Der Einsame

„Hast du Ziele?“ Er fragte laut und fragte es fröhlich.
Er sah mich an, sah es und wurde matt.
„Keine Ziele …“, sagte er konstatiert und hörbar leiser, „so, so: keine Ziele.“
Und nach einem Moment Stille:
„Aber, wie willst du dann …? Die Welt! Es geht nicht – nimm ein Boot: auf dem Meer; du bist das Boot, wie willst du die Küste erreichen?“
Er sah mich an, fast mitleidig.
„Natürlich kann man“, widerlegte er meine Gedanken, „die Sonne und die Sterne die helfen dir, wenn du sie siehst“, er lächelte, „da oben – und sie hier hast!“ Er zeigte auf mein Herz.
Er schwieg wieder und dachte nach.
„Ein indischer Heiliger hat gesagt: Wenn deine Ziele groß sind und deine Mittel klein, handle trotzdem, nur durch handeln, werden deine Mittel wachsen.“ Er nickte. „Ich glaube, er hieß Aurobindo.“
Er wartete.
„Ich wünsche dir Ziele. Fürs neue Jahr wünsche ich dir Ziele! Ziele, glaube mir, sie sind keine Kopfsache. Ziele werden im Herzen geboren, sie sind lebendig. Es ist, wie im Ringkampf“, seine Augen leuchteten während er sprach, „beim Ringen, um deine Ziele: du kannst natürlich verlieren, aber auch das ist schön.“ Er lächelte versonnen. „Schön, wie ein Sonnenuntergang. Weißt du, wenn die Sonne untergeht, wird sie nicht grau, weil sie das Ringen, um diesen Tag verloren hat, farbenfroh ist ihre Niederlage, denn sie kommt zurück.“
Er sah mich an und seine Blicke schienen mich zu umarmen.
„Hab Ziele, in dieser ziellos gewordenen Welt! Die Menschen haben den Sinn verloren, deshalb haben sie keine Ziele mehr: essen, sich ablenken, Geld verdienen: sie vegetieren, sie wachsen nicht, das ist sehr schade.“
Seine Stimme wurde so leise, dass ich Mühe hatte ihn zu hören.
„Gib deinem Leben Sinn, dann kommen die Ziele – und, wenn du ihn nicht findest, gib ihm Ziele, denn die entschleiern den Sinn, zumindest den deinen.“
Er lächelte wieder, ein verletzliches Lächeln. Jemand, war es Nietzsche, hatte mal geschrieben: Ein Lächeln, dass an einem Blick erstirbt. Ja, das beschrieb es und ich wollte nicht, dass dies Lächeln, an meinem Blick verstarb.
Ich nickte.
Ich fühlte die Angst und den Zweifel, aber ich würde es versuchen. Heimlich! Ich würde niemand meinen Sinn, meine Ziele verraten. Aber ich würde sie suchen, das war ich ihm schuldig. Ich wollte ihn nicht allein lassen mit dieser wunderschönen, bedrohten Welt, der die Sinnsucher verloren gegangen waren.

PGF 12/16

16 Kommentare zu “Der Einsame

  1. Einfach einmalig toll, diese Geschichte! Ich finde auch, dass Ziele so was von wichtig sind! Ich weiß, wovon ich rede. Ich hatte mal meine Ziele komplett aus den Augen verloren und sie dann nur mit einem langen Kraftakt wieder gefunden und darum spricht mir dieses Geschichte so aus der Seele. Vielen Dank dafür! Alles Liebe
    Maria

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