Schlappe Künstler (2)

Letztlich haben Künstler zwei Perspektiven, zwei Herangehensweisen:
Die progressiven, teilweise aggressiven versuchen die Massen zu bewegen; die eher sensitiven versuchen mit Empathie und Überzeugungskraft den einzelnen Menschen zu verändern.

Zu Ersteren gehören auch die vielen Unterhaltungskünstler, die dem Massengeschmack konform, die aussterbende Samstagsabendunterhaltung reanimieren und mit Tritratrulala Gute-Laune-Stimmung verbreiten.
Aber auch die, die von der Masse ignoriert und gegeißelt, vor einem PC sitzen und hartnäckig die Wahrheit trompeten die keiner hören will.
Erfolg und die Masse bewegen ist, in dieser Zeit, am leichtesten mit dem erwähnten Tritratrulala zu erreichen. Ein Blick in die Musik-Charts zeigt was in der, nach unten-offene Ungeschmacks-Skala, die besten Chancen hat.

Bei den sensitiven Künstlern wird das Feld überschaubar. Man muss nur einen Gedichtband veröffentlichen, um eine kleine, schamvolle Erfahrung mit dem einst liebenswerten von Mensch-zu-Mensch zu machen.
Die Zeiten sind zu satt, die Unterhaltung zu bunt, der Leidensdruck zu gering, als dass Menschen gezwungen wären, sich mit sich auseinander zu setzen. Deshalb braucht man diese Künstler nicht . Also man braucht sie, aber man weiß es nicht.
Wer in diesem Bereich Erfolg haben will muss – vielleicht – einen Transgender-Roman schreiben, der den Übergang von der Homosexualität zur Heterosexualität und wieder zurück beschreibt, ideal während einer Zugfahrt von Hamburg nach Prag. Ein Migrationshintergrund und kulturelle Zerrissenheit, könnte auch Verlage bewegen ein solches Skript anzunehmen und für den nächsten Buchpreis in Position zu bringen.

Daneben und das wäre ja die eigentliche Leistung, wäre es ein Versuch sich als Mensch zu äußern. Also den Künstler einpacken und nicht mit Kunst zu „agieren“, sondern als Privatmensch. Der zu sein der, neben dem Werk, (welches unpolitisch und rein unterhaltsam sein kann), als Mensch eine Meinung hat.
Man stelle sich Helene Fischer vor die Tagespolitik kommentiert und, um noch mal auf die Sportler zu kommen, Phillip Lahm der ihr widerspricht. Okay der widerspricht immer erst, wenn seine Vorgesetzten weg sind. Aber das hätte mehr Wirkung, als wenn Angie zu etwas Wichtigem wieder nichts sagt.
Wir hätten ein ganz anderes öffentliches Klima, wenn Köpfe mit konkreten Meinungen verknüpft wären. Köpfe die allein durch den Grad ihrer Bekanntheit Prozesse in Bewegung setzen können. Cassius wird Mohammed, das hatte Wirkung.

Aber, ich ahne es, unabhängig vom eigentlichen Schaffen, Einfluss auf unsere soziale Entwicklung nehmen, ist noch unbeliebter, als es durch seine konkrete, künstlerische Arbeit zu tun (mit der man ja ein paar Groschen verdient).
Also bleibt die Meinungsbildung wo sie ist: am Stammtisch und im Think Tank …

PGF 08/16

4 Kommentare zu “Schlappe Künstler (2)

  1. Interessant ist auch, dass jeder eine Meinung zu haben scheint, egal wie vorurteilsbehaftet, veraltet, politisch inkorrekt und verbohrt diese auch sein mag, aber sich dennoch bedeckt hält, solange er oder sie sich nicht sicher sein kann, dass alle am Tisch exakt die gleiche Meinung vertreten. Letztlich dient dann Meinungsäußerung rein der Bestätigung. Aber ein Diskurs wäre wichtig, da stimme ich dir ganz zu. Es fehlt schlicht der Mut. Ganz davon abgesehen, dass interessierte, offene und reflektierte Menschen ihre Meinung nicht äußern, weil sie es aufgegeben haben, gegen Windmühlen mit Steinen im Getriebe zu argumentieren.

  2. Danke für diesen Post! Ich gehöre zu der Tritratrullala-Fraktion, vielleicht gehe ich da auch aggressiv vor, wie du es benennst … Ich lese und kommentiere hier im Netz, und wenn ich ins „richtige Leben“ gehe, nehme ich ebenfalls kein Blatt vor den Mund. Inzwischen heißt es: „Na ja, sie ist eben Künstlerin.“ (Hä? Definiere Künstler!) Dabei halte ich mich für jemanden, der einfach die Meinungsfreiheit nutzt. Dafür muss man kein Künstler sein.
    Ich habe trotzdem ein Ziel und inzwischen das Gefühl, dass ich auf dem richtigen Weg bin: Das Regenbogen-Geschrei lockt die, die auch Antworten suchen. Und mit diesen Leuten komme ich immer öfter on- und offline über das ins Gespräch, was wichtiger ist als die nächste Bestseller-Platzierung.
    Vielleicht gehört ja beides zusammen – Geschrei und Gedanken. Und es gibt hier einfach wieder viele Weg, um beides zusammenzubringen?

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