Quickie

Warum muss der Einstieg in ein Buch spannend und der Leser sofort gefesselt sein? Weil er das Buch sonst nicht kauft? Geht es nur ums Verkaufen?
Ist die Forderung nach Geduld, nach Zeit, nach Vertrauen, in unserer Epoche nicht ein Anspruch, um den sich Autoren mühen sollten?
Müssen sie, wie beim One-Night-Stand nach dem zweiten Getränk gleich parat stehen, sich durch die Nacht rammeln, den Leser benutzen, wie sie sich benutzen lassen?
Unterhalte mich! Bewundere mich! Ist das der Konsens?
Verliert das Buch damit nicht völlig seine Bedeutung und degradiert sich zum 90-Minuten-Hollywood-Klon?
Ich glaube es gibt die anderen Leser, die nicht durch ein Buch gehetzt werden wollen, wie sie durch die tägliche Arbeit gehetzt werden. Die sich gerne hinsetzen und zuhören.
Wenn es sie nicht gäbe, hätten nicht Autoren die Aufgabe zu erinnern? An die Zeiten, als abends die Alten am Lagerfeuer Geschichten erzählten, um zu unterhalten, um zu mahnen, um Erfahrung weiter zu geben.
Muss alles ein Quickie sein?

PGF 05/16

34 Kommentare zu “Quickie

  1. Der Einstieg sollte sicher Neugierig machen, aber sehr spannend sein muss er nicht unbedingt. Gerade wenn ein Buch am Anfang übertrieben „spannend“ ist, dann kann die weitere Handlung gar nicht mehr vollends an diesen Höhepunkt anknüpfen. Bei Krimis ist dies oft der Fall: Ein extrem grusliger Leichenfund, gefolgt von eher gewöhnlichen Recherchen und drögen Dialogen zwischen irgendwelchen Polizisten. Gute Bücher liest man, weil die Mischung zwischen Handlung, Spannung und Sprache stimmt.

  2. lieber peter, zu deiner ersten frage: damit der leser weiter liest! bei mir zumindest ist es inzwischen so – wenn ein buch mich nicht direkt auf den ersten seiten packt oder anspricht, dann hat es meist keine chance 😉 zu oft habe ich die erfahrung gemacht, dass sich schon nach den ersten sätzen zeigt, wie der autor schreibt, ob mir sein stil zusagt oder ob ich mich durchs buch quälen muss (wozu ich schlicht keine lust mehr habe).
    andersherum bin ich aber auch schon enttäuscht worden, da fängt ein buch brillant an, lässt dann aber irgendwann nach.
    durch ein buch gehetzt werden möchte ich aber nicht. es gibt aber bücher, durch die ich fliege, weil sie mich auf eine positive weise atemlos machen, und andere, die ich mit bedacht lese, weil jedes wort aufgenommen werden will.
    sonnige grüße an dich 🙂
    d.

    • Ja, die Neigung kenne ich. 🙂
      Aber ich habe mir als Leser wieder vollkommen abgewöhnt auf „schnell & fettig“ zu reagieren. Ich habe die Zeit, die ersten 50 Seiten zu lesen oder warte lieber mit einem Buch, bis ich dem Autor die Zeit geben kann.
      Als ich den „Zauberberg“ vor vielen Jahren gelesen habe, fühlte ich mich 100 Seiten gelangweilt, aber dann wurde ich 900 Seiten und mehr belohnt.
      Später hatte ich ein Phase in der es „Liebe auf den ersten Satz“ sein musste, aber mehr und mehr kam am Ende nur heiße Luft heraus. Es ist meist ein Marketingtrick, der auch dient die Tür zum Verlag zu öffnen.
      Gibt man Bücher Zeit lernt man etwas, was auch beim Umgang mit Menschen nicht schlecht ist: Vorurteile abbauen, jemand Zeit geben, abwarten was sich entwickelt und, wenn sich nichts entwickelt war es immerhin eine gemütliche Begegnung 😉

      Einen lieben Gruß:
      Außen leicht wolkig, aber Innen sonnig 🙂

      • tja, vielleicht sollte ich mein lese-verhalten doch noch mal überdenken… 🙂 du magst wohl recht haben und ich tue so manchem buch unrecht, wenn ich es vorschnell weglege… hm.

        einen lieben inwendig sonnigen gruß noch mal zurück 🙂

  3. Ich denke, lieber Peter, kaum jemand, der sich die Zeit nimmt ein Buch zu lesen, möchte sich durch seine Lektüre hetzen lassen. Allerdings gibt es ein paar Knackpunkte an denen sich entscheidet, ob der Wunsch des Lesers zu lesen und der Wunsch des Autors gelesen zu werden zusammenfinden. Unsere Gedanken und Gefühle sind unser einziger wirklich gesicherter Besitz, schreibt George Steiner in seinem Büchlein „Warum Denken traurig macht.“ und sie sind immer authentische, originäre „Geschöpfe“ unserer einzigartigen Persönlichkeit. Allerdings bestehen sie aus recyceltem, gebrauchten Material. Es gibt keinen Beweis dafür, dass ein Gedanke nicht von jemand anderem schon gedacht und ein Gefühl nicht von anderen vorher genau so empfunden wurden. Deshalb beeindrucken und fesseln uns Gedanken auch nur dann von Anfang an, wenn sie etwas auf eine ganz besondere Art, in ganz besonderem oder anderem Zusammenhang darstellen und so ein neues, faszinierendes Licht auf etwas werfen, was eigentlich nicht neu ist.
    Wir haben als Autoren nur die Worte zur Verfügung, die alle anderen auch benutzen. Die Grammatik unserer Sprache, ihre Wortvielfalt haben nicht nur einen begrenzenden Einfluss auf unsere Gedanken, sondern bestimmen auch unsere Möglichkeiten, Gedanken und Empfindungen auszudrücken.
    Nach meiner Empfindung hat nur der Autor eine Chance, von einer größeren Lesergruppe wahrgenommen und gern gelesen zu werden, dem es gelingt, seine Gedanken mit gebrauchtem Material und Werkzeugen, die allen in gleicher Weise zur Verfügung stehen, dennoch als etwas Neues, etwas faszinierend Anderes erscheinen zu lassen. Letztlich ist alles, was geschrieben wird nur eine Variation dessen, was zuvor schon gedacht und geschrieben wurde. Ob es auch als eine weitere Variation unter vielen, oder als etwas Neues, Anderes wahrgenommen wird, das entscheidet sich m.E., schon auf den ersten Seiten eines Buches.
    Spannung, wie Pascal das in seinem Kommentar auch schon erwähnt hat, ist da sicher nicht ein Muss, sondern eher eine der Möglichkeiten. Neugierig machen, im besten Fall sogar fesseln, sollte ein Buch aber unbedingt. Daraus lässt sich allerdings nicht ableiten, dass Lesen nur noch als „Quickie“ ausgeübt und Schreiben nur noch mit dem Blick auf Verkaufszahlen sinnvoll ist. Aber wie ich eingangs bereits erwähnt habe, der Wunsch des Lesers zu lesen und der Wunsch des Autors gelesen zu werden, sollten möglichst barrierefrei zueinanderfinden können. Treppen, schmale Durchgänge oder hohe Bordsteine und Schwellen gleich auf den ersten Seiten, sind da nicht hilfreich. 🙂

    • Ja, wahrscheinlich ist es nur Frauen gegeben durch spröde sein, nur mehr Interesse zu wecken 😉
      Der Artikel soll durchaus zum Widerspruch anregen. Gängig ist aktuell: Ihr müsst sofort begeistern. Dem kann man ja mal ganz unverbindlich widersprechen …
      Ich persönlich habe sehr viel Autoren gelesen, allerdings eher die alten, denen es vollkommen gleichgültig schien, ob das jetzt jemand gefällt. Sie haben erzählt und ich habe so lange zu gehört, wie ich es schön/gut/lehrreich/unterhaltsam fand – meist bis zum Ende.
      Ich mag Dir aber gar nicht widersprechen, weil die die Balance zwischen beiden Extremen perfekt zusammen gefasst hast.
      Ich finde das gleiche Buch kann über die Jahre sehr unterschiedlich empfunden werden. Ich habe zehn Jahre, drei Umzüge Camus „Die Pest“ desinteressiert mit mir rumgeschleppt, ehe der Moment kam, da es zu einem meiner Lieblingsbücher wurde. Der Anfang der „Pest“ musste nicht für mich bereit sein, sondern ich für ihn …
      Dir einen schönen Tag 🙂

      • Danke, den wünsche ich dir auch! Übrigens ist dein letzter Satz ein Aspekt, den man gar nicht hoch genug einschätzen kann: „Der Anfang […] musste nicht für mich bereit sein, sondern ich für ihn …“ Das ist auch mir schon so gegangen und außer uns sich auch noch vielen anderen.

      • das ist wirklich ein wunderbarer satz, peter: „der anfang … musste nicht für mich bereit sein, sondern ich für ihn.“ JA.
        vielleicht bin ich einfach noch nicht bereit für so manches buch, für so manchen anfang 😉

  4. Der Begriff Spannung irritiert mich, ja, schon, einen Spannungsbogen braucht es vielleicht, einen Konflikt, etwas, das uns als Leser bewegt, belustigt oder nachdenklich macht. Ein Autor muss mich nicht unbedingt auf den ersten Seiten kriegen, aber die Chance, dass ich das Buch rasch wieder zur Hand nehme, ist dann größer. Wie du sagst, für manche Bücher muss dann erst der richtige Zeitpunkt kommen. Aber, wie auch andere schon schrieben, es sind eben auch die Sprache und der Ton, die mich mitnehmen, die mir signalisieren, dass es richtig ist, einem Autor Gastrecht in meinem Kopf zu gewähren.

    • Das ist sicher wahr, auch das man schnell merken kann, ob jemand das Thema trifft, welches man sucht. Oder so formuliert, wie man es behandelt haben will.
      Meine Perspektive war in diesem Fall weniger die der Leser, als die der Autoren, die zunehmend eingeimpft bekommen: Du musst mit dem Anfang überzeugen. Das betrifft schon die Unterlagen die man an Verlage sendet, das betrifft eine große Zahl Schreibratgeber und zunehmend die Lesererwartung.
      Ich finde, dass es einer Geschmacksnormierung entspricht, wie bei Lebensmitteln, wenn alles den optimierten Nestle-Geschmack haben muss, sonst isst es die Masse nicht mehr.

      Ich finde es nicht schlimm dieser Erwartung entgegen zu kommen. Ich habe bei meinem letzten Buch auch versucht mit Spannung am Anfang zu punkten. Das hat nicht geschadet 🙂 Ich fände es nur schrecklich, das immer tun zu müssen.
      Für mich ist das, wie bei Schönheitsoperationen: keine Substanz dahinter.
      Meine Perspektive war, Schreibende zu ermuntern sich der Erwartung auch zu widersetzen. Zu fragen, ob es gut ist, wenn wir, wie beinah in allen Lebensbereichen diesem Gedränge, diesem „Entertain me!“ nachgeben.

      Aber der Funke muss überspringen, das ohne Zweifel.

  5. Es kommt selten vor, dass ich ein Buch abbreche, nur dann, wenn es mich wirklich langweilt oder mich in keinster Weise anspricht.
    Einem Autor gebe ich manchmal auch eine zweite Chance, aber dann kann es passieren, dass ich ihn ganz streiche. Mit Fitzek ist mir das neulich passiert. Zwei Bücher, zwei Reinfälle, da brauche ich keinen dritten von…

    Da Lesen für mich ganz wichtig ist, gebe ich den meisten Büchern eine Chance und lasse mich weder durch das Buch hetzen, noch mich von anderen Meinungen beeinflussen.

    • Danke Dir 🙂
      Das beschreibt sehr schön die Mischung die ich Autoren wünsche.

      Mit Fitzek erging es mir ähnlich. Vor allem, weil ich das Gefühl hatte, dass er nur mit Spannungsmitteln arbeitet und viel zu wenig in Ruhe seine Geschichte erzählt.
      Wenn Thomas Mann für mich ein großes Vorbild ruhigen Erzählens ist, ist Fitzek der Gegenpol: angestrengte Unterhaltung.

  6. Wenn ich von einem Autor / einer Autorin bereits Werke kenne, dann ist der Einstieg nicht so wichtig. Wenn mich ein Buch wirklich interessiert, dann lese ich auch weiter, wenn mich die ersten Seiten nicht gleich packen.
    Wenn ich aber einen neuen Autor / eine neue Autorin mal anteste, egal ob im Buchladen oder über eine Leseprobe im Netz, dann kommt dem Einstieg eine zumindest nicht unwichtige Rolle zu – neben Inhalt (Inhaltsangabe), Schreibstil etc.
    Insofern halte ich die ersten Absätze, auch die ersten Seiten, schon für wichtig. Denn es gibt eine Unzahl an Autoren und Büchern, für die ich ein grundsätzliches Interesse aufbringe. Irgendwie muss ich dann auswählen, denn Lesezeit ist nun mal begrenzt, und da ist der Einstieg auch ein Kriterium. Nicht das Allesentscheidende, aber auch kein unwichtiges.

    • Ja, so halte ich es auch für gut und natürlich.
      Für mich war im Text, weniger der Leser die Perspektive, sondern der Autor:
      muss er sich von der Ungeduld, der Erwartungshaltung anstecken lassen oder bleibt er bei seinem Ton und seinem Tempo.
      Aber Leser können nicht alle Zeit einem Autor widmen 🙂 Man isst auch die Pizza nicht zu Ende, wenn sie nicht schmeckt …

      • Was Ton und Tempo betrifft, stimme ich dir zu. Trotzdem gelten für die ersten Absätze und ersten Seiten nochmal andere Gesetzmäßigkeiten, wenn Autor gelesen werden will. Was dann auf den Seiten 10 bis 876 passiert, ist wieder was anderes.
        Wobei für mich schon auch noch der Bereich bis Seite 40 / 60 / 80, je nach Buch etwas anders gelagert, noch wichtig ist. Früher hab ich fast alles zu Ende gelesen, was mich grundsätzlich interessiert und ich aus diesem Interesse heraus begonnen habe. Seit mir mehr und mehr bewusst geworden ist, dass Lesezeit endlich ist, habe ich mein Leseverhalten etwas verändert und in den letzten Jahren sicherlich mehr Bücher nach einer Leseprobe gar nicht erst angefangen oder nach 40 bis 80 Seiten abgebrochen als früher.

      • Das meine ich: Ist für einen langjährigen (oder kurzjährigen) Leser völlig legitim. Aber als Autor soll/braucht/muss es dich nicht tangieren, ob der Leser schon so viel gelesen hat, dass er nach 40 oder 80 Seiten entscheidet. Vielleicht willst du erst ab Seite 101 den Kulissenbau beenden und mit der Handlung loslegen.
        Fatal ist, wenn der Autor Geduld vom Leser fordert, der eine erzählt, der andere liest in seinem Tempo und wenn das dann zusammen schwingt … 😉

      • Hm, klar, als Autor soll man das schreiben, was man selber mag und für richtig hält. Wenn man Leser finden mag, stellt sich halt sie Frage, ob sie alles mitgehen. 100 Seiten Kulissenbau ohne Handlung können verdammt lang sein. Oder anders gesagt: Wenn eine Fußballmannschaft meint, ab der 80. Minuten erst auf Torejagd gehen zu müsssen, hat der Gegner das Spiel vielleicht schon für sich entschieden und die eigenen Fans sind längst auf dem Heimweg. 😀
        Aber Spaß beiseite: Man muss natürlich auch als Autor seinen Weg gehen und eben hoffen, dass Leser diesen Weg mitgehen. Möchte man ein Buch verkaufen – ob an einen Verlag oder direkt an Leser – muss man sich halt auch überlegen, wie man den eigenen Weg so gestaltet, dass er für andere auch beschreitbar ist. So sehe ich es.

      • Hoffentlich nicht! Als neutraler Zuschauer will man doch ein schönes Spiel geboten bekommen, möglichst über 90 Minuten. 😉
        Wobei es halt immer drauf ankommt: Wenn man die ersten 100 Seiten Kulissenbau so gut beherrscht wie etwa Hitchcock, dann bleibt der Leser bei der Stange, auch wenn die Haupthandlung erst auf Seite 101 beginnt. In „Psycho“ hat er beispielsweise die ersten 20, 30 Minuten „nur“ die Vorgeschichte erzählt, bevor die Hauptgeschichte mit Norman Bates beginnt, aber dies eben so gut und überzeugend, dass das Pubklikum es goutiert und nicht den Kinosaal in Scharen verlassen hat. Es kommt eben immer auf das Wie an. Wenn es gut gemacht ist, kann auch ein langsamer, eher genächlicher Einstieg durchaus fesseln, viel mehr sogar als pausenlose aber sinnlose Action …

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