Ehe es losgeht

Es dürften etwa 25 Jahre her sein, seit ich das erste und einzige Mal auf der Frankfurter Buchmesse war. Ich wohnte damals in einer WG mit einer Buchhändlerin und sie hatte zwei Karten für Fachpublikum. Ich glaube, ihr Chef wollte nicht und so kam ich zu der Karte.
Ich war damals noch unbedarft. In den beiden kleinen Zimmern unterm Dach, die ich bewohnte schrieb ich an einer ersten Novelle und schrieb Gedichte, alles heimlich. Ich deckte die Schreibmaschine ab, als diente sie etwas Verbotenem. Ich wollte nicht, dass irgendjemand etwas von meinen Versuchen weiß und sich ein Urteil darüber bildet. So war das.

Ehe ich dort war, wusste ich bereits, dass mir der Literaturbetrieb auf der Messe nicht gefallen würde. Ich las viel Hesse in dieser Zeit, ich liebte den Steppenwolf und Steppenwölfe können, in solch öffentlichen Veranstaltungen, nur deplatziert sein. Nun, mich bemerkte niemand.
Meine Mitbewohnerin war mit anderen Buchhändlern, in den Hallen unterwegs und ich trabte allein durch die Gänge. Ich fand einen Stand von Frieling. Hieß er so? Er war der erste der etwas wie Selbstverlage ins Gespräch brachte. Ich nahm den Gedanken auf, wie ein Botaniker der eine seltene Pflanze findet und nahm ihn mit. Undenkbar für mich, in dieser Form zu veröffentlichen. Ich, in meinen zwei Zimmern unterm Dach, wo es im Sommer so heiß wurde, dass ich keinen Satz zusammen brachte. Aber wahrscheinlich lag es nicht an der Sonne, dass ich nichts hinbekam.

Ich kann nicht sagen wie lange wir blieben, ich glaube wir nutzten den Tag komplett aus. Ich lief, wie ein Kind durch einen Vergnügungspark, mit großen Augen und staunend über diese Menschen, die Berge von Papier beschrieben und den anderen, die diese Berge zwischen zwei Pappdeckel banden und jenen anderen, die sie freudig davon trugen.
Ebook-Reader? Denken wir noch nicht einmal daran.

Ich spürte bald, dass ich hier nix werden würde. Ich war viel zu unbeholfen, zu wenig gelenkt und man kann sagen: zu wenig geleckt, um hier bei irgendjemand irgendeinen Eindruck zu hinterlassen. Die Messe war: Disney-World für Intellektuelle. Da hinten war die Grass-Achterbahn und dort konnte man in der Dürrenmatt-Geisterbahn noch etwas sterbende Literatur kosten.
Der Push des modernen Literaturwesens lag an der Schwelle bereit. Man konnte schon ahnen, dass der am lautesten schreiende Verlag, den am häufigsten genannten Autor ganz prächtig verkaufen konnte, wenn der sich vermarkten ließ. Ja, es war schon etwas in der Luft von: nicht der Inhalt – lässt es sich vermarkten! Ist das Motto.
Und dann ich, mit Hesse im Herz und im Kopf, mit: Scheiß drauf, ob es sich vermarkten lässt!

Aber gefallen hatte es mir, auf der Messe. Es war ein Erlebnis, eine Erfahrung die bleibt. Ich hatte mal geschnuppert an dieser Welt, zu der ich nicht gehöre.

PGF 10/16

29 Kommentare zu “Ehe es losgeht

  1. @pe: „… allein was die Stadt angeht …“ DAS kann ich als alter Bembel-Säufer nun gar nicht auf mir sitzen lassen. Bankfurt ist wesentlich besser als sein Ruf. Ich war mit 16 zum ersten mal auf der Buchmesse, sackte Plastiktüten voll Kataloge und Goodies ein, kam mir ebenso verloren vor wie Du. Das letzte Mal, schon wieder etliche Jahre her, durfte ich selbst lesen (Jugendbuch bei Ueberreuter). Das war, hm, schon ein tolles Gefühl. Liebe Grüße an den See!

  2. Oh ja, ich hab es auch so ähnlich mit der Buchmesse. Ich glaub, es war Ende der Siebziger, als ich das erstemal dort war. Und es war total aufregend. Ich mein, ich wurd geflutet von Eindrücken. Oke, so genau weiß ich das allesdings auch nicht mehr. Aktuell hab ich auch das Problem, dass Claus-Jürgen mir eine Freikarte besorgt hat. Eigentlich hab ich aber keine große Lust. Ich bin auch nicht mehr der Jüngste. Und er hat inzwischen sogar ein Buch veröffentlicht. Ja, sowas über die Grünen. Fühle mich irgendwie überfordert.

    IHR ZITAT DES TAGES: Die Autorität des Lehrers schadet oft denen, die lernen wollen. Marcus Tullius Cicero

  3. Ich glaub, es war Ende der Siebziger, als ich das erstemal dort war. Und es war total aufregend. Ich mein, ich wurd geflutet von Eindrücken. Oke, so genau weiß ich das allerdings auch nicht mehr. | Zweitesselbst's Blog

  4. Ich glaub, es war Ende der Siebziger, als ich das erstemal dort war. Und es war total aufregend. Ich mein, ich wurd geflutet von Eindrücken. Oke, so genau weiß ich das allerdings auch nicht mehr. | Zweitesselbst's Blog

  5. Ich glaub, es war Ende der Siebziger, als ich das erstemal dort war. Und es war total aufregend. Ich mein, ich wurd geflutet von Eindrücken. Oke, so genau weiß ich das allerdings auch nicht mehr. | Zweitesselbst's Blog

  6. Als hättest du meins von 1010 in leipzig erzählt, wobei ich ja da eine der Autorinnen war, räusper, aber ich, wer sieht mich schon, wenn ich das Tarnkäppchen aufhabe und mich woanders tummel … trotzdem viel Freude und auch Erfolg, du bist doch vertreten?!
    liebe Grüsse Ulli

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