Sonntags um 11.00 #10

Das heutige Thema lautet: Handwerkszeug und das ist ja für Schreibende, von bescheidenem Umfang: ein Bleistift und ein Stück Papier genügen und man kann den Gedanken freien Laufen lassen, wenn man gelernt hat sie in Schriftsprache zu pressen.
Die Ursprünge sind natürlich komplexer, beginnend mit der Bildsprache der Höhlenmalerei, bis zu zur Entwicklung der Keilschrift. Aber das ist ein weitläufiges Thema, zu welchem es viele spannende Bücher gibt.

Da dieser 11.00-Termin eher eine Plauderstunde zur eigenen Vorgehensweise ist, erlaube ich mir kurz zu schildern, wie sich meine Art zu schreiben, über die Jahre verändert hat.
Begonnen habe ich tatsächlich mit Stift und Notizzettel und, weil ich mich damals in meiner Öko-Phase befand, habe ich die Zettel zum Teil wieder ausradiert, um sie mehrfach verwenden zu können. Eine nette Geste, um Bäume zu retten, aber leider vergebliche Liebesmüh. Die Notizen wanderten dann in Hefte, die ich in Form von Tagebüchern führte. Nicht immer im Sinn von „Liebes Tagebuch, heute habe ich …“, sondern mit dazwischen gestreuten Lebensweisheiten, welche die Welt revolutionieren würden, wenn sich jemand die Mühe machen würde sie zu lesen. Ja die Klimakrise wäre vermutlich erledigt, hätte sich die Welt meinen Themen von damals gewidmet …

Irgendwann waren mir Hefte zu sperrig. Loses Papier musste her, um Szenen und Gedanken freier hin und her verschieben zu können. Eine Art archaisches Copy-Paste-Verfahren. Ich wechselte zu einer elektrischen Schreibmaschine, die damals noch etwas revolutionäres war. Manche von euch werden sich an Farbbandwechsel, schief eingezogenes Papier und Korrekturband, welches immer nur unbefriedigend, den falschen Text überschrieb, erinnern. Ja, so lernten wir unsere Gedanken sauberer zu sortieren, denn markieren und löschen waren eine ferne Utopie.
An der Schreibmaschine hing ich etwa sieben Jahre, bis mein Schwiegervater uns zum Kauf eines PCs überredete. Ich ahnte nicht, wie dies mein Schreiben verändern sollte.

Ich überspringe das Einscannen der alten Manuskripte in digitale Form, ich erwähne nur nebenbei Windows 95, Open Office, Scanner, horente Tintendrucker-Patronen, in denen schief eingezogenes Papier noch genau so möglich war und ein Fehldruck gnadenlos teuer (schön war immer, wenn beim Drucken, der Druckertreiber in die Knie ging und statt dem gewünschten Text, kryptische Zeichen auswarf.)

Notizblock und Bleistift blieben noch, ich schätze sie bis heute, auch, wenn „Squid“ sie manchmal ersetzt. Aber die Schreibmaschine verschwand und Tastatur, Monitor, Maus und unterschiedliche Hardware, die unterschiedliche Textverarbeitungen zum Leben erweckte, übernahmen die Arbeit.
Bis heute macht mich Copy&Paste glücklich, wenn eine Szene gut ist, aber woanders hingehört; freue ich mich, über all das, was sich für Selfpublisher entwickelt hat und staune immer noch, wie ich heute ganz selbstverständlich einen Beitrag poste, während ich früher meine Texte nur handverlesenen Freunden zur Ansicht gab.
Die Digitalisierung hat die Welt schreibender Menschen fundamental verändert und jeder mag entscheiden, ob zum Guten oder Schlechten.

Aktuell beschäftigen mich Autoren-Schreibprogramm und nachdem ich gerade mit „Papyrus“ nicht glücklich geworden bin, suche ich nach einer Alternative und scheine bereits fündig.
Ein wenig verkörpert „Papyrus“, das was sich zum Fraglichen verändert: Die Software die ich kaufe, fordert nach wenigen Monaten schon das nächste kostenpflichtige Update, damit ich sie nutzen kann, muss ich monatlich meinen Lizenzschlüssel aktivieren lassen und eine Firewall muss verhindern, dass nicht alles, was ich da so in die Tasten drücke, auf undurchsichtigen Wegen überall hin verschwinden kann.
Da war die alte elektrische Schreibmaschine ein verschwiegenerer Partner bei der Arbeit.

Ja, so ist alles Moderne: neue Chancen, neue Gefahren.
Da ich schon eine Minute über der Zeit bin, beende ich hier den kleinen Rückblick.
Nachkorrektur erfolgt während der Veröffentlichung … ach! Die gute, alte Zeit mit Korrekturband …

12/17 PGF

8 Kommentare zu “Sonntags um 11.00 #10

  1. Sehr schöner und kurzweiliger Artikel, danke dafür.

    Ich beschäftige mich auch mit diesen Themen. Was mit unserer Sprache passiert, wie sie sich im Laufe der Zeit verändert, aber auch wie verschiedene Medien auf sie einwirken.

    Ich kenne Papyros auch, aber am liebsten schreibe ich nach wie vor mit Bleistift und Papier. Und das wird wohl auch so bleiben, denn nur so kann ich unabgelenkt und tief denken.

    Thomas.

    http://www.der-leiermann.com

    • Danke für die Rückmeldung 🙂

      Die Veränderung der Arbeitsweise, Gewinn und Verlust an Möglichkeiten, ist ein interessanter Prozess.
      Zum Glück haben wir (noch) die Wahl.
      Über die Zeit habe ich den Eindruck gewonnen, dass manches Manuskript eine gewisse Arbeitsweise fordert (lange Texte, mit vielen Orten und Figuren sind mit Papier und Bleistift nicht zu bewältigen), dass aber manchmal auch eine neue Arbeitsweise die Chance zu einem Manuskript bietet.

      Ich wünsche dir einen schönen Sonntag.

      • Ja, wir haben zum Glück noch die Wahl, weil wir mit dem Buch und Papier und Feder aufgewachsen sind.

        Und vielleicht ist es so, dass man lange Texte mit viel Figuren einen Laptop braucht, das kann ich nicht beurteilen. Aber verändert das nicht auch Deine Art des Schreibens?

        Ich frage nur aus Interesse, weil ich mir denke, dass es das schon tut. Hast Du das Gefühl, dass das positiv oder negativ für Dein Schreiben ist?

        Liebe Grüße,
        Thomas.

      • Hallo Thomas,
        darauf ist die Antwort nicht ganz einfach, weil ich (pragmatisch) verwende was sich anbietet.

        Längere Texte drucke ich aus und sortiere Kapitel, wie früher bei den Schreibmaschinenseiten. Fühlt sich griffiger für mich an, als mit dem Navigator die Gliederung zu gestalten. Andererseits gibt es Such-/Kopier-/Strukturfunktionen die den PC unschlagbar machen.

        Aber ich denke, das muss ich dir nicht sagen, sonst könnten wir ja hier nicht philosophieren … 😉

        Einen schönen Abend vom See

      • Das dachte ich mir auch, dass man die Seiten in der Hand braucht und durchblättern muß um zu wissen wo man steht.

        Aber das mit der leichteren Bearbeitbarkeit von Texten kenne ich auch. Auch wenn es nur bei Blogbeiträgen ist und kein dickes Buch …

        Aber findest Du nicht auch, dass die Tastatur den Schreibstil beeinflusst? Darauf hat ja schon Nietzsche das erste Mal hingewiesen. Und mir fällt das auch auf.

        Liebe Grüße an den See.

        Thomas.

      • Wenn du meine Handschrift kennen würdest, wüsstest du: Jede Tastatur ist ein Geschenk des Himmels 😉

        Die Motorik der Hand hat direkte Auswirkung auf die Entwicklung unseres Gehirns.
        Dazu gibt es schöne Beiträge in: https://www.amazon.de/Eine-Geschichte-Welt-100-Objekten/dp/3406652867/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1513614971&sr=8-1&keywords=Die+Welt+in+100+objekten (Thema: Entstehung des Faustkeils und Veränderung der menschlichen Hirnrinde),
        in allen Büchern zur Entwicklung kindlicher Motorik: Stichwort Hand-Mund-Koordination, bis hin zu modernen Untersuchungen: http://www.wissenschaft.de/leben-umwelt/hirnforschung/-/journal_content/56/12054/5308092/Superdaumen-durchs-Smartphone/

        Also Nietzsche hatte Recht, aber das hat er eigentlich immer … 😉

        Lieben Gruß vom See
        Peter

  2. Ich bin den Erfindern der Textdokumente unendlich dankbar, Copy& Paste ist das Beste was mir in meiner Schullaufbahn passieren konnte… Vor allem bei so manchen Aufsätzen, die man lediglich „haben“ musste ohne das sie jemals gelesen wurden. Ansonsten wurde natürlich immer brav der Wortlaut verändert.
    Frau/Mann kann doof sein, aber er/sie muss sich immer zu helfen wissen!

    Ich weiß nicht ob es noch existiert, oder ob du es schon jemals getestet hast aber „Evernote“ fand ich damals ganz gut. Hoffe, dass es das Program heute noch gibt…

    • Liebe wordBUZZz,
      da Copy and Paste erst in höchsten Regierungsämtern etwas nachteilig sein kann, werden sich deine Schulsünden vielleicht auf dein Karma auswirken, aber noch kannst du auf den Pfad der Tugend wechseln 😉

      Evernote – warte mal, lass mich mal im PlayStore sehen – gibt es noch, hatte mich aber nicht überzeugt.
      Ich brauche zum Schreiben: meine Schreibecke, Ruhe und eine Tastatur oder keine Schreibecke, Ruhe und einen Stift (am liebsten Bleistift).

      Papyrus habe ich mittlerweile aufgegeben, da muss jeder selbst seine Erfahrungen machen. Aktuell versuche ich ein anderes Autorenprogramm, welches mich begeistert, die Loorbeeren, aber erst nach gründlicher Prüfung, in Form eines Beitrages hier, erhalten wird.

      Dir an dieser Stelle: schöne Festtage
      Peter

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