Wachtturm

Wenn man schreibt und veröffentlicht neigt man zu Anfang leicht zu jener stummen, inneren Büßerhaltung, wie sie die älteren Herrschaften zeigen, die mit aufgeklapptem Heft an Einkaufsecken stehen.
„Lest es doch! Es kündet von der Wahrheit“ schreit unser aufgeklapptes Werk, welches wir stolz in Händen halten, den desinteressierten Passanten hinterher.
Man wundert sich und versteht sie nicht. Man meint es doch gut. Man schenkt sein Innerstes, seine Gedanken her. Man schenkt mühevolle Stunden, Zweifel und Hoffnung her und keiner will es wissen.
Okay, man schenkt es nicht her. Aber der Preis den man verlangt, die Tantiemen die man am Ende erhält, verdienen moralisch „geschenkt“ genannt zu werden.

Manchmal neidisch, manchmal irritiert sieht man welche vorbei laufen, die nix zu sagen haben, die das Überflüssige das sie von sich geben, aber so selbstbewusst, so energisch hinaus posaunen, dass selbst die zuhören, die gerade zu Tchibo abbiegen wollten.
Und ich? Fragt das wunde Herz.
Man wechselt vom rechten auf das linke Bein und wartet. Man zweifelt an Gott und wahlweise an Verlagen, Thalia oder Amazon – aber der Glaube muss stark bleiben, das Königreich wird kommen.

An diesem Punkt, an dieser zugigen Häuserecke, im Großstadtdschungel bei Regen, entscheidet sich wohin das Autorenherz sich wendet:
Wird es an der Ecke stehen bleiben und hadern?
Wird es lächeln? Lächeln ist unschlagbar.
Wird es seine Arbeit irgendwo hinlegen und warten bis sie wer entdeckt?
Wird es den Rückzug in die Natur wählen?
Das Vorwärts aufs Podium?

Ganz egal! Dass man am Anfang unsicher an der Ecke steht und zweifelt, sagt noch lange, lange nichts!
Da standen schon viele.

PGF 04/16

2 Kommentare zu “Wachtturm

  1. Am schönsten finde ich den Moment, in dem man sich sicher wird/ist, dass man schreiben möchte und veröffentlichen, aus sich heraus und für sich. Wenn es dann noch jemanden interessiert, wenn man Gleichgesinnte findet, umso schöner 🙂 Ich habe meinen Blog schon lange, aber konnte in den ersten Jahren nicht viel veröffentlichen, weil meine Gedanken zu sehr beim (herbeifantasierten) Leser und dessen (imaginierten) Interessen waren. Und wenn ich dann etwas veröffentlicht habe, erschien es mir irgendwie schal, nicht echt. Jetzt traue ich mich, etwas von mir preiszugeben, und es klappt viel besser mit dem Schreiben.

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