Großvater

Jemand den es nicht gibt, wenn man auf die Welt kommt, kann man nicht vermissen.
Zumindest habe ich meinen Großvater nie vermisst. Eher, tat mir mein Vater Leid, der ohne Vater groß werden musste.

Heute hatte ich seit Längerem wieder Zeit mich dem Nachlass meines Vaters zu widmen.
Er hat vieles zur Zeit- aber auch zur Familiengeschichte gesammelt. In einem der unzähligen Leitz-Ordner befanden sich auch Unterlagen zur Kriegsgefangenensuche nach meinem Großvater. Und einige, wenige Bilder von einem jungen Soldaten auf dem ungewollten Weg in den Krieg.

Aus der Zeit vor dem Krieg, gab es nicht viel: ein Arbeitszeugnis, die Hochzeitsurkunde, die Einberufung. Aus dem Krieg selbst dieses knappe Dutzend Bilder. Dann, ich glaube es waren 14 Karten/Briefe aus der Kriegsgefangenschaft ehe 1946/47 der Kontakt abbricht.

Es folgen Antwortschreiben von Ministerien und schließlich vom Roten Kreuz die versuchen Antworten auf die vielen offenen Fragen zu geben. Nicht formal, sehr menschlich, aber meist ohne klares Ergebnis.
Bis dann, (war es?) 1951, auf Grund einer Zeugenaussage die Bestätigung kommt, dass mein Großvater in russischer Kriegsgefangenschaft gestorben ist.
Meine Großmutter, mein Vater, seine Brüder versuchen in den nächsten Jahren noch mehr heraus zu finden. Aber es bestätigt sich immer nur der Tod.
Berührend fand ich die Not der Fragen, die sich aus den gegebenen Antworten, herleiten lässt.

Der Krieg zerstört Familien. Er bringt Kinder um Ihre Väter und Mütter, Frauen um ihre Männer. Er ist nie für irgendetwas gut, schon gar nicht im Präventivfall, wie man uns suggeriert.
Gerade jetzt werden zehntausende Kinder weltweit in ein vater-, mutter-, elternloses Schicksal gebombt.
Für den Frieden, für den Glauben …

Aber der Krieg in den Herzen, der geht nie mehr weg.
Daran habe ich keine Zweifel.

14 Kommentare zu “Großvater

  1. Denke, man kann auch jemanden vermissen, den es nicht mehr gibt, wenn man auf die Welt kommt. Mir haben Großeltern immer gefehlt. Und die Kinder, die keinen Vater haben, wenn sie auf die Welt kommen, vermissen ihren Vater doch auch.
    Ja, der Krieg zerstört Familien und Seelen.

  2. Das alles kann ich Dir gut nachfühlen, Peter. Mein Großvater (Ungar) fiel auf der „falschen Seite“, meine Großmutter (natürlich ebenfalls Ungarin) wurde mit den fünf Kindern aus Ungarn vertrieben. Früher hatte ich mich kaum dafür interessiert. Jetzt würde ich viel dafür geben, mehr wissen und erfahren zu dürfen.
    Zwei meiner Tanten sind auf Grund Hungertyphus (Gegend Moys, jetzt Görlitz) und Meningitis in den Kriegsjahren geistig behindert geworden. Meine Oma mütterlicherseits starb an Hungertyphus. Meine Mutter kam ins Heim nach Dresden.

    So viel Leid und Schmerz, alleingelassene Kinder – alles wegen eines Krieges. Und nichts wurde gelernt – so traurig, dass ich oft darüber weinen muss.

  3. so viele schwere Schicksale, so viel Trauriges, unbelehrbar scheint einem manchmal der Mensch an der Macht… und dennoch möchte ich nicht glauben (müssen), dass der Krieg in den Herzen sich für immer festsetzen wird.
    Herzliche Abendgrüße an dich und danke für deine Gedanken,
    Marlis

    • Liebe Marlis,
      meist ist es der Schrecken des Krieges der bleibt, aber für die Getroffenen nicht weniger schrecklich.
      Dir einen schönen Tag, trotz allem 🙂

  4. oh, peter, ja.
    ich selbst habe meine großeltern, allesamt, nie gekannt. zum teil auch durch den krieg genommen.
    sehr wahr mal wieder, und nahegehend, deine worte!
    mit liebem gruß,
    diana

  5. Ja, der Krieg zerstört nicht nur Familien. Und manchmal braucht man gar keinen Krieg. Viele Familien schaffen das auch so. Da fragt man sich manchmal, wo das „sapiens“ beim „homo“ versteckt ist. Liebe Grüße, Kerstin

  6. Es gibt ein altes Foto meines Großvaters, nachdem er aus der russischen Kriegsgefangenschaft zurückkehrte. Er trägt Uniform und am schlimmsten sind seine toten leeren Augen, in denen ablesbar ist, was sie gesehen haben. Später erzählte er mir viele Geschichten über das, was er im Krieg erlebte und in der Gefangenschaft aushalten musste. Er zog als gesunder Mensch in den Krieg und kehrte gebrochen davon zurück. Seine Zerrissenheit spiegelte sich in seinem Verhalten. Ich liebte ihn über alles. Ein sensibler feinfühliger Mensch mit einer großen Leidenschaft für Heinrich Heine und Lyrik, der wunderbar zeichnen konnte. Doch der Krieg brachte auch andere Seiten in ihm zum Vorschein und diese waren so dunkel wie seine charakterlichen Vorzüge licht und hell waren. Wenn Leid Menschen auf solche Weise in zwei Hälften zerbricht wie es bei ihm der Fall gewesen ist, dann liest man die Geschichte von Dr. Jekyll und Mr. Hyde mit anderen Augen und einem anders gearteten Verständnis. Ein nachdenklicher Beitrag von Dir, der bestätigt, dass Krieg das Antonym zum Leben ist, ob die Beteiligten ihn nun überleben oder nicht. Liebe Grüße von der Fee

    • Liebe Fee,
      dann war dein Großvater ein bewundernswerter Mann! Die meisten haben nicht gesprochen. Der Volksseele war das nicht von Vorteil.

      Ich denke, dass wir in unserem Urteil den Menschen damals nie gerecht werden. Diese Ambivalenz der Seele, haben viele Deutsche aus dieser Zeit nicht mehr auflösen können.
      Ich habe vor Kurzem ein Hörbuch zur deutschen Geschichte (von einem Engländer verfasst) gehört, dass dieses schwere Erbe der Deutschen sehr eindringlich beschrieben hat.

      Dass diese Generation zunehmend vergessen wird, dass dieses „Nie mehr Krieg von deutschem Boden“ zunehmend nicht mehr ernst genommen wird, fast schon belächelt, zeigt den moralischen Verfall der Macht-Elite.
      Deshalb sollten wir „Erben“ dem Vergessen widersprechen und die Geschichte erzählen.
      Ich wünsche Dir einen besinnlichen Abend
      Peter

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