dann, wenn der Text fertig ist, kann ein kritischer Leser, eine kritische Leserin mich davon überzeugen, dass es ein Zuviel oder Zuwenig an Adjektiven gibt.

  6. Hat dies auf Experte für Zweisprachigkeit und Weltwirtschaft rebloggt und kommentierte:
    Als Experte für Zweisprachigkeit und Weltwirtschaft hab ich euch Folgendes zu sagen:
    Ernest Hemingway hat eigentlich immer Recht, wenn es um Hochseefischerei oder um Mojitos geht. Selbst beim Thema „Adjektive“ irrt sich der wortgewaltige, bärtige und trinkfeste Meister nur äußerst selten. (ezw)

  7. Oh je, ich habe mir über meinen Schreibstil noch nie soviele Gedanken gemacht..hm..ich schreibe einfach darauf los. Es sprudelt dann einfach so aus mir heraus. Ich habe mir eben ein paar Kommentare durchgelesen und besonders ergriffen hat mich dieser Satz von Dir: „Das Inhaltliche kommt von Herzen und ist deshalb irgendwie schutzlos“. So sehe ich meinen Schreibstil 🙂
    Ich schreibe über Themen, die mich bewegen.
    Ich lese auch aus dem Herzen, wieviele Adjektive ein Autor benutzt, ist mir egal – hauptsache ich lege das Buch nicht mehr aus der Hand. Was auch immer dein Schreibstil ist, er „packt “ mich beim Lesen und lässt mich so schnell nicht los!

  8. Ein gesunder Mittelweg ist wahrscheinlich tatsächlich die beste Variante. Es gibt Aktionen, Personen etc., deren näherer Beschreibung durch Adjektive es durchaus bedarf. Aber andere Dinge genügen sich selbst als reines Wort.

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