Betrachtung #1

Was macht ein Arzt der einen Verbrecher, einen Terroristen, einen Nazi oder Xenophoben behandeln muss? Nicht behandeln?
Mit Stammtischbrille ist diese Frage einfach zu beantworten: Lass ihn verrecken!

Aber Ärzte und in der Medizin tätige Menschen dürfen so nicht denken. Ihnen verbietet sich , wegen moralischen Kriterien, über Tod und Leben zu entscheiden. Wo sollten sie aufhören? Den Raucher an seinem Lungenkrebs, den Trinker an seiner Leberzirrhose sterben lassen?
Menschen behandeln und Menschen medizinisch betreuen bedeutet auch, sich mit ihren Persönlichkeiten auseinander zu setzen. Zum Teil mit Lebensschuld, mit Verantwortungslosigkeit konfrontiert zu werden.
Es bietet die Chance, in solche Menschen hinein zu sehen. Es verhindert, dass man sich abwenden und Vorurteile pflegen kann.
Mitunter muss man viel größere Stücke seiner selbst in ihnen erkennen, als einem lieb ist.
Es bietet auch die Chance Menschen zu verändern. Krankheit macht nachdenklich und Krankheit macht einsichtig. Zumindest vorübergehend. Die Erfahrung geholfen zu bekommen, die Erfahrung abhängig und bedürftig zu sein, verändert Menschen.
Mancher gewinnt nie mehr dieses Gefühl seiner „selbstverständlichen Gesundheit“ zurück.

Ich bin froh Einblick in Lebensformen und -führungen nehmen zu müssen, die ich auf Grund meiner eigenen Vorurteile niemals gehört und niemals verstanden hätte.
Das mag nicht für jeden nachvollziehbar sein.
Wenn ein Mensch im künstlichen Koma liegt oder nach einem Schlaganfall nicht kontaktfähig ist, hat man zu erst keine Gelegenheit zu einer moralischen Gewissensprüfung. Was macht man, wenn man merkt, wem man da hilft, ins Leben zurück zu kommen.
Ich habe mich irgendwann entschieden, dass mir nicht zu steht zu richten. Es steht mir zu, zu diskutieren, zu widersprechen, umzuerziehen, nachdenklich zu machen, aber jemand nicht zu helfen, weil er in seinem Leben vor der Krankheit verwerflich gehandelt hat – wer wirft den Stein?

9 Kommentare zu “Betrachtung #1

  1. Ein schwieriges Thema.
    Ich denke auch, dass z.b. Ärzte nicht richten dürfen.

    Schaut man sich mal z.b. die indische Medizin oder die TCM (traditionelle chinesische Medizin) an, da ist keine Rede davon, dass z.b. Rauchen Lungenkrebs macht.

    Die TCM ist schon viel weiter, sie sagt, dass Krebserkrankungen eine Folge von nicht verarbeiteten Gefühlen ist.
    Was z.b. den Lungenkrebs betrifft, so ist das nicht verarbeitete Trauer.

    Ich selbst kenne 11 Leute, die an Lungenkrebs gestorben sind, nur 2 davon haben geraucht, aber ALLE hatten unverarbeitete Trauer in sich.

    So kam ich mittlerweile dahin, zu schauen, wie man das Verarbeiten von Gefühlen „salonfähig“ machen kann.
    Es fängt, wie immer, bei den Kindern an. Sie sollen von kleinauf lernen, dass es keine „guten“ und keine „schlechten“ Gefühle gibt. Dass alle Gefühle ihre Berechtigung haben und gelebt und erlebt werden wollen.

    Desweiteren spreche ich viel darüber wie wichtig es ist, Gefühle nicht zu verdrängen, weil Verdrängung krank macht…usw.

    • Absolut richtig, dass sich unbewältigte Gefühle in körperlichen Krankheiten manifestieren.
      Ob das Rauchen ein Teil dieser fehlenden Verarbeitung ist bleibt offen.
      Die schädliche Wirkung auf die Atemwege steht aber außer Zweifel. Ich arbeite in einer Klinik für Lungenerkrankung. Die Zahl aktiver Raucher und Ex-Raucher ist bei allen Lungenerkrankungen extrem hoch.

      Ich versuche gerade (über ein Fortbildungsangebot) die TCM in unser Behandlungsspektrum mitaufzunehmen. Allerdings hat sie da ihre Grenzen, wo die Akutmedizin (z. B. bei Beatmung) ihre Berechtigung zeigt.
      Ein großes, Abend füllendes Thema …

      • Ja, wirklich ein großes ‚Thema.

        Ich komme ja auch aus der Schulmedizin, durch chronisch Kranke bin ich ein bißchen davon abgerückt, bzw. ich habe sie auf ihren Platz verbannt. Sie hat natürlich ihre Berechtigung, aber eben nicht immer, oft richtet sie mehr Schaden an als sie nützt.

        Ich hab mich oft gefragt, warum unsere sehr junge Schulmedizin, die gerade ca. 150 Jahre alt ist, nicht mehr auf die jahrtausend lange Erfahrung der asiatischen Medizin schaut, die haben ihre „Kinderkrankenheiten“ schon lange hinter sich, während unsere Medizin immer noch nach dem „try and error-Prinzip“ vorgeht.

        Ich finds toll, dass du dich für den Einsatz der TCM engagierst, es kann den Patienten nur zugute kommen, denke ich.

        Was den Lungenkrebs angeht, so habe ich viel darüber nachgedacht, die Krebsarten, die häufig vorkommen, die ändern sich je nach der aktuellen Gesellschaftslage, das ist mir aufgefallen.

        Lungenkrebs war mal ganz vorne, hat sich zugunsten von Leberkrebs, was in der TCM steht für nicht verarbeitete Wut, verschoben.

        Bei Frauen hat sich der Gebärmutterhalskrebs zugunsten des Gebärmutterkrebses verschoben, dieser steht für nichtverarbeite, nicht gelebte Weiblichkeit….ein Tribut an die Karrierefrauen, denke ich.

        Das ist übrigens nicht auf meinem eigenen Mist gewachsen, diese Erkenntnisse verdanke ich meiner Gynäkologin, die TCM praktiziert, wer eine andere Behandlung will, der wird weggeschickt und an Kolleg/Innen verwiesen.

      • Ich denke die großen Stärken der alternativen Medizin liegen in der Behandlung chronischer Erkrankungen und in der Prophylaxe.

        Ich war erst Yoga-Lehrer, ehe ich als Physiotherapeut direkten Kontakt mit der Schulmedizin bekam.
        In der Traumatologie und in der Intensiv-Medizin halte ich sie auch für nicht wirklich ersetzbar.
        Speziell bei Tumorerkrankungen und anderen schulmedizinisch „unheilbaren“ Krankheiten wundere ich mich ebenfalls über die Borniertheit und mangelnde Offenheit der Schulmediziner.
        Allerdings finde ich, folgt eine neue Generation die sich in Teilen öffnet.

        Unser leitender Professor hat die Einführung von Aspekten aus Yoga und TCM absolut befürwortet.
        Bleibt spannend.

      • Ich denke auch, dass der Druck seitens der Patienten dazu führte, dass sich die „Halbgötter in Weiß“ endlich mal öffnen.

        Die TCM ist hier ja leider nur in Teilen vertreten, deshalb eignet sie sich nicht, also diese Teile, für die Akutmedizin.

        Meine Gyn. hat in ihrer Zeit in der Klinik zweimal einen Kaiserschnitt durchgeführt, wo die „Narkose“ nur mit Akupunktur durchgeführt wurde, weil die Frauen allergisch auf Narkosemittel reagierten.
        Ihr Oberarzt und der leitende Professor sind tatsächlich umgekippt, als sie nach dem „Nadeln“ das Skalpell ansetzte 😉

        Find ich toll, dass du diese Weiterbildungen machst. Yoga war dann ein echter Türöffner für dich, hm?

        Da könnte ich dir noch eine tolle Methode an die Hand geben, gerade als Physiotherapeut, kennst du vielleicht schon, die Feldenkrais-Lehre.
        Aus eigener schmerzhafter Erfahrung mit fünf Bandscheibenvorfällen mit Lähmung in den Beinen und Blasen- Mastdarmlähmung kann ich nur sagen, ich war nach einer Stunde „Behandlung“ durch meine Feldenkraislehrerin lähmungsfrei und nach einer weiteren Stunde ganz schmerzfrei…..dabei sahen mich die Doktoren schon auf dem OP-Tisch 🙄

      • Danke für den Tipp!
        Feldenkrais ist mir bereits begegnet. Eine tolle Methode! Allerdings habe ich (gilt auch für Tai Chi, Chi Gong, etc.) mich irgendwann auf Yoga/Ayurveda fest gelegt, weil man sonst in allem immer nur Einblicke nimmt.

        Ich wünsche Dir einen schönen Abend,
        Peter

      • Das kann ich gut verstehen. Man muss schon aufpassen, dass man sich nicht zu breit aufstellt.
        Damit ist garantiert, dass man das, wofür man sich entscheidet auch richtig macht.

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