Fazilitieren

In der Arbeit mit neurologischen Patienten, speziell mit Patienten die einen Schlaganfall erlitten haben, nutzt man das Mittel der Fazilitation. Das bedeutet wörtlich Bewegungen zu erleichtern (in dem ich sie führe) wird aber oft allgemein als Stimulation eingesetzt.

Man kann, das ist leicht nachvollziehbar mit den Händen fazilitieren. In dem man sanft greift, um zu beruhigen oder zupackt, um Spannung zu erzeugen.
Man kann mit dem Umgebungslicht, heller oder dunkler, mit Gerüchen und Geräuschen „stimulieren“.
Und man kann es mit der Stimme, die oft ein wirkungsvolles Instrument ist.
Man fordert „Sitz!“ oder „Komm mit mir!“ von Patienten die zum Teil noch im Bewusstsein eingetrübt sind, die Kontrolle über eine Körperhälfte verloren haben (und vielleicht über die Sprache) und gibt dem Ton Schärfe und Nachdruck, weil unser Gehirn trainiert ist auf schroffe Ansagen zu reagieren. Man dominiert den Menschen und ersetzt seinen verlorenen Lebenswillen.
Oder man hält und stützt: „Komm mit mir, ich passe auf.“ „Wir gehen jetzt in der Bewegung nach …“ und erhält eine ganz andere Reaktion, des Betroffenen. Man tröstet und ermuntert.
Es kommt ganz auf die Art der Krankheitsbewältigung des Erkrankten an.
Sprache kitzelt unser Nervensystem und stimuliert das, was man neuronale Plastizität nennt, die Fähigkeit unseres Gehirns sich neu zu strukturieren.

Für den Therapeuten ist das ein strapaziöser Akt, weil er zwischen dem Mitgefühl mit dem Patienten, der Chance auf Rekonvaleszenz, dem Willen zu motivieren und der Sorge zu frustrieren schwankt.
Der Mensch ist in diesem Zustand jenen ausgeliefert, die ihn betreuen. So liegt in der Sprache und Ansprache eine große Verantwortung, ob sie nutzt oder Hoffnung zerstört.
Die eigene Befindlichkeit, die Gefahr von Willkür und schlechter Tagesverfassung kommen hinzu.
Es gilt Sprache, wie ein Medikament zu nutzen und nicht wie einen Stock.
Die Wirkung ist zum Teil beeindruckend. Wie Vertrauen und Wachheit gefördert werden können. Wie Spannung in verlorene Körperpartien zurück kommt, wie Fühlen und Bewegungskontrolle sich reorganisieren.
So wird Sprache: Wortwahl, Tempo und Tonfall zu einem Mittel der Therapie.

Ein Leitsatz dieser Therapieform lautet:
Ihr müsst mit den Händen reden lernen.
(Und: mit der Stimme streicheln und stützen.)

3 Kommentare zu “Fazilitieren

  1. „mit der Stimme streicheln und stützen“ – Worte, die nicht nur im Therapiealltag beherzigt werden sollten.
    Ein interessanter Beitrag.
    Ganz herzliche Grüße zum Abend von
    Marlis

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