Wahlkampf #2

Wenn ihr heute in ein deutsches Krankenhaus kommt – egal ob als Notfall oder für eine geplante OP – ist euer Entlassungstag bereits festgelegt. Dies ergibt sich durch das DRG-System und die darin beschriebene Verweildauer.
Das Diagnosis Related Groups-System ist ein Pauschalierungsverfahren, bei dem die Liegezeit für Krankheiten auf der Basis unterschiedlicher Faktoren errechnet wird (Alter, Geschlecht, etc.), dem zugeordnet ist ein bestimmter Betrag (unterschiedlich nach Bundesland) der in einer entsprechender Gewichtung multipliziert wird.

Bsp.(Da die Zahlen nach Bundesland variieren und jedes Jahr neu verhandelt werden, legt mich nicht fest, das Prinzip ist richtig wiedergegeben):
Ihr bekommt ein neues künstliches Knie (Knie-Tep).
Die hat eine mittlere Verweildauer von 3 bis 7 Tagen.
Der Grundbetrag ist 1700,- € pro Tag
Das Fallgewicht beträgt 1,7 (also 170 % der 1700,-€)

An den Tagen 3 bis 7 erhält das KH, welches operiert 1700 * 1,7. Kommt es zu einer früheren Entlassung oder einer späteren (auf Grund von Komplikationen) reduziert sich der Betrag und ihr werdet zu einem „Minus-Geschäft“ für die operierende Klinik.

Was ist das Problem? 170 % eines Grundbetrages klingt doch gut.

Diese Pauschale gilt unabhängig von dem, wie ihr ins Krankenhaus kommt. Eine geplante Knie-Tep bei einem Gesunden um die 60 kommt durchaus mit diesen Tagen hin. Eine ältere Frau, um die 80, in einem geschwächten Allgemeinzustand, die nach einem Sturz, ihr künstliches Gelenk benötigt, liegt wesentlich länger. Ist also wirtschaftlich uninteressanter.
Um dies auszugleichen beschäftigen Krankenhäuser Kodier-Kräfte die nach Zusatzbeträgen und Ausgleichsmöglichkeiten suchen, die eine Veränderung der Pauschale ermöglichen.
Und: Eine Lungenentzündung hat nur den Faktor 0,3. Erhält also nur 30% der 1700,- € und ist somit, vor Aufnahme schon wenig interessant.

Wenn also in den Medien und durch die Politik suggeriert wird: In deutschen Krankenhäuser wird zu viel operiert, so liegt das nicht an den Krankenhäusern, sondern das System schafft lukrative und nicht-lukrative Kranke und Krankheiten.
Es gibt auch echte Gewinnbomben, auf die sich die Häuser (je nach Klinik-Betreiber), wie Piranha-Schwärme ausrichten.

Und zu Recht!
Durch die Privatierung der Krankenhäuser, hat man sie in Wirtschaftsunternehmen verwandelt und für die ist es legitim gewinnorientiert zu arbeiten. In einem System, in dem ich nicht, durch Qualitätsangebote und Preisgestaltung, den Markt bestimmen kann, sondern mich in einem engen Pauschalsystem bewegen muss, ist es nur natürlich, dass sich die Richtung, an der Gewinnspanne orientiert.
Deshalb wäre eine schrittweise Rücknahme der Privatisierung des Gesundheitssystems nötig, wenn Patienten nicht Kunden und Krankheiten nicht Ware werden sollen.
Aktuell ist unser System nur deshalb gut, weil sich die darin Arbeitenden mit Kräften gegen eine Kommerzialisierung wehren. Aber Arbeitsverdichtung und die Einsicht, dass wirtschaftliches Überleben den Arbeitsplatz sichert, begrenzen die Möglichkeit patientenzentriert zu agieren.

Wir haben, ehe die Privatisierung vorangetrieben und das DRG-System eingeführt wurde, in steter Regelmäßigkeit erfahren, dass Ärzte überbezahlt sind, die Kassen abzocken, zu viel operieren, zu viel Geld verdienen, die Pflege zu viele Krankenhausbetten versorgt und alles überholt werden muss. Das war damals der Startschuss, um die Bevölkerung für die Privatisierung zu gewinnen. Ohne sie zu informieren, was dies bedeutet.
Das Gesundheitssystem und seine Schwächen spürt man nicht, wenn man nicht darin arbeitet oder krank wird. Wenn man aber krank wird, hat man kaum die Kraft sich gegen den Sumpf zu währen in den man gerät. Und es ist ein bürokratisch erschaffener Sumpf, der die darin arbeitenden Menschen frustriert und in dem es immer schwerer wird gesund zu werden. Heute hat Gesundheit mehr mit Dokumentation zu tun, als mit Zuwendung. Ärzte müssen eher rechnen, als diagnostizieren. Meist tun sie beides, zu Lasten ihrer eigenen Gesundheit.

Gesundheit ist ein Volksgut und sollte somit in stabilen, wirtschaftlich unabhängigen Strukturen arbeiten. Der volkswirtschaftliche Gewinn, ist eine medizinisch gut versorgte Bevölkerung, die eine leistungsorientierte Gesellschaft tragen kann.
Es muss also darum gehen das DRG-System zu verändern (denn es wird nirgends so streng ausgelegt, wie in Deutschland) in dem die Pauschalen steigen oder die Liegezeiten mehr Freiheit bieten. Oder die Privatisierung muss eingeschränkt werden und es muss mehr kommunale Krankenhäuser geben, die vom Gemeinwesen getragen sind.
Die kosten Geld, aber Kranke die nicht gesund werden, Angehörige die nicht mehr wissen, was sie mit den früh Entlassenen anfangen sollen und ihre eigene Berufstätigkeit einschränken müssen, blutige Entlassungen in Reha-Kliniken, bringen keine Einsparung.
Das Problem der Praxen, die IGEL-Leistungen, die Versorgung dauerhaft Pflegebedürftiger und vieles mehr, ist hier gar nicht beschrieben und würde einen eigenen Blog mit täglichen Beiträgen füllen …

PGF 08/17

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