Einer dieser Tage …

„Fliehe, mein Freund, in deine Einsamkeit! Ich
sehe dich betäubt vom Lärme der grossen Männer und
zerstochen von den Stacheln der kleinen.
Würdig wissen Wald und Fels mit dir zu schwei¬
gen. Gleiche wieder dem Baume, den du liebst, dem
breitästigen: still und aufhorchend hängt er über dem
Meere.
Wo die Einsamkeit aufhört, da beginnt der Markt;
und wo der Markt beginnt, da beginnt auch der Lärm
der grossen Schauspieler und das Geschwirr der gif¬
tigen Fliegen.
(…)
Aber die Stunde drängt sie: so drängen sie dich:
Und auch von dir wollen sie Ja oder Nein. Wehe, du
willst zwischen Für und Wider deinen Stuhl setzen?
Dieser Unbedingten und Drängenden halber sei
ohne Eifersucht, du Liebhaber der Wahrheit! Niemals
noch hängte sich die Wahrheit an den Arm eines Un¬
bedingten.
Dieser Plötzlichen halber gehe zurück in deine
Sicherheit: nur auf dem Markt wird man mit Ja? oder
Nein? überfallen.
Langsam ist das Erleben allen tiefen Brunnen:
lange müssen sie warten, bis sie wissen, was in ihre
Tiefe fiel.
(…)
Du bist kein Stein, aber schon wurdest du hohl
von vielen Tropfen. Zerbrechen und zerbersten wirst
du mir noch von vielen Tropfen.
Ermüdet sehe ich dich durch giftige Fliegen, blutig
geritzt sehe ich dich an hundert Stellen; und dein
Stolz will nicht einmal zürnen.
Blut möchten sie von dir in aller Unschuld, Blut
begehren ihre blutlosen Seelen — und sie stechen da¬
her in aller Unschuld.
Aber, du Tiefer, du leidest zu tief auch an kleinen
Wunden; und ehe du dich noch geheilt hast, kroch
dir der gleiche Giftwurm über die Hand.
(…)
Auch geben sie sich dir oft als Liebenswürdige.
Aber das war immer die Klugheit der Feigen. Ja,
die Feigen sind klug!
Sie denken viel über dich mit ihrer engen Seele,
— bedenklich bist du ihnen stets! Alles, was viel be¬
dacht wird, wird bedenklich.
Sie bestrafen dich für alle deine Tugenden. Sie
verzeihen dir von Grund aus nur — deine Fehlgriffe.
(…)
Auch wenn du ihnen milde bist, fühlen sie sich
noch von dir verachtet; und sie geben dir deine Wohl¬
that zurück mit versteckten Wehthaten.
Dein wortloser Stolz geht immer wider ihren
Geschmack; sie frohlocken, wenn du einmal beschei¬
den genug bist, eitel zu sein.“

F. Nietzsche, Also sprach Zarathustra

Quelle: http://www.deutschestextarchiv.de/book/view/nietzsche_zarathustra01_1883?p=79

2 Kommentare zu “Einer dieser Tage …

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