Einsamkeit

Ich glaube nicht, dass Schriftsteller von Haus aus besonders einsame Menschen sind oder sein müssen. Im Gegenteil: mancher Sozio-Phobe idealisiert seine Angst vor Menschen, als Aspekt seiner Kreativität und hat letztlich nur Angst. Und würde Unmengen Charakterstudien verpassen die seinen Stil verbessern, wenn es Kreativität wäre.

Vielleicht – da würde ich mit gehen – sind Autoren etwas unempfindlicher gegen Einsamkeit. Sie erleben sie nicht, als etwas bedrohliches oder ungewöhnliches, sondern als selbstverständlich.

Das, was über die Jahre die Einsamkeit ausmacht, ist das Werk, ist das Manuskript dem man Zeit und Aufmerksamkeit und Kraft widmet. Welches speziell im Fall des Schriftstellers in Einsamkeit, in Ruhe und Abgeschiedenheit entstehen will.
Eine Band probt, ein Maler hat sein Model.
Der Autor macht sich an die Arbeit und denkt sie , wie ein Spiel, wie eine Reise, eine Phantasie-Reise die er beginnt. Er denkt: wenn ich fertig bin, geht das Leben weiter.

Aber: je größer das Manuskript, je länger die Reise, je befremdlicher die Rückkehr ins alte Leben.
„Hast lange nichts von dir hören lassen.“ Mag ein Vorwurf sein.
Oder „Ach´ du hast Zeit.“ Ein anderer.
Vielleicht haben Freunde oder Verwandte das Hobby gewechselt. Oder etwas Einschneidendes erlebt, das sie verändert hat, wenn man sich ihnen wieder zu wendet.
Man hat versäumt, dies mit ihnen zu teilen! Sie sind entrückt. So wie man durch die Arbeit, selbst in eine andere Richtung gerutscht ist.

So geht es mit jedem Werk, mit jeder Geschichte, mit jedem Buch, immer wieder und es wird seltsam still um einen herum.

Einsamkeit, plötzlich realisiert man sie. Über Wochen hat sie einem begleitet, über Monate war sie in der Nähe, aber die Geschichte die geschrieben werden wollte, die hat alles an sich gerissen und aufgesogen.

Es folgt ein heikler Moment: jetzt kann das Gefühl der Vereinsamung eintreten, eine dramatische Steigerung.
Oder der Autor wandelt sich die Begriffe Einsamkeit und Gemeinschaft.
Er gedenkt vielleicht den Autoren, die er selbst verehrt und mit denen er über alle Ländergrenzen über alle Zeiten hinweg eine Gemeinschaft bildet.
Oder er denkt sich die Leser und erfährt mit ihnen einen unsichtbaren Bund.
Oder er hofft auf Vergebung und versteht die Entfremdung, derer die entrücken – und spürt ihre Spuren! In all seinen Werken – und erkennt, dass keine Begegnung, kein Gespräch umsonst war. Denn alles, alles was er niederschrieb war nur möglich, weil es diese Menschen gibt, mit denen er sein Leben teilt – so gut er das eben kann.

So, glaube ich, ist das mit der Einsamkeit.

06/16 PGF

5 Kommentare zu “Einsamkeit

  1. Manche der früheren Autoren konnten nur schreiben inmitten von beispielsweise Kaffeehaustrubel. Auch heutzutage kann man welche beobachten, die irgendwo an belebten Plätzen sitzen …es bietet sich an mit den neuen Mitteln. Einsamkeit ist selbstgewählt – und gebiert nicht immer beste Texte.
    Ich verstehe aber das Beschriebene!

  2. Wenn ich schreibe, muss ich allein sein und bin dann auch kaum ansprechbar, ansonsten bin ich gerne gesellig, hiervon lebt ja das Geschriebene, also stimme ich dir zu, aber wie das für andere ist mag ich nicht beurteilen!
    herzlichst
    Ulli

  3. Ich schreibe meist allein aber auch mal in einer anonymen Menschenmasse, in der man auch auf eine Art einsam ist. Dabei die Menschen zu beobachten und kleine Angewohnheiten in die eigenen Charaktere zu übernehmen lässt mich später immer schmunzeln, wenn mir einfällt, warum die Person diesen eigenartigen Namen trägt und sich immer wie Wickie an der Nase kratzt.
    Liebe Grüße,
    Franzi

  4. Einsamkeit versus Alleinsein. Erstere trägt stark negative Konnotationen, letzteres ist ein (fast) neutraler Zustand. Künstler können normalerweise gut mit dem Alleinsein umgehen, suchen es zum Großteil sogar. Aber die Einsamkeit … die will keiner.

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