Schlappe Künstler

Die Künstler sind artig geworden.
Künstler mit einer Botschaft wie Geldorf, Marley, Sting u.v.m. gibt es, so weit ich sehe nicht mehr. Der letzte war Eminem der mit brachialer Konfrontation dem Establishment auf die Füße trat. Alle anderen halten sich bedeckt, von der PR-Abteilung beraten, sich keiner Kontroverse auszusetzen.
Naidoo hat zu spüren bekommen, wie das Echo ist, wenn man sich positioniert. Wäre er nicht schon erfolgreich gewesen, hätte er vermutlich ausgesungen.
Dasselbe Phänomen ist auch bei Sportlern zu beobachten.

Nun, solange das Volk sich mit Pokemon Go beschäftigt, droht den Herrschenden keine Gefahr. Das ist die Unterhaltung, die man sich wünscht.

Nicht, dass ich etwas gegen eine friedliche Zivilgesellschaft hätte, zwanghafte Opposition ist auch eine Kinderei. Allein es gibt Kernfragen, die Disput erfordern, Disput mit einer mündigen, gebildeten Bevölkerung.
Die Frage, wie die Wertschöpfung eines Volkes zu verteilen ist, zum Beispiel.
Die Frage nach der Beteiligung an militärischen Einsätzen, die Definition von Friedenspolitik.
Die Frage nach Bildung und persönlicher Entwicklung.
Ethische Fragen, wie der, nach den Grenzen der Medizin, nach dem Umgang mit dem Sterben.
Damit werden Menschen allein gelassen.

Die Politik schafft immer weniger Rahmenbedingungen. Das Zutrauen, per Volksabstimmung die Menschen direkt entscheiden zu lassen ist, nach langer deutscher Tradition nicht vorhanden. Man hält das Volk zu dumm, solche Entscheidungen zu treffen, aber man hält es für klug genug, die richtigen Volksvertreter zu wählen …
Wichtig werden diese Themen in Phasen, wie diesen.

Als Regulativ hat in wichtigen Zeiten die Kunst gedient: Woodstock, Feed the world, the Rumble in the Jungle, Böll, Brecht. Es gab Größen in Unterhaltung und Sport, die haben Themen bedeutsam gemacht, wenn selbst die politische Opposition sie klein hielt.

Nun bis auf die „Revolte“ kann ich nicht auf eine Veröffentlichung verweisen, die sich einmischt. Ich wüsste nicht, wie ich mich verhalten würde, wenn mein Erfolg davon abhinge, nicht das Falsche zu sagen.
Aber das es diese Künstler nicht mehr gibt, die hinterfragen, dass sie alle angehalten sind, stromlinienförmig dem Erfolg nachzuschimmen, ist ein weiteres Symptom einer normierten Kollektivgesellschaft, die wehrlos auf der Weide grast, während der Donner grollt.

PGF 07/16

15 Kommentare zu “Schlappe Künstler

  1. das sehe ich nicht ganz so, es gibt noch immer sehr kritische Stimmen, die werden aber nicht unbedingt von Verlagen oder Plattenindustrie gesponsert, hier wird tatsächlich lieber glatt gebügelt und man sucht die Superstars- daneben aber gibt es noch immer eine andere Kultur, die muss man allerdings finden-
    herzlichst
    Ulli

    • Och mir fiele sofort K. Wecker ein und H. Vader, aber ich habe nicht den Eindruck, dass ein medialer Ehrgeiz besteht ihre Botschaft dem breiten Publikum zugänglich zu machen, da hat, meinen armen Ohren zu Leide, Helene F. bessere Chancen … 😉

  2. Es gibt in der Demokratie eine Gedankenvariante, welche den Beschluss des Volkes betrifft: Hierbei werden nicht weiter Parteipakte oder Agenden gewählt mit allerhand kunterbuntem Inhalt – sondern explizite Teilbereiche, sagen wir Atomenergie, bei denen es dann die Möglichkeit bei dem Votum gibt, alle anderen “ Vollkonzeptbereiche “ zu ignorieren.und nur zu einigen wenigen Themen die Abstimmung für diese Stimme wertig zu machen.
    Die Frage. ob dann Parteiengebilde noch nötig wären, stellt sich dann erst später.
    Aber eine durchaus differenziertere Demokratie auf Bürgerbasis welche Kerninteressen abruft klingt durchaus nach einer guten Idee.

  3. “ Das Zutrauen, per Volksabstimmung die Menschen direkt entscheiden zu lassen ist, nach langer deutscher Tradition nicht vorhanden. “
    Es ist tatsächlich eine schwierige Sache mit der Demokratie.
    Sind wir (und ich sage bewusst WIR und nicht „unsere Mitmenschen“) gebildet und fähig dazu, in den heute wichtigen Fragern direkt zu entscheiden?
    Direkte Entscheidungen haben ihre Probleme. siehe Brexit, oder der „Volkswille“ auf den Erdogan verweist bei seinen Überlegungen, die Todesstrafe wieder einzuführen.
    Und auch in Deutschland bin ich nicht sicher, ob es klug wäre, mehr Volksentscheide zu haben.
    Allerdings stellt sich dann genauso die Frage, ob die, die in den Parlamenten sitzen, die richtigen Entscheidungen treffen können? Und was ist wirklich richtig?

    • Das ist das Abenteuer Demokratie. Ich glaube, dass eine gewaltige Investition in die Familienpolitik und das Bildungssystem Voraussetzung wäre, eine Generation wachsen zu lassen, der man Demokratie zutrauen kann …

  4. Unabhängig mal vom Inhalt des Beitrages, der wirklich super gut gefällt, ist das endlich mal ein Blog Beitrag, der kurz und bündig es auf den Punkt bringt. Ohne viel Geschwafel wird die Kernaussage des braven Künstlers, definiert
    Ganz großes „Kino“
    Muss natürlich auf G+ und FB geteilt werden.
    Vielen Dank für diesen tollen Beitrag.
    Gruß
    Ede-Peter

  5. Interessante These, aber in meinen Augen falsch. Nicht nur ich positioniere mich mit meinem aktuellen Politthriller beispielsweise trotz drohender Rechtsregierung in meinem Land eindeutig gegen diese Gefahr. Auch viele andere Künstler und Literaten haben zu gesellschaftlich relevanten Fragen viel zu sagen. Ich spreche hier nur für Österreich und nenne exemplarisch für viele andere und weniger bekannte Julya Rabinowich und Robert Menasse. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Künstlerinnen und Künstler in Deutschland so viel braver und angepasster sind. Ein Problem ist allerdings: Gerade im belletristischen Bereich, mit dem eine größere Öffentlichkeit zu erreichen wäre, veröffentlichen Verlage nicht gerne kontroversielle Themen. Die Mutlosigkeit liegt also meiner Erachtens nicht bei den Künstlern.

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