Die Stadt

Zum Glück sehen es nicht alle so!
Aber für mich ist die Stadt der Vorhof zu unserem Untergang. Mit der Stadt endet die uralte Bindung zwischen Mensch und Natur. Die Stadt schließt die Natur aus, als etwas feindliches, bedrohliches, dem nicht mehr bleiben darf, als das Blau das sich wölbt, die Wolken die ziehen, der Wind der suchend durch die Straßen schleicht, den vereinsamten Bäumen.

Als ich mich heute Morgen ganz früh, lange vor Sonnenaufgang auf den Weg machte und das Auto bestieg, da rauschte der Wind im nahen Wald durch die Zweige und wanderte durch das Riedgras am dunklen Weiher. Die Straßen waren ruhig und weit und ein kräftiger Schneeregen prallte gegen die Scheiben. Ich sah kleine verlassene Kapellen und schlafende Dörfer, weite Felder und Wege über die sich langsam der Tag erhob. Ich kam in dichtes Schneetreiben, als ich die Hochstraßen des Schwarzwalds passierte und ich fühlte mich mutig, aber auch verletzlich der Kälte und der Nacht ausgeliefert, auch, wenn das Auto kein Pferd ist.
Der Tag begann grau, aber auch das Grau konnte die Welt nicht um ihren Zauber bringen.
Das konnte erst die Stadt und ihr zunehmendes Gewirr aus Straßen, Schildern, Ampeln und sich drängenden, hetzenden Menschen, die wie geistlose Insekten ihrem zufälligen Suchen und Finden nachjagen, wenn sie nicht ein zufälliger Fußtritt zermalmt.
Da war sie die Stadt, groß und grau und laut.

Nachdem der Kurstag beendet war, lief ich durch die abendlichen, von Menschen bedrängten Straßen und suchte schnell zum Auto zu kommen. Ich wollte endlich in die Ferienwohnung.
Fremd war und ist mir das alles. Ich sehe dunkle Gesichter, skeptische Augen, verhüllte Münder. Ein junges Mädchen, dass noch auf dem Sozius die Finger nicht vom Smartphone lassen kann, eine alte Frau die einsam ihren Pudel durch die Straßen zerrte, hell beleuchtete Fassaden die das Dunkel verleugnen.
Ich bekomme ein gutes Essen, in dem Lokal für das ich mich entscheide und nehme es schweigend zu mir. Allein an einem großen Tisch, den ich mit niemand teilen möchte, weil mich die Stadt und ihre Menschen befremden.
Sie haben alle zu reden: laut damit man sie ja hört, über Isis, Theaterprogramm und „Ey Alder“. In ihren Augen ist kein Himmel und in ihren Stimmen ist kein Wind, in ihren Herzen keine Jahreszeit.
Die Stadt hat sie verschlungen und mich spuckt sie aus.
Wir behagen uns nicht.

Ich gehe Heim, wenn man das Heim nennen will, was mir zur Unterkunft dient. In den Straßen versuchen Narren so zu tun, als wären sie Narren.
Ich öffne die Haustür zu einem riesigen Wohnblock, in dem mich verwinkelte Gänge, Altpapierstapel und Türspione erwarten. Jedes dieser runden Augen in der Tür sagt etwas über die Angst seiner Bewohner.
Sie haben die Angst vor der Natur, gegen die Angst voreinander eingetauscht – fühle ich, ohne die Worte zu finden.
Die Menschen in der Stadt.
In der Stadt, wird die Menschheit einst enden.

02/16 PGF

17 Kommentare zu “Die Stadt

  1. „Sie haben kein Wind in ihren Stimmen und keinen Himmel in den Augen…“ lieber Peter, wie du mich ansprichst und aus der Seele schon wieder auch. Ich bin auch eine Landfrau, nein, eine Bergfrau geworden und mich dünkt, dass du heute ziemlich nah an mir vorbei gefahren bist (Hochschwarzwald). beim nächsten Mal habe ich mindestens einen Kaffee für dich oder einen Tee, ganz wie es behagt …
    herzliche Abendgrüsse
    Ulli

  2. oh ja, auch hiermit sprichst du mir aus der seele.
    wie gern wäre ich da gewesen, bei dir, und hätte dich bei der hand genommen.
    ich bin als stadtkind aufgewachsen und lebe inzwischen seit einiger zeit sehr viel ländlicher, quasi in der natur. nie wieder möchte ich tauschen! 🙂
    herzliche grüße, lieber peter,
    von diana

  3. … inspiriert durch deinen text ist dieses heut entstanden 🙂
    mit lieben grüßen,
    d.

    verloren gehen die menschen
    in der stadt
    ein kläglicher löwenzahn
    beißt sich durchs grau
    trotzt dem lärm, dem gestank
    der enge und den hastenden schritten
    die stadt franst aus
    am rande stehst du, der atem
    verliert sich auf der straße
    ins nichts

  4. Wertester, wie immer wollte ich stille nachlesen, doch Ihre Worte dringen ins Mark! Ich durchfliehe nun jeden Abend das Provinzstädtchen gen Haus am Ende des Weges und allein da wird das Auge schon trüb. Ich fürchte, es wird nicht einfacher werden…

    Herzliche ungetrübte Grüße, immer die Ihre, wiesenwesenbuntvorfreudig.

    • Werteste, ich danke der Blühwiesenbuntfreudigkeit.

      Wir müssen ans Blühen, den Herbst und Hummelgebrumm erinnern, dann werden sie´s schon irgendwann begreifen.

      Einen still städtischen Gruß mal nicht vom See – irgendwo fließt die Dreisam …

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