Die heilige Kuh

„Sei du selbst!“ Das ist eine heilige Kuh des Positivismus.
Bei genauerer Betrachtung stellt sich heraus, dass dieses Selbst, welches man sein soll, eine ziemlich konventionelle Charakterschablone ist, die vor allem die tugendhaften, die guten Verhaltensweisen umfasst. Es ist dieses rosafarbene „Ich bin gut“, dieses margarinenhafte „Ich will so bleiben wie ich bin“.
Eher unangenehmes, eher hässliches wie Enttäuschung, wie Zorn kommen selten vor. Laut sein, unbequem sein, wird dem „sei doch einfach du selbst“ nicht zugeordnet.

Aber genau damit würde es beginnen, gerade über diese sanktionierten Gefühle, über diese pädagogisch ausradierten Gefühle kommt man zu sich selbst. Aber huch! Das ist also würde jemand am helllichten Tag in eine Ecke pinkeln.
„Ja, aber ich musste gerade.“
„Na, so sehr du selbst, musst du auch nicht sein.“
Sich fühlen dürfen, sich fühlen können, nicht nur himmelblau und im Sonnenlicht, das ist: zu sich selbst stehen. Auch, wenn der Wind rau, das Feld um einen leer und weit wird, kann man, man selbst sein. Vielleicht sogar erst dann.

„Adlermut, dem keiner mehr zusieht“, schrieb Nietzsche sinngemäß sehr schön.
Ja: sei du selbst! Scheißegal, ob das freundlich oder fluchend ist, solange es aufrichtig bleibt.

PGF 05/16

13 Kommentare zu “Die heilige Kuh

  1. tja, ganz so einfach ist es auch nicht… sei du selbst, ja. unbedingt. aber es gibt doch begrenzungen, nämlich da, wo die freiheit des anderen beginnt. sei du selbst, solange du niemand anderen verletzt.
    wie immer, ein gedankenvoller text, lieber peter!

    • Tja, liebe Diana.
      Ohne das begrüßen zu wollen, für manchen bedeutet zu Anfang „er selbst zu sein“ die Freiheit der anderen zu verletzen.
      Und wer weiß, wer seine Freiheit verletzt fühlt, obwohl sie noch lange nicht verletzt ist – man denke nur an die Intolerante Haltung von Fundamentalisten zu Karikaturen, auch die fühlen sich verletzt – derjenige der sich sucht, wird sich nur finden, wenn er sich fühlt und muss vielleicht auf diesem Weg seine Grenzen und die der anderen ausloten. Hier stehen sich Moral und Psyche gegenüber.
      Positiv betrachtet, glaube ich allerdings, dass eine integre Seele kein Problem für andere darstellt, wenn sie sich lebt …

      • ja, da stimme ich dir zu, lieber peter, eine „integre seele“ dürfte kein problem darstellen. und auch hier:
        „…und muss vielleicht auf diesem Weg seine Grenzen und die der anderen ausloten“ – aber ja. volle zustimmung.
        letztlich ist aber die aufforderung „sei du selbst“ durchaus mit risiken verbunden… aber wenn man sich selbst (!) auch immer wieder hinterfragt, dann ist es auf jeden fall der richtige weg, denke ich.
        sonnige grüße!
        diana

  2. Das Selbst als soziales Konstrukt hat ja mehr Facetten, als einem selbst meistens klar oder lieb ist. Insofern ist es wirklich nicht so einfach, einfach nur „man selbst“ zu sein. Das merkt man dann spätestens an der Reaktion der Anderen…

      • …oder sie weisen uns womöglich den Weg zu einem Aufbruch, auf dem Weg zu einem „neuen Selbst“. Kann eine abenteuerliche Reise werden unter Umständen, wenn man sich darauf einlässt.
        Denn man sollte stets bedenken, dass Leitplanken eine rein menschliche Erfindung/Errungenschaft/Einschränkung sind, die man auch überwinden oder durchbrechen kann, manchmal sollte, oftmals muss. Geht meist nicht ohne gewisse Blessuren ab (auf beiden Seiten).

      • Prinzipiell richtig und einverstanden, aber: No risk, no fun – no pain, no gain! Dekonstruktion ist die Basis der Neukonstruktion, und die Grenzen zur Destruktion sind oft fließend. Muss aber natürlich Jede(r) für sich selbst ausloten. Kann natürlich auch den Hals kosten im Extremfall (habe da so einschlägige Erfahrungen). Um im Nietzsche-schen Adlerbild zu bleiben: Adlermut tut immer gut, auch wenn ihn keiner sieht. Aber auch der Adler bleibt zuletzt allein mit seinem Tod.

      • Ja, bevor es eine Leidplanke wird muss man drüber weg …
        War es nicht Nietzsche der geschrieben hat „Man muss erst Stehen, Gehen, Laufen lernen – man erfliegt das Fliegen nicht.“
        Für manchen Adler eine Geduldsprobe. 😉

      • In der Tat: Wer das Fliegen erlernen will, muss zuerst das Fallen üben!
        Wir arbeiten dran! Guten Flug und kreative Höhenflüge!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s