Einsame Stunden

Meine Heimatstadt liegt in einem weit gestreckten Tal, welches von mehreren kleinen Flüssen durchzogen ist, zwischen einem halben Dutzend Anhöhen die, nach Westen hin flach werdend, in die Vogesen übergehen; aber im Osten und Süden in ganzen Ketten solcher Anhöhen, über die sich der Pfälzer Wald dunkel zieht. Die Stadt hat sich aus einem römischen Kastell entwickelt, welches zwischen zwei der Flüsse lag und der Stadt später ihren Namen gab.
Ich erzähle das, weil eine dieser Anhöhen, einen ganzen Sommer lang mein Fluchtpunkt war.
Es war eine schwierige Zeit Anfang meiner Zwanziger. Den Winter zuvor hatte ich in Asien verbracht und den nächsten wollte ich wieder dort verbringen. Mein soziales Umfeld war ausgedünnt. Auch durch die Zeit im Ausland. Man rutscht, ich glaube man kann es so sagen, aus den Strukturen, wenn man weggeht. Überraschend ist, wie schnell es geht.
In jedem Fall, es war eine Zeit, in der ich sehr für mich war. Die Tage brachte ich arbeitend und lesend in der Stadt zu, aber den Abend, nach Feierabend, setzte ich mich ins Auto und fuhr auf eine der Anhöhen, um dem Sonnenuntergang zu zusehen.
Man fuhr durch einen dicht besiedelten Stadtteil über eine in Serpentinen gelegte Straße aus der Stadt heraus. Ließ die Häuser hinter sich und eine Sozialsiedlung, die man wie ein Geschwür außerhalb der Stadt geplant hatte (sie würde später abgerissen und durch ein Neubaugebiet ersetzt), vorbei an einem Bauernhof, bis man einen Feldweg erreichte, den man noch hundert Meter fahren konnte, ehe man in einer Sackgasse endete, an der eine kleine, rote Bank stand.
Dorthin fuhr ich, jeden Abend. Setzte mich hin und sah der Sonne zu, wie sie unterging. Ich wusste nicht wo sonst hin (und um den empathischen Leser zu beruhigen: ich würde den nächsten Sommer Anschluss an einen großen Freundeskreis finden und nie mehr zu er kleinen Bank zurückkehren). Mir war nach einsam sein, ich suchte die Natur und ich fand dort die Ruhe und die Weite, die mir guttat.
Dort saß ich jeden Abend und es ist mir erst im Rückblick bewusst, dass ich mich damals verortet habe: ich begriff im Sinken der Sonne, das Abwenden der Erde und sah an klaren Tagen, wie sich der Mond voll oder nur als Sichel, zu diesem Spiel gesellte.
Als wäre es eine furchtbare langsame Karussellfahrt, drehte sich die Erde, um sich und die Sonne, der Mond drehte sich, um sich und die Sonne und die Sonne, wie ich damals wusste, als eigenes System, um ein größeres Ganzes. Und ich war mitten darin, als Teil dieses Weltenspiels: bedeutungslos und entbehrlich – von oben gesehen, aber ich für mich, der ich dies alles nach und nach begriff und fühlte, fasziniert da zu sein … und, wie ich annahm, mit irgendeinem Sinn, ich fühlte ein Schicksal.
Der Sommer ging vorüber, die zweite Reise nach Asien folgte und nach meiner Rückkehr führte mich das Leben ganz andere, damals nicht zu erahnende Wege.
Diese Stunden auf der Anhöhe habe ich in Erinnerung behalten: dass man seinen Wert nicht in Frage stellen sollte, auch, wenn man gerade allein steht und dass es, in Mitten tanzender Planeten, Sinn macht seinem Stern zu folgen …

PGF 09/17

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