Amphibie

Ich bin – und sehe es, als Schwäche, als Ausdruck fehlender Lebenskraft und mangelnder Lebenskompetenz – Wohl oder Übel, eine Künstlernatur.
Auch, wenn sie sich nie entfaltet.
Ich bleibe im Weltlichen, im Alltäglichen gefangen, da ich leben und überleben will und den Sprung ins Ungewisse, ins Alles-oder-Nichts nicht wage.

Ich bin, wie einer dieser evolutionären Fische, die vor Jahrmillionen dem Ufer zu nahe kamen und im Brackwasser der Äonen, zu Amphibien wurden: weder im Wasser, noch an Land zu Hause.
Tatsächlich bin ich viel zu sensibel, viel zu wenig wehrhaft, um an den täglichen Kämpfen der Arbeitswelt teilzunehmen.
Da kann ich meine Resilienz trainieren, wie ich will.
Es genügt, um den Tümpel zu überleben, aber nicht, um ihn zu verlassen.

Vielleicht lagen dies Fische damals in vollem Bewusstsein, der dünnen Wasserdecke, in ihrem fremd gewordenen Lebensraum, den blauen Himmel schon über sich, der ihre Zukunft bedeuten mochte.
Und vielleicht dachte einer von ihnen: Es liegt beim Leben, mit mir etwas vorzuhaben, was ich nicht verstehe.
Und mit einem Mal wurde aus der bedeutungslos werdenden Flosse, ein kleiner, unscheinbarer, erster Fuß …

02/17 PGF

17 Kommentare zu “Amphibie

  1. Da kommt mir so ein Gedanke, irgendwie sind „wir“ in einem Bardo, einem Dazwischen, vielleicht Vermittelnde Wesen in einem großen Wesen, das in einem noch größerem … und so weiter …, und,“die Götter“ können Liebe erst dann erfahren, wenn der Mensch liebt. Lieben Gruß

  2. … meines Erachtens ist es keine Schwäche, sondern (d)eine Stärke, eine Künstlernatur zu sein, lieber Peter!
    Im Übrigen entfaltest du sie doch, deine Künstlernatur, oder nicht?
    Herzliche Grüße,
    Hannah

  3. Den Punkt mit der Sensibilität kann ich gut nachvollziehen. Es hat eben zwei Seiten, wenn man sensibel ist, einerseits spürt man Dinge, die andere nicht so spüren, was ein großes Geschenk ist, andererseits ist es schwierig im Alltag.

  4. Mir zu jammerig, mein Lieber! Künstlernatur generell mit Lebensschwäche und -kompetenzlosigkeit zu assozieren, scheint angesichts von Leuten wie Picasso oder Goethe zumindest fragwürdig. Talent und Kreativität sind ein Geschenk, unabhängig von unseren persönlichen Schwächen und Makeln (die auch Nichtkünstler mit sich rumschleppen) … Wünsche Dir jedenfalls hellere Gedanken und – eine schnelle Evolution 🙂

    • „Mein Lieber“ (Wilhelm), das erinnert mich sofort an Goethes „Werther“ ein wundervolles Beispiel für eine stabile, lebenskompetente Persönlichkeit … aber natürlich nicht identisch mit dem jungen Goethe der nur schwer durchs Studium in Straßburg kommt … Ob der „Faust“ Goethe beschreibt und seine Zerrissenheit, oder T. Mann mit „Lotte in Weimar“? Ob er wirklich so verzweifelt war über seinen Dienst in der Heeresverwaltung? Ob das mit den zwei Flaschen Wein bereits vor Mittag stimmt – um „durchzukommen“?
      Ich bin auch nicht sicher, ob Alice Miller, mit allem, was sie über Picasso und seine existentielle Verunsicherung, im „Gemiedenen Schlüssel“ schreibt Recht hat?
      Aber das die beiden an einem engen, einfachen Leben gescheitert wären, da bin ich ziemlich sicher.
      Ob sie in der Lage gewesen einer Partnerschaft, einer Familie gerecht zu werden, da hege ich starke Zweifel.

      Ich glaube Fontane wäre ein gutes Beispiel gewesen, vielleicht auch Kästner. Möglicherweise Bach für die Musik, da bin ich zu wenig bewandert. Aber Mozart fällt schon wieder weg, an van Gogh wollen wir gar nicht denken und Hesse kommt auch nicht in Frage.

      Und ist Schwäche schlimm? Ist es nicht ein Manko, das man zugeben kann? Weil man diesen Rhythmus von 7 bis 17 nicht durchhält und das von Montag bis Freitag. Obwohl es die geben muss, die genau das können, weil sonst kein Haus gebaut, kein Brötchen gebacken und keine Operation stattfinden könnte.

      Talent und Kreativität werden maßlos überschätzt. Persönliche Makel bei NichtKünstlern, werde als natürliche Schwäche betrachtet; beim „Künstler“ machen sie die „besondere“ Persönlichkeit aus.

      Also die Gedanken sind hell, ich bringe nur etwas Licht in manchen Winkel, dem es gut tut beleuchtet zu werden … weil Evolution eher auf Erfragen und Hinterfragen und Verändern beruht, als auf Beharren.

      Aber es bleibt: ein jammervoll kurzes Wochenende, das vor uns liegt 😉

      • Kann ich immer noch nicht nachvollziehen: Es gibt kaum tatkräftigere Künstler als Goethe oder Picasso. Dass der eine Wein süppelte, der andere Zweifel hat – so what? Dass Werther-Goethe verliebt war und darunter litt? Das alles ist nun wirklich kein Künstlerkriterium. Im Gegnteil: Meiner Meinung nach sind Nicht-Künstler wesentlich frustrierter und gefährdeter. Goethe hat sich seinen Lotte-Frust von der Seele geschrieben, die Werther-Lesenden Nichtkünstler ham sich reiehnweise erschossen …Und: Kreativität wird maßlos überschätzt? Das kannst Du nicht wirklich ernst meinen, oder? Über den Talent-Begriff ließe sich trefflich streiten, aber doch nicht über die Kreativität, das Leuchtfeuer unseres humanen Seins, egal ob’s Malen oder Kochen, ob’s Spielen oder „einfach“ Leben betrifft! Vollkommen Recht gebe ich Dir dagegen beim stets jammervoll kurzen Zeitmaßes des Wochenendes 🙂 Hoffe, Du genießt das an Deinem See!

      • Also ein bisschen reden wir aneinander vorbei, glaube ich, was die Frage „Was ist Lebenskompetenz?“ angeht.

        Vielleicht sind die Nicht-Künstler ja auch frustriert, weil sie für die Künstler mitarbeiten müssen 😉

        Und: ein wenig In-Frage-stellen, was als selbstverständlich gilt (Kreativität ist super), schadet auch nicht.
        Unsere frühzeitlichen Vorfahren sind vielleicht lieber umher gezogen und haben Abenteuer erlebt, statt vor dem Winter in ihre Höhle fliehen zu müssen und sich, mit Bildchen an der Wand, gegen die Langeweile zu wehren.
        Vielleicht sind wir ja auch kreativ, weil wir zu feige zu leben sind …

        Um das kostbare Wochenende nicht unnütz zu verschwenden, schließe ich mit: Ich glaube, ich weiß, wie du es meinst 🙂

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