Die Uhr

Die Uhr stand auf dem Nachttisch im Schlafzimmer meiner Eltern. Das Gehäuse war orange mit runden Ecken und einer schwarzen Front. Dort drehten sich, von kleinen Glühbirnen angeleuchtet drei schwarze Zifferrollen, welche die Zeit anzeigten. Von 1 bis 12 für die Stunden, die Minuten alle 60, die Sekunden in 5er Schritten. Wenn die Sekunde 55 wieder auf 0 wechselte, zögerte das ganze System einen Moment, als würde es zweifeln, ob schon bereit für die nächste Minute sei. Aber dann drehte sich die 55 auf 00 und die Minute X auf die Minute Y und, wenn es die Minute 59 war, dann drehte sich auch die kleine Stundenrolle.

Ich war noch sehr klein, als wir diese Uhr hatten. Ich schlief noch im Bett meiner Eltern, meist zwischen ihnen. Manchmal war ich noch wach, während sie schliefen. Oder ich wurde in der Nacht wach und dann sah ich auf diese Uhr. Und so schön ich sie fand, so nahm doch der Alpdruck zu, je länger ich sie betrachtete. Denn sie blieb nicht stehen – und das machte mir gewaltige Angst. Ich wollte nicht, dass die Zeit weiterlief, ich fühlte mich sicher und geborgen zwischen meinen Eltern liegend und ich spürte eine schmerzliche Angst sie zu verlieren, so wie ich die Zeit an diese kleine Uhr verlor.

Ich wusste, dass ich vergeblich hoffte, aber ich hoffte sie würde stehen bleiben oder meine Gedanken würden genügen sie anzuhalten. Aber das taten sie nicht. Bis auf dieses Zittern zwischen 55 und 00 drehten sich die Räder gnadenlos weiter.

Ich kam nicht auf den Gedanken, was denn aus der Zeit würde, wenn das Gerät, welches sie maß, nicht mehr war. Ob Zeit nur dann ein Problem war, wenn man sie wahrnahm. Dass ich die Zeit, die Vergänglichkeit ,vielleicht zerstören konnte, wenn ich die Uhr zerstörte… Dieser Gedanke lag, wie ein Keim unentfaltet in meiner Seele. Und ich lag und litt die Zeit und ihr Vergehen. Ihr Vergehen, denn ich empfand es nie als Werden. Nicht als Wachsen, sondern als Verfallen.

Das Thema ist mir immer geblieben und vielleicht ist alles was ich schreibe, nur ein Versuch eine Antwort auf diese Uhr zu finden. Vielleicht ist mein Schreiben selbst schon ein Stemmen gegen diese Uhr – und nicht vergeblich: denn das Bewusstsein , welches diese Gedanken hervor bringt ist älter, ewiger und umfassender, als die Zeit.

PGF 12/16

20 Kommentare zu “Die Uhr

      • ja. ein prägendes stückchen… die zeit ist weiter gelaufen, du auch, und doch ist das empfinden immer noch da. etwas bleibt doch. die zeit (das ver-gehen) ist ein seltsames phänomen, das auch mich immer wieder beschäftigt. (und die geborgenheit als kleines kind im elternbett erinnere ich übrigens auch noch gut 🙂 )
        liebe gutenachtgrüße! ⭐

  1. Es gibt da keinen Halt, keine Pause, keine Notbremse. Manchmal, für Momente, manchmal auch für länger, kann man sich fühlen, als sei man aus der Zeit gefallen, als stünde sie still, aber sie duldet nicht, dass man sie ignoriert, sie drängt sich auf. Wenn die Uhr nicht tickt, die Glocke nicht schlägt, dann sind es die Gesichter der ehemaligen Mitschüler, die keine Ausflüchte zulassen.

  2. Eine feine, berührende Geschichte, lieber Pe am See…Uhr, Zeit, Erinnerungen, Vergangenheit, Vergänglichkeit…sind Themen, die mich um den Jahreswechsel herum auch immer wieder beschäftigen…
    Herzliche Wintergrüße vom Lu

    • Danke dir lieber Lu, es ist ja auch ein kleines Wunder, dass dieser potentiell so schöne Planet wieder einmal eine ganze Runde, um die Sonne getanzt ist und wir staunen darüber, viel zu selten.
      Einen herzlichen Gruß vom See
      der Pe

      • Wir sicherlich…
        Ich aber nicht, und zwar wegen meiner intensiven Beziehung zu Mutter Allnatur, die mich stets an der Hand durch mein Leben führt…
        Hab eine frohe Weihnacht, lieber Pe, herzliche Grüße zur Nacht vom Lu

      • Ja, lieber Lu, da zweifle ich nicht.

        Aber im Sinn der Formulierungsfalle schreibe lieber „uns“, als „von denen“.
        Es gibt dieses wunderschöne Stück von Pink Floyd, welches mich immer mahnt „Us and Them“, „And after all, we’re only …“

        Einen besinnlichen Gruß vom See, Sonne umrundend, Pe ☄

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