Neun Tage

Bis gestern waren es neun Tage, die ich am Stück gearbeitet habe. Das Wochenende bestand aus einer Fortbildung zu der ich täglich 240 Kilometer gependelt bin. Die Tage davor waren meist mit Überstunden gespickt und insgesamt mit anspruchsvollen, konfliktreichen Aufgaben. Mein Gehalt? Reden wir nicht darüber …
Nehmen wir mal eine Krankenschwester, die wüsste gar nicht, wo das Problem liegt, die macht in den neun Tagen, wenn möglich, noch zwei Doppelschichten.
Oder Ärzte, die nur so viele Überstunden aufschreiben, wie gesetzlich erlaubt sind, den Rest machen sie auf eigene Kappe.
Im medizinischen Bereich nichts ungewöhnliches. Und auch nicht zwingend der Druck des Arbeitgebers. Wenn die medizinische Versorgung von Menschen weiter funktionieren soll, kann die Leistungsgrenzen von Menschen oft nicht die Versorgungsgrenze sein.
Mit der Privatisierung der Medizin wurde die Versorgung der Bevölkerung aus der Hand des Staates gegeben und in die Hände von Unternehmen, die berechtigterweise damit Geld verdienen wollen. Und das tun sie. Die Arbeit verdichtet sich und die Arbeit am Menschen industrialisiert sich und keiner wird viel dagegen tun, weil das Ausbrennen im Stillen stattfindet und die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes genug Arbeitssklav- Arbeitswillige hergibt.
DRG, mittlere Verweildauer, Wirknachweis, Versorgungsschlüssel, Fallpauschale, Fallgewicht – sicher weiß jeder, was dies, im Krankheitsfall für ihn bedeutet …

Wohlgemerkt: ich gehöre nicht dazu. Ich habe solche neun Tage nur in Ausnahmefällen, die Fortbildung war mein Wunsch, die Übernachtung wäre mir bezahlt worden, deshalb erzähle ich davon. Ich habe die Wahl in einem System in dem viele nicht mehr die Wahl haben, aber das gleiche leisten müssen.
In diesem Jahr sind Wahlen und wir wählen auch das Gesundheitssystem in welchem wir krank und, wenn es so weiter geht nicht mehr gesund werden. Wir werden in den nächsten Wochen täglich hören, dass in Deutschland alles super ist, die Besten in Europa, Exportweltmeister, niedrige Arbeitslosenquote, „Super, super, super“, wie Guardiola sagen würde. Kritiker sind Miesmacher die unsere Vorteile nicht sehen wollen und, dass es uns gut geht. Solange wir nicht krank sind oder unverschuldet arm werden, weil wir nicht ausreichend funktionieren.
Ja, es geht uns gut: wir sind versorgt und solange, wir uns, wie Rilkes Panther nicht im aller kleinsten Kreise drehen, sehen wir auch noch nicht den betäubten Willen. Wir haben zu Fressen und die Haltung ist artgerecht. Und die Gitterstäbe die sperren uns nicht ein, die schützen uns vor der bösen Welt da draußen.
Nur manchmal fällt auf, dass wir uns, in Gefangenschaft, schlechter fortpflanzen …, die Geburtenrate die hakt und die Bindungsfähigkeit und die Menschlichkeit, die werden im täglichen Leistungsdruck vernichtet.

PGF 05/17

7 Kommentare zu “Neun Tage

  1. Ein toller Beitrag, lieber Peter mit dem kritischen Hinweis:
    „Solange wir nicht krank sind oder unverschuldet arm werden, weil wir nicht ausreichend funktionieren.“
    Wenn das nicht ist, fängt auch in unserem Land ein wahrer Spießrutenlauf an…

  2. Gut zusammengefasst, diese Gedankenverknüpfung vom Einzelglied zum Ganzen.

    Der Mangel an Interesse daran, sein erwirtschaftetes Leben mit Partner und gegebenenfalls Kindern zu teilen, führe ich allerdings nicht auf Stress und Zeitmangel zurück, denn andererseits sind sogar noch ungeplante Kinder bei Menschen willkommen, die weder über entscheidungsflexible Arbeitsplätze noch viel Freizeit verfügen, aber meist über funktionierende Bindungen an gewachsene Strukturen, während die Wohlstandbindungsangst umgeht, wo vom egozentrierten Selbstverwirklicher mögliche Lebensabschnittspartner und – schlimmer noch – lebenslange Kinder mit diesen als die eigentliche Bedrohung der persönlichen Freiheit angesehen werden. Der Job ermöglicht es, Geld zu verdienen, mit dem man sich seine materielle Wunschliste erfüllt, das Nichtsingledasein frisst sowohl das Geld als auch die individuellen Pläne wieder auf, so die sozialstaatinkompatible Rechnung.
    Wenn aber jemand eine Familie gründet, der beruflich nicht stagnieren oder gar zurückstecken will, mangels innerfamiliärer Möglichkeiten seine Kinder frühzeitig fremderziehen lasssen muss, ist die nächste bindungsproblematische Generation schon vorprogrammiert, denn weil Mutter und / oder Vater über grössere Abschnitte des Tages unerreichbar sind, als das Kind wach ist, lernt das Krippen- und Aupair-betreute Kind bereits die im zeitigen Windelalter, dass man im Leben von Zweckpersonen umgeben ist, die zwar im Glücksfall liebenswerte Menschen sind, aber ihre professionell Aufmerksamkeit auf viele weitere verteilen und allzu oft wechseln – ein Urvertrauen in Stabilität und den Wert einer ganz besonderen Zuneigung lernt sich so nicht.
    Es fehlen inzwischen Menschen, die sich zutrauen, andere Menschen und Situationen richtig einzuschätzen und danach zu handeln, weil das System sie bereits als Babies zum verwalteten Objekt macht.
    Für mich stellt sich das so dar, als würde das Erleben, von den Eltern immer wieder anderen zu ( auch mal schmerzhaften) Behandlungen und Beaufsichtigungen überlassen zu werden, den Wunsch produziert, endlich selbst die Wahl zu haben und sich ausschließlich selbst zu gehören.
    Nein, das betrifft sicher nicht nur Deutschland, aber hierzulande ist man besonders groß darin, etwas „richtig“ machen zu wollen und Angst zu haben vor Fehlschlägen jeglicher Art, das Versicherungssystem hat hier die besten Kinden.
    Wo das Gefühl der Vernunft unterzuordnen Ideal und Wert darstellen, hat ein Bauchgefühl keine Chance, und wo Bauchgefühl, Inspiration und Vertrauen fehlen, haben Liebe und Bindungswillen geringere Chancen.
    Sie werden durch kontrollierenden Socialmediagebrauch nur mangelhaft ersetzt, wenn nicht gar wegen der Kleinteiligkeit der informationen erst recht im negativen Sinne irregeleitet.
    ( … tut mir leid, kürzer ging’s nicht.)

    • Dito.
      Der Beruf sollte kein Alibi sein, für versäumte Beziehungsarbeit.
      Und unbedingt beginnt unsere Zukunft damit, dass wir Kindheit kindgerecht und geschützt machen.
      Ich sehe kritisch, was als „Herdprämie“ diffamiert wird, ohne als Mann, einer Frau die Möglichkeiten einer Karriere in Abrede stellen zu wollen.
      Dann steht, je nach Einigung der Mann am Herd 😉

      Die Integrität kindlicher Entwicklung sollte unser allgemein anerkanntes höchstes Gut sein.

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