Die Bushorty

Aktuell prallen zwei sehr unterschiedliche moralische Begriffe aufeinander, die versuchen synonym zu sein, aber es nicht sind: Werte und Toleranz.
Wenn man Werte hat, kann man nicht grenzenlos tolerant sein, hingegen führt Toleranz in letzter Konsequenz zu einem Werteverlust.
Ohne Werte lässt sich keine Identität bilden und ohne Identität keine funktionierende Lebensform.
Toleranz gilt als gut, aber sie kann faul und feige sein. Sie kann zu allem ja sagen, weil sie zu träge oder ängstlich oder denkfaul ist sich mit fragwürdigen Ansätzen kritisch zu beschäftigen. Sie kann blauäugig und naiv sein und nach haltlosen Idealisten-Schablonen die Welt auf „alle sind lieb und gut“ nivellieren. Sie ist dann nicht Freigeistigkeit im besten Sinn, sondern im satten Sinn.

Ein perfektes Beispiel bietet die aktuelle Burkini-Diskussion.
Die Toleranz sagt und (mitunter, meine ich), fordert die bedingungslose Akzeptanz dieser Kleidungsordnung. Der Habitus dieser Toleranz lautet: alle dürfen tun, was sie wollen. Der Wert aber, um den es gehen sollte, den sie verteidigen sollte lautet: Freie Entfaltung für Frauen.
Wenn dieser Wert fest steht, kann man darüber diskutieren, ob die Burkini ein Sinnbild von Freiheit ist oder nicht. (Die gleiche Diskussion ist über das Habit erlaubt, und natürlich kann auch der Bikini eine Form von Zwang sein). Freiheit, für mich, wäre gewährleistet, wenn eine Frau (und ich meine die gleiche) Burkini oder Bikini tragen kann, je nachdem wie ihr ist und, wie sie es möchte. Vielleicht denkt sie als Kind, junge Frau, reife Frau, alte Frau jeweils anderes darüber …

Wie alle Wahrheiten sind auch Werte subjektiv. Es bleibt bei jedem selbst, wie er die weibliche Verhüllung empfindet. Zuletzt ist es eine Frage, welche Feministinnen klären sollten und nicht Männer …

Für die Männer, speziell die muslimischen, stellt sich eine andere Frage: Wenn, es Argumente für die Verhüllung des weiblichen Körpers gibt, sollten die nicht auch für Männer gelten?
Müssten sie dann nicht eine Bushorty tragen und damit beweisen, dass es ihnen nicht um eine Unterdrückung der Frau geht, sondern um den Schutz ihrer Würde.
Oder geht es doch um den Schutz des „Eigentums“, so wie man mit einem Zaun den Garten ängstlich vor fremden Blicken schützt?
Und, wie weit ist es Indoktrinierung, wenn Frauen sich den Wunsch nach Verhüllung zu eigen machen?
Und gibt es nicht andere Möglichkeiten für Frauen, der Sexualisierung ihres Körpers entgegen zu wirken, wie beispielsweise in Indien mit dem Sari?
Viele Fragen, welche die Toleranz beantworten müsste, wenn sie mehr sein will, als ein „macht doch was ihr wollt“.

Werte sind für mich glaubhaft, wenn sie Frieden gewährleisten, Kindheit schützen und Menschen in ihrem Selbstausdruck nicht behindern. Toleranz tut dies nicht immer.

PGF 08/16

11 Kommentare zu “Die Bushorty

  1. „Freiheit, für mich, wäre gewährleistet, wenn eine Frau (und ich meine die gleiche) Burkini oder Bikini tragen kann, je nachdem wie ihr ist und, wie sie es möchte.“

    für mich die kernaussage hier und genau so sehe ich das auch.
    ein feinsinniger text mal wieder, lieber peter!

    spätsommerhitzegrüße 🙂 von diana

  2. Im Grunde sehe ich das ähnlich. Im Zusammenhang mit der Burkini-Diskussion stellt sich für mich allerdings die Frage, ob es – wie von vielen gefordert – für einen Personenkreis von – geschätzt – bundesweit < 1.000 Personen tatsächlich ein Gesetz braucht…

    • Wahrscheinlich nicht.

      Für mich ist das Problem, dass ich die Propaganda nicht durchschaue:
      Ist es eine rechts-tendenziöse unserer Medien, die den Islam zum Schreckgespenst macht; oder versucht „der Islam“ mit Diskussionen dieser Art Stimmung zu erzeugen, die unserem Grundgesetz widersprechen.

      Wenn eine islamische Richtung (der Islam ist weit vielfältiger), wie medial dargestellt, Druck in eine gewisse Richtung macht, dann wäre auch eine Gesetzgebung gefragt, die dem entgegen wirkt.

  3. Hallo!
    Grösstenteils würde ich selbst diesen Text absolut unterschreiben. Vor allem der Satz, „Freiheit, für mich, wäre gewährleistet, wenn eine Frau (und ich meine die gleiche) Burkini oder Bikini tragen kann, je nachdem wie ihr ist und, wie sie es möchte.“ gefällt mir sehr, sehr gut. Es stimmt, der Begriff Toleranz ist ausgehöhlt worden durch die oben benannte Gleichgültigkeit und Faulheit des Geistes. Ich möchte gerne das Wort „Respekt vor dem Anderen“ hier hinstellen. Würde für mich stimmiger sein.
    Dann möchte ich noch ganz am Rande bemerken, dass dieser Text für mich ein Text eines Europäers ist. Für eine arabisch/afrikanisch stämmige Muslimin sind die Argumente vielleicht nicht absolut stichhaltig. Doch dies wäre wieder eine endlos Diskussion und würde meinen Kommentar zu lang werden lassen. :D.
    Und zum Schluss noch dies: Bitte verschont mich mit den Feministinnen! Auch diese hätten eine zu enge Brille und können nicht für alle Frauen eine solch wichtige Frage beantworten! Lass dies die Frauen, jede einzelnem selbst entscheiden! Nur so stimmt es für mich. Das heisst jedoch auch, dass die Frauen die jeweiligen anderen Meinungen eben auch gelten lassen müssen.
    Vielen Dank für diesen tollen Text und auch danke für Deinen Respekt den Frauen gegenüber!
    Mme Ruth

  4. Ja, wahre Bedürftige sollten nackt sein. Damit jeder gleich weiß, wer etwas zu verbergen hat. – Da hatte ich an anderer Stelle schon festgestellt, das sollte jedem selbst überlassen sein. Hat jetzt wohl auch eine entsprechende gerichtliche Entscheidung gegeben. Aber ich verstehe, das Volksempfinden ist stärker. So könnte es sein, dass von wg. 100 prozentiger Sicherheit, jedwelche Verhüllung irgendwann verboten wird. Dabei wäre manche Verhüllung auch von Vorteil. Aber ich will auch nicht wieder zu sehr problematisieren. ^^

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