Das Problem mit der Erzählfigur

Ich denke jeder der schreibt, hat seine Erfahrung damit gemacht, wie schwierig es ist die richtige Erzählfigur zu finden. Manchmal geht das leicht und die Geschichte erzählt sich allein, aber es gibt auch knifflige Ideen die nie zur Perspektive passen, so dass ein ganzer Roman daran scheitern kann.
Diese Tage habe ich einen sehr interessanten Text von Wolfgang Kayser dazu gelesen „Wer erzählt den Roman?“.
Darin dröselt er sehr nachvollziehbar auf, weshalb der Autor niemals der Erzähler ist, sondern, wie man es dreht und wendet, der Erzähler eine Rolle ist, die der Autor annimmt. Wäre das anders, wäre Goethe nicht sehr alt geworden und Hesse hätte einen dritten Versuch unternommen sein Leben zu beenden.
Sehr oft mag das Erleben des Autors dem Erleben des Erzählers nahe sein, aber sie sind nie identisch. Selbst beim Tagebuch, in dem ein Mensch viel bescheidener oder narzisstischer sein Leben aufzeichnet, als es tatsächlich ist.

Dies führt in weiterer Konsequenz dazu, dass sich der Erzähler vom Autor entfernt, dass die Geschichte ein Eigenleben entwickelt, welches mit der ursprünglichen Intention des Autors nicht mehr viel zu tun hat.
Daran scheitern glaube ich viele Geschichten. Beziehungsweise, ich denke, dass Bücher als gelungen empfunden werden, in denen der Erzähler stimmig ist.

Das Problem der Erzählfigur ist manchmal perspektivisch. Es ist aber auch ein emanzipatorisches, wenn der Erzähler den Autor an die Hand nimmt und entscheidet, wohin die Ereignisse drängen.

Auch der Text von Kayser ist, dem lesenswerten Buch „Texte zur Theorie der Autorenschaft“ aus dem Reclam-Verlag entnommen.

3 Kommentare zu “Das Problem mit der Erzählfigur

  1. ein äußerst spannendes thema!
    ich denke, es ist immer so, und es sollte so sein, dass sich der autor von der erzählperson unterscheidet, denn ja, es fließt sicher viel von ihm ein, ist ja ganz klar, aber genau so fließen ideen ein, das erlebte anderer, fantasie, und so weiter. das, finde ich, ist auch das spannende am schreiben. dass sich irgendwann etwas selbst weiterspinnt. und ja, stimmig muss es sein, sonst scheitert jede geschichte.
    was du hier immer in deinen beiträgen so an gedanken anstößt, lieber peter, finde ich immer wieder spannend und sehr bereichernd!
    🙂
    liebe samstagabendgrüße dir
    von diana

    • Vielen Dank liebe Diana 🙂

      Im Moment empfinde ich mich eher als ideenarm und bin ganz froh einige Bücher um mich zu haben, die mich zu neuen Einsichten führen.

      Die Autoren von „Texte zur Theorie …“ haben eine schöne Textauswahl getroffen.
      Kayser hat den Text 1957 geschrieben. So wie ich es verstehe, hat sich damals eine Phase abgeschlossen, in der die Literaturforschung, Werke nicht mehr an Hand der Biografie des Autors erklärt hat, sondern aus sich selbst. Deshalb war ihm, diese Differenzierung so wichtig.
      Der Gedanke befreit die Autoren auch von moralischer Befangenheit, da sie nicht mehr fürchten mussten, mit ihren Protagonisten verwechselt zu werden.
      Bei der aktuellen Welle an Metzel-Literatur wäre es manchmal gut, Autoren würden wieder mehr fürchten mit ihren Figuren verwechselt zu werden …

      Auch Dir einen schönen Abend
      Pe 😉

      • ja, das ist eine zweischneidige sache…
        ich selbst bin froh, wenn ich nicht mit dem lyrischen ich gleichgesetzt werde, denn das ist nun mal nicht so. jedenfalls niemals eins zu eins!
        andererseits sollte man schon immer dazu stehen können, als autor(in), was man schreibt. schreibende haben eben auch eine verantwortung…
        nun wünsche ich dir eine gute nacht, lieber pe – sei lieb gegrüßt von di(ana) 😉

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