Die psychoanalytische Sicht

Ganz im Gegensatz zu Barthes hat Freud, wie nicht anders zu vermuten, die Biografie des Autors in den Mittelpunkt seiner Betrachtung gestellt. Ich mag diesen Aspekt nicht ausbreiten, aber eine Stelle in Freuds Text „Der Dichter und das Phantasieren“ fand ich nachdenkenswert:

„Sie vergessen nicht, daß die vielleicht befremdende Betonung der Kindheitserinnerung im Leben des Dichters sich in letzter Linie von der Voraussetzung ableitet, daß die Dichtung wie der Tagtraum Fortsetzung und Ersatz des einstigen kindlichen Spielens ist.“
Quelle: Freud, Studienausgabe, Band 10

Man kann daraus zwei Schlussfolgerungen ableiten: Autoren bleiben in einer infantilen Lebenshaltung gefangen und flüchten sich in Tagträume, statt es mit einer konkreten Lebensbewältigung zu versuchen. Oder, der Dichter ist der eigentliche Fortschritt im Baum der Hominiden und schafft es, als Homo Ludens die Evolution neu zu entwerfen. Wozu die Spieltheorie ihm ein wissenschaftliches Lehrkonzept bietet.

Merkt Ihr wo der Haken ist?

Der Haken ist, wie immer (auch in diesem immer 😉 ) die Verallgemeinerung: Die Beschreibung kann auf zwei unterschiedliche Autoren zu treffen. Sie kann aber auch auf einen zutreffen, der sich von Infantilität zu kreativer Schaffenskraft entwickelt. Den Dichter/Künstler gibt es nicht.

Interessant finde ich diesen Gedanken, weil ich von jeher Schwierigkeiten mit dem „l art pour l art“ habe. Mit diesem: fehlende Lebenskompetenz durch Kunst kaschieren.
Warum sollte nur die Labilen, die Alltagsschwachen und die Freigeister im Elfenbeinturm, fähig sein Kunst zu schaffen?
Muss man sich ein Ohr abschneiden? Ist damit irgendetwas bewiesen?
Wäre einem solchen Menschen nicht seelische Gesundheit zu wünschen, auch, wenn seine Werke nicht entstehen?

Den Gedanken, dass wir das Spiel suchen, wenn wir Gedichte und Geschichten erfinden, finde ich wunderschön und treffend.
Spiel im Sinn von Entdecken und nicht im Sinn von Flucht!

22 Kommentare zu “Die psychoanalytische Sicht

  1. Es gibt aber Studien, die nachweisen, dass Kreativät und psychische Krankheiten vermehrt gemeinsam auftreten. Ich glaube eher, dass man durch eine besondere Wahrnehmung Dinge anders erlebt und sie dann verarbeiten muss/kann. Das muss aber nicht zwangsläufig so sein!

    • Dem ist sogar ganz bestimmt so, wie Alice Miller in ihrem Buch „Der gemiedene Schlüssel“ an den Beispielen Picasso, Nietzsche, Kollwitz und Keaton belegt.
      Letztlich habe ich ihr den Gedanken zu verdanken, dass im Bild der Öffentlichkeit das Werk größer gesehen wird, als der bei seiner Schaffung zu Grund gegangene Mensch. Das Werk ist aber nie die Seele eines Menschen Wert.
      In den meisten Fällen führt die Verarbeitung durch die Kunst nicht zur Genesung, sondern zum Zusammenbruch, wie Kurt Cobain oder Amy Winehouse u.a. belegen.

      • Ja, es ist häufig eine Gradwanderung. Im idealsten Fall müsste man es kombinieren können, wie eine Sicherheitsleine für jemanden, der über eine Schlucht geht!

  2. Peter, ich muss mal etwas anderes fragen. Ist die Schrift in Deinen Beiträgen so schwach eingestellt oder liegt das an meinem PC? (Wobei ich auf anderen Blogs die Schrift ganz normal und gut erkennen kann.)

    Ohne ein wenig „Verrücktsein“, „Entrücktsein“ kann ein guter Künstler nicht zu einem solchen werden. („Wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zugrunde gehen“ – Nietzsche)
    Ein kreativer Kopf ist nicht einer, der sich ganz und gar dem Alltag hingibt, in diesem zufrieden ist oder in einer kruden Realität zurecht kommt. Sicher können wir nicht davon ausgehen, dass wir alle bisschen „bluna“ sind – außerdem, wer legt das fest? Wer legt fest, was normal und was nicht normal ist? Wann genau ist man infantil – wer bestimmt das, die Psychoanalytiker? Ich halte nichts vom Denken in Kategorien.

    Ich gebe allerdings Ann Recht, Künstler verarbeiten ihre Beobachtungen und gerade viele Künstler sind HSP – diese Wahrnehmungen und ungefilterten Eindrücke müssen exponiert werden. Wenn wir das nicht tun würden, dann würden wir wahrscheinlich VERRÜCKT werden … ;-).

    Liebe Sonntagabendgrüße
    Sylvia

    • Hallo Sylvia, die Schrift heißt „Abril Text“ und ist ein Premium Font von Adobe. Habe noch keine Klagen gehört. Es wäre aber nicht schwierig sie umzustellen.

      Norm und Normal sehe ich nicht als Thema, sondern warum seelisch krank kreativ machen soll.
      Nietzsche ist ein tragisches Beispiel, dass ihn die Kunst gerade nicht vor der geistigen Umnachtung seiner letzten zehn Lebensjahr geschützt hat.
      Ist der „Bluna-Modus“ etwas was Künstler exklusiv haben? Dürfen das Handwerker nicht? Oder Erzieherinnen oder alle anderen die in ihren „normalen“ Berufen kreativ sein wollen?
      Warum sollte ein kreativer Kopf an der kruden Realität scheitern? Fontane, Goethe, Mann wären Beispiel.
      Warum sollten HSP exponiert sein? Warum sollten sie nicht stabiler werden?
      Ich glaube es gibt viele Fragen über die es zu diskutieren lohnt 😉

      Auch Dir einen schönen Abend
      Peter

      • Nun ja,über die geistige Umnachtung Nietzsches gibt es ja keine klaren Aussagen (Quelle Wikipedia):

        „Als Ursache für den Zusammenbruch wurde progressive Paralyse als Folge von Syphilis vermutet. Diese Diagnose und die Ursache für Nietzsches Krankheitsbild überhaupt bleiben allerdings zweifelhaft und sind bis heute umstritten.“
        Natürlich dürfen ALLE Menschen den „Bluna-Modus“ haben – bekannt ist ja allerdings (ich nenne es auch „Denken in Schubladen“), dass besonders Künstler etwas sonderlich sind.

        Goethe zum Beispiel hat sich nicht zu gern in Realitäten begeben, die nicht „in seine Welt“ passten – ein Beispiel: Das Leiden und Sterben seiner Frau. Goethe saß nebenan, hielt sich die Ohren zu und begab sich hinaus, um sich in seine eigene Welt zu gleiten.Er erschien nicht einmal auf ihrer Beerdigung.

        Aber wie gesagt, man könnten stundenlang über diese Thematik sprechen oder schreiben.

        Liebe Grüße
        Sylvia

      • Ja, Wikipedia ist tatsächlich keine valide Quelle.
        Aber die Arbeiten von Alice Miller an unterschiedlichen Stellen und die Biografien von RoRoRo, von Althaus und Ross zusammen mit den biografischen Romanen von Thomas Mann und Yalom zeigen in der Breite eine seelische und eine patho-physiologische Komponente, die ein lebenslanges seelisches Leiden dem fachliche Hilfe fehlte, beschreiben. Nietzsche selbst zeigt seine Zweifel an den Dichtern sehr schön in seinem „Zarathustra“ im Kapitel „Von den Dichtern“.

        Bei Goethe bin ich nicht sicher, ob man das klar sagen kann.
        Es gibt Beschreibungen Goethes im Gebeinehaus, als er Schillers sterbliche Überreste besucht, sehr einfühlsame Tagebucheinträge zum Tod seiner Schwester und in dem wundervollen Buch „Abschied und Übergang“ sehr nachdenkliches über sein Verhältnis zu Leben und Tod.

        Dies nur zur Ergänzung, da mich lange Autofahrten viele Hörbücher hören lassen … 😉

  3. Ich bin ganz ehrlich, auch ich mag mehr das Bild des Künstlers, der unbalanciert und innerlich zu groß oder zu voll ist, um sich selbst tragen zu können und deshalb Kunst schaffen muss, weil er nicht anders kann. Weil er sonst durchdreht. Auch der Gedanke, machtlos gegen die Kraft der Muse zu sein reizt mich am Image des Künstlers. Ich weiß nicht, ob in sich ruhende Kunst mich interessieren würde.

    • Danke liebe Sherry für Deine Offenheit.
      Die Lebendigkeit der Seele, ein breites Spektrum an Gefühlen empfinde ich ebenfalls, als Basis für kreative Menschen und ihre Werke. Wie schreibt Goethe „Wer nicht mehr liebt und nicht mehr irrt, der lasse sich begraben.“
      Aber, wenn sich diese Empfindsamkeit gegen das Individuum wendet, wenn es schutzlos wird, wenn es an seinen Stimmungen zu Grund geht, glaube ich, verdient es Hilfe.
      Sehr schön in Hesses „Unterm Rad“ thematisiert.
      Ich empfinde es als bedenklich, dass es eine breite kulturelle Akzeptanz für seelische Krankheit bei Künstlern gibt. Schriftsteller sind da ja eher behütet, aber die Musik und das Schauspiel sind überfüllt mit Beispielen.
      Also empfindsam, feinfühlig, impulsiv gehören gewiss dazu. Jeder der seine seelische Not durch Kunst veräußern und erleichtern kann macht nichts falsch. Nur mit dem Idealisieren von seelischer Not/Krankheit, als Basis der Kreativität tue ich mir schwer.

      • Jetzt verstehe ich, worauf du hinauswillst. Du sprichst von Idealisieren der Krankheit. Natürlich hat ein solcher Mensch Hilfe verdient, wenn sie es will. Die Kunst erleichtert ihn ja nur kurzfristig. Ich kenne aber sehr viele Menschen, die sagen „Ohne meine Krankheit kann ich nicht erschaffen, was ich erschaffe.“ Der Zusammenhang zwischen Genialität und „Psychose“ scheint ja im Moment auch gefunden worden zu sein. Ich glaube tatsächlich, dass es viele wundervolle Kunstwerke ohne diese intensiven Menschen nicht geben würde. Das ist einfach ein Umstand, keine Idealisierung. Ob ihnen diese Kunst es wert ist, dass sie ständig Achterbahn fahren? Das müssen sie entscheiden (ab einem gewissen Grad sollte man da natürlich auch von Außen eingreifen, aber da stellen sich wieder 1000 Fragen, ab wann und weshalb und wieso). Ich bin der Überzeugung, für Kunst, die berührt, mitreißt, entführt muss der Künstler einen Leidensweg gegangen sein. Das ist übrigens auch bei meinen Lieblingsschriftstellern so. 😦

        Trotzdem, ich verstehe dich nun besser, und ich kann dir dabei auch zustimmen, dass das bedenklich ist.

      • Schön 🙂

        Und Lebendigkeit samt Krisen ist immer voraus gesetzt.

        Und von wem habe ich wohl ein Zitat 😉

        „Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.“
        F. Nietzsche

  4. ein hochspannendes thema.
    ich denke ja, dass kunst schon irgendwie aus einem bedürfnis heraus entsteht. der schaffende muss einen starken anreiz, einen guten grund, ein tiefes bedürfnis haben, sich künstlerisch auszudrücken. woher auch immer der kommt – ich denke, das sind dann ganz unterschiedliche quellen.
    kunst kommt jedenfalls oftmals von bunten, vielschichtigen, irgendwie überbordenden persönlichkeiten, meine ich.
    soweit ein paar gedanken hierzu, hier könnte man ja tatsächlich noch weit ausholen. 🙂
    liebe herbstsonnengrüße!

    • Eben eine volle Seele ist ja nichts krankhaftes, sondern Lebendigkeit. Aber die leere und verzweifelte Seele die sollte genesen dürfen statt schaffen zu müssen. Und, wenn sie durch Kreativität zur Genesung findet auch gut.
      Abendliche Ofenwärmegrüße 🙂

      • jaaa, natürlich, da stimme ich dir vollkommen zu.
        kunst, sei sie noch so toll, genial, rechtfertigt natürlich nicht eine seelische krankheit ihres erschaffers. das ist eine echte gratwanderung.
        eine volle seele, ja. und manchmal eben übervoll.
        bald-nachtgrüße dir 🙂

      • Wer hat es wieder am treffendsten gesagt?

        „In mir ist jeden Tag ein Feuerwerk!“
        J. W. v. Goethe

        Einen lächelnden Abendgruß 🙂

  5. Ja, ich denk auch, es gibt entweder den infantilen Begabten, der aus lauter Lebenslust sich verausgabt. Oder den Künstler, der sich irgendwie ausdrücken will, also mehr oder weniger genial, um sich selbst zu produzieren. Und das ist nicht immer schön. hm

  6. Vielleicht wird diese Sicht auch gern vom Leser gelebt, einen nahe am Abgrund stehenden Künstler, der sein Werk in leichter Umnachtung schreibt! Weil es ihn im Grunde vom Talent mit Leichtigkeit trennt, er kann es ohne Selbstzweifel ihm zugestehen, weil er selbst nie in der Lage wäre, etwas Vergleichbares zu kreieren!

    Meine Lieblingsschriftsteller sind Stefan Zweig (litt unter Depressionen) oder Max Frisch (wohl ohne schwere Phasen?).

    • Das Bedenkliche ist für mich nicht so sehr, dass Menschen aus Krisen Kreativität schöpfen und dadurch bedeutende Werke schaffen, sondern, dass mancher meint sein Leben in eine Krise verwandeln zu müssen, um kreativ zu werden.

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