Mundgerecht

Erst mal: Vielen Dank, für Euer Interesse am gestrigen Beitrag. Das war deutlich überdurchschnittlich.

Eine Beobachtung habe ich gemacht, die mich nachdenklich sein lässt. Über unsere Art (ich nehme mich nicht aus) der Informationsverarbeitung.
Sie muss mundgerecht sein: Schlagzeile statt Buch, Doku statt Reise, SMS statt Gespräch.
Wir haben/nehmen uns keine Zeit mehr für die Vertiefung von Information.

Ich hatte vor nicht allzu langer Zeit, dass Programm von Christoph Sieber komplett gepostet.
Der Beitrag wurde durchschnittlich oft aufgerufen, aber kaum geliked. Ich fand das bedauerlich, denn ich finde die Inhalte in Siebers Programm absolut wissenswert (ähnlich wie bei Uthoff und Pispers).
Deshalb habe ich gestern Sekretärin gespielt und den Teil des Programms getippt der mir die größte Gänsehaut bereitet hat.
Aber! Dem getippten Ausschnitt fehlt die Vorbereitung und die Nachbetrachtung, Mimik und Stimmfärbung.
Trotzdem wurde er
5x so häufig aufgerufen, was zu einem beachtlichen Spike in meiner Statistik führt und
6x so oft geliked.

45 min. sind viel mehr Zeit, an einem durchschnittlichen Tag, als 2 min. lesen.
Aber, wäre es die Zeit nicht Wert, um mehr zu erfahren?

Sollten wir nicht Buch statt Schlagzeile, Reise statt Doku, Gespräch statt SMS, Kabarettprogramm statt Zitat wählen?

Wir werden überflutet mit Wissen und die Selektion und Priorisierung ist ein anspruchsvoller Prozess. Wofür nehme ich mir Zeit, wofür lässt man mir noch Zeit…
Eine Bevölkerung die vom Touchscreen zum Flatsreen, vom Flatscreen zum Bett hin, vom Bett zur Arbeit und dann wieder zum Touchscreen wechselt, ist leicht zu führen. Sie ist immer beschäftigt, hat nie Zeit, hat nie die Möglichkeit die Dinge genauer zu betrachten, tiefer zu hinterfragen, sicher im eigenen Wissen, in der eigenen Kritikfähigkeit zu werden.

Ich nehme mich nicht aus! Besser wird es dadurch nicht.

16 Kommentare zu “Mundgerecht

  1. also, ich vertiefe schon gerne. dann, wenn es mich packt und interessiert. aber dazu brauche ich einen anreiz. und den habe ich in deinem letzten beitrag gefunden, und werde mir daraufhin gern das gesamte ansehen (um jetzt mal konkret bei diesem beispiel zu bleiben). aber du hast schon recht… und das liegt vermutlich mit an der ganzen informationsflut. was einerseits gut ist, aber andererseits eben oft an der oberfläche bleibt. da liegt es an einem selbst, zu sortieren. es ist eine schnell-lebige zeit… wir sollten öfter ausatmen. 😉
    liebe abendgrüße von diana

  2. Was bringt die Vertiefung der Information – außer Arbeit? Immer häufiger habe ich das Gefühl von Ohnmacht. Es ist eh nichts zu ändern. Die Sehnsucht nach Biedermeier wächst. Ich werde das jetzt einfach mal beobachten…

  3. Guten Morgen Peter,
    Gestern war ich zu Besuch im Café Weltenall bei Ulli. Ich hatte am Abend eine halbe Stunde am Stück, musste von einem Artikel in den ich mich verbissen hatte gedanklich mal weg und folgte also nur allzu willig ihren Kunstverlinkungen in andere Blogs. Als ich später ihren Beitrag kommentierte, bezog ich mich auf Deinen Beitrag hier und wie schade ich es fände, nicht alles lesen, vertiefen zu können, was sich im bunten Angebot der vielen Blogs befindet, denen ich folge. Ich lasse mich treiben, gebe meinem Gefühl nach, was mich wissenstechnisch weiterbringt, was mir gut tut, dies vor allen Dingen und woraus ich Inspiration für Neues schöpfen kann.
    Deine Gedichte lese ich immer und gern, doch bei 45-minütigen Artikeln wird es schon schwieriger und in der Tat hat es etwas und in erster Linie mit Zeitmangel zu tun, denn ich verbringe vom Tag ca. drei Stunden im Internet. Der Rest gehört meiner Familie, meinem Beruf, dem Haushalt, meinen Büchern, die ich lese, in dieser Zeit auch organisatorischen Aufgaben. Bloggen ist für mich nicht nur das Einstellen meiner Gedichte und Prosa, sondern auch Kommunikation mit anderen. Ich gehe in ihre Blogs, lese, kommentiere, manchmal trägt mich etwas weiter. Ich sehe umgekehrt unter meinen Beiträgen immer wieder die gleichen treuen Kommentatoren. Andere bleiben auf ihrem Teller und warten, dass jemand kommt und davon speist. Ist in Ordnung so, ich erwarte nichts. Zu sehr bereichert mich vieles, als dass ich dies nach Likes oder Kommentaren statistisch ankreiden würde. Ich schau selten bis nie in die Statistiken. Dafür blogge ich nicht. Ich freue mich über Resonanz und seit ich blogge ist es immer ein wenig mehr geworden, neue Menschen kommen zum Lesen, jeder eine große Freude für mich.
    Sie schenken mir ihre Zeit, sie lesen was ich schreibe, ich schaue bei ihnen über den Blogzaun, bleibe manchmal stehen und gebe ihnen meinen Dank durch meine Zeit zurück.
    Sie ist begrenzt, leider.
    Doch andererseits lerne ich nur so eine große Vielfalt an Lesenswertem und spannenden Menschen kennen und manchmal, wenn ein Beitrag mehr Zeit fordert und mich der Inhalt so interessiert, dass ich mehr wissen zu müssen überzeugt bin, dann klinke ich mich abends noch mal ein und lese und bin ein Like oder ein Punkt in einer Statistik.
    Liebe Grüße von der Fee✨

    • Liebe Fee,

      vielen Dank für Deinen Kommentar.

      In wie weit Statistiken allgemein etwas aussagen, darüber kann man minutenlang sinnieren. Im beschriebenen Fall war die Ausweichung derart signifikant, dass sie nicht zu übersehen war.

      Da ich ursprünglich diesen Blog gestartet habe, um meine Bücher vorzustellen und auch zu bewerben, war ich initial sehr an der Statistik und ihren Werten interessiert.
      Ich habe relativ schnell gemerkt, dass bei wordpress ein anderes Klima der Kommunikation gepflegt wird und sehr viele interessante Menschen hier bloggen. Daraufhin hat sich meine Intention verändert: ich blogge über Themen allgemein, ich stelle auch meine Buchprojekte vor, aber ich werbe nur noch selten.

      Die Statistik halte ich weiterhin im Auge, da sich aktuell meine Bücher stärker verkaufen und ich dadurch auch mehr Leser zu Besuch habe, die diese Seite aufsuchen, um mehr über meine Bücher zu erfahren.

      Ich finde Likes sehr motivierend, wenn sie eine „gute Basis“ haben und finde die zum Teil sehr unterschiedlichen Reaktionen auf die unterschiedlichen Beiträge eine hilfreiche Rückmeldung. Ich hatte die Möglichkeiten zu Liken auch schon komplett deaktiviert.

      Wofür man seine Zeit verwendet ist natürlich wahlfrei. Ob man vertieft oder nicht: dito.
      Mit einem eigenen Beitrag hätte ich die Beobachtung auch nicht reflektiert, aber das Programm von Sieber bringt viele Themen die hier diskutiert und unterstützt werden, derart pointiert zum Ausdruck, dass ich es bedauerlich fand, wenn so wenige die Chance nutzen den Beitrag zu sehen.
      Die Reaktion auf den Auszug hat ja deutlich gezeigt, dass das Thema allgemein Menschen beschäftigt.

      So war das liebe Fee 😉

      • Lieber Peter,
        dieses Phänomen der allgemeinen Ruhe- und Zeitlosigkeit, das Du beschreibst, gab es vor 20 Jahren in diesem Maß wie heute noch nicht.
        Ich lese und kommentiere bei WP zwischendurch mit dem Handy…da ich viel unterwegs bin.
        Manchmal wünsche ich mir nach langen Bildschirmtagen mehr Hörfassungen, um bildschirmmüde Augen zu entlasten. ..Im Radio oder Theater höre ich gern Lesungen… Vielleicht hilft Dein nachdenklicher Verweis und Aufruf dabei, sich mehr Zeit für etwas Lesenswertes zu nehmen. Es wäre schön zu erfahren, ob er dazu beigetragen hat, dass mehr Leser den Christoph-Sieber-Artikel fanden und in Gänze gelesen haben. Oder aber ob sie das, was Du für wichtig darin erachtet hast aufzuschreiben eher bevorzugen, weil sie Dir darin entweder vertrauen, dass Du die relevantesten Stellen treffsicher herausgefiltert hast oder aber weil sie schlicht Deine darin investierte Zeit und Arbeit würdigen wollten.
        Vielleicht sind sie jetzt neugierig geworden und nehmen sich den gesamten Artikel vor. Chancen aufzuzeigen kann eine schwierige und dabei auch schöne Aufgabe sein…
        Liebe Grüße in den Abend und Dank, dass Du mir so ausführlich geantwortet hast.

      • Liebe Fee,

        der größere Beitrag bezog sich auf einen Augen schonenden Videolink:

        45 Minuten lesen würde ich mir selbst nicht zu Muten 🙂

      • Doch, ich mute mir das schon zu. Wenn mich etwas packt, bleibe ich dran.
        Ich bin zwar selten kabarettistisch orientiert, doch vielleicht sollte ich es mal ausprobieren. Ich höre mir Max Uthoffs Gegendarstellung an: Der soziale Friede ist ein hohes Gut.
        😉

  4. Lieber Peter,
    Von einem Goldfisch mit Lanzeitgedächtnis unalgoritmisch zum anderen:
    Das gefiel und zwar völlig unabhängig davon, ob es Anne, Erna, Klaus und Wolfgang auch gefiel.
    Als Sieber den Hölderlin (großartig!) zitierte und immer wieder zwischendurch seine Pointen strukturierte mit diesen Wahrheiten darüber wie die Menschheit langsam über der Kommunikation zwischen Siri, Kühlschrank und Funktionsschlüpper aus Angst vor zu viel Wissen vor die Hunde geht, dann weiß ich, warum Du schriebst, dass er mich berühren wird. Das ist einer, den ich gern wiederhören mag, sogar wenn er anfängt zu schwäbeln und ich Siri nach der Übersetzung fragen muss und dieser mir prompt Ungarisch anbietet. Jetzt bin ich einmal in die Runde geschwommen und habe sowohl gelacht als abgenickt, was pointiert und treffend von gesellschaftlicher Gewöhnung und Zersetzung im menschabgewandten Wohlfahrtsstaat sprach. Mein Kurzzeitgedächtnis bittet um eine Wiederholung und mein Langzeitgedächtnis befindet sich im Speichermodus und komprimiert.
    Was mache ich ohne die Hilfe meines Kopfcomputers?
    Genau:
    Morgen in den Wald gehen, das Handy wie üblich zuhause lassen, versuchen nicht die Laterne vorm Haus anzurempeln weil ich wieder Elstern und Krähen beim Nahkampfflugmanöver über den Hausdächern beobachte statt aufzupassen wo ich hinrenne und wenn es doch wieder passiert, den erstaunten Passanten erzählen, dass die Laterne und mein Kopf sich schon länger kennen und wir uns auf diese Weise manchmal hart aber herzlich Hallo sagen.

    Liebe Grüße von der manchmal recht schusseligen Fee und nochmal Dank für den Tipp!

    • Ja, liebe Fee der Sieber bringt die Dinge gut zusammen und nimmt sich nicht raus und uns.
      Ich bin kein ausgeprägter Kabarett-Fan. Meistens bleibe ich Sonntagabend beim zappen auf 3Sat (glaube ich) hängen, wo aktuelle Programme vorgestellt werden.
      Im Moment habe ich das Gefühl formiert sich das politische Kabarett neu und rückt weg von intellektuellem „Geschwafel“ hin zu nachdenklicher, beinah wehmütiger Betrachtung.
      Da freue ich mich sehr, dass es Deinen Geschmack getroffen hat. Wünsche Dir ein schönes Wochenende und gute Reflexe bei Elstern und Krähen im Nahkampf 😉

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