„Ich bin Deutscher“

Dies zu posaunen, ist ja für einige Zeitgenossen ein inbrünstiges Bedürfnis. Wobei in den meisten Fällen davon auszugehen ist, dass sie dazu nicht mehr wissen, als dass ihr Geburtsort bestimmten Landesgrenzen zu zuordnen ist. Bei den etwas ambitionierteren erweitert sich das Wissen noch auf die deutsche Militärgeschichte und dann wird das Feld dünn – mit dem „deutsch“ und dem „Wissen“.

Ich wollte nie deutsch sein. Dazu bin ich zu multikulti aufgewachsen. Deutsch war für mich ein spießiges Anhängsel, etwas wie eine Warze.
Erst durch einen längeren Auslandsaufenthalt lernte ich begreifen, dass ich, ob ich will oder nicht, deutsch bin. Mit der Sprache angefangen, mit dem Essen, der Kleidung – und auch der Lebensart. Ich lernte mich damit anfreunden. Man muss die Krankheit diagnostizieren, um sie zu behandeln … Ich hoffe noch immer auf die Wirkung der Kosmopolit-Tinktur.

Wie tief, das Deutsch Sein geht, habe ich beim Hören eines Beitrags zum Bauhaus gehört. War für mich eine undefinierte Kunstform, eine Mischung aus Plattenbau und Obi.
Aber eigentlich war im Bauhaus das definiert, was ich neulich in einem Beitrag diskutiert habe: der fließende Übergang zwischen Kunst und Handwerk. Alles, im Bauhaus längst beschrieben und reflektiert, und wahrscheinlich in mein kollektives Bewusstsein übertragen, ehe ich darüber nur nachdenken konnte.
Wieder so etwas deutsches.
Es gibt ja auch gutes. 😉

Wenn die „Deutschland, Deutschland“-Rufer wüssten, welch hoch komplexes Gebilde, welche kulturelle Vielfalt und Vielschichtigkeit sie damit beanspruchen, sie würden alles Gefühl für „fremd“ und „Grenze“ verlieren.
Denn „deutsch“ war über die meisten Jahrhunderte Pluralität und kulturelle Vielfalt.
Mit diesem „deutsch“ kann ich wunderbar meinen Frieden schließen und mit dem Rest warten, bis die Tinktur wirkt 😉

12 Kommentare zu “„Ich bin Deutscher“

  1. Es ist schon interessant, sobald man Deutschland verlässt, muss man sich zwangsläufig mit „deutsch-sein“ beschäftigen. Ich habe Deutschland auch von außen ganz anders erlebt als von innen!

  2. Wenn man als nicht Deutsche hier lebt, merkt man oft, wie wenig man doch Deutsch ist. Ich bin doch sehr britisch.

    Andererseits, bin ich dann wo anders, merke ich, dass ich in Wahrheit doch ein bisschen Deutsch bin.

    Aber ich schreie nie ‚Deutschland‘, mein Herz schlägt für viele viele Länder!

  3. Deutsch? Musik. Lyrik. Ernst. Eine schwere Seele, diese deutsche. Bodenständig. Verwurzelt in Wäldern. Manchmal unflexibel wie der deutsche Winter. Schweres Essen. Verwachsen mit dem Land. Beständig wie Regen und sehnsüchtig liebäugelnd mit der warmen Sonne. Sprachverliebt. Amtsbesessen und wiehernd, wenn der Schimmel ruft. Verlässlich. Sich die Unabhängigkeit milderer Klimata wünschend. Nach anderen schielend. Geistvoll. Kultur. Das Erbe. Schwärmerisch. Pragmatisch. Urig. Eine Art…viele Arten…die komische Kunst deutsch zu sein…ein Klischeekomik, ein Gefühl wie eine Wiese im alten Wald, die es schon immer gab.
    😊
    Liebe Grüße…✨

  4. Hallo mal wieder!

    Vielleicht hilft Ihnen dies bei Ihren Betrachtungen:
    https://huaxinghui.wordpress.com/2015/08/07/kultur-hindernis-zur-menschlichkeit/

    Dass wir alle – ultimativ – auf drei oder vier Vorfahren zurückgehen ist kein Motiv für ‚Multikulti‘. Das erste Staatengebilde gab es vor 5000 Jahren in China, zum Schutz und Nutzen seiner Interessengemeinschaft. Obwohl der karamelfarbige Einheitsbürger der feuchte Traum der „progressiven“ und politisch Korrekten sein mag, ist er gegenläufig der menschlichen Natur. Eine Verurteilung von Nationengebilde als potentielle Kriegsparteien ist politischer Sophismus. Ohne Länder lebten wir mit „Mad Max“ under the Thunderdome!

    Die deutsche Kultur ist die wichtigste, einflussreichste in jeder Hinsicht der westlichen Hemisphäre, geistig, sowie technologisch. Problematisch für D. war seine späte Staatenbildung zwischen schon lange gefestigten Nachbarn wie England und Frankreich.
    Die selbstverachtende, auferlegte Einstellung, eine 2000 Jahre alte deutsche Geschichte auf die 12 Jahre der NS-Zeit zu reduzieren, ist es, was den Deutschen diese Schizophrenie über ihre Nation bereitet.
    Kein Ausländer mit dem ich je sprach hat diesen zerstörerischen Zug der deutschen Seele verstanden. Ich lebe seit 35 Jahren Im Ausland (Asien)

    LG aus Kambodscha

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